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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-02-19 · 8 (19.2.1897) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
8 (19.2.1897)
Date
1897-02-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8 Dr. Vloch's Wochrnschrlst Seite 157 Ich dächte wir sind nachgerade genug assimiliös und unser Fehler besteht vielmehr darin, daß wir Thorheiten unserer Mitbürger williger folgen als vernünftigen Traditionen des eigenen Lagers. Die Frage der Assimilation ist meiner Meinung nach verzweifelt einfach. Ist bei uns etwas vernünftiger als bei unseren Mitbürgern, so müßten die es eigentlich uns nachmachen, doch ist das schließlich ihre Sache. Ist bei unseren Mitbürgern etwas vernünftiger, als bei uns, so werden wir es ihnen allerdings nachmachen. Wir werden es aber nicht deshalb adoptiren, weil es deutsch oder polnisch — sondern weil es im besonderen Fall besser ist. Etwas allein deshalb, weil es deutsch oder polnisch ist, für gut zu halten oder anzunehmen, war allerdings Mode, als das Wort jüdisch in unseren eigenen Reihen einen schlechten Klang hatte. Diese Mode ist aber erstens an und für sich blödsinnig, zweitens gewiß in dem Moment unangebracht, in welchem der Antisemitismus in hervorragendem Maße zu den deutschen und polnischen Eigenthümlichkeiten gehört. Zu einer derartigen Selbstverstümmlung sind schließlich unsere Mitbürger nicht gut und unsere Vorfahren nicht schlecht genug. Keinen Schuß Pulver wäre die Sorte Gleichberechtigung werth, welche mir nicht das Recht der eigenen Meinung, der eigenen Lebensauffassung läßt. So faßte auch Lessing die „Toleranz" auf, bei der Mahnung: „Es muß der Klotz den Knubben hübsch vertragen!" Da kann ihn unmöglich eine Assimilation als Ideal vorgeschwebt habe». Hochachtungsvoll X. Geehrte Redaction! Sie begleiten den jüngsten Artikel des Herrn Arthur Eibenschütz über „Agimilation und Separatismus" mit einer Rechtsverwahrung. Ihr Bedenken richtet sich, wie bekannt, gegen den von Herrn Eibenschütz in der Assimilationsfrage eingenommenen Standpunkt. Es gereicht mir zum Vergnügen, daß ich diesmal die Anschauungen des Herrn Eibenschütz im Ganzen und Großen theilen kann; nur möchte ich den Begriff der Assimilation klarstellen, vielleicht daß dann etwas herauskommt, wofür auch Sie werden eintreten können. Die meisten Meinungsverschiedenheiten entstehen dadurch, daß die den Meinungen zu Grunde gelegten Begriffe nicht in ihrer Bedeutung klargestellt werden. Ich habe dies in einem meiner vorjährigen Artikel an dem Begriffe des Antisemitismus gezeigt und glaube dies auch an dem der Assimilation Nachweisen zu können. Herr E i b e n s ch ü tz spricht von der „Assimilation der christlichen Mitbürger m i t uns". Aus dieser Begriffsconstruction ergibt sich klar, daß für ihn Assimilation gleichbedeutend ist mit vollkommener Verschmelzung. Herr E i b e n s ch ü tz ist darin sogar sehr radical; denn bisher war stets nur die Rede von unserer Assimilation mit den christlichen Mitbürgern, nicht umgekehrt. Aber freilich: ist Assimilation gleichbedeutend mit Verschmelzung, dann ist es gleichviel, ob man von unserer Verschmelzung mit der christlichen Bevölkerung oder von der Verschmelzung der letzteren mit uns spricht. So ist aber die Assimilation nicht zu verstehen und auch, wie ich glaube, im Grunde nie verstanden worden. Assimilation kommt vom Lateinischen ad und simile (ähnlich) und bedeutet somit, soviel als „Aehnlichwerden". Im