Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 9 (26.2.1897)
- Date
- 1897-02-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 9 Vr. Vwch's WochenschrtN Sette 18! Symbol der Ausscheidung aller Bergnüguugeu und der j Leidenschaften überhaupt bedeutet -), zumal diese Ceremonie die Bekehrung der Heiden, welche ja die ganze Lebensaufgabe dieser Diaspora-Juden war, außerordentlich erschwerte? Mit dem Aufblühen der allegorischen Gesetzesauslegung, wie sie der jüdische Alexandrinismns betrieb, waren Gesetz und Ceremonie tobt — und die Todten weckt auch die Klage Philo's nicht auf: „Daß man, wenn man einmal an den heiligen, von größeren Männern, als es jetzt gibt, festgesetzten Ceremonien zu rütteln augefangen und nur den tieferen Sinn derselben berücksichtige, nachgerade aus gleichein Grunde den Tempeld i e n st und vieles andere verwerfen werde. Es seien aber solche Menschen schwer zu tadeln, welche sich von alten, der Menge heiligen Gebräuchen lossagen, nachdem sie deren philosophischen Gehalt erkannt haben :i)". Es ist klar, daß ein solcher Appell an den Gemeinsinn eine geringe Wirkung auf Menschen ausüben mußte, deren Eifer für die Heidenbekehrung weit mächtiger war, als die Pietät für hergebrachte, wenn auch von altehrwürdigen Männern eingesetzte religiöse Formen. Eine solche jüdisch-radicale Partei, welche das mosaische Gesetz durch die Allegorie zu überwinden sich abmühte und über alle beengenden religiösen und nationalen Gebräuche hinwegschreitend, „der nackten Wahrheit zustrebte," tritt uns in den alexandrinischen Therapeuten entgegen. — Dieser gegenüber stand eine große conservative Partei, welche, wie Philo, bei aller schrankenlosen Anwendung der allegorischen Auslegungsmethode die nationalen und religiösen Satzungen beobachtet wissen wollte. Der Grund dieser so eindringlich empfohlenen Beobachtung hergebrachter religiöser Formen ist aus den diesbezüglichen Auslassungen Philo's deutlich herauszulesen : einmal ist es die Pietät, und dann aber auch die schwere Besorgniß, es könnte durch conseqnente Mißachtung der der Mehrheit heilig geltenden Ceremonien leicht innerhalb des Judenthums eine nicht mehr zu überbrückende Kluft aufgethan — ein Schisma geschaffen werden! In ausgeprägtester Gestalt führt uns diese beiden Parteien der jüdischen Diaspora, die radicale und conservative, die Sibylle vor. — Sehen nur uns das vierte und fünfte Buch der sibyllinischeu Orakel, welche beide um dieselbe Zeit — um 80 n. Ehr. — entstanden und hellenistische Juden der Diaspora zu Verfassern haben I, ein wenig nähe r a n, so finden wir in denselben grundverschiedene religiöse Richtungen vertreten. Der Verfasser des vierten Sibyllenbuches ist ein V e rä ch t e r aller Tempel u n d T h i e r o p f e r. Nach ihm „bewohnt Gott nicht ein Hans und einen geweihten Stein in dem Tempel, welcher stumm und taub, eine schmerzliche Schmach für die Menschen." Die glücklichsten Menschen auf Erden sind ihm Diejenigen, „welche den großen Gott lieben und preisen, ehe sie essen und trinken, auf ihre Frömmigkeit vertrauend : aber alle Tempel verleugnen und die Altäre, die Gebilde sinnloser Steine, die mit dem Blute lebender Wesen bespritzt sind')." Einer solchen religiösen Anschauung entspricht auch die auffällige Pietätlosigkeit, mit welcher hier voll der erst jüngst erfolgten Zerstörung Jerusalems und des Tempels gesprochen wird, von welcher sich der Dichter nicht im Mindesten berührt zeigt"). — Hieraus wird auf die große Strafe hingewiesen, welche durch den Ausbruch des Vesuvs folgt. Doch wird dieses Unheil keineswegs als Strafe für die Zerstörung des Tempels anfgefaßt, sondern „weil sie das Geschlecht der Frommen unschuldig vernichtet haben." Die Stelle lautet: „Wenn aber einst aus dem zerklüfteten Boden Italiens ein Feuer zum weiten Himmel auflodert und viele Städte verzehrt und Männer vernichtet, und den Aether mit feueriger Asche erfüllt. dann ist wohl der Zorn des himmlischen Gottes zu erkennen, weil sie das Geschlecht der Frommen unschuldig vernichtethaben')." Das Geschlecht der Frommen! Um dieses bewegt sich das ganze Gedicht. Die „Frommen" werden glücklich gepriesen, sie werden im fruchtbaren Lande verbleiben, wenn das Gericht über die Welt kommen wird. Um ihretwillen, wenn sie verfolgt werden, -) Philo, de migrat. Abr. I, 450. 