Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 9 (26.2.1897)
- Date
- 1897-02-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 178 Dr. Vlvch's Wochenschrift. M 9 selben seien eine Schande s ü r Wien, eine Schande für Oesterreich. Redner fährt dann fort: Der niederösterreichische Landtag sei ein getreues Spiegelbild dessen, was der Antisemitismus h e r v o r z n b r i n g e n im Stande sei. Wie könne es auch anders sein unter der Herrschaft einer Partei, welche sich die wirthschaftliche und politische Boycottirung, die Ausrottung und Austreibung eines BruchtheNes der Bevölkerung zur Aufgabe gesetzt hat und auf diesem Wege politische Macht, öffentliche Aemter, Einfluß und materielle Vortheile an sich zu reißen sucht? Ein grausamer wirthschaftlicher und gesellschaftlicher Vernichtungskampf wird angeblich nur gegen die Juden geführt. Man fordert von dem jüdischen Staatsbürger so gut wie von jedem Anderen die Steuern an Geld und an Blut, aber der bürgerlichen Rechte, des Anspruches, leben und erwerben zu dürfen, will mau ihn berauben. Ich frage jeden C h r i st e 11? Ist das gerecht? Ist das menschlich? Als Fremdlinge wagt man es, Menschen hinzustellen, deren Eltern und Voreltern bereits hier gelebt haben, deren Kinder hier geboren und erzogen worden sind, Hunderttausende von Menschen, die nicht blos mit ihren materiellen Interessen, sondern auch mit allen Fasern ihres Herzens an ihrem österreichischen Heimaislande hängen, welches zu lieben man ihnen verwehren will. (Lebhafter Beifall) Es gibt nur ein einziges Recht oder gar keines. Das Land, in welchem gegen einen einzigen seiner Bürger, geschweige denn gegen eine große Anzahl ders.lben, mit Vorwissen der Regierung widerrechtlich gehandelt werden darf, hat aufgehört, ein Rechtsstaat zu sein. Das Recht gleicht einem Bologneser Fläschchen; bringen Sie auch nur den kleinsten Ritzer hinein und es zerfällt in Scherben. Naturgemäß konnte es gar nicht anders kommen, als daß die gehässige Action der Antisemiten sich auch gegen Alle richtet, die ihrem verderblichen Beginnen entgegentreten, und im weiteren Verlaufe gegen Alle, die sich nicht ausdrücklich mit demselben einverstanden erklären, und die sich nicht zu Werkzeugen ihres Streberthums mißbrauchen lassen. Daraus erklärt es sich, warum der Zwiespalt in der Bürgerschaft längst über die Scheidung zwischen Juden und Nichtjuden hinausqediehen ist. Die Scheidung hat sich vielmehr vollzogen zwischen Allen, die für Freiheit, für R e ch t und Gesittung eintreten und zwischen Jenen, welche ihr Streberthum und die Zwecke ihres Ehrgeizes mit immer größer werdender Schamlosigkeit dem öffentlichen Wohle voranstellen. (Pfui V e rganil) Vergant? Oh, das ist ein Ehrenmann vom Scheitel aufwärts und Don bet Sohle abwärts. (Stürmischer Beifall und Gelächter.) Nun h ben wir auch die vollständig ausreichende psychologische Erklärung dafür, warum der Wiener Gemeinderath und der niederösterreichische Landtag vernichtend und gewalttbätig gegen Alles Vorgehen, was den Zwecken der Humanität und der Bildung bient- Willkür und Gewalt sind die Wasien dieses Systems, und wo diese nicht ausreichen, fahren die Geschütze der Verleumdung auf. So haben wir es ja gesehen bei der Brandschaden-Ver' sicherungsgesellschail; da hätten zuerst die Antisemitenführer in die Verwaltung kommen sollen, und als ihnen dies nicht gelang, bewilligten sie sich 25 000 fl. zu Vorarbeiten für eine Landes-Versicherungsanstalt und suchen die bestehende Anstalt durch die schäbigsten und rorruptcsien Concurrenzmaiwver