Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 8 (19.2.1897)
- Date
- 1897-02-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 160 Nr. 8 Vr. Vloch's Wochenschrift welche ihres Ernährers beraubt ist, die hilfsbedürftigen elternlosen Wayen und die nothleidenden Wöchnerinnen, welche entkräftet und zu schwach sind, um arbeiten zu können. Die Frau hat im Judenthum immer eine bevorzugte Stellung eingenommen. Wir ehren in ihr die Leiterin und Stütze unserer Familie, die Erzieherin unserer Kinder, deren Wohl und Glück uns so sehr an's Herz gewachsen ist. Und deshalb wollen wir, daß man von unseren Frauen mit Achtung spreche, daß nicht das erste beste Subject, welches uns beiläufig jenen Ekel einflößt, wie das Gewürm, auf welches unser Fuß tritt, es wagen darf, in dieser Beziehung Verunglimpfungen gemeinster Art laut werden zu lassen. Wir wollen auch jene jungen Geschöpfe behüten und schirmen, welche, kaum der Schule entwachsen, sich ihr Brod zu suchen haben, damit sie auf der geraden Bahn verharren und weder straucheln noch stürzen. Ein Jeder von uns muß innigst danken der edelsinnigen Frau, welche — unter Hintansetzung anderer Verpflichtungen — in den letzten Wochen geradezu Großartiges geleistet. Ihr und ihren Mitarbeiterinnen zollen wir aufrichtige Bewunderung, herzlichsten Dank! Wir wollen von jenen modernen Proselytenmachern lernen, die ausschließlich der eminenten Kunst des Agitirens ihre großen Erfolge verdanken. So gut jetzt Frauen und Mädchen abgerichtet werden, dem Pöbel nutzbar zu sein, ebenso mögen unsere Frauen und Mädchen in edlem Sinne agitiren, neue Mitglieder werben, milde Spenden sammeln. Vergelte es Gott ihnen und ihren Familien! UeberVorschlag des genannten Pros. Richard Singer werden nun folgende Functionäre mit Acclamation gewählt: Als Präsidentin Frau Dr. Bertha K o h n; Präsidentin-Stellvertreterin Frau Prof. Hermine Singer; Schriftführerin Frau Dr. Lina Weiß; Schriftführerin-Stellvertreterin Frau Dr. Irene Engel; Cassierin Frau Charlotte Kisch; Controlorin Frau Käthe Mensch; Vorstandsdamen: Frau Franziska Ba uer, Frau Dr. Tonia B r a t t, Frau Cäcilie Frankl, Frau Minna G e r st m a n n, Frau Henriette H o f f m a n n, Frau Mathilde H u p k a, Frau Minna K o h n Frau Dr. Käthe Wald, Frau Dr. Elise W i n t e r n i tz. Genehmigt wurde ferner die Cooptirung der Vorstaudsdamen : Frau Dr. Louise Bienenfeld, Frau Bertha Käs, Frau Dr. Helene Stein. Als Revisoren wurden gewählt die Damen: Frau Jda Krauß und Frau Dr. Helene K a n i tz. Nach der Wahl erstattete die Präsidentin in warnr empfundenen Worten den Dank für das ihr und den Vorstandsdamen entgegengebrachte Vertrauen. In einer längeren, frei gehaltenen Ansprache erörterte sie zum Schluß auch die Pflichten, welche der Vorstand nunmehr übernommen, und richtete den Appell an die Vorstandsdamen, gleich ihr zu geloben, nur zum Besten der Armen ihr Ehrenamt verwalten zu wollen. Wir müssen offen gestehen, daß wir noch wenige Damen gehört haben, die in so formvollendeter, ausgezeichneter Weise, als die Präsidentin, gesprochen haben. Die Ansprache wirkte geradezu sensationell und fand ungetheilteu stürmischen Beifall. Hieraus schilderte - der um das Gemeinwohl hochverdiente Dr. Bloch in sehr interessanter Weise die Stellung der jüdischen Frauen im Rahmen der Familie und der Wohlthätigkeit. Die Herren S. B r o d, Präsident des Vereines zur Hebung der Gewerbe, und Herr Dr. W i n t e r n i tz fanden warme Worte der Beglückwünschung für den jungen Verein; insbesondere vergnügten wir uns bei der Rede des Herrn Brod, der. als vortrefflicher Sprecher allseits bekannt, seine Wünsche in launiger Weise vorbrachte. Herr Dr. B r a t t erörterte die humanen Bestrebungen des Vereines vom interconfessionellen Standpunkte aus. Nachzutragen wäre noch die Mittheilung, daß die jederzeit wohlthätige Frau Baronin Hirsch dem Vereine 1000 fl. gespendet hat und daß über Aufforderung der Präsidentin die Anwesenden sich zum Zeichen des Dankes von den Sitzen erhoben, sowie, daß bereits zahlreiche Gründer und nahe an 400 Mitglieder dem Vereine beigetreten sind. Damit