Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-02-19 · 8 (19.2.1897) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
8 (19.2.1897)
Date
1897-02-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021177--06469-3030752
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 154 Nr. 8 t^^«i?g.-a88itea«fleBi iMBiiJMwrrnrFi Dr. Vlvch's Wochenschrift. Zu spät hat man den Segen des Carbols erkannt. Solche kräftige Verdauungsworte wie sie der treffliche N o s k e der Bande bietet, wären das beste Desinfektionsmittel gegen diese Cholera gewesen, hätte man es zur rechten Zeit, damals freilich mit vollem Maße, ausgestreut. Unsere Liberalen waren es, denen die Ehrenpflicht oblag, ein Sanitätscorps zu bilden, bereit überall dort, wo sich Spuren von Unreinlichkeit zeigten, mit Kraft und Energie, reinigend und desinficirend aufzutreten. Die Forscher der Zukunft werden sicherlich nicht davor zurückscheuen, die Ursachen und Begleiterscheinungen der Seuche, die gegenwärtig unter uns wüthet, mit aller Schonungslosigkeit klar zu legen. Werden sie diese ihre wissenschaftliche und culturelle Aufgabe mit der nothwenoigen Gewissenhaftigkeit erfüllen, dann dürfte der glücklichen Menschheit eine zweite Choleraepoche, wie wir sie schaudernd miterleben, erspart bleiben. Die Cultussteuer in der Wiener israelitischen Cultusgemeinde. Eiugesendet. Wir erhalten folgende Zuschrift: Wien, 14. Februar. Löbliche Redaction der „Oesterr. Wochenschrift"! Zum Capitel Besteuerung in der israelitischen Cu ltus gem eind e drängt es mich, als treuer Anhänger des Judenthums und mit den Verhältnissen in der Cultusgemeinde vertraut, die Feder zu ergreifen, um vieles Unrichtige richtig zu stellen; es geht nicht an, Vorwürfe zu erheben, wo man selbst einen Borwurf gewiß verdient, wenn man in Verhältnissen ist, eine Cultussteuer von fl. 300 bezahlen zu können, und nur eine solche von fl. 70 entrichtet hat. Nur aus dem Grunde konnte zum Bedauern eines wackeren Cultusgemeinde-Mitgliedes ein solches Deficit in der Gemeinde sich anhäufen, weil die Opferwilligkeit seitens der Wiener Juden für Cultuszwecke fehlt, und jetzt, da der Cultusvorstand einmal das Richtige getroffen und durch Vertrauensmänner auf den richtigen Weg der Besteuerung gebracht wurde, darüber Vorwürfe zu erheben, ist nicht am Platze; wer es noch mit dem Judenthume und mit der Erhaltung des Cultus, der das Bindemittel (?) des Judenthums bildet, ehrlich meint, muß es freudig einsehen, daß es einmal höchste Zeit war, die steuerkräftigen Mitglieder der Gemeinde heranzuziehen und dieselben nach ihren Bermögensverhältniffen zu bemessen. Dabei sei bemerkt, daß die Juden in Wien bei Weitem nicht solche Opfer bringen, wie es unsere Glaubensgenossen in den Provinzen thnn müssen und welche der Cultussteuer halber den Revolver der Confessionsloserklärung nicht immer in der Hand tragen. Ist es nicht traurig, wenn verschämte arme jüdische Familien, vie auf Unterstützung nicht lange warten können, von der Cultusgemeinde abgewiesen werden müssen, weil keine Mittel vorhanden sind, um Unterstützungen zu gewähren; wozu die Empörung über den so viel besprochenen Beschluß des niederösterreichischen Landtages bezüglich der Verweigerung der Subvention für israelitische Waisenkinder? Ist die Verweigerung einer Zahlung der Cultussteuer nicht das Gleiche e» miuiatuie aus unserer Mitte selbst? Wozu sich also immer über unsere Gegner echauffiren, wenn man in eigenen Reihen nicht mitthun will zu Zwecken, die ja besonders in unseren Zeiten nöthig sind. Es gibt keine Steuerschraube im Wiener Cultus, es ist nur bedauerlich, daß bisher die Steuer-Nichtzahlung in unserer Gemeinde so eingeriffen hat und zu dem Zustande eines solchen Deficits geführt hat, dessen sich' die Cultusgemeinde Wiens nicht zu rühmen braucht. Wer unter solchen Umständen nicht den Spruch iscli kematnath jodau beherzigt und nicht gerne an der Regulirung der Finanzen der Cultusgemeinde mitwirkt, dein fehlt das jüdische Pflichtgefühl, wie es leider zu häufig sich vorfindet. Als treuer Anhänger des Judenthumes drängt es mich, Sie zu bitten, diesen Zeilen in Ihrem geehrten Blatte Raum zu bieten, und Ihnen für die Veröffentlichung derselben dankend, zeichnet hochachtungsvollst auch ein Steuerträger, aber ein Jude, wie er sein sollte. Die israelitisch-theologische Lehranstalt in Wien.