Französischen wird auch das Zeitwort „assimiler" nicht mit avec (mit), sondern mit ä (Dativ) eonstruirt. Auch im Deutschen sollte das Zeitwort „assimiliren" nicht mit der Präposition „mit", sondern mit dem Dativ eonstruirt werden; also sich den christlichen Bürgern assimiliren, nicht aber m i t den christlichen Bürgern. Ist dies richtig, dann ist die Behauptung des Herrn E i b e n s ch ü tz, daß die christlichen Mitbürger jede Assimilation m i 1 uns perhorresciren, ebenso logisch, wie grammatikalisch ein Mißgriff. Was Aehnlichsein bedeutet, ist bekannt; es ist dies die Uebereinstimmung mehrerer Dinge nach mehreren oder den m e i st e n ihrer Merkmale, im Unterschiede von der Gleichheit oder der völligen Uebereinstimmung mehrerer Dinge nach allen ihren Merkmalen. Somit heißt: „sich der Bevölkerung assimiliren", ähnlich werden, d. h. zu einer Uebereinstimmung mit ihr in mehreren oder den meisten Merkmalen gelangen, wogegen Verschmelzung die volle Gleichheit beider Theile nach allen Merkmalen bedeuten würde. So aufgefaßt, kann die Assimilation nichts Bedenkliches haben; ja, in dieser dem wörtlichen Sinne entsprechenden Bedeutung, ist die Assimilation der Juden eine längst vollzogene Thatsache. Wir haben uns nach und nach den Griechen, Römern, Germanen, Slaven u. A. afsimilirt, und es wäre, im Gegentheile, ein schwieriges, der Antisemiten würdiges Unternehmen, jene Merkmale herauszuschälen, worin wir uns — abgesehen von der Religion und den Religionsgebräuchen — noch von der christlichen Bevölkerung unterscheiden. In allen wesentlichen Merkmalen, worin sich die Völker von einander unterscheiden, wodurch sie das sind, was sie sind, also in Sprache, Sitten. Gebräuchen und Idealen haben wir uns den Völkern zum größten Theile vollständig asstmilirt oder sind auf dem natürlichen Wege, uns vollständig zu assimiliren. Von diesem natürlichen Wege werden wir von Zeit zu Zeit durch antijüdische Bewegungen gewaltsam abgedrängt. Die Frage, die Herr E i b e n s ch ü tz stellt, ob Assimilation oder Separatismus, ließe sich sonach so ausdrücken, ob wir uns durch den Antisemitismus, von dem durch die Natur uns vorgezeichneten Wege der Assimilation abdrängen lassen sollen oder nicht? Daraus ergibt sich die Sinnlosigkeit des von gewissen Schwärmern in Scene gesetzten Separatismus von selbst. Ich glaube Folgendes: In jedem Menschenindividuum ist das rein menschliche Element in ihm von dem geschichtlich gewordenen an ihm zu unterscheiden. Das Erstere ist unabänderlich, ist ihm von der Natur gegeben und höchstens einer Klärung fähig; vas Letztere ist schließlich doch nur zufällig und daher allen jenen Äenderungen unter-. worsen, welche der Gang der geschichtlichen Ereignisse mit sich bringt. Insoweit wir in der Geschichte mit den Völkern mitleben, nehmen wir auch ihre geschichtlich gewordenen Merkmale und Elemente an und sind darin auch allen jenen Äenderungen unterworfen, denen die Völker unterworfen sind. In dieser Beziehung sind wir den Völkern vollkommen afsimilirt. Der Unterschied zwischen uns und den Völkern scheint nur in dem rein menschlichen Elemente unserer Individualität zu bestehen, insofern dieses Element bei uns zufolge unserer vieltausendjährigen Entwicklung eine von den Völkern noch nicht erreichte Klärung erfahren hat. Ist dies richtig, und dafür scheint mir unsere Religionsgeschichte zu sprechen, dann ergibt sich für uns die Richtschnur: Juden zu bleiben, das rein Menschliche in uns zu Pflegen, uns