3) Daselbst. Vrgl. hierüber Friedländer, zur Entstehungsgeschichte des Christenth. S. 95 u. 150 f. Wien 1894. Z S. Ewald, Entsteh. Inh. und Werth der Sibyll. Bücher S. 44 ff., S. 51 ff. s) Orac. Sib. IV, 8, 24 ff. 6) IV, 115 f. 11'5 ff. 7) IV, 130—160. wird Gott das ganze Menschgeschlecht vernichten: „Wenn einst unter den Menschen Frömmigkeit, Treue und Recht verschwunden sind, wenn man in unheiligem Wagniß und Uebermuth dahinlebt und Keiner auf die F r o m m e n Rücksicht nimmt, wenn man sie in frevlem Uebermuth vernichtet, die Hände mit Blut befleckt; dann werdet ihr wohl erfahren, daß Gott nicht mehr mild ist, sondern daß er im großen Zorn das ganze Geschlecht der Menschen vernichtet 0." Das ganze vierte Sibyllengedichr ist — das springt in die Augen — zum Lobe und Schutz der F r o m m e n verfaßt. Wer aber sind diese Frommen? Das jüdische Volk im Allgemeinen kann damit nicht gemeint sein, zumal der Verfasser für die jüdische Nation als solche nicht das geringste Interesse verräth. Das jüdische Volk kann auch deshalb unter diesen „Frommen" nicht verstanden rverden, da ja unsere Sibylle berichtet, daß bei der Zerstörung des Tempels „v i e l e Inden getödtet wurden", während sie einige Verse weiter klagt: „daß das Geschlecht der Frommen hier vernichtet wurde" s. — Ueberdies gibt sie zur besseren Orientiruug eine genaue Charakteristik ihrer „Frommen", daß diese unschwer zu erkennen sind: sie lieben und preisen Gott vor jeder Mahlzeit, verachten Tempel und Thieropfer, haben aber dafür andere Reinigungen: Waschungen und Gebete. Und ganz im Style des Täufers fordert sie die sündige Welt zur Buße und Bekehrung auf: „lasset fahren Schwerter und Stöhnen, Mord und Hvchmuth, und w a s ch e t in quellenden Strömen den ganzen Leib, die Hände zum Himmel erhebend und Verzeihung erflehend für das frühere Thun, und heilet die bittere Gottlosigkeit durch Gottesfurcht: dann wird euch Gott bessere Gesinnung ,„Metanoia" > geben" '•"). Eine ganz andere religiöse Richtung vertritt der a! e x a ndri nisch e Verfasser des fünften Sibtstlengedichtes. Er gehört der conservativen Partei der jüdischen Diaspora an, wie der um mehr als zwei Jahrhunderte ältere Verfasser des dritten fibvllinischen Buches- Intensive Anhänglichkeit an den national e n Heiligthümern, Festhalten an mosaischen Satzungen, obgleich diese zu bloßen Formen geworden sind, charakterisiren diese Partei. Unser Dichter „war ein fein gebildeter Hellenist, noch ganz von der Art der alten berühmten Hellenisten, der wahrscheinlich den Tempel selbst, als er noch stand, nie gesehen hatte, aber zu seinem Volke und dessen Heiligthümern eine brennende Liebe hegte"''). Das fünfte sibyllinische Gedicht ist vollständig im Geiste des dritten geschrieben und zeigt, daß die hier vertretene religiöse Richtung sich durch die dazwischen liegenden Jahrhunderte ungeschwächt erhalten hat. Schoil eine flüchtige Vergleichung dieser beiden Gedichte miteinander erhärtet diese Be- -hauptung. Das dritte Sibpllengedicht rühmt von den Inden, daß sie das göttliche Gesetz erfiillen. Am Sinai habe Gott vom Himmel herab das Gesetz gegeben und auf zwei Tafeln Alles, was recht, verzeichnet. Der Tempel und Alles lverde aber zu Boden stürzen, wenn die Juden das Gesetz des imsterblichen Gottes nicht beobachten werden. „Du aber"'— so mahnt der Dichter — „verharre glaubensstark in den heiligen Gesetzen des großen Gottes . . Dann wird Gottes Tempel neu erbaut werden" '-) . . . „Später wird ein heiliges Geschlecht gottesfürchtiger Menschen erstehen, welche nach Weisung des Höchsten den Tempel des großen Gottes rings mit Trankopfern und Duft und heiligen Hekatomben verherrlichen, mit Opfern von wohlgemästeten Stieren . . . Sie werden in Gerechtigkeit, im Besitze der Gesetze des Höchsten glücklich sein und Städte und fruchtbaren Boden besitzen. Die Phönicier aber, Egyvler, Lateiner, Griechenland und viele andere Völker, die Perser und Galater nnd ganz Asien, welche das h e i l i g e G e s e tz des unsterblichen Gottes überschreiten und verachten, werden es verschulden, daß Gott alle Menschen mit Unheil, Hunger, Leiden und Plagen, mit Krieg, Pest, Thränen und Schmerzen heimsuchen wird. Den Gottlosen ruft diese Sibylle zu, sich zu dem einzigen Gott zu bekehren und ihn mit Hekatomben von Stieren und erstgeborenen Ziegen und Lämmern zu versöhnen, damit er sich erbarme" '*). — Dem 9) IV, 45, 152 ff. I IV, 126, 136. ’°) IV, 161—167. Bergt. Ev. Marc. I, 4; Luc. III, 3, wo Johannes ebenfalls zur Taufe der „Metanoia" auffordert. ") Ewald a. a. O., S. 57. ,2) III, 246. 256 f.. 274 f.. 283 f., 290. 13) III, 580, 573 ff., 600, 597 ff., 624 ff. ''CjrjffrjKJ* v