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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-03-05 · 10 (5.3.1897) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
10 (5.3.1897)
Date
1897-03-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 10 Vr Vloch's WochrnfchrM Sette 301 Herr Redacteur! Jedermann, der auch nur einen oberflächlichen Einblick in die bittere Noth und das dumpfe Elend unserer „unteren Classen" hat, wird von der vollen Berechtigung der von Frau Rosa Feigenbaum tu der letzten Nummer dieses Blattes aufgeworfenen Frage überzeugt sein, und es kann dem Mädchen- Comitö des Vereines „Ferienheim" nur ein Ansporn zu weiterem Eifer fein, wenn ihm sofort bei seinem Hervortreten in die Oeffentlichkeit klipp und klar der ehrenvolle Auftrag wird, einen Theil der socialen Frage zu lösen. Der Arbeiterin von heute zu helfen, ist Pflicht; aber jüdischen und obendrein noch kranken Arbeiterinnen beizustehen, ist für die glücklicheren Mitschwestern geradezu Gebot. Darum stimmen Alle, die sich ein warmes Herz für das Leid des Nächsten bewahrt haben, mit Frau Feigenbaum in den Ruf ein: „Hilfe jenen Unglücklichen, denen der schwere Kampf um's Dasein, das standhafte, doch verzweifelte Ringen ums tägliche trockene Brot dadurch noch bitterer und schwerer gemacht wird, daß sie einer unterdrückten mißhandelten Religion angehören." Gewiß, der Arbeiterin und speciell der jüdischen Arbeiterin, für die es ein doppelter Segen sein muß, wenn sie überhaupt Beschäftigung erhält, m u ß geholfen werden! Der gellende Hilfeschrei, der heute schauerlich die ganze Welt erfüllt, er kommt aus den Kehlen Einzelner, und Einzelnen k a n n geholfen werden, m u ß geholfen werden! Und Frau Feigenbaum rechnet ganz richtig mit der Begeisterungsfähigkeit und dem warmen Impuls jener Jugend, die an fremdem Elend nicht blind und theilnahmslos vorübergeht. Sie wendet sich an das Mädcheu-Comitö des „Ferienheim", an eine Bereinigung junger energischer Mädchen, die ihre frische Kraft verständiger Führung, ihr jugendliches Wollen erfahrener Leitung freiwillig untergeordnet haben. Dieser Bund geht von dem Principe aus, daß man zu einem großen Ziel nur dann gelangen kann, wenn man kleinere, näherliegende Aufgaben gewissenhaft erfüllt hat. Das Mädchen- Comitk hat ein großes Ziel, es ist wahr, es weicht aber von dem durch den Mutterverein vorgezeichneten Weg nicht ab, denn eilt Werk, nicht ein Stückwerk will es schaffen. „Hilfe den Kindern" heißt unsere Devise, und krüppelhaften Kindern ein menschenwürdiges Dasein zu bereiten, ist unser hohes Ideal. Frau F e i g e n b a u m macht irr ihrem Artikel die Andeutung, daß es gebotener sei, der unglücklichen Arbeiterin zu helfen, als dem unglücklichen Kinde, „das sich in das Reich eines Märchenzaubers retten kann!" Aber aus diesem Kinde wird ja der Arbeiter, und früh genug schwindet der gleißende Märchenzauber, der wohl eine jugendliche Phantasie, nicht aber einen rebellischen Magen nähren kann. Uebrigens ist die Frage, wem Hilfe mehr noth thut, der Arbeiterin oder dem Kinde, zu traurig, um näher erörtert zu werden, und es würde an Frivolität grenzen, Parallelen zu ziehen. Noch etwas scheint uns in dem Artikel der Frau Feigenbaum Utopie. Es ist dies die Idee, Kinder und Arbeiterinnen zur Ferienzeit in einem Hause zu beherbergen. Diese Elemente lassen sich schwer vereinigen, und wenn das „Ferienheim" zur Schulzeit seine Pforten den erholungsbedürftigen Arbeiterinnen auch öffnet, so ist damit wenig geschehen, denn da ist wohl für die Arbeitskraft der Handwerkerin Saison, nicht aber fiir ihre Gesundheit. Dies ist der Standpunkt des Mädchen-Comites, und wenn wir uns der edlen, warmfühlenden Frau nicht zur Verfügung stellen, so geschieht dies nur, weil wir selbst es klar und bestimmt fühlen, daß die Zersplitterung der Ziele unwiederbringlich auch eine Zersplitterung der Kräfte nach sich ziehen würde, und wir wiederholen im Geiste die Worte des Dichters, der uns sagt: „Die ganze Menschheit willst Du beglücken? Wozu das Ziel so ferne rücken? Ein herrlich Werk ist schon vollbracht, Hast Du nur Einen glücklich gemacht." Jda F r e y b e r g, Präsidentin des Mädchen-Comitäs „Ferienheim" I., Schottenring 31. Caroline Schneider, Harry Stern, Vice-Präsidentin, Vice-Präsidentin, IX., Berggasse 17. I., Gonzagagasse 11. Ella Grünfeld, Elsa Schiffler, Schriftführerin, Caffierin, I., Schottenring 2. EX., Hörlgasse 10. Das Wiener