Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 9 (26.2.1897)
- Date
- 1897-02-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 9 Vr. Vloch's Mochrnfchrifi. Seite 178 Comitä der Socialpolitiker officiell beizutreten, allerdings mit dem Vorbehalte, daß N o s k e nicht fallen gelassen werden dürfe. Sie erinnern sich, meine Geehrten, daß dazumal viele Stimmen laut wurden, welche meiner Anschauung nahe standen, daß auch einzelne Candidaten der liberalen Partei unterstützt werden müssen, und wissen, daß aus dem unangenehmen Umwege der Stichwahl die Wähler des 1. Bezirkes das Compromiß erzwangen, des Inhaltes, daß drei Candidaten von der einen Schattirung, der Fortschrittspartei, drei Candidaten von der anderen auch thatsächlich zu Landtagsabgeordneten gewählt wurden. Nervös wie unsere Zeit ist, war geglaubt worden, daß von den Socialpolitikern das Arcanum schneller Heilung gefunden sein werde. Die Erwartungen, welche an den Eintritt der Socialpolitiker in das politische Leben geknüpft wurden, haben sich allerdings nicht erfüllt, und nicht mit Unrecht mag Einzelner: derselben bezüglich ihres zeitweilig unpolitischen Verhaltens und bezüglich wenig überlegter Aeußerungen mancher Vorwurf gemacht werden können. Dabei soll aber nicht übersehen werden, daß gerade durch das Auftreten der Socialpolitiker die längst ersehnte Verjüngung unserer Vertreter im Parlamente erzielt wurde, indem wegen der tüchtigen Persönlichkeiten, welche die Socialpolitiker als Candidaten aufstellten, auch die liberale Partei bemüht war, jüngere, sehr tüchtige Kräfte für die Candidaturen zu acquiriren, das bisherige System der Erbgesessenheit aufzugeben, für einen bis dahin gemangelt habenden Nachwuchs Raum zu schaffen; es soll auch nicht verkannt werden, daß die socialpolitischen Landtagsabgeordneten noch kurz im öffentlichen politischen Leben stehen, durch ihre Persönlichkeiten zu der Hoffnung berechtigen, daß sie noch Tüchtiges leisten werden. Nichtsdestoweniger mußte, weil die Socialpolitiker nicht alle jene Ertvartungen erfüllten, welche von deren Eintritt ins öffentliche Leben erhofft wurden, der Vorstand der Oesterreichisch- Jsraelitischen Union neuerlich zu der Frage der Candidaturen der derzeitigen Reichsrathswahl Stellung nehmen. Der Vorstand der Union beschloß nun nach reiflicher Berathung, im Vereine mit den bewährten Vertrauensmännern, durch die er sich verstärkt hatte, in Anbetracht des Umstandes, daß Programme allerdings eine schöne Sache sind, daß es aber immer darauf ankommt, ob und wie diese Programme gehandhabt werden, daß also eigentlich der Candidat selbst das beste Programm ist: 1. Keinem der beiden freisinnigen Comites, also weder dem Comite der Dentschfortschrittlichen, noch dem der Socialpolitiker beizutreten. 2. Die Candidatenfrage nicht vom Standpunkte der Parteischattirung, sondern als Personenfrage zu behandeln und im Interesse der Vereinigung wegen der Aufstellung der geeigneten Candidaten in nicht officieller Weise mit den beiden bestehenden freisinnigen Comites in Fühlung zu treten. Dabei glaubten wir uns ganz insbesonders von dem Gesichtspunkte leiten lassen zu sollen, daß es sich um den Kampf zwischen der Partei des Fortschrittes und der Gerechtigkeit einerseits und der Partei des Rückschrittes und der Gehässigkeit anderseits handelt, daß die verschiedenen Parteischattirungen, die sich da liberale oder deutschfortschrittliche Partei, dort socialpolitische oder demokratische Partei nennen, im Ganzen und Großen nur wenig trennende, aber ziemlich viel einigende Punkte haben, und daß es die Aufgabe unserer Glaubensgenossen sei, auch hier für die Versöhnung einzutreten, dafür einzutreten, daß das beide Parteien gemeinschaftlich Einigende mit Hintansetzung des Trennenden zum Durchbruche zu bringen und Alles daran zu setzen sei, daß engere Wahlen vermieden und bei der ersten Hauptwahl die Wahlschlacht gewonnen werde. In dieser Weise ist thatsächlich im IX. Bezirk durch die Opferwilligkeit des wackeren W r a b e tz, der freiwillig im Interesse des Freisinnes von seiner Candidatur zurücktrat, Prof. Philippovich von allen Parteien candidirt worden und wird seine Candidatur von den Mitgliedern der deutschfortschrittlichen Partei ebenso warm und energisch gefördert und unterstützt werden, wie von jenen der Socialpolitiker und der Demokraten. * Leider ist dieses gute Beispiel im I. Bezirk spurlos vorübergegangen und leider haben unsere Bemühungen bisher nicht zu dem erstrebten Ziele geführt. Vielmehr hat, wie wir aus den heutigen Morgenblättern erfuhren, das