Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 8 (19.2.1897)
- Date
- 1897-02-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 Seite 155 Dr. Vloch's Wochenschrift. Das Alte läßt sich nur dann vor Stagnation wahren und I für das Leben conserviren, wenn man es in einen natürlichen Entwicklnngsproceß leitet und den berechtigten Forderungen der Zeit anpaßt. Das nenne ich c o n s e r v a t i v und damit glaube ich auch, mein Programm entwickelt zu haben. Wie wünschenswerth wäre es, w e n n a u ch d i e anderen Herren Curatoren ihre diesbezüglichen Anschauungen Ihnen bekannt gäben, um zu wissen, mit welchen Elementen und Absichten Sie es zu thun haben, woraus sich der richtige Actions- und Organisationsplcm ergeben könnte und der judenübliche Zank äs lana caprina sich vermeiden ließe" ... Soweit jenes Schreiben an den verewigten Baron Moritz von Königswarter, in dessen Nachlaß es sich befindet. Sind solche und ähnliche Befürchtungen eingetroffen oder haben sich die Warnungen a l s g r u n d l o s e r w i e s e n?! Viäe! Die erste Enunciation des Rectors, welche als eigentliches Programm für die Tendenz und Richtung der neuen Anstalt anzusehen war und mit ironischem oder wehmüthigem Lächeln ausgenommen wurde, weil sie nur zu geeignet erschien, der alten Pilpulistik ein neues methodisches Mäntelchen umzuhängen und den vielverlästerten Talmud noch den Vorwurf der Spitzfindigkeit und kniffigen Haarspalterei einzutragen. Diese theologische Programmarbeit, im wissenschaftlichen Sinne ein pilpulistischer Exceß, bildet geradezu einen Scandal J Ein illustrer österreichischer Staatsmann soll sich achselzuckend darüber geäußert haben: „Und sonst hat der gute Mann nichts von Hillel, dem Lehrer Christi, zu sagen gehabt?" Viäe! die Erfindung eines Herrn Professors, welcher die visionäre Ekstase des Propheten Ezechiel in die Zwangsjacke von Strophik und Responsen steckte. Gleichwohl ließen sich ansehnliche Wiener Blätter von Mitstrebenden des Ezechiel-Forschers Kukuckseier unter den Strich legen: Lobeshymnen, die in jeder Zeile nach Krafft- Ebing schrieen. Viäe Lehrstoff, in welchem „Die Braut von Messina", koscher ePsychologie und rituell z u b e r e i t e t e Pädagogik figuriren, welche man ungleich besser und weit billiger und beinahe kostenfrei an der Universität zu hören bekommt. Viäe Budget, worin unverhältuißmäßig große Beträge für leidliche und unleidliche Leistungen eingestellt sind. Sollte da nicht im Interesse der arg maltraitirten, um ihre beste Zeit gebrachten Jugend, deren Zukunft und sachliche Ausbildung gefährdet wird, eine Reform d e r A n st a l t an Haupt und Gliedern u n a b w e i s l i ch und u n a u f schieb- 6ctr fein? Freilich liefert einmal Karl Vogt den Nachweis, daß aus den ärgsten Schulen die besten Köpfe hervorgehen; aber er hatte dabei sicherlich nicht an ein Seminar nach den' Muster der israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien gedacht. U. A. w. g. Der Einfluß des jüdischen Geistes aus die antike Welt. VI. Der antike Antisemitismus. (Zonsetzung). Philo verschweigt den Namen des Agitators Apion mit einer offenkundigen Absichtlichkeit. Es spricht sich in diesem Totschweigen eine unsagbare Verachtung gegen den gewissenlosen „Ochlagogen" aus, die umso wirksamer zu Tage tritt, als Philo die Mordgesellen des Grammatikers namentlich erwähnt, ihn selbst aber verschweigt. — Und so ist es denn der jüdische Geschichtsschreiber Josephus, der zuerst gehört werden muß, da wir ja ihm hauptsächlich die Bekanntschaft mit Apion verdanken, der ohne ihn der vollständigen Vergessenheit anheimgefallen wäre. Damit man aber nicht die Glaubwürdigkeit des jüdischen Gegners anfechten könne, wollen wir seinen Berichten nur insoweit folgen, als sie mit den einschlägigen heidnischen, über jeden Verdacht der Judensreundlichkeit erhabenen Ueberlieferungen Haarschars übereinstimmen. Warum aber Josephus zwei Menschenalter nach dem Verschwinden des Grammatikers vom Schauplatze und nachdem sein Name längst verhallt war, ihn von den Todten erweckt, indem er seine schamlosen Verleumdungen in einer Streitschrift, einem Meisterwerk der Gelehrsamkeit, Scharfsinn und Schlagsertigkeit, überzeugend widerlegt, wodurch die