Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 9 (26.2.1897)
- Date
- 1897-02-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021178--06490-3030774- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
®>eite 174 Dr. Bloch s Wochenschrift. Nr 9 Anregung des ersten Präsidenten der Israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien, des verewigten Baron Königswarter, ist Klinger bei Errichtung dieser Anstalt derselben als Curator beigetrcten. Dem Vorstande der Cultusgemeinde gehört Klinger seit 1885 an. Am 6. Jänner 1889 wurde er zum Präsesstellvertreter gewählt, welche Würde er nach Ablauf von zwei Jahren aus Gesundheitsrücksichten zurücklegte. Zu wiederholten Malen bekleidete Klinger die Stelle eines Obmannes der Wohlthätigkeits-Section und der Finanz-Section. -i- * * Auf Grund eines schriftlichen Antrages von 19 Vorstandsmitgliedern wurde behufs Vornahme der Präsidentenwahl eine öffentliche Vorstandssitzung für Sonntag den 21. Februar 1897 ausgeschrieben. Das Amt der Scrutatoren übernahmen die Cultnsvorsteher Herr Josef Hieldb u r g h ä u s s e r und Herr Dr. Alfred Berger. Es wurden 22 Stimmen abgegeben, hievon entfielen auf Vicepräses Klinger 18 Stimmen, welcher somit als gewählt erscheint. Dr. Stern erhielt 1 Stimme, 3 Stimmzettel waren leer. Sämmtliche Anwesende begrüßten das Wahlresultat mit lebhaftem Beifall und Händeklatschen. Der neugewählte Präses hielt sodann folgende Ansprache : Meine Herren! Empfangen Sie meinen tiefsten Dank für die mir erwiesene hohe Auszeichnung. Ich weiß dieselbe im vollen Umfange zu würdigen, ich verkenne aber auch nicht die Fülle der Aufgaben und Pflichten, die mit dieser Würde verbunden sind. Vor 51 Jahren habe ich als 13jähriger Schulknabe dieses Haus besucht, seit jener Zeit habe ich nicht aufgehört, warm für das altehrwürdige Judenthum und die ruhmreichen Traditionen unserer Gemeinde zu empfinden. Als ich vor ungefähr 6 Jahren unter dem Präsidium Arminio Cohn Vicepräses war und bei dessen Ableben aunehmen konnte, daß nach der herrschenden Continuität die Wahl zum Präses auf mich fallen werde, glaubte ich mich dieser Mission entziehen zu müssen. Seither haben sich die Verhältnisse düsterer mib unendlich schwieriger gestaltet, heute erachte ich es nun für meine Pflicht, dem ehrenden Rufe zu folgen, den Sie in Ihrer überwiegenden Majorität an mich ergehen lassen, und mit Hilfe Gottes und Ihrer Unterstützung will ich es als mein Bestreben erachten, auch das Vertrauen jener Herren zu erringen, die heute durch Abgabe leerer Stimmzettel zeigten, daß sie mich noch nicht genug kennen (Lebhafter, lang andauernder Beifall.) Ich erkläre also, das Amt anzunehmen, und bitte Sie um Ihre Unterstützung. Jede Anregung der geehrten Collegen werde ich dankbar entgegennehmen und Ihre Beschlüsse getreu ausführen, und da die zu wählenden Vicepräsidenten, wie ich hoffe, ihre Aufgabe zweifellos mit demselben Ernst und dem gleichen Eifer erfassen werden, so werden wir gewiß allen billigeil Anforderungen gerecht werden Ich wende mich in dieser Stunde auch an den Beamtenkörper, den pflichteifrigell Secretar Dr. Lieben an der Spitze, mir llei Bewältigung der zahlreichen Agenden zur Seite zu stehen. Sie werden von mir keine Programmrede verlangen. Nur Eines möchte ich schon jetzt nicht verschweigen. Nach den Statuten vertritt der Präses die Gemeinde nach Außen. Ich bin mir bewußt, was heutzutage darunter zu verstehen ist, welche Nebenbedeutung dieseil Worten dermalen verliehen wird, erkläre jedoch ausdrücklich, daß ich darunter eine Vertretung politischer Interessen nicht verstehe und mir die Vertretung nach Außen nur in untrennbarem Zusammenhänge mit der Vertretung, mit der Mission nach Innen denken kann. Was in erster Linie unsere Aufgabe ist, was uns noth thur, ist die Erwerbung des Vertrauens der Gemeindemitglieder (Lebhafte.