deutschfortschrittliche Bezirkswahlcomite in der Inneren Stadt gestern für alle 4 Mandate nur Candidaten ans sei- Parteischattirung ausgestellt, sogar den bewährten wackeren bisherigen Abg. Dr. K r o u a w e t t e r übergangen. Inzwischen haben auch die Socialpolitiker vier ausgezeichnele Persönlichkeiten aus ihrer Mitte candidirt, nicht einmal den bewährten N o s k e berücksichtigt. Wir geben aber trotzdem noch immer die Hoffnung nicht auf, daß eine Einigung uns gelingen werde und daß im Interesse der großen Sache, der wir Alle dienen, aus der Reihe der nominirteu 8 Candidaten, 4 von jeder Seite, freiwillige Rücktritte erfolgen werden. Alle von der deutsch-fortschrittlichen Partei ausgestellten Candidaten genießen unsere vollste Sympathie; ebenso die Candidaten der Socialpolitiker, und wären 8 Mandate im I. Bezirke frei, so sollten sie alle ihnen Allen gebühren, zum mindesten würden wir ihnen unsere Stimme geben. Wir müssen Vorsorgen, daß in diesem Wahlkampfe die Partei des Fortschrittes und der Gerechtigkeit siege, daß uns die Beschämung der Nothwendigkeit einer engeren Wahl und der damit verbundenen unnöthigen Aufregung erspart, bleibe, wir müssen aber auch bedenken, daß die engere Wahl Ueberrafchungen bringen könnte, vor denen wir uns sicher zu stellen die Pflicht haben. K r o n a w e t t e r und N o s k e müssen fiir uns ho™ concours bleiben, und es muß für uns feststehen, daß wir unter unseren Freunden dafür energisch eintreteu müssen, daß die bisherigen Abgeordneten K r v n a w e t t e r und N o s k e ihr Mandat behalten, und bezüglich der anderen 8 Candidaturen für die dann noch restlichen zwei Mandate eine Einigung versucht werde. Warten wir diesfalls noch einige Tage ab, ehe wir uns entscheiden — seien wir aber schon jetzt für Kronawetter und N o s k e einig, sowie darüber schlüssig, daß, wenn die beiden Comites sich nicht einigen, wir zur Vermeidung von Stimmenzersplitterung, selbstständig zwei Candidaturen aus den bisher nvminirten sechs Herren festsetzen müssen. Der Vorstand der Oesterreichisch-Jfraelitischeu Union mußte aber auch zu der Wahl für die fünfte Curie Stellung nehmen, und glaubte dabei in Erwägung ziehen zu müssen, daß die den Candidaten der Socialdemokraten ernst zu nehmenden, gegenüberstehenden Candidaten nur der antisemitischen Partei angehören, daß aber auch weiters, wenn man die Entwicklungsgeschichte der fünften Curie ins Auge faßt, thatsächlich die fünfte Curie den bisher nicht wahlberechtigten Arbeitern die Möglichkeit einer theilweisen Vertretung im Reichsrath geben sollte. Mit Rücksicht hierauf mußte Ihr Vorstand zu der Cvnclusiou gelangen, daß es sich nicht empfehlen kann, bei der im März 1897 stattfindenden Reichsrathswahl für die fünfte Curie in Wien gegen die Candidaten der Socialdemokraten activ Stellung zu nehmen, etwa einen liberalen Zählcandidaten denselbell entgegenzustellen, was nur die Chance der Reaction verbessern würde, daß es sich aber auch nicht empfiehlt, zn Ungunsten der socialdemokratischen Candidaten bei der betreffenden Wahl Abstinenz zu treiben. Zu all diesen Ausführungen und Anträgen erbitten wir uns nun Ihre freundliche Zustimmung und will ich hiemit die Discussion hierüber eingeleitet haben. (Lebhafter, langanhaltender Beifall. Redner wird von allen Seiten beglückwünscht.) * * Der nächste Redner, Hof- und Gerichts-Advocat Dr. S. Elias, tritt energisch dafür ein, daß die Union diesmal die Führerschaft der jüdischen Wähler nicht — aus den Händen geben dürfe. Redner billigt den Beschluß des Vereines, daß derselbe sich nicht um die Parteischattirungen, sondern lediglich darum bekümmern wolle, daß nur solche Personen aufzusiellen seien, welche das vollste Vertrauen der Wählerschaft genießen. Dr. Elias befürwortet sodann wärmstens die Candidatur Dr. K o p p's, der in hervorragender Weise an dem Zustandekommen des Reichsvolksschulgesetzes mitgewirkt habe. Redner theilt nicht die Ansicht des Referenten, daß die fünfte Curie ausschließlich den Arbeitern gehöre, vertritt aber ebenfalls die Ansicht, daß die Antisemiten in dieser Curie am wirksamsten nur durch die Socialdemokraten bekämpft werden können. Dr. Elias schließt mit einem Appell an die jüdische Wählerschaft, die Bedeutung dieser Wahlen nicht zu verkennen und für die Beschlüsse des Vereines „Union" einzutreten. Dr. Schnabl erklärt, daß er gewünscht hätte, wenn der Vorstand bezüglich der fünften Curie den direclen Anschluß an die Socialdemokraten empfohlen hätte. Die Svcialdemvkratie ist berufen, die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit