Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 8 (19.2.1897)
- Date
- 1897-02-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 8 Vr. Vloch's Wortzenlchrifl Seite 159 Unserem Muttervereine, dessen selbstständige Kinder wir sind, nach Kräften beizustehen, ihm ferner einen Theil der Arbeitslast von den schwer tragenden Schultern zu wälzen und ihm all jene kleinen aber unbedingt erforderlichen Mühen, die ihm das Wirken im Großen erschweren, abzunehmen; unser Capital, das aus Strafgeldern, Spenden, Mit^liedsbeiträgen besteht, so zu vergrößern, daß wir im Stande sein werden, dem Baufond des großen Vereines eine bedeutende Summe übergeben zu können, uitb somit helfen, ein Haus zu bauen, ein Asyl, eine Heimstätte für die Schützlinge des „Ferienheim". Daß das Vermögen unseres Mädchen - Comitäs sich aus kleinen Anfängen zu stattlicher Höhe entwickle, daftir ist begründete Hoffnung vorhanden, dank dem sehr entwickelten Talent dieses Jugendbundes, „Geld zu machen". So lautet beispielsweise ein Paragraph der Statuten des Vereines, daß jedes als Braut austretende Mädchen 5 Gulden Lösegeld zahlen müsse, ein Paragraph, der freilich dadurch sehr geschädigt wird, daß die Mädchen sich in ihrem Bunde so wohl fühlen, daß sie das Heiraten hinausfchieben, um der Mittwochsitzungen nur ja nicht verlustig zu werden. Das Comite blickt jetzt auf eine einjährige Thätigkeit zurück und hält den Zeitpunkt für gekommen, seine Bescheidenheit endlich aufzugeben und sein Jncognito zu lüften; es beschließt, seinen Geburtstag durch einen originellen Unterhaltungsabend, der den Charakter eines Gründungsfestes haben soll, demnächst zu feiern. Ganz im Stillen ist noch eine Idee gereift, die vage uub unbestimmt lange schon den jungen Köpfen vorschwebte. — Es ist wohl wahr, daß die Handarbeiten, die das Mädcheu-Coruite jeden Mittwoch liefert, von großer Nützlichkeit und für die Ausstattung der Colonieschützlinge geradezu unentbehrlich sind, dennoch aber kann diese Thätigkeit nicht als das Endziel der Leistungen dieses Jugendbundes betrachtet werden. Die jungen Mädchen der Mittwoch-Vereinigung wollen mehr als blos flicken und stopfen, was sie erstreben, ist weit Größeres, ist ein Werk der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit, das nicht nur den armen und dürftigen, sondern auch den kranken und mißgestalteten Kindern — mit einem Worte — den Krüppeln zu Gute kommen soll. Angeregt durch den englischen Verein „Heart and Hand-band“, der Wunderdinge leistet und darum so merkwürdig ist, weil er nur von jungen Leuten, Jüttgliugen und Mädchen zartesten Alters geleitet wird, wurde die Idee rege, einen ähnlichen Verein ins Leben zu rufen, der, obwohl durch das Mädchencomitä gegründet, als eine Art Ergänzungsverein des „Ferienheims" auzufehen wäre. Denn, daß das „Ferienheim" nicht im Stande ist, alle Hilfeschreie der Armuth zu beantworten und selber zu viele elende Kinder zu versorgen hat, als daß es sich dieser elendesten — der Krüppel — annehmen könnte, ist ja klar, und so beschlossen die Mitglieder des Mädcheu-Comitös, einen solchen Verein, der in unserer soviel Jammer und Gebrechen bergenden Großstadt ja geradezu Nothwendigkeit ist, nach englischem Muster zu begründen. Freilich kann er nicht die großen Dimensionen, die nur die Millionenstadt London ermöglicht, annehmen, aber es steht zu hoffen, daß der wahrhaft gute Zweck und die Wohlthat eines solchen Unternehmens eine ansehnliche Zahl von Mitgliedern sichern wird, und Mitglieder sind in großer Menge nothwendig, denn das Mädchen-Comitö will nicht blos Versprechungen und schöne Worte machen, sondern etwas Reales, Nutzbringendes leisten. Und darum wendet es sich vornehmlich an die Jugend, ist es doch die Jugend selber, die sich da vereinigt hat, die lachende, glückliche Jugend, die für die arme, kranke Jugend arbeiten und wirken will. Alle Kinder, groß und klein, sollen mithelfen und Mitglieder werden und werben. Wird der so bescheidene Jahresbeitrag von e i n e r K r o n e der von den jungen Herrschaften gefordert wird, nicht tausendfach ausgewogen durch das schöne Bewußtsein: Ich habe einem kranken Kinde zur Kräftigung, zur Heilung verholfen?! All' Ihr lieben Kleinen, die Ihr mit kostbaren Puppen spielt und die Ihr gütige Eltern habt, die Eure Launen so liebreich befriedigen und all' Ihr Größeren, denen ein freundliches