- Beifall), an deren besondere Opferwilligkeit und Hochherzigkeit wir uns derzeit lvendcn müssen. Ist es ja bekannt, daß in den letzten Wochen Schlagworte im Umlaufe gebracht worden sind von einer „Brandschatzung" der Gemeindemitglieder, weil Manche in Verkennung der thatsächlichen Umstände nicht begreifen, daß die Bedürfnisse der Gemeinde, die sich unendlich gesteigert haben, befriedigt werden müssen. Weit entfernt von einem Gew alt acte, wird der Vorstand jede V o r st e l l u n g gewissenhaft prüfen, um Jrrthümer zu saniren und gerechten Beschwerden Abhilfe zu schaffen Wenn ich daher glaube, daß ein linlöslicher Zusammenhang besteht zwischen der Vertretung nach Außen mit jener nach Innen, so hoffe ich in Ihrem Sinne zll sprechen und Ihr Vertrauen zu rechtfertigen. Empfangen Sie nochmals meinen besten Dank. (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Zu den bevorstehenden Reichsrathswshlen in Wien. Referat des Herrn Landesschulrathes Dr. Gustav K o h n irr der Plenarversammlung der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union vom 20. Februar 1897. Samstag den 20. d. M. hielt die Oesterreichisch-Jsraelitische Union eine Vereinsversammlung ab, auf deren Tagesordnung die Besprechung der bevorstehenden Reichsrathswahlen stand. Der Saal war zum Erdrücken voll und die erregte Discnssion, die vor Beginn der Versammlung stattfand, zeigte von dem lebhaften Interesse, das die jüdische Wählerschaft den bevorstehenden Wahlen entgegenbringt. Nach Begrüßung der Versammlung durch den Vorsitzenden, Universitäts-Docenten Dr. Josef G r ü n f e l d, nahm Landesschulrath Dr. Gustav K o h u das Wort zu nachstehendem Referate: Sehr geehrte Herren! lieber Mangel an politischem Leben können wir uns derzeit nicht gerade beklagen; es finb nur wenige Monate verstrichen, seit die Landtagswahlen uns in Bewegung setzten, und schon stehen wir wieder vor den viel wichtigeren Reichsrathswahlen, denen bald die Bezirksausschußwahlen folgen, welche durch die Wiener Verhältnisse und durch die schon so lange anhaltende Strömung eine erhöhte Bedeutung gewonnen haben. Wie unser Vereinsvorstand pflichtgemäß sich seinerzeit mit den Landtagswahlen, mit der Stellungnahme unserer Glaubensgenossen zu denselben sich befaßte, Ihnen Vorschläge machte, die Ihre freundliche Zustimmung fanden, so mußte auch derzeit anläßlich der Reichsrathswahlen uitfer Vereinsvorstand die Situation ins Auge fassen, unter Zuziehung von bewährten Vertraueusmäuueru reiflich erwägen und ernst berathen, wie unter den heutigen Verhältnissen unsere Glaubensgenossen Vorgehen sollen. Ich wurde nun mit der Aufgabe betraut, Ihnen, geehrte Herren, über das Resultat dieser Berathungen zu berichten und Ihre freundliche Zustimmung zu dem, was seitens des Vereinsvorstandes geschehen ist und was noch geschehen soll, zu erwirken. Da die seit längerer Zeit in Wien bestehenden Verhältnisse Ihnen, meine geehrten Herren, genau bekannt sind, halte ich es für müssig, mich diesfalls in weiteren Ausführungen zu ergehen, ebenso ist es wohl noch in Ihrer Erinnerung, daß bei unserer Besprechung anläßlich der Landtagswahlen, in Gemäßheit des vortrefflichen Referates unseres sehr geehrten Freundes und Führers, des Herrn Sigmund M a y e r, welchem Referate Sie damals zujnbelten, erkannt und beschlossen wurde, daß der Verein Oesterreichisch-Jsraelitische Union nach vielen Jrrthümern und Enttäuschungen die Rückkehr zu dem Programm des unvergeßlichen Fischhof als das einzige Heil, als die einzige Rettung aus den chaotischen Zuständen, nicht blos für uns Juden, sondern für unser ganzes Vaterland empfahl, Rückkehr zu dem Programm der Versöhnung der Völker und Stämme, aller Confessioneu, Stünde und Elasten in unserem Vaterlande, im Zeichen des Freisinns und Fortschrittes, der Gerechtigkeit und der Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen. Und weil dazumal, nicht ohne unser Zuthun, die neue Vereinigung der Socialpolitiker auf dem Plane erschien und deren Programm dem obgeuauuteu F i s ch h o f'schen Programm am nächsten kam, beschloß seinerzeit unser Verein, für die Wahl der Socialpolitiker einzntreten, und ich gestehe es offen, gegen meine Ansicht, der ich auch im Vorstände Ausdruck gegeben, dem