Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 9 (26.2.1897)
- Date
- 1897-02-26
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 9 Dr. Vloch s WochrnichrtN Beite 191 Breslau, 17. Februar. Vergangenen Dienstag verschied Hierselbst im Alter von 56 Jahren nach kurzem Krankenlager in der Vollkraft seines Schaffens der Kaufmann und Stadtverordnete Herr Hermann Haber. Sein Tod bedeutet besonders für den Liberalisnms in Schlesien einen harten Schlag. Den größten Theil seiner Arbeitskraft und seiner Leistungsfähigkeit hatte der Verstorbene in den Dienst der Oeffentlichkeit gestellt. Nahezu zwei Decennien gehörte er dem Stadtverordnetencollegium an, zu dessen eifrigsten und fähigsten Mitgliedern er zählte. Mit den einschlägigen Verhältnissen genau vertraut, begabt mit scharfem, praktischen Verstände, unterstützt von einer hervorragenden Rednergabe, nahm er lebhaftesten Antheil an allen wichtigeren Fragen des communalen Lebens; den wichtigsten Ausschüssen nild Deputationen gehörte er als thätiges, seiner reichen Begabung und hervorragenden Eigenschaften wegen hochgeschätztes Mitglied an. Im politischen Leben nahm er innerhalb der liberalen Partei Schlesiens eine bedeutende und führende Stellung ein. Der Wahlverei» der freisinnigen Volksparkei beklagt in ihm den Verlust eines langjährigen Vorstandsmitgliedes, eines vielerfahrenen, wissensreichen Mitstreiters und Führers, ausgezeichnet durch unerschütterliche Ueberzeugungstreue, Selbstlosigkeit, Aufopferungsfähigkeit und persönliche Liebenswürdigkeit. Außer zahlreichen Vereinen und Gesellschaften gehörte Haber auch seit 20 Jahren dem Curatorium der Fränkel'schen Stiftungen an. In dem von diesem gewidmeten Nachrufe heißt es: ,,Für ihn war es nicht Pflicht, sondern Freude, siemdes Leid selbstlos zu linder» und bescheidm jeden Dank abzulchncn und nur in der trauen Pflichtrrsüllung Anerkennnra zu suche» und zu finden" Die Bestattung des Verstorbenen fand vergangenen Freitag unter außerordentlicher Betheiligung statt. Das Stadtverordneten- Collegium war zahlreich vertreten, Rathsdiener in mittelalterlicher Tracht geleiteten den Sarg. Da der Dahingeschiedene eine Leichenrede, ebenso wie Blumenspenden sich verbat, so sprach Herr Rabbiner Dr. G u t t m a n ari der Bahre nur ein kurzes Gebet. Karlsruhe, 5. Februar. Eine sehr interessante Frau, die letzte ihres Stammes, ist hier im hohen Alter gestorben, nämlich die Baronin Jul ie v. Haber. Sie war, wie gesagt, die l-tzte dieses adeligen Namens, welche auf dem israelitischen Friedhose beerdigt wurde. Die zahlreichen Theiluehmer bei dem Leichenbegängnisse waren, mit Ausnahme des Herrn Stadtrabbiners Dr. Appel und einiger anderen Functionäre, fast alle Christen, meist Adelige. Die Verstorbene war allein dem Judenthum treu geblieben. Sie hatte testamentarisch an geordnet, daß nach ihrem Ableben 2000 Mark an jüdische Arme vertheilt werden sollen. In ihrem Hause fand mau hebräische Gebetbücher mit deutscher Ueberfetzung, die von einem öfteren Gebrauche zeigten. Sicher ist es nur ihrem Einflüsse zu verdanken, daß ihr im Tod vorangegangener Gemahl Max v. Haber und ihr einziger Sohn, der als Officier den Krieg von 1870/71 mitgemacht hatte und einige Jahre später ebenfalls gestorben ist. dem Judenthum treu geblieben sind. Der Schwiegervater der Verstorbenen, Salomon