aber in jeder anderen Beziehung den Völkern zu affimiliren. Kommt dann die Zeit, daß uns die Völker in der Entwicklung des menschlichen Elementes unserer Individualität einholen, dann wird auch die Zeit gekommen sein, daß wir, als Juden, verschwinden. Diese Zeit, die wir Wohl die messianische nennen dürfen, ist abzuwarten, bis dahin der menschliche Schatz in uns zu hüten und in den Dienst der Völker, denen wir uns afsimilirt haben, zu stellen. Um Mißverständnissen vorzubeugen, muß ich noch Eines hinzufügen : „Nach meiner obigen Auffassung enthalt der Begriff Jude gar keine nationale Zuthal. Jude heißt Mensch, wie er in der Entwicklung des Judenthums, seit Abraham geworden ist. Dieser Mensch — Jude — kann ebenso innig Franzose, Deutscher, Pole u.s. w. sein, wie irgend ein in den Ländern dieser Völker lebendes Individuum. Jedes dieser Volker bildet eine aus den verschiedensten Individuen, vielfach auch aus Bolkertrümmern zusammengeschweißte Einheit. Jede dieser Einheiten besteht ans Individuen, von denen jedes einen Theil seiner Individualität frei für sich behält und entwickelt, während es einen anderen Theil an die Einheit abaibt und auch von ihr empfängt. Ein solches Individuum ist auch der Jude. Insoweit er einen Theil seiner Individualität für sich behält und entwickelt, einen anderen an eine nationale Einheit abgibt und von ihr empfängt, unterscheidet er sich in nichts von seinen nichtjüdischen Mitbürger». Der französische, deutsche, polnische Jude ist daher ebenso echt Franzose, Deutscher, Pole, wie es nur irgend ein diesen Nationen angehöriges Individuum sein kann. Würde Palästina wieder ein jüdischer Staat werden, so müßte sich dort aus den einzelnen Individuen erst ein neues Volk entwickeln und es müßte sich der einzelne Jude erst diesem neue» Volke assimiliren, genau so, wie er sich den uichtjüdischen Völkern assimiliren mußte und afsimilirt hat. Dr. Isidor Daniel. W a d o w i c e, 9. Februar 1897. Krakau» 14. Februar. (Zur Frage „Assimilation oder Separatismus?") In letzter Zeit ist in Ihrer geschätzten Zeitschrift von dem hiesigen Literaten und Correspondenten der „Neuen Freien Presse", Herrn Arthur Eibenschütz, eine Reihe von Artikeln erschienen, die den Antisemitismus und dessen schädliche Folgen eingehend beleuchtet haben und deshalb auch bei den Gegnern seiner geistreichen Ausführungen Interesse erwecken mußten. Allein bei aller Anerkennung der jüdisch-patrioti chen Motive, die Herrn Arthur Eibenschütz bei Abfassung seines letzten Artikels „Assimilation oder Separatismus" leiteten, muß dennoch entschieden dagegen protestirt werden, daß Herr Eibenschütz — wie er sich in diesem Artikel ausdrückte — die „messianische Hoffnung" als bloßes „Ideal" bezeichnet. Herr Eibenschütz hat da bei seiner allzugroßen, aber auch allzu k ü h l e n Objectivität etwas als ein phantasievolles, somit blos „leeres" Ideal hingestcllt, was ein heiliges, unantastbares, religiöses Dogma jedes wahren Juden bildet; denn die Erwartung der Ankunft des Messias („Meschuach") ist ein Glaubenssatz, der auch in unserem täglichen Morgengebete enthalten ist, woran Herrn Eibenschütz zu erinnern ich mir die Freiheit nehme. Was jedoch die anderen, von Herrn Eibenschütz cnlrnrhistorisch begründeten Ausführungen seines Artikels „Assimilation oder Separatismus" betrifft, muß Jedermann denselben, in Hinblick auf die Verhältnisse der Juden in Galizien, unbedingt beipflichteu,

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