aus dem Vertrauen der Bevölkerung zu verdrängen. Stehen vielleicht Juden an der Spitze der so angefeindeten Brandschaden-Versicherungsgesellschaft? Nicht ein einziger, meine Herren, und nicht einmal oiese Ausrede haben die Antisemiten, um ihre Stelleujagd zu maskiren. Ein geistlicher Würdenträger, der hochangesehene und allgemein verehrte Abt Karl von Melk ist es, welcher Obercurator des Instituts und welcher zugleich Obercurator der Niederösterreichischen Landes-Hypothekenbank war. Aber ein unverzeihlicherjMakel lastet auf diesem Manne, er ist — kein Antis e m i t. Angewidert von dem ekeln Treiben, hat er seine Stelle als Obercurator der Landes- Hypothekenbank zurückgelegt. Was soll man zu den unerhörten Beschimpsungen sagen, denen der Prorcctor der technischen Hochschule, Professor K i ck, im Landtage preisgegeben war? Ernst Schneider rref ihm das Wort „Saujud'!" zu, und er fügte diesem Worte ein Epitheton bei, welches dem übelriechenden Wirkungskreise der Canalräumer entnommen ist, wobei ich bemerke, daß ich diese nützlichen und nothwendigkn Menschen durch eine Parallele mit dem gemeinschädlicheu und überflüssigen Ernst Schneider nicht zukränkenbea b s i ch 1 i g e. (Heiterkeit.) Und nun. meine Herren, vergegenwärtigen Sie sich ferner die unerhörten Scandalscenen, die uns der letzte Sitzangstag im Landtage beschert hat. Ich halte es für unsere Pflicht, meine Herren, daß wir unserem hochverehrten Abgeordneten Herr» Constatin N o s k e, der unerschrocken tür seine Ueberzcugung und für die liberalen Priucipien eiutritt, angesichts der empörenden Beschimpfungen, mit denen eine rohe Horde ihn überschüttete, unser volles Vertrauen und unsere Sympathien aussprechen. Ein Mensch von dem Bildungsgrade eines Joses S t r o b a ch. der seine gegenüber den Comiortablekutschern in « Anwendung gebrachten Umgangssormen in den Landtag verpflanzte,! wagt es, einem ehrenhaften Manne zuzurnfen: „Hinaus mit ihm! Schweige, kecker Bursche! Sie Schurke! Sic Schuft!" Angesichts eines solchen Benehmens kann man nur sagen, daß j e d r m g e b i l d eten Wiener die Scham röthe darob ins Gesicht steigen muß, daß dieStadt Wien ei nen solchen Bürgermeister hat und daß diese Würde, sowie die eines Landmarschall-Stellvertreters an einen solchen Mann gerathen konnte. Der Dr. L u e g e r aber, der für alle diese Vorgänge.mitverantwortlich ist, weil er mit ihnen einverstanden und mit ihnen solidarisch ist, der nennt den Abgeordneten N o s k e einen „bösartigen Jungen", und der Herr Landmarschall erklärt auf die Frage, ob er dieses Wort vernommen habe, ausdrücklich, er habe durchaus keinen Anlaß, einzuschreitm. (In diesem Momente kommt Abgeordneter N o s k e mit seiner Frau in den Saal. Die Versammlung erhebt sich und bringt ihm eine stürmische Ovation dar.) Herr Lueger entblödete sich nicht, dem Herrn Laudmarschall für seine selten objective Leitung den Dank auszusprechen! Man muß gestehen, der Dr. Lueger versteht es. die Bevölkerung Wiens zu frozzelii. Es liegt viel Humor in dieser Anerkennung der seltenen Objeetivität des Herrn Landmarschalls. Ueber die scaudalösen Vorgänge im Landtage unsere Entrüstung auszusprechen, das haben wir wahrlich nichtnöthia. Verantwortlich für die Duldung solcher Vorgänge erscheint uns die Regierung! Wir haben freilich sehr merkwürdige Wandlungen vor unseren Augen sich vollziehen gesehen, sowohl auf Seite der Regierung, als auch auf der Seite der Antisemiten. Ich erinnere Sie an den seinerzeitigen Ausspruch des Dr. Karl Lueger über den Statthalter