Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-02-26 · 9 (26.2.1897) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
9 (26.2.1897)
Date
1897-02-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021178--06492-3030776
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 176 Dr. Vloch's Wvchrnfttzrist. Nr. 9 zu verwirklichen, welche die anderen Parteien schmachvoll verleugnen. Dieser Partei mögen sich die Juden offen anschließen. Redner tritt sodann sür die Candidaturen des Dr. Ofner und des Baron H y e in der Städte-Curie ein. Dr. Ofner habe sich im Landtage die Achtung selbst der rüdesten Gegner erzwungen und Baron H y e sei der würdige Sohn seines würdigen Vaters. Dr. Bloch empfiehlt für die bürgerliche Curie ein Compromiß zwischen den fortschrittlichen Parteien. Die Socialpolitiker haben als Oppositionspartei sich nicht besonders kraftvoll bewährt. Redner erinnert an die Energie der Jungczechen im Kampfe gegen feindliche Parlamentsmajoritäten und hält dem entgegen die eigenthümliche, sozusagen vornehm-objective Haltung der socialpolitischen Führer im reactionären niederösterreichischen Landtag! In der fünften Curie müssen die jüdischen Wähler selbstverständlich, schon um den Sieg der Antisemiten zu verhindern, für die Candidaten der Arbeiterpartei stimmen. Eindringlich warnt aber der Redner vor einem Anschluß der Juden an die Socialdemokraten, was derzeit so häufig gepredigt wird; das wäre für alle Theile gleich schädlich, und die Ueberläufer, welche aus momentaner Roth zur Socialdemokratie sich flüchten, erwartet dort kaum eine gastliche Aufnahme. Ein allzustarkes Liebeswerben unsererseits könnte entgegengesetzte Wirkung Hervorrufen, über deren Charakter man sich nicht täuschen darf. Wir stimmen sür die Candidaten der Arbeiterpartei, wie wir sür das allgemeine gleiche Wahlrecht eintreten, weil wir alle Sonderrechte und Privilegien bekämpfen und jedem Unterdrückten, in seinem natürlichen Rechte Verkürzten helfen wollen und sollen. Redner verweist auf mancherlei bedenkliche Erscheinungen auch in der socialdemokratischen Arbeiterschaft Oesterreichs, was jeden jüdischen Patrioten zu hoher Vorsicht mahnen muß. Redacteur Fleischer nimmt die Socialdemokraten gegenüber den Anwürfen Dr. B l o ch's in Schutz und bemerkt, daß nur die Arbeiter des kleinen Gewerbsmannes im christlichsocialen Lager stehen. Nachdem noch die Herren Dr. Julius Kann und Dr. Emannel Weiß für die Social-Politiker und Dr. S t r a n s k y für die Candidaten der deutschen Fortschrittspartei, insbesonders für die Candidatur des bisherigen Abgeordneten- W r a b etz? eintraten, schloß der Vorsitzende mit der Enunciation, daß der Vorstand vor den Wahlen noch eine Versammlung einberufen werde, um den aufgestellten Candidaten Gelegenheit zu bieten, mit der jüdischen Wählerschaft in Fühlung zu treten, längst nach Mitternacht die Versammlung. Fürstin Metternich gegen den Antisemitismus. M e n 1 o n e, 20. Februar 1897. Gestatten Sie, geehrter Herr Doctor, daß ich Ihnen eine Unterhaltung mittheile, die heute im Eiseubahnconpe zwischen Mentone und Nizza geführt wurde. Hier, wo die Citronen blüh'n, im dunklen Laub die Goldorangen glüh'n", weiß man glücklicherweise richts von den nordwärts trotz Schnee und Kälte wuchernden Giftblüthen, die der Antisemitismus zeitigt; wenn die hiesigen Curgäste von den Anfeindungen hören, denen Liberale und Juden im gemüthli'chen Wien ausgesetzt sind, so schütteln sie ungläubig die Köpfe und meinen nicht recht gehört zu haben. An der labte d’höte im Hotel de Louvre lernten wir gestern einen Londoner Staatsbeamten, Mr. Douglas, kennen; er bestieg heute mit uns das Coupe, in dem wir nach Nizza fahren wollten; Mr. Douglas gegenüber saß eine Französin, ihm zur Rechten ein Arzt aus Genua; es war zwar eine recht internationale Reisegesellschaft. die sonst ungemüthlich zu sein pflegt, die aber, als ich die eben am Bahnhof gekaufte „Neue Freie Presse" heroorholte, gar bald auf einen Ton gestimmt war. „Ah, eine deutsche Zeitung", sagte Mr. D o u g l a s, „wenn ich nur gut deutsch lesen könnte; unsere Zeitungen bringen ja haarsträubende Artikel, wie man in Wien die freie Meinung knechtet lind Jeden „Judenknecht" nennt, der nicht mit den Rückschrittlern gemeinsame Sache macht." „Meine Freundin", nahm die hübsche Französin das