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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-03-05 · 10 (5.3.1897) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
10 (5.3.1897)
Date
1897-03-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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«Seite 200 Vr. Vloch's Wochenschrift. Nr 10 — sei es, daß ihn plötzliches Mitleid erfaßt, daß er den Gefühlen des Dankes oder der Versöhnung, der Freude und des Schmerzes durch Acte der Wohlthätigkeit Ausdruck geben will, eine zielbewußte planmäßige Wohlthätigkeitsausübung besteht nicht. Und doch kann nur eine von bestimmten Absichten geleitete, bestimmte Ziele anstrebende Wohlthätigkeit als die richtige anerkannt werden. Der Freiheit des Einzelnen, dem Herzensdrang des Individuums, ja selbst den blos momentanen Impulsen soll keine Schranke gesetzt werden, aber die vielen kleinen Bäche, die nebeneinander laufen, da in Sand versickern, dort auf unfruchtbarem Gestein hinströmen, von unersättlichem Boden aufgesogen werden oder in glühendem Sonnenbrand verdunsten, sollen in ein großes gemeinsames Bett geleitet werden, von welchem aus sie mit richttgem Ausmaße und mit zweckmäßiger Vertheilung zur fruchtbaren Verwendung gelangen, sei es, daß sie für dauernd Erwerbsunfähige die Versorgung erleichtern — sie verschaffen sollen sie nicht, das ist Pflicht der Orts- oder Heimatsgemeinde — sei es, daß sie in Fällen augenblicklicher Noth soforttge ausgiebige Hilfe gewähren, sei es, daß sie, und das ist die Hauptsache, Schwache derart stützen, daß aus zeitweilig Erwerblosen dauernd Erwerbende werden. Diese Grundsätze sind es, die einer wohlgeordneten Armenpflege als Basis dienen müssen, und diese Grundsätze sind so lange unausführbar als die Armenpflege zersplittert ist und als die enormen Beiträge, die namentlich unsere Glaubensgenossen auf dem Attar der Nächstenliebe freudig opfern, nicht zusammengesaßt und nicht planmäßig verwendet werden. Nichts schädigt die wahre Wohlthätigkeit so sehr, als wenn sie deshalb erfolglos bleibt, weil ihre Opfer vergeblich sind, und sie sind vergeblich, wenn der Zweck nicht erreicht wird. Die Verlangenden werden nicht weniger, aber die Zahl der Geber und die Größe der Gaben nimmt ab. Noch mehr aber wird die Wohlthätigkeit dadurch geschädigt, daß sie von Unwürdigen als Ausbeutungsobject benützt wird. Der Professionsbettler nimmt den wahrhaft Bedürfttgen das Brod vom Munde weg und er verursacht bei vielen Wohlthätern jene Verstimmung, die sich in der Beschränkung der Spenden kund gibt. Indem die bisherige Systemlosigkeit in der Wohlthättgkeit dem Professionsbettler seine Schmarotzerexistenz erleichtert, verleitet sie förmlich zu dieser schamlosen Ausnützung des Wohlthätigkeitssinnes, und so wirtt sie nach beiden Seiten hin demoralisirend. Dieser Systemlosigkeit also soll in erster Linie ein Ende gesetzt werden, und das kann innerhalb der israelitischen Cultusgemeinde geschehen, ohne daß hiedurch irgendwie ein Präjudiz gegen die Reform der städtischen Armenpflege herbeigeführt würde, die, wie verlautet, jetzt nun endlich doch aus dem Stadium der Projecte in das der Wirklichkeit gebracht werden soll. Es kann auch eine systematische Organisation in Scene gesetzt werden, ohne daß man dem Selbstbestimmungsrecht und dem Berfügungsrecht der Vereine oder einzelner Wohlthäter eine Beschränkung auferlege. Es würde genügen, wenn Alle, denen an einer zweckmäßigen Reform der Armenpflege und an der Unterstützung der wahrhaft Bedürftigen gelegen ist, sich vereinigen würden zu einer gegenseitigen, mit aller Schonung zu behandelnden Bekanntgabe der Bewerber und zu einer ebenso discreten gegenseitigen Mittheilung der Unterstützungen. Eine solche Organisatton ist nicht schwer durchftihrbar, und sie zu veranlassen wäre eben die Aufgabe der Cultusgemeinde. Gelingt es, diese Organisation zu schaffen, so wird sich die Reform in der Anwendung der Mittel zur Beftiedigung der Bedürfnisse, insbesonders die Beschaffung von Arbeit von selbst ergeben. Wenn nur zuvor der erste Schritt geschehen wäre! Johann Lichten st ad t. Ern Ferienheim für Arbeiterinnen. In der vorigen Nummer brachte die „Oesterreichische Wochenschrift" einen Aufruf an das Mädchen-Comite des „Ferienheim", in welchem Frau Rosa F e i g e n b a u m die Errichtung eines Fonds anregt, mit dessen Hilfe kranken jungen Arbeiterinnen zur Sommerszeit ein Landaufenthalt ermöglicht werden soll. Die Anregung der hochherzigen Dame entspringt den edelsten Motiven, und es ist unzweifelhaft, daß eine solche Gründung, wenn sie mit Ausdauer und Energie in die Hand genommen wird, im Einzelnen eine segensreiche Wirksamkeit entfalten könnte. Im Einzelnen, das ist der bittere Wermuthstropfen, der sich all' diesen Humanitären Bestrebungen edler Frauenberzen beimengt, der die Humanität unserer Gesellschaft überhaupt verbittert. Denn gegenüber dem unermeßlichen Meere