v. Haber, im Jahre 1760 in Breslau geboren, war der Sohn armer Eitern; er hatte sich durch seinen Unternehmungsgeist ein großes Vermögen erworben und ließ sich Ende des Jahrhunderts in Karlsruhe häuslich nieder. Haber's Unternehmungsgeist verdankt Baden seine bedeutendsten Fabriken. Großherzog Karl ernannte ihn zum Hofbanquier, und Grvßherzog Ludwig verlieh ihm 1829 den erbliche! Adel. Er starb im Jahre 1840. Als ein Sohn desselben, Moritz v. Haber, sich mit einem Officier, Freiherrn v. Göler, duellirte und dieser fiel, erregte dies in Karlsruhe großen Unwillen, und Haber mußte fliehen. Ein anderer Sohn, Louis v. Haber, hatte nach dem Tode seines Schwiegervaters eine Zuckerfabrik in Böhmen übernommen. Er war Begründer großer industrieller Institute in Oesterreich. In Anerkennung seiner Verdienste hat ihn der Kaiser von Oesterreich in den erblichen Freiherrnstand erhoben und zum Mitglied des Herrenhauses berufen. Berlin, 16. Februar Zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums fand gestern der dritte der Montagsvorträge statt. An Stelle des erkrankten Herrn Dr. Schreiner verlas einer seiner Schüler, Herr Dr. Walter, den angekündigten Vortrag : «Was ist uns die Wissenschaft des Judenthums?" In anschaulicher Weise wurden darin die Wandlungen und Entwicklungsphasen der Lehre des Judenthums wiedergegeben und die geistigen Führer der verschiedenen Epochen, von der spanisch-arabischen Zeit an bis auf die unmittelbare Gegenwart, in ihrem Einfluß und rhrer Bedeutung für die Ergründung und Erforschung der Wissenschaft und der Lehre des Judenthums charakterisirt. In dieser Lehre allein liege unser Heil und unser Hort, und daher muß es unsere Aufgabe bleiben, uns nicht mit dem bisher Errungenen zu bescheiden, sondern die Forschungen auf diesem Gebiete fortzusetzen. Thor», 15. Februar. Große Aufregung herrscht hier in den Kreisen Antisems. Die Stadtverordneten haben in ihrer letzten Sitzung beschlossen, die bisherige Hilfslehrerin Fräulein Caro vom 1. April als Lehrerin an der Knabenmittelschule anznstellen — ein zweifaches Verbrechen: Erstens eine Lehrerin an einer K nabe n schule, zweitens und hauptsächlich eine — Jüdin!! Es gibt keine Ausrufungszeichen, die hinreich.nd wären, um durch sie die Missethat gebührend zu „brandmarken". Und darum sollen Unterschriften gesammelt werden für einen Protest, der an den Herrn Regierungspräsidenten gerichtet werden soll, damit er das Ungeheure hindere. Wie die Protestler beschieden werden — darauf kann man billig gespannt sein. Pari?, 12. Februar. «/Fräulein D o c t o r.) In eineili der Prüfnngssäle der hiesigen Medicinschule steht ein schlankes Mädchen in Talar und Bäffchen, dem Abzeichen der Dvctvrwürde. das mit sanfter Stimme und etwas fremd klingendem Accent seine These über eine Kinderkrankheit verficht; die beifällige Aufnahme und das Zeugniß „ires satisfait“, das der Präsident, Professor Tillaux, spendet; dann die Glückwünsche, die sie entgegennimmt, welche Freunde, unter diesen Professor Michael Breal vom „College de France", Bekannte und Itudiengenosfen, männliche und weibliche, der glückstrahlenden jungen Doctvrin darbringen, Glückwünsche zu dem tapfer erstrebten Ziele und auf den Lebensweg, der sich vor ihr anfthnt! .... Das alles habe ich mit eigenen Augen geschaut und mit eigenen Ohreil gehört. Fräulein