Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-02-12 · 7 (12.2.1897) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
7 (12.2.1897)
Date
1897-02-12
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021176--06457-3030739
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

-Ar. 7 Vr. Vloch's Wochenschrift Gelte 143 sie nun auf ihrer Hände Arbeit angewiesen. Dein Akiba aber nimmt sie kurz nach der Vermählung das Versprechen ab, lernen zu gehen. Er steht an einem Brunnen, dessen Wasser, Tropfen um Tropfen, aus den Stein fällt. Wenn das möglich ist, sagte er, warum soll das Gotteswort mit seinen heißen Gewässern nicht auch mein Herz erweichen? Und so zieht er fort, verläßt seinen Berus, sein acm.-s Weib, und geht in die Schu'e zu Rrbbi Elieser nnd Rabbi Josua, später auch zu Nahum aus Gimsu, dann auch zu Nechunja ben Hakana. Unter bitterer Noth widmete er sich dem Studium des Gesetzes, von dem Erlöse eines halben Bundes Stroh nährt er sich. Seine Frau arbeitet unterdeß und als sie einst van der Noth ihres Mannes hört, läßt sie die Haarflechten von ihrem Haupte abfch neiden und verkauft sie, um mit dem Erlös das Leben ihres Mannes für einen Tag zu fristen. Ec soll ihr dafür, nach dem Talmud, ein goldenes Jerusalem als Kopfschmuck versprochen haben. Hat er das gehalten? ja; denn der jer. Talmud erzählt, die Frau des Patriarchen Gamaliel beneidete sie später um diesen Schmuck. Ieaenfalls aber, meiire verehrten Damen, wenn ein W'ib solchen Idealismus an den Tag legt, trägt sie nicht ein — wenn auch nicht goldenes —Jerusalem auf ihrem Haupt? Ist Jerusalem nicht der Inbegriff jedes Idealismus? Verlassen w'r nun die Idylle, sprechen wir nur aus, daß Rabbi Ak,ba sich eine große Summe von Wessen augeeignet. Ec studirt bei Rabbi Elieser die B bel und wird auf die alten Traditionen hinge- ,vieien; Rabbi Josua schärft seinen Geist; Nahum aus Gimsu ist der Schöpfer des Ootimismus unseres Weisen — er, von dem mau sagt, ec habe immer das Wort im Munde geführt: gam sa l’cöba auch bieg zum Gaten — um et ist es. der ihn die Partikel na nnd aa beuten gelehrt; von Nechunia beu Hakaua wird er in die Philosophie seiner Zeit eingeführt, in den neuplatonischen Gaosticismus, und lernt über die metavhy'ischen Probleme feiner Z-it denken. Nach zwölf Jthreu znrückgekegrt, belauscht er das Gespräch eines Greises mit seiner Frau. „Glaubst Du wirklich, arme Rthel, daß Akiba zurückkehrt? Such: doch die Restituirnng bei deinem Vater an!" Sie aber spricht, ohne zu ahnen, daß ihr Gatte es hört: „Ging es nach meinem Willen, Akiba müßte noch zwölf Jthre studiren und dann, von einer größeren Schülerzahl begleitet, in die Heimat zurückkehren." Da kehrt Akiba um. zwölf Jahre laug besucht er die verschiedensten Gegenden, hat Disputationen mit Bekennern verschiedener Consessionen, mit Gelehrten allerlei Art und k>-hrt endlich, von 21000 Schülerpaaren begleitet, gekrönt als Meister der Wissenschaft zurück. Alles hnloigt ihm. Auch seine Frau komntt zu seinem Empfange; die Schüler, die das Berhältniß nicht ahnen, wollen sie zurückweisen. Er aber sagt: „Lasset sie, denn, was ich bin und was ihr durch mich seid, dieser Frau haben wir's zu danken. Kalba Sabua löst sein Gelübde. Hättest Du, fragt ihn Akiba, das Gelübde auch geihan, wen» Du gewußt hättest, daß ich ein Gelehrter?" „Nimmermehr",'antwortete Jener. Das bestätigt meine oben ausgesprochne Vermuthnng. Kalba Sabua küßt den Saum von Akiba's Kleid, beschenkt ihn, ja es staden sich groß: Männer, die ihm ihr Vermögen hutterlassen, so der Senator Flavins Clemens, der Vetter der Kaiser Domitian und Titus (nach Grätz). Ec wird ein reicher Mann; von seinem Reichthnm unterstützt ec arme Studierende, bereist Aethiopien und andere Länder des Orients und koinmt auch