Nabbinal — ein Conststorium. Wie schmerzlich wir auch die hoffentlich vorübergehenden Erscheinungen der Gegenwart empfinden mögen, werden wir doch mit einiger Befriedigung auf den Weg zurückblicken, den das Judeuthum in socialer und politischer Richtung im Laufe des eben zu Ende eilenden Jahrhunderts zurückgelegt. Vom Gesichtspunkte des religiösen Lebens betrachtet, scheint es uns jedoch, als stünden wir an dem Bette eines dem Untergange unrettbar geweihten theuren Kranken. Vom Beginn dieses Jahrhunderts bis zum heutigen Tage ununterbrochen Anzeichen fortschreitender Zersetzung und Auflösung. Wenn auch schon seit Moses Mendelssohn in der Judenheit das Verlangen in die Gesellschaft und ihre Culturbestrebungen einzutreten, immer weitere Kreise zog, so blieb doch das religiöse Leben ein kräftig pulsirendes Einheitliches und Einträchtiges. Allmälig änderte sich jedoch dieses Bild. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts zeigt sich das Judenthum in zwei feindliche Lager gespalten. Auf der einen Seite die Partei zeitgemäßer, hie und da der Zeit vorauseilender Reformen — auf der anderen Seite die von nur talmudisch geschulten, weltfremden Rabbinern geleitete Partei der sogenannten Orthodoxen. Diese damals große und mächtige Partei versäumte es nicht blos, die religiösen Gebräuche mit den unabweislichen Anforderungen der Zeit in Einklang zu bringen, sie vertheidigte mit einem Eifer, welchen nur der starke Glaube einzuflößen vermag, auch die unbedeutendste, durch das Alter scheinbar geheiligte Form, selbst wenn im Laufe der Jahrhunderte ihr Inhalt sich längst verflüchtigt hatte. Sie glaubte der Zeit, wie Josua zu Gibeon der Sonne, Stillstand zurufen zu können, und merkte nicht, wie die Zeit über sie und leider noch oiel Größeres, die Zusammengehörigkeit, hinwegschritt. Der Kampf zwischen Orthodoxen und Reformern, so erbittert und feindselig er auch geführt wurde, war doch noch ein Zeichen religiösen Fühlens. Heute finden wir die Orthodoxie, wenn auch an Macht und Zahl zusammengeschrumpft, noch immer in der alten Kampfstellung verharrend, es ist aber Niemand mehr da, um den Kampf aufzunehmen. Ihr gegenüber steht heute blos der sich täglich vergrößernde Haufe der gleichgültigen Zuschauer. Nur wenn wir unsere ganze Sehkraft anstrengen, bemerken wir eine geringe Anzahl Personen emsig und ängstlich bestrebt, beide Lager wieder zusammen zu führen, indem sie die religiösen Gebräuche mit den Geboten der Zeit zu versöhnen suchen. Der gesunkene Muth steigt jedoch wieder, Hoffnung auf Besserung belebt uns, wenn wir die Geschichte unseres Volkes nachschlagen. Wir finden das Judenthum, wiewohl seine Bekenner in Atome zerstäubt schienen, von dem Zeitpunkte an, wo Rabbenu Tarn und seine Nachfolger in mehreren Synoden die jüdischen Religionsvorschriften und bürgerlichen Gesetze feststellten, durch mehr als fünf Jahrhunderte in seinem Denken und Fühlen, in seinen Gesetzen, Geboten und Gebräuchen vollkommen einig. Gleich dem Urfelsen in der Brandung stand das Judenthum inmitten der Gräuel der Kreuzzüge, Reformation und Gegenreformation unerschütterlich da, dem Wasser und dem Feuer Trotz bietend, selbst unseren Feinden Neid und Bewunderung abnöthigend. Wie ganz anders stünde es heute um das Judenthum, wenn auch vor etwa 50 Jahren die Rabbiner aller religiösen Schattirungen zusammengetreten wären, mit dem ehrlichen Bestreben, das Judenthum den Bedürfnissen unseres Jahrhunderts anzupassen. Heute liegen die Verhältnisse dem Zusammentritte und fruchtbringenden Wirken einer jüdischen Synode vielfach ungünstiger. Seit Jahrhunderten, besonders aber zu Zeiten des Rabbenu T a m und noch vor 50 Jahren war _ das Sinnen und Trachten unserer Rabbinen weniger auf ihre seelsorgerischen Obliegenheiten, als auf eine möglichst bedeutende Lehrthätigkeit gerichtet. Die Gemeinden kannten keinen höheren Ehrgeiz, als einen durch seine Lehrthätigkeit berühmten und zugleich ob seiner Frömmigkeit verehrten Meister an der Spitze der Gemeinde zu sehen. Willig, ja fteudig brachte die Gemeinde und jedes einzelne Mitglied dem Lehrhause und seinen Jüngern die schwersten Opfer. So zogen die Jünger der rabbinischen Wissenschaft, da sie überall vor Noth geschützt waren und nirgends im Ueberfluffe schwelgten, dorthin, wo der größte Schatz an Wissen und die beste)kreligiöse Erziehung zu erlangen war. Die Jünger blieben

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