unserer socialen Noch, gegenüber dem Massenelend bedeuten all' unsere privaten Wohlthätigkeitsanstalten, all' die zahlreichen, an verschiedenen Punkten und nach verschiedenen Richtungen wirkenden Vereine und Stiftungen doch nur eine Zersplitterung der Kräfte, die, zu einem einheitlichen Zwecke zusammgefaßt, noch ganz anders zu wirken vermöchten. Damit soll kein Vorwurf gegenüber den Einzelpersonen ausgesprochen sein, die, von dem Jammer der Mühseligen und Beladenen erfaßt, helfen wollen und zur Hilfe aufrufen, wo ihnen just im Augenblicke dieser Jammer sichtbar und greifbar vor Augen tritt. Auch eure einzige Thräne zu trocknen, den Hunger eines einzelnen Menschen zu stillen, ihn vor Krankheit und Siechthum zu schützen, ist ein edles Werk. Und darum begrüßen wir die Anregung der Frau Rosa Feigenbaum mit herzlicher Freude, wenn durch deren Verwirklichung auch ein tiefes sociales Uebel nicht in seinen Wurzeln, sondern nur da und dort in singulären Erscheinungen bekämpft werden kann. Das Sein der Frau haftet an dem Nächstliegenden. Da schleppt sich eine bleiche, hohlwangige Gestalt müde über die Straße. Es ist ein junges Mädchen, von dessen Antlitz Entbehrung und Ueberanstrengung den Blüthenstaub der Jugend hinweggerafft haben. Diesem armen Kinde ist zu helfen, und das warmfühlende weibliche Herz fühlt den Drang in sich, zu helfen, ohne erst die Stimme des kritischen Verstandes zu hören, der da sagt, daß diese Hilfe doch nur eine vorübergehende sein kann und daß es noch Hunderttausende armer Geschöpfe gibt, die unter den gleichen harten Lebensbedingungen dahinwelken, ohne daß ihnen geholfen werden kann. Die edle Menschenfreundin, welche der segensreichen Thätigkeit des „Ferienheim" einen neuer: Zweig aufpropfen will, möge uns verzeihen, wenn wir bei der uneingeschränktesten Anerkennung ihrer hochherzigen Absichten neben den Eingebungen echt weiblichen Mitgefühles auch die Erwägungen des weiterblickenden männlichen Verstandes stellen. Sie hat uns eine Reihe sehr lehrreicher Beispiele vorgeführt. Da ist ein junges Mädchen, das mit Mutter und Bruder täglich bis Mitternacht Jackentheile zusammennähte. Alle drei verdienen zusammen — 48 Kreuzer. In Folge der Ueberanstrengung wird das Mädchen bleichsüchtig, sie wird nach Franzensbad geschickt, erholt sich daselbst und kehrt nach drei oder vier Wochen zu ihrer mörderischen Arbeit zurück, die sie doch in kurzer Zeit aufreiben wird. Ein anderes Beispiel: Ein gesundes, starkes Mädchen beginnt mit 17 Jahren die Nähmaschine zu treten. Sie wird bleichsüchtig, wird nach Franzensbad geschickt, aber die Cur hilft nicht mehr, denn sie ist auch herzkrank geworden. Den Tod tut Herzen, kehrt sie zur Maschine zurück und muß treten, treten, bis sie in's Grab sinkt. Was ist solche Hilfe werth? Wie der Blinde, der einen Augenblick sehend geworden und dann die ewige Nacht nur umso schrecklicher empfindet, so hat man diesen bejammernswerthen Geschöpfen einen Moment hiedurch ein sonniges Dasein gezeigt und sie dann wieder hinabsinken lassen ins finstere Elend, von dem sie nur der Tod erlösen kann. Man hat ihre Leiden nicht behoben, sondern nur verlängert. Die wahre, die einzige Hilfe liegt darin, nicht erst die ausgebrochene Krankheit zu bekämpfen, sondern ihrem Ausbruche vorzubeugen. Das aber geht über die Kräfte eines einzelnen Menschen und eines einzelnen Vereines. Das könnte nur erreicht werden durch eine große, umfassende Organisation aller privaten Wohlthätigkeitsbestrebungen, durch die Vereinigung der staatlichen und gesellschaftlichen Fürsorge. In den industriellen Betrieben, in den Fabriken und Werkstätten ist man bereits zu einer Beschränkung der Frauen- und Kinderarbeit gelangt. Aber wer setzt der häuslichen Ueberanstrengung dieser schwachen Geschöpfe einem Damm, und wer entschädigt sie für den Verdienst, der ihnen durch eine solche Einschränkung entginge und der ja kaum hinreicht, sie vor dem Verhungern zu schützen? Jahrzehnte und vielleicht Jahrhunderte werden vergehen, ehe die sociale Organisation soweit fortgeschritten sein wird, würdig einer menschlichen Gesellschaft. Aber Bestrebungen, wie sie hier von edlen Frauen angeregt wurden, sind wohl geeignet, die Erkenntnis von der Nothwendigkeit einer solchen Organisation zu fördern. Die Krankheit erkennen, ist zwar noch nicht gleichbedeutend mit ihrer Heilung, aber doch der erste Schritt dazu. Und wer unserem jungen Geschlechte die Augen öffnet über all' den furchtbaren Jammer, der uns umgibt, der erwirbt sich damit schon ein außerordentliches Verdienst. Darin liegt der Werth der von Frau Feigenbaum gegebenen Anregung, die wir hiemit unseren jüdischen Frauen und Mädchen aufs Wärmste empfehlen. Leider scheint das „Mädchen-Comite des Ferienheim" kaum geneigt, der Humanitären Idee der Frau Feigenbaum sich zu widmen, denn wir erhalten von demselben nachstehendes „Eingesendet:

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