Wort, schreibt mir. daß sie sogar in diesem Jahr den Rathhausball nichbesuchen konnte, weil man es mit der persönlichen Würde unvereinbar hält, jenen Leuten zu begegnen, die in der gehässigsten Weise den Racen- und Classenhaß schüren." „Das ist grundfalsch, meine Gnädige", erwiderte der Genueser Arzt. „Warum nehmen die Leute den ihnen zugeworfenen Fehdehandschuh nicht auf? Warum das Feld räumen? Ich verstehe es nicht, wie man sich im Parlament, im Gemeinderathe Worte gefallen lassen kann, die jeder Gesittung Hohn sprechen; aber nun gar sich vom öffentlichen Leben zurückzuziehen, das —" „Bravo, bruvo, Pauline!" unterbrach jetzt der Engländer, der seither die „Neue Freie Presse" gelesen; „das sieht ihr ähnlich! Ist doch eine ganze Frau! Ein herrliches Weib!" Und mir das Blatt reichend und aus die Stelle deutend, in der die für die israelitischen Waisen eingegangenen Spenden ausgewiesen sind, sagte er: „Sehen Sie, da steht's! Bitte lesen Sie!" Ja, da stand: „Bei Herrn David Ritter von G u t m a n n sind unter Anderem eingelaufen: Fünfzig Gulden von der Fürstin Pauline Metternich-Sandor, gegenwärtig in Cannes, mit der Widmung: „Als strenggläubige Christin und Katholikin übersendet dem Herrn David von Gutmann anliegenden kleinen Betrag als Beweis ihrer Sympathie für die armen Waisenkinder, respective für den Verein zur Versorgung hilfsbedürftiger Waisen der israelitischen CultuSgemeinde. Mit den besten und wärmsten Empfehlungen." .Das sieht ihr ähnlich", sprach Mr. Douglas. „Kein Unrecht leiden, mit ihrer Persönlichkeit dafür einstehen, daß den Armen und Unterdrückten ihr Recht werde!" „Sie kennen die Fürstin?" fragte ich, erstaunt ob des Lobes, das der sonst so wortkarge Mann der Fürstin spendete. Mr. Douglas blickte eine Weile sinnend vor sich hin, als hänge er alten, lieben Erinnerungen nach. „Ja, wenn ich Ihnen erzählen sollte, wie ich Fürstin Pauline in den Sechziger-Jahren in Paris kennen lernte, das würde zu weit führen; schon damals wußte man, daß Geist und Herz in dieser Frau auf einen vollen, harmonisch austönenden Accord gestimmt waren. Dann sah ich sie vor 5 Jahren in Wien wieder; sie war älter geworden, aber innerlich jung geblieben; es war gerade am Tage des großen Piaterfestes, das sie zum Besten der Kleingewerbetreibenden veranstaltet hatte, als ich in Wien eintraf. Ist je einer Fürstin so gehuldigt worden, wie ihr. Wo sie sich zeigte, da hieß es: Hoch Pouline. Und Alt und Jung jubelte ihr entgegen. Nun frage ich Sie aber", fuhr Mr. DouglaS nach einigem Nachdenken fort, „warum sichert man sich nicht den Einfluß einer solchen Frau, um der Hydra des Racenhasses den Kopf zu zertreten? Glauben Sie mir", fuhr er begeistert fort, „diese Frau kann, was sie will; ihr Einfluß reicht bis an den Thron, sie weiß besser als irgend ein Redner ihre Sache zu führen, sür die Idee, der sie sich geweiht, zu begeistern. Oe que femme veut, Dieu le veut. Und diese Frau, die hier offen bekundete, wie sehr ffe das jetzige Regime verurtheilt, sie sollte nicht auch mit aller ihr angeborenen Energie und Elasticität des Geistes dafür einstehen, daß Wandel geschaffen werde, wenn man es ihr nahelegt, ihren Einfluß an maßgebender Stelle geltend zu machen?" Soeben rief der Conducteur: „Monte Carlo". Mr. Douglas, der sich vorgenommen, ein petit jeu zu machen, stieg aus. Unsere internationale Reisegesellschaft setzte die angeregte Unterhaltung noch bis Nizza fort. Mein Blick folgte dem Wellenspiel der Wogen, während der Zug längs der Meeresküste dahinbrauste; und wie Well' auf Well' an den Userklippen zerschellen, so, sagte ich mir, wird auch die brausende Fluch des Antisemitismus an den Klippen stranden, die Freiheit, Menschenliebe und Gerechtigkeit dem Obscurantismus entgegensetzen. Jda Barber. Die unbrschnittenr Justiz. Die Justiz ist in Oesterreich unbeschnitten, und beschnitten sind höchstens die Staatsgrundgesetze, aber wahrlich nicht in jenem Sinne, in dem HerrL u e g e r und Consorten diese Thatsache beklagen würden Der neue Civilproceß ist in Sicht. Der neue Eivilproceß fordert ein vermehrtes Richterpersonal. Der neue Civilproceß bringt es mit sich, daß der Staat sich nicht wie früher darauf beschränken kann, die absolvirten Juristen gegen den Titel Rechtspraktikanten und gegen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.