Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-03-05 · 10 (5.3.1897) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
10 (5.3.1897)
Date
1897-03-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021179--06515-3030800
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 198 Dr. Vloch's Wochrnsttzrift. Nr. 10 Angelegenheit, deren Behandlung ganz b es ander eWahrheitsliebe erfordert hätte, zu rechtfertige n." Was antwortete Herr Strobach? Sagte er vielleicht: „Wir sind nicht verantwortlich für die Lügen des „Deutschen Volksblatt". Wir ließen es zwar zu, daß wir als Ohrenzeugen für die Richtigkeit der Verganischen Mittheilungen angeführt wurden, aber wir erklären jetzt, daß wir mit unserem Schweigen nicht die Lüge bekräftigen wollten." Keine Idee! Herr Strobach erklärte vielmehr im Namen L u e g e r's so ziemlich das Gegentheil von alldem. Zornig polterte er, „daß die Haltung des Präsidiums eine vollständig correcte gewesen und irgend einer Rechtfertigung nicht bedürfe. Was die besondere Wahrheitsliebe betrifft, bemerke ich, daß das Präsidium es immer für feine Pflicht gehalten hat, stets strenge bei der Wahrheit zu bleiben und ich weise den versteckten Anwurf des Herrn Interpellanten als eine uitgebührliche Anmaßung zurück." Wir und Jeder, der zwischen den Zeilen zu lesen versteht, wird keinen Augenblick darüber im Zweifel sein, daß hier nicht die offene Antwort auf eine versteckte Frage, sondern umgekehrt die versteckte Antwort auf eine offene Frage gegeben wurde. Dr. Lueger und Consorten, die citirteu Kronzeugen für die durch die allerhöchste Person des Monarchen selber dementirte Mittheilung, halten gerade diese Gelegenheit für die geeignete, um auf ihre Wahrheitsliebe zu pochen, sie erklären mit hochmüthiger Entschiedenheit, daß ihre Haltung eine vollständig cor rectegewesen sei.... Die Dreistigkeit dieser Antwort steht auf der Höhe der — Vergani'schen Wahrheitsliebe, und wir wären gar nicht überrascht gewesen, wenn Herr St r ob ach schließlich zur Abwechslung Herrn Vergani als Kronzeugen für sich citirt hätte. Eine Hand wäscht die andere; Vergani hätte dem Präsidium des Wiener Gemeinderathes schon aus Revanche diesen Liebesdienst gerne erwiesen. Vielleicht hat sich sogar Vergani nach dieser Jnterpellationsbeantwortung schwere Vorwürfe darüber gemacht, daß er — zum ersten Male — sich vielleicht allzu rasch zu einem Geständnisse entschlossen habe. Mit Recht bemerkt die „Montags-Revue": „Unter den Richtern spielt, wenn es sich um die Eruirung eines Thäters handelt, eine Frage die Hauptrolle, welche lautet: Oai urodest? Wer zog den Vortheil aus der That? Wer anders in diesem Falle, als der „liebe Dr. Lueger", der es ja so sehr liebt, sich mit dem Glorienschein der Liebe des „Volkes" zu schmücken, und der dabei doch so leidenschaftlich danach brennt, auch nach Oben als ein „lieber Dr. Lueger" zu gelten? Wem anders kam die Entstellung der Kaiserworte zugute, als ihm und seiner Agitation? Dieser sollte der Anschein gegeben werden, als sei es der Monarch selbst, der hinter Dr. Lueger und seiner Umsturzpartei stehe, und Jeder komme nur einem Wunsche des allverehrten Kaisers entgegen, der seinen „lieben Dr. Lueger" gerne an der Arbeit sehe. Diese ganze Art, jeden Vorgang, jedes Wort aus hohem Munde für sich auszunutzen, ist ihm und seinen Aposteln so eigen, daß es mit einem wahren Wunder zugehen müßte, wenn er gerade diesmal die Hand nicht im Spiele gehabt hätte. Einmal war ihm ja das Wunder schon gelungen, als er die Worte des Kaisers beider Audienz mit Wegl a s s u n g dessen, was ihm unangenehm war, und mit sanfter Drehung zu seinen Gunsten in die Öffentlichkeit brachte. Daß es so und nicht anders ist, wird Herr Doctor Lueger heute nicht zu leugnen wagen, wo man es hohenorts satt hat, sich zum Werkzeug der Agitation für seine Zwecke herzugeben. Der damals officiell von Dr. Lueger mitgetheilte Wortlaut der kaiserlichen Ansprache war ebensowenig richtig, als der „liebe Dr. L u e g e r" vom Rathhausballe. Bei all' seiner