Geschick das Leben in rosigem Glanz erstrahlen läßt, Ihr Alle, Alle seid eingeladen, theilzunehmen an der großen Hilfsactiou, seid gebeten, ein klein wenig von Euerem Glanz Euren armen Brüdern und Schwestern, die ein trauriges Schicksal zu Krüppeln werden ließ, zu borgen, und durch Eure Spenden etwas Licht in ihr finsteres, klageerfülltes Dasein zu bringen. „Mit vereinten Kräften", ruft das Mädcheu-Comite Euch zu, wollen wir den Kampf mit dem Elend aufuehmen. Mit Euren in Lebenslust und naiver Herzensgute erstrahlenden Augen sollt Ihr das böse Gespenst bannen helfen. Und so wollen wir denn mit Herz und Hand diesen echten „Heart and Hand-band“ gründen, wir „D i e Jugend für die I u g e u d!" Paul a K a h a n Humanität im Dienste der Frauen und Mädchen. Wer nie sein Brod mit Thränen atz, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß. Der kennt Euch nicht, Ihr himmlischen Mächte! Wir sind heute leider in Allem und Jedem auf uns selbst angewiesen, auch auf dem Gebiete der .Humanität? Wir selbst haben allerdings bis jetzt niemals gefragt, welcher Confessivn der Arme angehört, der an unsere Thüre pochte; ohne Zaudern und ohne Säumen öffneten wir unsere Taschen in regstem Mitgefühle, das ja unserem Volke, unserem Stamme in so hervorragender Weise zu eigen ist. Unsere Armen aber werden auf Schritt und Tritt verhöhnt, verlacht und verspottet. Jene unheilvolle und empörende Strömung, welche von Strebern ärgster Sorte, deren Unbildung nur noch von ihrer Rohheit übertroffen, genährt und gezüchtet wird, setzt den Hebel nicht so bei den Reichen an, sondern richtet sich mit vehementer Gewalt gegen Arme und Unmündige, gegen solche also, welche am allerwenigsten in der Lage sind, sich zur Wehre zu setzen. Und so ist es denn nur recht und billig, daß sich der Kreis unserer im Dienste der Humanität stehenden Bereinigungen immer mehr erweitert. Nahezu alle Bezirke verfügten bereits über Frauen-Wohlthätigkeitsvereiue, nur der volkreichste, dem Schlagworte nach auch für uns bedeutungsvollste Theil der talmigoldenen Stadt nicht, die L e o p o l d st a d t. Da fand sich denn eine hochherzige, edle Frau, die Gattin des Bezirksarztes Dr. S. K o h u. welche eine Anzahl hilfsbereiter Frauen des Bezirkes um sich schaarte. Als Beiräthe stellten sich die Herren Buchdruckereibesitzer Alfred K i s ch, Professor Richard Singer und die Advocaten Dr. Weiß und Dr. W i n t e r n i tz zur Verfügung. Und so wurde denn beschlossen, einen Le op o löst ä d t e r Frauen - W o hl t hä t i g k e i t s v e r e i n zu gründen. Nach Genehmigung der seitens des vorbereitenden Cvmites der hohen k. k. Statthalterei vorgelegten Statuten und nachdem inzwischen für den Verein in privaten Kreisen eifrigst Propaganda gemacht wurde, fand am Sonntag den 14. d. in einem Saale des „Hotel Continental", II., Praterstraße, die c o n st it u i r e n d e G e n e r a l v e r s a m ih l u n g dieses Vereines statt. Die Betheiligung hieran war eine äußerst rege; ein Publicum aus den besten Kreisen füllte alle Räume des geräumigen Saales. Nach wenigen Worten der Einleitung seitens der provisorischen Vorsitzenden Frau Dr. Bertha K o h n ersuchte dieselbe den Beirath Herrn Professor Tr. Richard Singer, namens des vorberathenden Cvmites den Act der Begründung des Vereines zu erläutern. Der Genannte begrüßte vor Allem die erschienenen Ehrengäste und insbesondere die Herren: ehemaligen Reichsrathsabgeordneten Dr. Bloch, den Präsidenten des Vereines zur Hebung des Gewerbes, S. Brod, den Obmann des Wohlthätigkeitsvereines „Treue", Dr. I. B r a t t, den Armeurath K o h n und Andere. Aus dem Inhalte der Rede des genannten Professor Singer wollen wir Folgendes hervorheben: Redner knüpfte an die eingangs citirten Dichterworte an. Durch Elend, Armuth und Nvth werden erst die niedrigen Jnstincte im Menschen wach. Haß, Mißgunst und Neid gegenüber unseren Mitmenschen feiern ihre Auferstehung. Wir sehen dies im Angesichte der empörenden Strömungen unserer Tage. Der ganze Heerbann der mindestwerthigea patentirten Volksbeglücker recrutirt sich zumeist aus Kreisen, die mit sich und ihrem Schicksale unzufrieden sind und eben durch Neid und Mißgunst dazu gelangen, den Juden für Alles verantwortlich zu machen, was sie bedrückt. Der kräftige Mann wird dieser: Anstürmen eher die Stirne bieten können, wie das arme Weib, die arme Witwe,