Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-02-26 · 9 (26.2.1897) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
9 (26.2.1897)
Date
1897-02-26
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021178--06499-3030783
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr 9 Dr. VLoik's Wortzrnsrtrrifi. Sette 183 An das Mädchen-ComitS des „Ferienheim". Die aufregenden Tage der „Enquete über die Frauenarbeit", die im verflossenen Frühjahre hier stattgefunden hat, sind gewiß noch in aller Erinnerung, und ihre Ergebnisse haben uns ein Bild so unsagbaren Elends, das in weiblichen Arbeiterkreisen herrscht, vor Augen geführt, daß sie uns fast den Wunsch auf die Lippen brachten: Hätte diese Enquete doch niemals stattgefunden! Ist dieser entsetzlichen Noth abzuhelfen? Kann dieser Pauperismus aus der Welt geschafft werden? Das wohl niemals! Aber es ist die Pflicht des Staates, die Pflicht der besitzenden Elassen, hier so viel als möglich Abhilfe zu schaffen. Einen kleinen Bruchtherl all' des Elends, das die Enquete zu Tage gefördert hat. hat die Unterzeichnete in ihrer Eigenschaft als Ausschuß-Mitglied eines Wohlthätigkeits-Bereines gelegentlich persönlicher Recherchen mit eigenen Augen gesehen, was sie int September 1895 zu nachstehendem Anträge im Vereins- Ausschusse veranlaßte: Meine geehrten Damen! „Ganz unbeabsichtigt ist unser Verein in jüngster Zeit in eine Bahn gelenkt rvorden, die uns ein Feld so humaner, so fruchtbarer Thätigkeit eröffnet hat, daß es jede von uns schmerzlich berühren würde, müßten wir diese so segensreiche Arbeit aus Mangel an Geldmitteln wieder einstellen. Gelegentlich unserer Recherchen in beit Wohnungen der Armen sind uns wiederholt junge Mädchen ausgefallen, die durch Ueberanstrengung in ihrem Erwerbe — hauptsächlich beim Maschinnähen — bleichsüchtig geworden und deren Constitntion in Folge dessen arg erschüttert worden war. Es hat uns sofort eingeleuchtet, daß diesen jungen Mädchen, die oft die einzigen Ernährer der Familie oder jüngerer Geschwister sind, ihr kostbarstes Capital, die Gesundheit, erhalten werden müsse, und so haben wir mehrere derselben theils in die Cnr, theils zur Erholung auf's Land geschickt. Wir hatten auch die Freude, zu sehen, daß fast alle gestärkt znrückkamen und ihrenr Berufe mit frischen Kräften nachgehen konnten. Damit wir aber nach dieser Richtung hin weiter wirken können, brauchen wir, um inich eines bekannten Ausspruches zu bedienen, drei Dinge, u. zw.: Geld, Geld und wieder Geld. Unsere regulären Einnahmen erlauben uns nicht, die Agenden unseres Vereines in der angedenteteu Weise zu erweitern, und wir müßten daher unbedingt aufhören, diesen armen Mädchen durch Ermöglichung eines Curgebrauches oder eines Landaufenthaltes die Gesundheit zu erhalten, wenn sich uns nicht außergewöhnliche Einnahmsgnellen eröffnen. Und diese zu schaffen, dahin zielt der Antrag, den ich einbringen will. Meine geehrten Damen! Unser Jahrhundert hat den Beinamen des „Jahrhunderts der socialen Frage" erhalten. Die sociale Frage ist eine brennende geworden, und sie hat eine kostbare Blüthe gezeitigt: die Humanität. Die ausgleichenden Bestrebungen der Gesellschaft haben in den letzten Decennien eine Fluth von Humanitären Jnstittltionen in's Leben gerufen, die den Armen dnrch's ganze Leben geleiten. Die Humanität empfängt schon den Säugling in der Wiege, indem sie ihm die nährende Milch reicht; sie übergibt ihn fürsorglich der Krippe, wenn die Mutter außer Hause im Taglohn arbeitet; sie nimmt das Heranwachsende Kind" in Kinderasylen und Waisenhäusern auf; sie speist das hungernde Schulkind, sie bekleidet es zur Winterszeit und schickt es im Sommer zur Erholung in die „Feriencolonie", den Studenten in den „Ferienhort"; sie gibt dem Handwerker Werkzeug und Maschinen und schafft Stipendien für aufstrebende Talente: sie sorgt für Bildung und Aufklärung des Volkes, errichtet Volksküchen, Wärmestuben und Asyle für Obdachlose; sie macht junge Mädchen erwerbsfähig und gibt dem kleinen Gewerbsmanne ein unverzinsliches Darlehen; sie begleitet, kurz gesagt, den Armen von seiner Geburt au bis zu seinem Tode, wo ihn die „Frourme Bruderschaft" in's Grab bettet. Zahllos sind also die Wohlthätigkeits-Vereine, die die letzten Jahrzehnte in's Leben gerusen haben, aber — eine Lücke zeigt sich in dieser Kette humanitärer Bestrebungen, und das ist der Mangel an Fürsorge für krankejunge Arbeiterinne n, namentlich Maschin Näherin ne n, die, anscheinend gesund, in keinem Hospitale Aufnahme finden, während die an ihrem Körper zehrende Anämie den Organismus untergräbt, sie dem