schloß die in jeder Beziehung tvürdig verlaufene Versammlung. Es sei uns gestattet, auch unsererseits das junge Humanitätsinstitut zu beglückwünschen. Der Verein möge zum Wohle der armen Frauen, der Wöchnerinnen, der Waisen, sowie der der Schule entwachsenen weiblichen Lehrlinge im Sinne seiner Statuten fort und fort wirken, er möge wachsen, blühen und gedeihen, er verharre in edlem Streben um das Wohl der Schwachen und Hilfsbedürftigen, auf daß sich die Noth lindere und der Kummer, das Elend verringere. Ihr Frauen und Mädchen Israels aber gedenket in Freud' und Leid dieses Vereines, st ä r k e t s e i n e Mittel durch m i l d e Gaben, st ä r k e t ihn selbst durch Euren Beitritt! R. S. Israelitischer Freikischverrin in Brünn. (Bestätigt mit hohem Erlaß der mährischen Statthalterei v^n 11. Jänner 1897, Z. 516). Geehrte Glaubensgenossen! Zu allen Zeiten ist es in den größeren jüdischen Gemeinden als ein frommes Werk angesehen worden, „das Lerneit zu unterstützen" und besonders für die Verköstigung bedürftiger Studirender zu sorgen. Die geänderten Zeitläufe haben es mit sich gebracht, daß die sogenannten Kosttage, welche den Unterstützten in eine immer wiederkehrende und erziehlich wirkende Berührung mit den Hausvätern und deren Familien brachten, eine bedaneruswerthe Wandlung erfahren haben. Die Mahlzeit wird in der Minderzahl der Fälle zwar in natura, aber in demüthigender Weise gereicht, in der Mehrzahl aber hat dieselbe die Form einer monatlich gegebenen Geldnnterstützung angenommen. Kein Einsichtiger wird sich der Erkenntltiß verschließen, daß die regelmäßige Empfangnahme solchen Almosens, das manchmal durch die Zwischenhand einer untergeordneten Person gereicht wird, vom gemeinen Bettel kaum mehr zu unterscheiden ist und den Charakter und die ganze sittliche Geltung des Bildung suchenden Knaben oder Jünglings nur nachtheilig beeinflussen kann. Die Erfahrung lehrt, daß die jetzt geübte Praxis mancherlei Mißstände gezeitigt hat. Es sei hier nur der eine erwähnt, daß nach der Versicherung unserer Religionslehrer gerade der Bescheidenste darbt und der Zudringlichste, oft minder Würdige die ausgiebigste Unterstützung findet. Um diesen Uebelständen zu steuern und um unserem Nachwuchse die Möglichkeit eines würdigen und ersprießlichen Fortkommens zn gewähren, haben die Gefertigten einen Freitischverein nach Art der mensa academica in's Leben gerufen. In gemeinsamer Mahlzeit soll die Jugend, die studirende sowohl, wie auch jene, welche in gewerblicher und industrieller Thätigkeit ihren Lebensberuf sucht, gesunde und kräftige Mittagskost erhalten und eine entsprechende Controls soll dafür sorgen, daß die uothwendige Ordnung herrsche und das Mahl gehörig zubereitet wird. Damit das Werk gelinge, thnt es noth, daß alle unsere gutgesinnten jüdischen Mitbürger dazu nach Kräften beitragen und unseren Verein moralisch und materiell unterstützen. Beiliegend erlauben sich die Gefertigten, Ihnen ein Statntenexemplar zur gefälligen Durchsicht zu übersenden. Weiters gestatten sie sich, an Sie die Bitte zu richten, dem Freitischverein beizutreten und auf der beiliegenden Erklärung die Höhe der jährlichen Beitragsleistung bekannt geben zu wollen. Mit dem Ausdrucke der vorzüglichen Hochachtung Brünn, 15. Februar 1897. Josef Bauer, Professor M. Brecher, Herm. Eppler, Dr. Mich. Feith, Dr. Max Grünfeld, Jgn. Hönig, Sigm. Königsgarten, D. Kellner, Beruh. Morgenstern, Dr. Mändl, Al. Müller, Max Ornstein, Dr. Oppenheim, Sam. Perlhefter, L. Roth, S. Rosenthal, Sigm. Schwarz, Ludw. Straßer, Sigm. Sorer, Ad. Weinberger, Alois Witrofsky, Dr. Sigm. Wolf. Wir begrüßen diesen Verein umso freudiger, als er seit dem nahezu fünfzigjährigen Bestände der israelitischen Cultusgemeinde der erste wohlthätige Verein ist, der sich auf breitester demokratischer Grundlage aufbaut, und gerade hierin erblicken wir eine Bürgschaft seines Erfolges. Der in jüngster Zeit hier gegründete Humanitätsverein „Moravia" (Bnai Brith), von welchem die Initiative zur Errichtung des Freitischvereines ausgegangen, hat sich dadurch ein bleibendes Verdienst erworben.