Doctor Gertrud G o r d o n «Tochter des verstorbenen David Gordon, Redactenr des „Hamagid") soll nunmehr eine weitere Reise Vorhaben, bis nach Indien, wohin die englische Regierung weibliche Aerzte zu ziehen sucht, welchen sich eine ausgedehnte und lohnende Thätigkeit unter den Frauen der vornehmen Familien darbietet. Fräulein Gordon ist die dritte oder vierte Deutsche, die hier ihr Doctor-Examen bestanden hat, seitdem weibliche Studierende in der Medicinschule Zlltritt haben. In der Einleitung zrl ihrer These dankt sie ihren französischen Lehrern, die ihr Studium gefördert und ihr zur praktischen Verwerthung ihrer Kenntnisse im Hospital Trvnssean verhvlseu haben, sowie auch zweien Professoren in Göttingen, wo sie während der Sommerferien 1893 in der chirurgischen Poliklinik Assistentendienste verrichten durfte. Constantinopel. In einem vorjähriger! Berichte wurde die Mittheilung von der Auszeichnung eines hiesigen Glaubensgenossen durch die Ernennung desselben zum Hoflieferanten Sr. Majestät des Sultans gebracht. Kürzlich nun sprach die^ganze türkische Presse neuerdings von diesem Manne, der dem Judenthum in der Hauptstadt der Türkei wirklich Ehre macht. Irl Ausdrücken voller Anerkennung war tu diesen Blättern die Rede von den hohen Verdiensten des Herrn Jacob S ch a p i r e r um den Handel im osmanischen Reiche, von seiner Rechtschaffenheit lknd Ehrlichkeit im geschäftlichen Leben und von der begründeten Beliebtheit seines Hauses, dessen große und hohe Kundschaft den besten Beweis hierfür liefert. Anlaß zu diesen Worten voll des wahrsten Lobes gab die Feier, die gelegentlich des Anshängens des Schildes mit den laiserlichen Wappen des Großherrn der Türkei stattgefllndeir. Die Ceremonie war äußerst interessant und hatte um das Geschäftes Herrn Schapirer das mit den türkischen und österreichischen Farben geschmückt war, eine ungeheuer große Menschenmenge gelockt. Im Innern des Ladens wurden allen Besuchern Erfrischungen gereicht. Als die Tafel aufgehängt wurde, verrichtete ein muselmännischer Geistlicher ein Bitt- und Tankgebet für die glücklichen Tage Sr. Majestät des Sultans und für das Gedeihen und Blühen des Hauses I. SchaPi r e r. Dann wurden zwei Schafe geschlachtet — als Tankopfer^ Als die Thiere abgezogen und zerstückelt waren, wurde das Fleisch nebst Brod und Geld von Herrn I. S ch a p i r e r an die Armen vertheilt. Während dessen spielte eine Musikcapelle die türkische Nationalhymne. Mit Hochrufen auf den Kaiser endete das schöne Fest. Auf meinen Glückwunsch gab mir Herr Schapirer, nachdem er sich bedankt, die schöne Antwort, die besonders verzeichnet zu werden verdient: „B e g l ü ck w ü n s ch e u Sie zu dieser Ehre das I u d e n t h u m!" Die letzte Nachricht über die Gaben, welche die _ große Menschenfrenndin der christlichen Bevölkerung der türkischen Hauptstadt für ihre Wohlthätigkeitsanstalten zugewiesen, bedarf eines Nachtrags. Die Summen, welche die Baronin von Hirsch zu Gereuth zur Bectheilung übergab, betragen zusammen 26.000 Frcs. Nun hat die edle Iran durch die Vermittlung der Alliance Jsrcn-lite der jüdischen Gemeinde von Adrianopel den Betrag von 80.000 Frcs. zur Verfügung gestellt mit der Bedingung, daß dieselbe Gemeinde eine Summe von 25.< t 0 Frcs. dazu beisteuere. Diese bedeutende Gabe ist für beit Bau einer zweiten