Siechthum entgegenführt. Nur ein kurzer Landaufenthalt oder eine entsprechende Cur zur rechten Zeit, und das junge Mädchen wäre gerettet! Wie elend bas Los dieser Arbeiterinnen ist, haben einige in jüngster Zeit stattgefundene sensationelle Prvcesse zur Genüge bewiesen, und wollen Sie mir gestatten, daß ich Ihnen auch einige crasse Fälle aus dem statistischen Material vorführe, das ich gelegentlich meiner Recherchen gesammelt habe: Unser erster Curschützling hat, ehe er so glücklich war, in den Besitz eurer Nähmaschine zu gelangen, gestrickte ackentheile mit der Hand zusammengenäht. Dabei half die ganze Familie; Mutter, Tochter und Sohn arbeiteten mit fast übermenschlicher Anstrengung oft bis 11 und 12 Uhr Nachts, um nur täglich ein Dutzend Jacken fertigbringen zu können; dafür erhielten sie — 48 Kreuzer.„Oft", so erzählte die arme Frau, „war meine Tochter vor Ermüdung über der Arbeit eingeschlafen. Das Herz blutete mir. aber ich mußte sie lvecken, um die Arbeit fertig machen zu können, denn wenn wir Früh nicht liefern konnten, hatten wir tagsüber kein Brod : mehr als Brod hatten wir überhaupt nicht zu essen". Damals wurde in dem jungen Mädchen in Folge Ueberanstrengung und mangelnder Ernährung der Keim zur Bleichsucht gelegt, an der es lange Zeit hinsiechte. Wir haben die Aermste nach Franzensbad geschickt, und jetzt sitzt sie wieder gekrüftigt bei ihrer schweren Arbeit. „Gott segne Ihren Verein für seine Wotsithat", sagte mir neulich die Mutter. Zwei andere Handarbeiterinnen, Schwestern, nähten ebenfalls Jackentheile zusammen; sie verdienten Beide 4 Gulden wöchentlich. - Von einer Maschinnäherin erfuhren wir, daß sie Schürzen zu 13 K r e u z e r das Dutzend näht. Wenn sie sehr fleißig ist, d. h. wenn sie mir Aufopferung ihrer Gesundheit arbeitet, kann sie täglich 6 Dutzend nähen, also täglich 78 Kreuzer verdienen; und davon soll eine Familie leben? Ein junges, noch im Wachsen begriffenes Mädchen sitzt vom frühen Morgen bis zum späten Abend und näht mit Anspannung aller Kräfte an einem Dutzend Hemden, für das es 60—80 Kreuzer erhält. Dabei kämpft es mit Hunger und Kälte: Ist es ein Wunder, wenn sich da bald die den Körper zersetzende Blutleere einstetlt °? Wir haben heuer eine junge Arbeiterin nach Franzensbad geschickt. Sie war vor drei Jahren ein gesnndes, starkes Mädchen. Mit 17 Jahren begann sie die Nähmaschine;u treten, und es dauerte nicht lange, so stellte sich die Bleichsucht ein. Heute, nach drei Jahren, ist sie in Folge dessen so berabgekommen, daß ihr selbst eine Cur in Franzensbad nicht mehr Helsen konnte. „Ja", sagte mir das arme Mädchen thränenden Auges, „wenn ich so glücklich gewesen wäre, Ihrer» Vereine vor zwei Jahren auf meinem Wege zu begegnen, dann wäre ich noch zu retten gewesen!" Zur Bleichsucht hatte sich ein Herzleiden gesellt, das keine Cur jemals gänzlich beheben wird. Und wie dieses arrue Mädchen, so siechen noch zahllose andere dahin, denen mau durch einen kurzen Landaufenthalt oder eilte entsprechende Cur zur rechten Zeit die Gesundheit hätte erhalten können; kann es da Wunder nehmen, wenn die Klage laut wird, die Generation werde immer schwächer, da zur Hebung der physischen Kräfte junger Mädchen so wenig geschieht? Wir, meine Damen, haben schon den Anfang gemacht, diesem Nebel in einigen wenigen Fällen abzuhelfen. Setzen wir den einmal betretenen Weg fort, und um dtes zu ermöglichen, stelle ich den Antrag: Unser Verein gründet einen Zweigverein, der den Zweck hat, jungen infolge Ueberanstrengung bei der Maschine oder einem sonstigen Erwerbe erkrankter! Arbeiterinnen zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit einen Landaufenthalt oder eine entsprechende Cur zu gewähren. Die Gründung dieses Zweigvereines denke ich mir folgendermaßen : Unser Verein erwählt ein Comits junger Mädchen der gut situirten Classe. Diese übernehmen die Verpflichtung, für ihre vom Schicksal hart bedrängten Mitschwefteru in der Weise zu sorgen, daß sie einen Fonds sammeln, dessen Zinsen dazu verwendet werden, alljährlich, zur Sonuuerszeit eine entsprechende Anzahl kranker Arbeiterinnen zur Erholung in die Sommerfrische zu schicken. Es erübrigt mir nur noch, Ihnen zu sagen, wie diese Sammlungen einzuleiten wären: Jedes junge Mädchen des Comites erhält ein Einschreibbuch und ein Sparkörbchen in eleganter Ausstattung und mit entsprechenden Aufschriften. Tie Comitedameu hätten nur das Buch behufs Eintragung der Spenden und das Körbchen zum Sammeln der Gelder circuliren zu lassen, und ich hoffe, daß, wenn dies nur recht fleißig ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.