nach Rom. Selten ist ein Mann so gefeiert worden, wie Akiba. Die Einen sagten: er sei ein Moses, die Anderen: ein Elra, ein Dritter behauptete : wer sich von Dir trennt, der trennt sich gleichsam vom Leben. In B'nö Brak (in der Nähe von Joppe) gründete er eine Akademie. Nach drei Richtungen leistete er Bedeutendes. Ec ist ein bahnbrechender Forscher auf dem Gebiete der Theologie, ein Volkspäoagoge und ein großer Philosoph. Was das Erste betrisfc — so hat Akiba ein ganz neues System geschaffen. Im Gegensätze zu den Tradenten, die nur das von den Vätern U-berkommene treu zu wahren suchten, geht Akiba weiter und sagt: Es ist die höchste Zeit, daß wir die Traditionen nicht nur erhalten, sondern auch neuschaffend vermehren. Darum schafft er Halachoth auf Halachoth, darum so viele Satzungen auf jedem Punkte, daß unsere Zeit es kaum begreift. Aber leben wir nicht auch in einer Zeit, wo wir darauf angewiesen sind, uns auf uns selbst zu beschränken, uns zurückznziehen und das von den Vätern geerbte Gut zu erhalten und zu entwickeln? — Draußen wuchtete die Hand Roms; wir sehen nicht nur die neue messianische Religion — das sogenannte Juden- Christenthum, welches sagte: Genug des Gesetzes, wir wollen den Glauben. — Da trat Akiba ans — es sei die höchste Zeit, meinte er, wenn nicht die heiligste Pflanzung der Religion sollte mit Füßen getreten werden — und setzte die Forschung und die Lehre selbst über die vollendete That. Der Talmud sagt: Akiba schuf Ring aus Ring, bildete so ganze zusammenhängende Ketten für die Theorie, um dem Gedächtnisse der Schüler die Lehre mnemonischer Mittel an die Hand zu g-ben. Damals gab's keine Bücher, nur e i n geschriebenes Buch: das Buch der Bücher; die Tradition aber pflanzte sich von Mund zu Mund fort. Wie bewahrt man Traditionen vom Untergange? Akiba sagt es uns: Ich schaffte Ringe; wie Sokrates nach P r t n c i p i e n suchte, so suche i ch für sämmtlich: Traditionen geistige Principien — Klol - und gruppire sie nach inneren Gründen — Taam. — Habe ich sie gefunden, so hat meine Schule, so hat die ganze Zukunft ein bleibendes Mittel zur subjectiven Forschung. Das war der Vater unseres Talmud, das die Forschungen, die bahnbrechend auf diesem Gebiete wirkten. Er. der den Ausspruch that: auf dem Gebiete des Rechtes gibt es keine Barmherzigkeit, er war — das behaupte id) als alter Talmndist — der edelste Mensch. Von ihm können wir lernen^ was das Nothweudigste ist: Sitte und Sittlichkeit, und in seiner L-chnle wir) gelernt: der Jude, der einen Pianetenanbeter beraubt, har schwerer gesündigt, als ein Ilde, der einen Jlden beraubt. Denn ein solcher hat nichr nur geraubt, sondern auch die Ehre seines Gottes und seiner Religion in den Staub gezogen, er hat Chilul haschem begangen. Seine Bolkspädagogik besteht darin, daß er demjenigen, der im Stande ist, Berge an einem dünnen Haarfaden zu knüpfen, das heißt der ein tüchtiger Meister der Halachah ist, zugleich als der berufene Meister der Agadah, sein Volk zur sittlichen Hohe führt und erzieht. O, er tröstet sein Volk in Unglück Stagen durch wunderbare Gleich lisse nnd Bilder, und das Volk lauscht ihm. wie einst dem Moses. Ihm, der damals das Volk ans die Erlösung ans Roms Gewalt und zugleich auf das Leben der Ewigkeit verwies, ihm ist die Entstehung des trostreichsten Gebetes Israels zu danken, wie es im Tana debs Elia und Mtsechoi Kalla heißt, das Kaddischgebet, den Todten eine Thräne zu weihen, ein Kaddisch nachznfagen — das Kaddisch, das Geist vom G iste Akiba's ist. Berichtet doch die Sage, Asiba habe ein Kilid im Kaddisch nnlecrichrec, dantit dessen Vater die Seligkeit erlange. Akiba's Bolkspädagogik wird erst dann zu Ende gehen, wenn oer letzte Jade seine Seele anshauchen wird. Wir dürfen uns Akiba keineswegs