Geriebenheit hat Dr. L u e g e r sich da selbst einen schlechten Dienst erwiesen. Unter Allem, was dem Monarchen Menschen und Parteien entfremdet, ist es gerade die Lüge und die Hineinziehung seiner Person in das Parteigetriebe, welche seiner strengen Wahrheitsliebe und seinem hohen Sinne am meisten widerstreben. Man erzählt von dem Monarchen eine Anekdote, die so recht die Verachtung zeigt, welche er der Lüge entgegenbringt. Bürgermeister Dr. Felde r wurde einst vom Kaiser empfangen und gab über Befragen einige Auskünfte unangenehmer Natur, die den Monarchen geradezu überraschten. Als Felder in huldvoller Weise entlassen war, sprach der Kaiser zu einem hohen Würdenträger, der eben anwesend war: „Sehen Sie, den Mann achte ich; er hat mir noch niemals eine Unwahrheit gesagt." Die Schlüsse aus diesen Worten des Monarchen auf den vorliegenden Fall zu ziehen, überlassen wir dem Scharfsinn jedes Einzelnen. Wenn die Frucht reif ist, fällt sie vom Baume, und dafür, daß die Frucht des antisemitischen Demagogenthums bald zu Boden falle, sorgen Diejenigen, die den Baum gepflanzt haben. Wir werden diese Stunde ruhig erwarten. Wenn aber der Tag, der kommen m u ß, angebrochen sein wird, dann werden wir uns die Frage wieder erlauben: „Wie geht es Ihnen, „lieber" Herr Dr. L u e g e r?" ->- * -i- Herr Strobach hat im Gemeinderath für Doctor Lueger geantwortet, der jetzt wieder blos sein „lieber" Lueger" ist. Dieses Verhältniß hat wieder Aussicht auf längere Dauer und die Nachrichten, daß Lueger demnächst schon den Platz S t r o b a ch's einnehmen würde, scheinen wieder verfrüht zu sein. Die Minister, die Seiner Majestät den Vorschlag machen wollten, den Dr. Lueger zum Bürgermeister zu ernennen, werden sich jetzt der Verantwortlichkeit für diesen Schritt bewußt sein. Sie werden nicht verkennen, daß es seine Schwierigkeiten hat, einen Mann auf den hochragenden Posten des Wiener Bürgermeisters zu stellen, an den die höchsten Persönlichkeiten des Staates nur darin beruhigt eine Ansprache richten können, wenn — ein beeideter Notar und ein Stenograph an feiner Seite stehen. ■—a— Zum 9. Mär;. In wenigen Tagen wird ganz Wien geladen sein, einer politischen Premiöre beiznwohnen, der Premiere des allgemeinen Wahlrechtes. Zum ersten Mal wird, wenn auch in beschränktem Maße, den Enterbten des Glückes die Gelegenheit gegeben, ihr Wort drrinzmeden in die Verwaltung des staatlichen Organismus. Klingt auch die Stimme des Einzelnen schwach und inhaltlos, der schallende Chor von Tausenden von Stimmen, die sich auf einen Mann ihres Vertrauens vereinigen, der muß gehört werden. Man wird nicht fehl gehen, wenn man der Ueberzeugung Ausdruck gibt, daß nunmehr, da der erste Schritt geschehen ist, auch in Oesterreick das allgemeine, gleiche und directe Wahlrecht keine Utopie mehr ist, wenn auch jeder ernste, Schlagworten feindlich gesinnte Politiker trotz der Agitation der Masse von der Ueberzeugung nicht abzubringen sein wird, daß das allgemeine Wahlrecht sein Correctiv braucht und daß dieses Correctiv die wahre Volksbildung ist. Lot rnockuo in rsbns! Lestinn lente. Diese wahren Worte werden auch, was die Entwicklung des österreichischen Wahlrechtes anbelangt, nicht außer Cours gesetzt werden dürfen. Aber wenn wir es vermeiden, den Blick in die ungewissen Weiten der Zukunft zu entsenden, wenn wir die Frage in das Auge fassen, deren Lösung in viermal 24 Stunden zu erwarten ist, daun drängt sich für die jüdischen Wähler Wiens der Zwiespalt auf, wen sollen wir wählen. Und wenn man nach der Antwort auf diese Frage sucht, daun wird ein vorschnelles Urtheil bei der Hand sein, welches dabin geht, daß ja jene Partei, deren Grundsätze Fleisch von unserem Fleisch, Blut von unserem Blut sind, jene Partei, die uns zwar zeitweilig verleugnethat, die wir Juden aber nie verleugnet haben, mit ihren Candidaten aus den Plan tritt. Die Liberalen haben in der 5. Curie Mandatsbewerber aufgestellt. Nicht allein zwischen dem socialdemv'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.