Grafen .Kielmunsegg: „So lange," sagte er, „dieser Mann die Regierung im Landtage vertritt, gibt es kein Glück für Niederösterreich." Das war eine Prophezeiung, düsterer als die der Hexen in „Macbeth". Und siehe da, der antisemitische Landtag ist zusammengetreten, vor welchem die Position des Grafen K i e l m a n s e g g schier unmöglich zu sein schien. Herr Graf K i e l m a n s e g g ist Statthalter geblieben, und vorläufig hat Herr Dr. Sue get- Recht mit seiner Prophezeiung:das ist wirklich kein Glück für N i e d e r ö st e r r e i ch. Soll ich darüber noch sprechen, was aus der eisernen Hand des Grafen B a d e u i und aus seiner angeblichen Führung geworden ist? Verschiedene von ihm getroffene Verfügungen, auf die ich nicht weiter eingehen will, haben den Anlaß zu dem durchaus irrigen Glauben geboten, daß die allein maßgebendste Stelle dem Antisemitismus sympathisch gegen über st ehe. In officiosen, noch mehr aber in antisemitischen Blättern konnte man sehr häufig die Entschuldigung lesen, daß ja die Regierung dem Volkswillen Rechnung tragen müsse; wenn die Majorität des Volkes antisemitisch sei, nun, ' so müsse man eben antisemitisch regieren. Der Volkswille. meine Herren, kann sich auf verschiedene Art und in verschiedenen Graden der Intensität zur Geltung bringen. Als noch die Raubmörder öffentlich hingerichtet wurden, da strömten Hunderltausende hinaus zur „Spinnerin am Kreuz", um die letzten Zuckungen eines armen Sünders anzusehkn. Ter Volkswille hatte Freude an dieser öffentlichen Belustigung, und doch hat man die öffentlichen Hinrichtungen abgeschafst. In Spanien will der Volksmille die S t i e r g e f e ch t e, ein blutrünstiges und grausames Schauspiel. Die Judenhetze, das ist das Stiergefecht von Wien. Waren Sie, meine Herren, schon auf den Fidschi-Inseln? Nein — sind Sie froh, denn man kann in Wien ein noch so angesehener Mann sein, in dem Augenblicke, wo man auf den Fidschi-Inseln an's Land steigt, ist man bekanntlich nur mehr eine Portion. Der Volkswille der Fidschi-Insulaner nun geht bekanntlich dahin, jeden Fremden a u f z u f r e s s e n. Das ist auch ein V o l k s w i l l e, und ich wäre sehr begierig, zu sehen, ob in denr Falle, als Oe st erreich die Fidschi-Inseln annectirt, der Herr Gras B a d e n i sich ebenfalls beeilt, dem Volkswillen der neuen Provinz Geltung zu verschaffen, und den schönen Häuptling der Fidschi-Insulaner zu der a uszeichnend st en Unterredung zu geleiten, deren ein Staatsbürger jemals th ei lh ästig werden kann. (Beifall.) Also nicht die antisemitischen Führer sind es, gegen die wir uns wenden müssen, denn diese Leute wird Niemand bessern und wird Niemand überzeugen. Was Sie heute aussprechcn sollten, das ist ein energischer Tadel und die Entrüstung über die nicht blos unzulängliche, sondern geradezu parteiische Leitung im uiederösterreichifchcn Landtage und das lebhafte Bedauern über die unerklärliche, uns mit tiefe in Mißtrauen erfüllende Co uni Venz und Duldung, welche sich die Regierung der antisemitischen Strömung gegenüber zu Schulden kommen läßt. In diesem Sinne erlaube ich mir, Ihnen hiermit folgende Resolution zur Annahme zu empfehlen: „Der Verein der Wiener Freisinnigen spricht dem Abgeordnete» Constantlil N o s k e für sein mannhaftes und überzeugungstrenes Eintreten zu Gunsten der freisinnigen Ideen seine vollste Anerkennung aus und versichert ihn seiner Hochachtung und ber;- lichsten Sympathien. Der Verein beklagt die parteiische und würdelose Leitung der Debatten im niederösterreichischen Landtage und