als Lästeren Moralprediger, als trockenen Halachisten vorstellen. Bon ihm hu sein Schäler, R. Jehuda hanassi gelernt, wie man eine Z thocerschaft zur Aufmerksamkeit anspornt. W:e köstlich ist bot) das Mittel, jene barocke Frage: „Warum regierte Esther über 127 Provinzen? Weil sie eine Tochter Sarah's, welche 127 Jahre all geworden." Ja solcher Schule, lernt der Redacteur der M sch na wieder öett Witz in den Dienst der Pädagogik des Volkes zu stellen. Oder: „Ich habe eine Frau gekannt, welche 6)0.003 Kindern das Leben gegeben." Die Schlafenden erwachten und fragten: „Wer ist das?' „Jochebed", lautete die Antwort. Denn sie g-bar den Moses und der wiegt doch sicherlich 600.000 J'raeliten ans. Hat ec etwas für die S ch ulPädagogik gethan? Voriges Jahr feierte All-Deutschland Pestalozzi's 150. Geburtstag. Nun denn, schnlpädagogische Sätze, wie die weiter cilirten des Akiba, hat kaum Pestalozzi oder Herbart ausgesprochen. „Ein Abschnitt täglich und nicht mehr!" „Empfängst Da wenig, so hast Du viel; vielerlei, so hast Da nichts!" „Lerne nur ans correcten Bachern, leicht setzt sich sonst der Fehler in der jugendlichen Seele fest". „Damit du des Schülers Geist schärfst, drehe die Th sie um". „Fragen) deute dem Schüler die Antwort an!" „Besser als die Schule lehrt das Leben, mehr als Bücher der Umgang mit Weisen". Ich komme jetzt zu seiner Philosophie. Ec war kein cy,sicher Asket, kein weltsch nerzelnder Pessimist; e: war ein nüchterner, rheistischer Idealist. Im Perek finden sie seine ganze Ethik zasammengefaßt in den Sätzen: „Ales ist vorhergesehen und doch ist der menschliche Wille frei". „Die Welt wird mit Güte gerichtet, und doch gibt es ein Weltgericht". „Alles nach Maßgabe der Handlung". Das ist ein ethisches System, das ganz an die Leibnitz'sche Theodicee erinnert. Aber auch die Metaphysik bereichert er durch die Bekämpfung des Demiucgos, worauf sich die Erzählung von den Parves bezieht. Die Quintessenz seiner Theologie, seiner Pädagogik und seiner Philosophie liegt aber in den Worten, die Akiba;n einer Zeit aussprach, da das neuaufzekommene Messiasthnm der Christen die Nächstenliebe ganz für sich allein in Anspruch nahm: „Du sollst lieben deine» Nächsten wie dich selbst, das ist das Hauptprincip der Thora". Solch ein verknöcherter Talmudist sagt da etwas, was die ganze Welt erfüllt, wovon aber die ganze Welt annimmt, es sei vom Christenthum ansgegangen! Und er sagt nicht nur, daß die Nächstenliebe das große Allgemeine sei, sondern daß dieses große Allgemeine Philosophisch bewiesen werden könne. Gott hat den Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen. Adam heißt nicht Ecdensohn (vo ' aäamab-Ecde), sondern Gleichniß Gottes (von ckemntb, dimjon). Das ist aber nicht der Jude allein, sondern jeder Mensch. G.äiebt ist der Mensch als solcher, denn er trägt feines Schöpfers Bild. Hasse ich den Menschen, so habe ich mich der Idee des göttlichen Schöpfers begeben! Verlassen wir nun das vielgestaltige didaktische Epos im Leben und Schaffen Akiba's und wenden wir uns zu der erschütternden Tragödie seines Lebens. Mehr als ein halbes Jahrhundert seit der Zerstörung des Tempels aus dem Zionsberg war vergangen, auf dem großen Leichenhügel Zions wuchs keine Blume, sproßte kein Gras. Dort schlief aber ein müder Wanderer und träumte einen Traum beseligender Freiheit: Es war Akiba. „Es muy anders werden, es muß wieder eine Zeit der Erlösung, der Freiheit kommen. Fände sich nur der Geeignete, ich würde die Zeit des Messias prognosticiren!“ Rom war damals in den letzten Zuckungen seines Todeskamvies; Mauretanien, Sarmatien und andere Länder lehnten sich gegen Roms Tyrannei auf. Die Flamme des Aufruhrs züngelt sich hinüber nach

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.