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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-03-05 · 10 (5.3.1897) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
10 (5.3.1897)
Date
1897-03-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 Vr. Vlvch's Wochenschrift Seite 199 kratischen und dem christlich-social-antisemitlschen Bewerber wird gekämpft werden, sondern als Dritter tritt ein bürgerlich-fortschrittlicher Candidat auf den Plan. Ueber die Natur dieser liberalen Candidaten in der 5. Curie kann kein Zweifel sein. Auch wer mit Blindheit geschlagen ist, muß sich sagen, daß es durchwegs Zählen ndidaten sind. Auch die jüdischen Stimmen, wenn sie sich auf die Liberalen vereinigen würden, könnten denselben nicht zum Siege verhelfen; sie würden höchstens den beschämenden Eindruck vermindern, den die Wahl der liberal gesinnten Christen Hervorrufen wird und Hervorrufen muß. Wenn derart die Frage: „wen sollen wir Juden wählen", gewisse Schwierigkeiten nach sich zieht, so werden wir gut thuu, den Spieß umzudrehen und zu fragen, wen sollen wir Inden nicht wählen. Und darauf ist die Antwort nicht schwer. Es ist auch dann leicht genug, wenn wir die Frage anders formuliren, wenn wir sagen, wessen Wohl zu verhindern, Ehrensache eines jeden einzelnen B:- kenners des jüdischen Glaubens ist. Das verlotterte Wiener Kleinbürgerthum, welches die gesinnnngsschwachen Liberalen, die in ihrer Zweideutigkeit und Farblosigkeit im Mamelukenthum der Coalition untergegangen sind, so schnell und mit so überraschenden Erfolgen im Rahmen des bisherigen privilegirten Wahlrechtes niedergerungen haben, nimmt nunmehr in der neu geschaffenen Wählercurie den Kamps gegen einen anderen, augenscheinlich weit gefährlicheren Gegner auf — die Socialdemokraten, die organisirte Arbeiterschaft. Daß die Juden als solche mit den wirthschaftlicheu Grundsätzen der Socialdemvkratie nickt übereinstimmen, braucht nicht erst gesagt zu werden. Ebensowenig thut unseres Erachtens die ausdrückliche Betonung noth, d«ß die Juden es bisher vermieden haben und es auch weiterhin vermeiden werden, sich auf die politischen Schlagworte der Partei bedingungslos einschwören zu lasse». Aber darum wird es sich am Wahltag nicht handeln. Am 9. März wird die Frage erstehen, ob die Lueger-Trabanten, die Gregorig-Horde, die Schneider-Bande aus der Urne gewählt hervorgehen sollen oder ob mau nicht, wir sagen es frei heraus, das kleinere Nebel vorziehen solle. Männer in den Reichsrath zu entsenden, die bei aller Verschrobenheit ihres politischen und socialen Programms dennoch den Kampf gegen die Reaction, die Gleichberechtigung aller Confefsionen, die weitest gehende Toleranz auf ihre Fahne geschrieben haben. Für uns Juden steht viel zu Ernstes am Spiel, als daß wir uns am Wahltage zu einer Parademanifestation zu Gunsten der verkrachten liberalen Partei hergeben dürfen. Wenn es denkbar wäre, daß ein liberaler Candidat und ein socialdemokratischer in die Stickwahl kämen, dann werden wir uns Beide gut anfchauen, namentlich auch, ob der Liberale waschecht ist und ob wir keinen Liberalen mit Nachsicht des Liberalismus vor uns haben, und werden eventuell dem Liberalen die Stimme geben. Im ersten Wahlgang ist es für Jeden, der nicht mit Scheuklappen herumgeht, der nicht Vogel-Strauß-Politik spielt, klar, daß die Frage einfach lautet: Hie Socialdemokraten, hie Antisemiten. Die Juden werden am ersten Wahltag den Socialdemokraten wählen, nicht seiner socialdemokratischen Gesinnung, sondern seiner Reactionsfeindlichkeit wegen. Im Kampfe gegen die Reaction sind die Juden von jeher gewohnt, in erster Linie zu stehen. Der Faschingsscher; des Baron Gudenus Herr Baron G u d e n u s, der Landmarschall der Compromisse, der compromittirende Landmarschall, hat einen traurigen Fasching mitgemacht. Die Maskenredouten im „Landtags-Laferl" waren monoton und deprimirend genug. Und die Harlekins und sonstigen Charakter-Masken ohne Charakter, mit denen der Herr Landmarschall in Verbindung trat, mögen ihn auf die Dauer gelangweilt haben. Auch kam es nicht zum Tanz, denn Dr. Lueger ist regiernngszahm geworden. Weder dem Grafen Kielm ansegg noch dem Baron G u d e n u s rust er sein „Will der Herr Graf, ein Tänzlein wagen" entgegen. s Nun ist der Fasching zu Ende und der Landtag. Ta hat « unser lieber Baron Gudenus — wir sagen das und Herr Baron G u d e n u s darf sich unser Epitheton „unser lieber" ruhig gefallen lassen, denn im Gegensätze zu anderen ähnlichen Epitheta wird dieses Epiiheton nicht dementirt werden — über einen kleinen Faschingspaß nachgedacht. Und er hat denselben bereits gefunden. Am Faschingmontag war es. Wenn ein so hochstehender Herr wie der Baron Gudenus sich ein Carnevalvergnügen machen will, dann stehen ihm ganz besondere Mittel zur Verfügung-, und es wird Niemanden überraschen, wenn der Zweck auch in diesem Falle die Mittel geheiligt hat, wenn dem Baron GudenuS zuliebe die „Wiener Zeitung" das Wiener Amtsblatt zu einer Jux-Zeitung umgestaltet hat. Eine Jlix-Zeitung, wenn sie mittelmäßige Humoristen herausgeben — und gegenüber den sonstigen erprobten antisemitischen Spaßmachern ist der Anfänger Baron Gudenus diesen doch nicht zuzuzählen — Pflegt gewöhnlich luftige oder luitig-sein-sollende Inserate zu enthalten. Diese Spaßinserate, in denen „ein Junggeselle eine Amme sucht" oder „ein cutlaufeuer Hund" sich nach ehrbarer Annäherung sehnt, sind sogar beliebt. Ein Jux-Jnserat, ebenso ernst zu nehmen, ist erschienen am Fasching-Montag in der „Wiener Zeitung". Der Landesausschuß hat eine Seeretärstelle zu besetzen. Der Landesausschuß schreibt dieselbe in der „Wiener-Zeitung" aus. Ganz regelrecht. Aber das Spaßige kommt noch. Den Offerten sind Docnmente beizulegen,und da spaßt der witzige Gudenus. Der Taufschein ist beizulegen. Der Taufschein pure et simple. Daß es auch Geburtsscheine gibt, daß nicht alle Staatsbürger, denen bekanntlich staatsgruiidgesetzl ch der Zutritt zu allen Staatsämtern offen sicht, getauft sein müssen und auch thatsächlich nicht alle getauft sind, hat Baron Gudenus in seiner Faschingslanne vergessen. Das war der Faschingsscherz des Landmarschallek von Niederösterreich. Marschallek wird nämlich in den östlichen Provinzen ein besonders begabter Spaßmacher, ein besonders talentirter Humorist genannt, der sich bei festlichen Anlässen, so znm Beispiel bei Hochzeiten, producirt. Bei der wilden Ehe, welche die Regierung mit den Wiener- Antisemiten geschlossen hat, hat Baron Gudenus seine besondere Eignung für dieses Amt erwiesen. Und nun stellt es sich heraus, daß diese Begabung ihm immanent ist. Und es ist nur bedenklich, daß er den Witz auch nicht in Zeitpunkten zurückhalten kaiiu, wo es keineswegs ausgemacht erscheint, ob derselbe seinen hohen Auftraggebern besonders angenehm ist. _ Die Reform der Armenpflege. Unter den Aufgaben, welche der Erledigung durch den neuen Cultusvorstand harren, möchten wir der Reform der Armenpflege vor allen anderen das Wort redeit. Nicht als ob wir etwa eine einseitige Reform auf confessivneller Grundlage befürworten wollten, oder gar eine Loslösung der Armenpflege der israelitischen Gemeinde von der der politischen Gemeinde Wien. Nichts welliger als das. Die Armenpflege ist eine Pflicht der Heimatsgemeinde und der politischen Gemeinde und als solche muß sie aufrecht erhalten werden. Daran darf mau unter gar keinen Umständen rütteln. Mag die politische Gemeinde dieser ihrer Pflicht auch nicht in vollem Umfange und in richtiger Weise gerecht werden, das Princip muß festgehalten werden, der Zusammenhang muß bestehen bleiben, das confessionelle Element darf von uns wenigstens in die Armenpflege nicht getragen werden. Wenn wir also an dieser Stelle von einer Reform der Armenpflege sprechen, so famt unsere Auseinandersetzung sich mir auf jene Tätigkeit auf dem Gebiete des Wohlthuus beziehen, welche innerhalb des Wirkungskreises der israelitischen Cnltusgemeinde und innerhalb des Wirkungskreises Mer israelitischen Bereine zur Ausführung gelangt, die sich mit praktischer ''Ausübung von Werken der Nächstenliebe befassen. Das Gebiet ist ein sehr großes, denn die Zahl der Vereine ist eine sehr große, der Umfang der Geschäfte des Armenamtes der israelitischen Cultusgemeinde ist ein bedeutender und der Wohlthätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen gibt sich in zahllosen Humanitären Acten kund Aber die verschiedenen Formen, in denen die Nächstenliebe — aus dein Geiste des jüdischen Gefühls-, Volks- und Religiouslebeus heraus — bethätigt wird, stehen untereinander nicht nur in keinem organischen, sondern überhaupt in kemem Zusammenhang. Jeder handelt für sich allein, Jeder folgt nur der individuellen Empfindung, von der er gerade in einem bestimmten Momente ersaßt wird

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