*) lll. Bor Eröffnung der „Israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien" wurde im April 1893 an den nun verewigten Freiherrn Moritz von K ö n i g s w a r t e r nachfolgender Brief gerichtet, der inzwischen an Actualität eher gewonnen als verloren hat. Verehrtester Herr Baron! „Doppelt erfreut und geehrt fühle ich mich, an einem Unternehmen Mitwirken zu können, dessen Leitung in Ihre bewährte, zuverlässige Hand gelegt wurde. Mein herzinniger Glückwunsch gilt demnach dem Gesammt-Curatoriunr, und der zu gründenden Anstalt, dieser umsomehr, als ich die Hoffnung darall knüpfe, sie werde eilt Keim und Vereinigungspunkt werden für eine Centralisation des österreichischen Judenthums, wie Sie dieselbe in einer Consistorialv erfafsung vor 7 Jahren geplant und die au dem Widerstande atomisirerrder und centrifugaler Einflüsse aus unserer eigenen Mitte — seit jeher das Unglück des Judenthums — leider gescheitert ist. Welch ein Damm wäre eine centrale Vertretung geworden, die das Recht und den Beruf hätte, im Namen von nahezu eineinhalb Millionen Glaubensgenossen zu sprechen und Schritte zu thull gegen die Schlammfluth des Antisemitismus. Aber kleinliche Eitelkeit, Unverstand, jüdische Disciplinophobie haben dem divide et impera unserer Gegner in die Hände gearbeitet .... Zunächst sei es die Aufgabe der Anstalt, Männer heranzubilden, welche als Seelsorger, Lehrer und Gelehrte es auch modern gebildeten Menschen möglich machen, dem Judenthum mit inniger Hingebung anzugehören. Vergeben Sie, wenn ich jetzt schon ein Warnungssignal gebe. Mannigfache Anzeichen bieten mir Anlaß hiezu. Hüten wir uns vor offeneil Zeloten wie vor geheiinen Muckern; machen lvir unsere Anstalt nicht zum Abklatsch der Fehler anderer Seminarien, compromittiren wir sie nicht durch Compromisse mit Jeneir, die wir nie für ims gewinnen können, durch nutzlose Concessionen an die Extremen auf Kosten unseres Princips; feien lvir ni dupe, nicomplice; schaffen wir nur kein jüdisches Kalksburg und auch nicht durch ein literarisches Bagatellverfahreu, durch Ueberbürdung der Zöglinge mit verrottetem Wust, mit falschem Pathos und Afterphilosophie, eine Vorbereitungsschule für ein — maison de sante! Das Seminar soll eine Art Sternwarte sein, welche die richtige Bestimmung angebe für das von der Zeit Unabhängige und für das Zeitgemäße in der Religion — aber kein Cabinet für abstruse Raritäten und Fossilien. Das Seminar soll eine Akademie fein für die jüdische Wissenschaft, ihr neue sichere Entwicklungsbahnen anweisen und altes Lebensfähiges ausgestalten — doch nicht eine Versorgung sanft alt, Sinecure und Ressource für Gelehrte, die auf ihrem Gebiete kein Auskommen und keinen Hörerkreis finden können. Das Seminar soll ein Areopag sein, wo man sich für wichtige wissenschaftlich - religiöse Fragen Entscheidungen zu praktischer Anwendung hole — keineswegs hingegen ein falsches, irreführendes, irrlichterirendes Orakel. Und wer und was sollen die Professoren fein? Wirkliche Lehrer, abgeklärte, von Ideen durchdrungene Persönlichkeiten, welche durch Wissen und Darstellung die Jugend für die Bedeutung und die Mission des Judenthums, für den Beruf eines zeitgemäßen Seelsorgers und Lehrers erwärmen und begeistern können, sowie tüchtige Functionäre nach dem Bedürfnisse und den berechtigten Erwartungen der durchschnittlichen Cultusgemeinde» heranzubilden vermögen — beileibe nicht zöpfische Pedanten, literarische Kleinkrämer, welche ihre Jünger als Versuchskaninchen für ihre bedenklichen gelehrten Bocksprünge und talmi-wissenschaftlichen Experimente verwenden. Nur ja Keinen von jener Gilde einander beräuchernder und aufputzender Professoren, die, in eine gegenseitige Lobe saffecuranz eingekauft, nach dem Satze do, ut des (fjeute dir, morgen mir) Vorgehen, ahnungslos ein derbes talmudisches Wort (Sabbath 34», Zeile 9) befolgend. Es ist bereits so Manches geschehen, was auch in unserer Sache den historischen Ausspruch Thiers' rechtfertigt: „lln'ya plus un ddfaut ä cömmettre." *) Bergl. Nr. 44 und 52» Jahrgang 1896.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.