Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 9 (26.2.1897)
- Date
- 1897-02-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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■5" Seite 184 Dr. Vlortz's Mochen-ltzrtfr. Nr. 9 schieht, bald ein ansehnliches Grundcapital vorhanden sein wird. Wenn wir noch erwägen, daß man unserem Humanitären Unter-; nehmen, wie bisher, durch Berleihnng von Freiplätzen in Curorten und durch Freikarten für Bahnfahrten entgegenkommen wird, so wird uns ein kranker Schützling nicht sehr theuer zu stehen kommen, und wir werden im Stande sein, alljährlich eine größere Anzahl junger Arbeiterinnen in die Cur zu schicken. Wir wollen, meine Damen, unserem jungen, aufstrebenden Vereine die vollste Existenzberechtigung verschaffen, indem wir etwas wirklich Gutes vollbringen. Und dies thun wir, wenn wir einer im Entstehen begriffenen mörderischen Krankheit durch rasche Hilfe einen Damm setzen, wenn wir ein junges Mädchen vor Siechthum bewahren, wenn wir einer Mutter das Kind, einer Familie die Ernährerin erhalten. Daß eine solche Institution nothwendig ist. beweist auch die Gründung des „Ferienhort" für Heranwachsende stndirende Knaben. Ist aber die körperliche Arbeit einer Maschinnäherin, die von früh Morgens bis spät Abends ihre Maschine tritt, weniger anstrengend, weniger gesundheitsschädlich, als die geistige Anstrengung eines Studirenden? Bemühen wir uns, meine Damen, diese Lücke in unserem Humanitätswesen auszufüllen, und gelingt es uns, auch nur Wenigen zu helfen, so haben wir doch Vielen damit wohlgethan". Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Der Ausführung aber stellten sich locale Hindernisse entgegen. Vor einiger Zeit las ich in der „Oesterreichischen Wochenschrift" die kurze Notiz, daß in L o n d o n unter der Patronanz zweier königlicher Prinzessinnen eine große Festlichkeit zu Gunsten des „Ferienheims für Arbeiterinnen" staltfinden werde. Ueberrascht von der Thatsache, daß ein solcher Verein, dessen Gründung ich spontan beantragt hatte, bereits existire, wandte ich mich nach London und erhielt bald durch das liebenswürdige Entgegenkommen der Schriftführerin des Vereines „Factory Girls' Country Holiday Fund", Miß Mary Canney, alle gewünschten Aufklärungen. Dieser von Miß Canney gegründete Verein wirkt in London seit 8 Jahren in segensreichster Weise. Im Jahre 1888 sandte Miß Canney versuchsweise drei kranke Fabriksarbeiterinnen für kurze Zeit zur Erholung auf's Land. Der Erfolg war ein so ausgezeichneter, daß noch im selben Sommer 38 Arbeiterinnen fortgeschickt wurden. Seit dieser Zeit hat der Verein von Jahr zu Jahr einen erfreulichen Aufschwung genommen, und der Jahresbericht pro 1895, der mir vorliegt, weist schon die erhebliche Ziffer von 874 Arbeiterinnen auf, die zur Erholung auf's Land geschickt wurden, freilich nur auf kurze Zeit — 8 bis 14 Tage — aber selbst ein so kurzer Aufenthalt genügte, um wie der Bericht constatirt, die günstigsten Resultate zu erzielen. Revisor W. B r a m st o n vom Aufsichts-Comite j schreibt hierüber unter Anderem: „Ich habe sieche und über- | arbeitete Mädchen gesehen, die hier müde und bleich ankamen. Einige Tage später zeigten sich Rosen auf ihren Wangen, und als die Mädchen abreisten, sahen sie blühend gut aus; sie waren braun und sonnverbrannt, so daß Jedermann über ihr gutes Aussehen erstaunt war." Die Protectorin dieses Vereines ist Ihre königliche Hoheit j die Herzogin Adelaide von Teck und der Bericht bespricht j dankend ihre Anwesenheit bei der Generalversammlung. Als j Protectoren werden u. A. genannt: der Erzbischof von London,! der Erzbischof von Rochester und Oberrabbiner Dr. Adler. Das 1 Executivcomite besteht aus hervorragenden Vertretern des geistj lichen und des weltlichen Adels. Die Einrichtung des Vereines ist sehr einfach. Da derselbe fein eigenes Heim besitzt, werden die Mädchen bei Landleuten in der Umgebung Londons eiugemiethet. Der Geistliche des Ortes und eine daselbst wohnhafte Dame bilden das freiwillige Aufsichtscomite. Sie wählen das Heim und beaufsichtigen dw Schützlinge. In jedem Orte, wo Arbeiterinnen einquartiert werden, finden sich diese freiwilligen Hilfsarbeiter Jvorllerch, die den Verkehr mit der Centrale in London vermitteln. Der; Bericht bringt Auszüge aus den Briefen des Aufsichtscomites, i die einmüthig die ausgezeichnete Aufführung, die Nettigkeit j und Reinlichkeit, sowie das gute Aussehen der Pfleglinge con-; ftariren. Auch die Landleilte sind voll des Lobes über das ' musterhaste Betragen der Mädchen, und die Fälle sind -nicht j