traurige Berühmtheit Apivns erst der Nachwelt überliefert wurde, ist unschwer zu errathen. Der Grammatiker war zur Zeit unseres Geschichtsschreibers allerdings tvdt und vergessen; allein die von ihm über Judenthum und Juden weithin verbreiteten Lügen feierten, wie wir gesehen, gerade um diese Zeit bei römischen Schriftstellern ihre Auferstehung und das bestimmte unseren Josephus, seine Entgegnung abzufassen. In Apion und dessen Vorgängern wollte er alle Judenverleumder seiner Zeit treffen. Uebrigens fühlt er selbst das Bedürfniß, die Abfassung einer Widerlegung gegen einen Apion zu entschuldigen, und rechtfertigt dieses mit folgenden Worten: „Ob es sich der Mühe lohnt, gegen den Grammatiker Apion zu sprechen, darüber sind in mir Zweifel aufgestiegen . . da aber die meisten Menschen wegen ihres Unverstandes an solchen Reden — nämlich wie die eines Apion — mehr Gefallen finden, als an sorgfältig durchdachten, über Schmähungen sich freuen und über Lob sich ärgern, jo erachtete ich es für geboten, auch diesen nicht ohne Urckersuchung zu übergehen, der gegen uns, wie vor einem Gericht, eine Anklageschrift versaßt hat.') Natürlich, wenn sogar Geschichtsschreiber, wie Tacitus, auf die von Apion über die Juden ausgestrenten blöden Verleumdungen zurückgreifen und dieselben als geschichtliche Thatsachen mit der Wucht ihrer Persönlichkeit zu decken suchen; dann allerdings blieb dem jüdischen Geschichtsschreiber Josephus nichts anderes übrig, als den todten Apion auszugraben und das von ihm und seinen Vorgängern um das Judenthum gesponnene Lügengewebe zu zerreißen: Seht euch doch den Mann, der uns und unsere Religion in so _ schimpflicher Weise verdächtigte, ein wenig näher an — ruft Josephus ans — und urtheilt dann selbst, was von seinen Schmähungen zu halten ist! „Apion hat von dem, was er geschrieben, Manches Anderen nachgeschrieben, was er aber hinzufügt, ist frostig. Das meiste ist niedrige Spaßmacherei und verräth, nur die Wahrheit zu sagen, große Unwissenheit, wie von einem Menschen ersonnen, der, schlecht von Sitten, sein ganzes Leben ein Marktschreier gewesen" b). Genau so charakterisirt ihn Kaiser Tiberius. Er nennt Ihn „die Weltpauke". So berichtet Plinius, indem er commentirend hinzufügt: „die Bezeichnung „Posaune seines eigenen Rufes" wäre richtiger."4 * 6 7) Uebereinstimmend damit schildert ihn ein anderer Schriftsteller als „beherrscht vom Laster der Ostentationssucht" (vitiotudioque oateutationid i, und geschickt im Anpreisen seiner Wissenschaft. •) ... Als ein Beyprel ferner maßlosen Eitelkeit und Prahlerei fi'chrt Josephus an: „Er zählt Männer auf, wie Sokrates, Zenon, Kleanthes und Andere. Dann aber fügte er zur größten Verblüffung der Leser seinen eigenen Namen hinzu, Alexandria glücklich preisend, d a ß e s einen solchen Bürger wie ihn besitze. Allerdings", so fährt Josephus fort — „allerdings mußte "er selbst für sich zeugen, da er den Andern als ein schlechter Marktschreier erscheint, verdorben in Wort und That, so daß mit Recht Jeder die Stadt Alexandria bemitleiden würde, wenn sie sich auf diesen Mann etwas einbildete."") Ein ähnliches Beispiel protziger Eitelkeit bringt Plinius. Er berichtet nämlich, Apion habe sich gerühmt, diejenigen der Unsterblichkeit zu überliefern, denen er eine Schrift widme. ') Er wird uns als vielgeübter Klopffechter geschildert, der das ungereimteste Zeug mit ernster Gelehrtenmiene aus seinem Philosophenmantel schüttelte, der die lächerlichsten Fabeln und Ammenmärchen seinem Publicum, das er nur zu gut kannte, bieten und dabei betheuern dürfte: „er habe es mit eigenen Augen gesehen." Er hat Fischarten gesehen, die grunzen, wenn man sie fängt, und Hirsche, die vier Geweihe haben. Er weiß von Strömen zu berichten, in denen die schwersten Gegenstände nicht untersinken, und hat die Inseln der Seligen in einem egyp- 4) Contra Ap. II. C. 1. ’) Contra Ap. II. C. 12. B) Plinius, hist. nat. prael.: Apion quidam grammatieus, pie quem Tiberius Caesar Cjmbalnm naundi vocabat, quem prorsae famae tympanum potius videri posset. 7) Gellius, noct. Att. V. 14: in praedicandis doctriuis sni venditator. 'i) Contra Ap. II. 12. °) Plinius a. a. 0. immortalitate a se donari scripsit, ad quos aliqna componebat.