Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 8 (19.2.1897)
- Date
- 1897-02-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 8. Dr. BIOCll’S Ishrgsn- XIV. Crntralorgan ». ft. Poyspsrrayrn-Ilmf Elraringverkrhr Nr. 610.976. »rd«rtton und Administration: Wün .. . ».uw k»>sn»trnpratzrl» Telephon-Nr. 6535 für dir gesammten Interessen des -- ~~ ■ —^- Wien, 19. Februar 1897. - »M-—«fr- Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adreffe: Bloch's Wochenschrift Wien. Judrnthums. z, >r;ug»Prri» sür Srst»!? Halbiührig 4 fl. — 8 :j Sinjelexemplare S& kr. Nir'» Ausland: •j Qalfe 6 fl I0Jtr.;; »»njiäSuig iß „ ao „ : R n) c i g t n : Die «mal gespaltete Perirzerle IL kr. Inhalt: Artikel: „Mein lieber Dr. Lueger." — Die „Cholera" in Wien. — Die Cultnssteuer in der Wiener israelitischen Cultusgemeinde. — Die Israelitisch-theologische Lehranstalt in Wien. — Der Einsluß des jüdischen Geistes auf die antike Welt. — Assimilation oder Separatismus? — Das Mädchen-Comite des „Ferienheim". — Humanität im Dienste der Frauen und Mädchen. — Israelitischer Freitischverein in Brünn. Vom Jahrmarkt des Lebens: Das Duell Lueger-Tomanek. Belauschte Ballgespräche. Die Heldenthat eines „gebildeten Deutschnationalen". Der Anticorruptionist im Etablissement Ronacher. Das älteste Bergwerk der Welt. Zur Schächthetze. — Correspondenzen: Wien, Baden, Budapest, Pili'ikau, .llraknn, RoLnau, Prag, Breslau, Berlin, Paris, Kopenhagen. — Vermischtes: Wien, Bozen, Stanislau, Suezawa, Budapest, Marienbad, Hohenau, RoLnau, Jaroslau, Ung.-Brod, Berlin, London, Perth, Belfast, Wilkesbarre. — Feuilleton: Simson der Gibor. — Briefkasten. — Inserate. „Mein lieber Dr. Lueger." Aus Anlaß unseres vorwöchentlichen Artikels: „Der antisemitische Parteiball" ist uns von einer hochstehenden Persönlichkeit ein Schreiben zngekommen, ans welchem wir nachstehende Zeilen heransheben: .. Die antisemitische Berichterstattung hat sich dabei Dinge herausgenommen, welche man in anständigen und patriotischen Kreisen kaum für möglich erachten sollte. Um momentanen Parteizwecken, wohl nur, um der Wahlpolitik zu dienen, wurde die geheiligte Person des Monarchen nicht geschont. Worte, die nie gesprochen worden, hat man Sr. Majestät in den Mund gelegt." „Insbesondere von der angeblichen Begrüßung: „Mein lieber Dr. Lueger, wie geht es Ihnen", will ich mit aller Bestimmtheit und allem Nachdruck erklären, sie ist nichts Geringeres als eine dreiste Geschichtsfälschung." „Keine zweite politische Partei ist je mit solcher Scrupellosigkeit inVerfolgung der Parteizweckevor^egangen. Sie dürfen aber getrost Ihren Glaubensgenossen erklären, jene von den antisemitischen Berichterstattern gemeldeten Worte: „Mein lieber Dr. Lueger" sind eine parteipolitische — Erdichtung. Seine Nt a j e st ä t der Kaiser selber haben diese Worte nicht gesprochen..." Es ist kaum nöthig, dieses interessante Schreiben mit irgend einem Commentar zu begleiten. Die „Cholera" in Wien. Im niederösterreichischen Landlage ist diese Woche ein treffendes Wort gesprochen worden. Der Abgeordnete Rector Kick, dem die Landtagsgesellschaft etwas verhältnißmäßig Neues ist, dem noch der Ton der Schneider und G r e g o r i g s auf die Nerven geht und der sich auch noch nicht jene ebenso vornehme, wie gesinnungslose Blasirtheit angeeignet hat, die viele seiner Parteigenossen in xuneto Judensrage auszeichnet, hat sich zu vergegenwärtigen gesucht, mit welchen Gedanken und Gefühlen zukünftige Generationen das Rnhmesbuch der antisemitischen Partei, die Protokolle des niederösterreichischen Landtages, zur Hand nehmen werden. Und der Gelehrte meinte, daß künftige Geschlechter von eine^' Cholerazeit sprechen würden. Das Wort Cholerazeit ist glücklich gewählt. Es tönt freilich ganz anders, wie jene Complimente, mit lenen Herr Gudenus die Luegerbewegung bei Eröffnung des Landtages begrüßt hat. Wenn die Zukunft sich dereinst voll Erstaunen fragen sollte, was Herr Gudenus unter der heimatlichen christlichen Anschauung gemeint hat, so wird die Antwort darauf einigermaßen schwer fallen, und die Geschichtsforscher kommender Jahrhunderte werden sich vergeblich die Köpfe über das Problem zerbrechen, warum gerade das Aushungeru jüdischer Waisenkinder oder die frivole Boycottirung israelitischer Stenographen zu den heimischen oder christlichen Anschauungen gehört. Da wird es sich als ein viel dankbareres Beginnen erweisen, mit der zweiten Definition zu operiren, die überdies die Empfehlung für sich hat, daß sie von einem Techniker, also von einem Manne des gesunden, praktischen Menschenverstandes, stammt. Als im Jahre 1894 die Cholera in Hamburg gewüthet hatte, da ging man vor Allem daran, die Ursachen festzustellen, die dazu geführt hatten, daß die furchtbare Krankheit so rasch an Boden gewonnen und sich so tief, so gründlich eingeuistet hatte, daß es langer, langer Zeit bedurfte, sie wieder aus dem Weichbilde der alten Hansastadt zu vertreiben. Da blüht den Forschern einer schöneren Zukunft ein reiches Arbeitsfeld. Sie werden feststellen müssen, wie die Gesinnungscholera üppigen Boden fand, sich fortzuentwickeln. Sie werden keinen Augenblick im Zweistl darüber sein, warum die Lueger- und Schneid er-Bacillen so trefflichen Nährboden fanden. In dem Gesinnungsschmutz, in dem Moraste der Unreinlichkeit des Denkens und des Handelns, der das Duliäh-Wienerthum von jeher auszeichnete, der sie heute den jüdischen Revolutionshelden des Jahres 1848 zujubeln hieß, um morgen ihre knutengewöhnten Rücken der Peitsche des Fürsten Windischgrätz zu beugen, konnten die Krankheitskeime der antisemitischen Cholera lustig gedeihen. Und wie sah es mit den hygienischen Vorkehrungen, mit der Sanitätsbehörde aus?? Die fehlte vollständig.