selten, daß sie die ihnen liebgewordenen Mädchen zu den Weih-! nachtsfeiertagen zu sich laden, oder daß sie sich erbötig machen,! die armen Arbeiterinnen, wofern man denselben die Reisespesen! bezahle, kostenfrei zu sich zu nehmen.! Wie sehr diese Aermsten das Glück, vom Holiday Fund aufs Land geschickt zu werden, herbeisehnen, beweist der Umstand, daß manche unter ihnen mit größter Anstrengung Ersparnisse von ihrem kärglichen Lohne zu machen suchen, um sie dem Verein zur theilweisen Bestreitung der Kosten des Landaufenthaltes zu übergeben. Auch die Genossenschaften steuern zu dem Holiday Fund, durch dessen Thätigkeit auch ihren Intentionen entsprochen wird, bei. Rührend sind die Briefe der auf dem Lande weilenden Mädchen. Sie athmen Alle Glück und Freude über den köstlichen Aufenthalt und überfließen in Dankbarkeit für Miß C a n n e Y. Eines der Mädchen schreibt: „Ich kann Ihnen nicht genug für Ihre Güte danken, liebe Miß Canney! Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen so schreibe, aber ich kann Ihnen nicht genug danken; ich könnte die ganze Nacht fortschreiben!" Miß C a n n e y ist die Seele des Vereines. Sie leitet die ganze Action, den großen Verkehr ab und zu. Sie besorgt die ausgebreitete Correspondenz des Vereines, sämmtliche Anfragen, Aufklärungen, Mittheilungen rc. werden an sie gerichtet, es ist erstaunlich, was das Fräulein leistet! Sollte es nicht auch unter uns eine Miß C a n n e y geben? . . . Wir haben doch in Wien so viele energische, thatkräftige Mädchen, die gewiß gerne die Gelegenheit ergreifen werden, ihre Zeit in nutzbringender, segensreicher Thätigkeit zu verwerthen, um ihrer! vorn Glück so stiefmütterlich bedachten Mitschwestern Hilfe zu bringen! In einem interessanten Feuilleton der „Neuen Freien Presse" von Leon Kellner, betitelt „Die Kinder der Straße", wird uns die Geschichte der Entstehung eines großen, von Dr. B a r n a r d o geleiteten Kinderasyls in L o n d o n erzählt. Dr. B a r n a r d o hatte die gute Idee, die goldene Jugend Englands zur Hilfeleistung heranzuziehen. Zu diesern Zwecke bildeten die jungen Damen und Herren Zweigvereine, die „Young Helpers_ Leagues", durch bereit eifrige Thätigkeit sich dem Kinderasyl eine Hilfsquelle von 7000 Pfd. St., das sind circa 84.000 fl. jährlich erschloß; so sorgen in England die reichen Kinder für die armen. Möge denn unsere Jugend in Concurrenz mit Miß Canney und ihren Gesinnungsgenossen treten! Das Beispiel in London hat gezeigt, daß ein Verein zur Hebung der Gesundheit armer Arbeiterinnen nothwendig, aber auch existenzfähig ist. Es liegen bei uns gleiche Verhältnisse vor, schaffen wir ein Erholungsheim für kranke Arbeiterinnen! Oesterreichs Völker rüsten zu einem großen patriotischen Feste, der Feier des 50jährigen Regierungsjubiläums unseres Kaisers, welches seinen Intentionen gemäß durch Acte der Wohlthätigkeit begangen werden wird. ■ Möge denn ein Theil der Freigebigkeit, die sich jetzt überall regt, auch den kranken Arbeiterinnen zu Gute kommen! Diesen armen, elenden Geschöpfen, diesen Enterbten des Glücks einen Sonnenstrahl in ihr düsteres Leben senden, ihnen einmal in ihren! kummervollen Dasein den Genuß einer Erholung von wenigen Wochen gewähren, diesen Sclaven der Arbeit zeigen, daß man an sie denkt, daß man Erbarmen mit ihrem Schicksal enipsindet: heißt das nicht Gutes thun, heißt das nicht, ein Scherflein zur Ausgleichung der socialen Gegensätze beitragen? In der letzten Nummer dieses Blattes las ich von der Gründung eines Mädchencomitäs zu wohlthätigem Zwecke, von Ihrer Gründung, meine jungen Damen. Was' ich seit nahezu 2 Jahren anstrebe, eine Vereinigung junger, warmsühlender, edelherziger Mädchen, die sich mit dem Ach und Weh ihres Nächsten beschäftigen wollen, es existirt, es ist da. Ich übergebe Ihnen, meine jungen Damen, meine Anregung, lege sie Ihnen ans Herz. Wenn Sie an ihrem Mittwoch-Nachmittag vereinigt sind und unter heiterem Geplauder, mit'flinker Hand die Nadel zu wohlthätigem Zwecke führen, dann gedenken Sie auch Ihrer Altersgenossinnen, die jetzt ebenfalls die Nadel führen, die bleich und abgezehrt mit hohlen Wangen über ihrer Nähnnd Strickmaschine sitzen, die ihre Arbeit mit keinem heiteren Worte würzen, weil Noth und Entbehrung ihr Los ist. Kaum einmal in der Woche — a m S a m st a g — tonnen sie sich Fleisch vergönnen (wie eine jüdische Expertin gelegentlich der „Enquete über die Frauenarbeit" anssagte); sie besitzen nicht die heitere Sorglosigkeit des Kindes für das Sie sich ’ jetzt in barmherziger Weise bethätigen und welches sich trotz Armuth in