Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 7 (12.2.1897)
- Date
- 1897-02-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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0eitr 142 9ti. 7 Dr. Block s WochensttzriN frohe Stimmung, die anhaltend allgemein geherrscht und für die reiche Zerstreuung, die Jeder fand. Nachdem bereits die Sonne anfgegangen, waren die letzten Klänge verhallt. Den Ball beehrten durch ihre Anwesenheit Se. Excellenz der belgische Gesandte Herr N e p t, der kaiserlich-deutsche Botschastsrath Graf H e n ck e l von Donnersmark, S. H. O s m a n Pascha, Sohn des ehemaligen kurdischen Königs, die die seltene Liebenswürdigkeit besaßen, sich persönlich mit dem Verkaufe von Ballkarten abzugeben, eine That, die nicht genug gelobt werden kann; die Söhne des Großveziers, der Oberst Sadik Bey vom Palais, der deutsche Schiffscommandant Herr K r a ch, einige österreichische Osticiere von den Stationärschiffen, viele hochgestellte Türken und sonst angesehene Persönlichkeiten. Auf der Galerie als Zuschauer in coguito befand sich ein besonderer Abgeordneter des Ieldiz-Kiosk, S. E. A h m e d G i l a l e d d i n Pascha, einer der vertrautesten und höchsten Würdenträger Se. M. des Sultans. Dieser Mann wird der Beschirmer des Großherrn der Türkei genannt. Sein Amt ist es, im Vorzimmer des kaiserlichen Schlafgemaches die Nacht zuzubringen, um so die geheiligte Person des geliebten Monarchen zu bewachen. Ahmed Gilaleddin Pascha ist ein großer Freund der Juden, über die er sich in den anerkennendsten Ausdrücken oft geäußert. Als vor dem Balle S. Excellenz von einer Abordnung des Vereines ersucht wurde, die Patronage desselben zu übernehmen, da sagte der edle Türke: „Es handelt sich um ein israelitisches Woblthätigkeitswerk, ich würde ihm gerne vorstehen, aber die politischen Umstände erlauben es nicht. Uebrir gens werde ich darüber mit Sr. Majestät dein Sultan sprechen.! Ich liebe die Juden, sie sind gute und treue Unterst anen, die ihren Herrscher innig lieben. Se. Majestät der Sultan ist dem jüdischen Volke aber auch sehr gewogen und zugethan. Ich persönlich interessire mich sehr für die Juden. Als die Anstreibungen der armen Leute aus Rußland begonnen, habe ich selbst an die Herren von Rothschild und H i r s ch geschrieben, und ihnen vorgeschlagen, wie der allgemeinen Noth zu steuern sei. Leider hatten sie verschiedene Absichten und Pläne, so daß meinem Bemühen wenig, vielleicht gar nichts gelungen ist . . ." Solche Freunde zu besitzen, ist eine Gunst des Himmels, und unsere Glaubensgenossen in der Türkei dürfen sich darüber glücklich schätzen. Die warmen Worte Ahmed Gilaleddin Pascha wird auch im Auslande jeder Jude warm empfinden und ihm, dem hohen Würdenträger, aus tiefstem Herzen Dank wissen für seinen Edelmuth und seine Menschenliebe. Da man eine günstige Antwort auf das an ihn gerichtete Gesuch nicht abwarten konnte, so hat Ah med Gil al eddin Pas ch a seine Theilnahme an dem Balle doch bewiesen, indem er 20 Billets für sich behielt, das heißt, 20 Pf. (260 Gulden) der Vereinscasse zusließen ließ. Das Erscheinen von solchen Persönlichkeiten ans dem israelitischen Balle ist nun ferner ein Beweis, daß im osmanischen Reiche jene wildfchäumende Strömung von Haß und Neid, die sich im Auslande in so fürchterlicher Weise breit macht, durchaus nicht bekannt ist. Wenigstens thut man gut, Einzelheiten von teutonischer Unduldsamkeit und von germanischer Jubenfeindlichkeit, die auch bereits in der türkischen Hauptstadt Vorkommen, keine Beachtung zu schenken. Es sei jedoch beiläufig bemerkt, wie niedrig und gemein es ist, wenn gerade ein getaufter Jude, der aber ungeheuer stolz darauf ist, vom Papste geheiligt worden zu sein, nachdem er in Bessarabien, so sagt man, die Rolle eines Belfers gespielt, sich als erster die Mühe gibt, unter friedlichen Bürgern die Saat der Zwietracht und des Hasses auszustreuen. Wenn dieser Mann dieses Unternehmen in Antisemitismus des Vortheiles halber begonnen, so hat er sich entschieden geirrt. Jede weitere Erörterung dieser Angelegenheit bleibe jedoch für nächstens aufgehoben. Dieser Bericht eines Ereignisses, das einen so schönen Verlauf genommen, soll nicht durch Mißtöne getrübt werden, wenn auch bereits einige unangenehme Worte geäußert wurden. Das Reinerträgniß des israelitischen Balles beträgt nahe an die zweitausend Gulden. Das ist ein Ergebniß, wie es vielleicht noch nie erzielt worden. Wegen ihrer Verdienste um das großartige Gelingen des Balles genannt zu werden verdienen die Damen Ehrlich, Engel, N a h u m und Rosenthal, Frl. Schwarz und die Herren Hamb u r g e r, Dr. Schwarz, Einil Effendi Rosenseld, R e i s n e r, T e i ch m a n n, wie überhaupt dem ganzen Comite die vollste Anerkennung zukommt. Oxsterrrichisck - Israelitische Union. Am 16. Jänner d. I. hielt die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" eine zahlreich besuchte Vereinsversammlung ab, auf deren Tagesordnung ein Vortrag des Predigers Dr. D. Leimdörfer aus Hamburg über: „Akiba, der tragische Heros der Rabbinen" stand. Der berühmte Kanzelredner, der einer an ihn seitens des Vorstandes der „Union" ergangenen Einladung, in Wien einen Vortrag zu halten, bereitwilligst Folge leistete, wurde bei seinem Erscheinen an dem Vortragstische von der Versammlung stürmisch acclamirt und seine mit hoher Eloquenz vorgebrachten Ausführungen stellenweise mit lebhaftem Beifalle belohnt. Ein aus der Versammlung spontan hervorgegangener Antrag, nach diesem Vortrage die Versammlung zu schließen, unl den Eindruck dieser Rede nicht durch Debatten zu verwischen, fand einstimmige Annahme. Vor Beginn der Versammlung hielt der Vorsitzende. Präsident Dr. Josef G r ü n f e l d dem verstorbenen Präsidenten der Eultusgemeinde Gustav Simon einen warmempfundenen Nachruf. Die Versammlung ehrte das Andenken an den Verblichenen durch Erheben von den Sitzen. Herr Dr. L e i m d ö r f e r hielt nun folgenden Vortrag: „Die Phasen der Volksgeschichte Israels lassen sich mit den Sonnenphasen am treffendsten vergleichen: Aufgang, Fortgang, Niedergang und Untergang. Aufgang: Das war der Exodus aus Egypten ber Zug zum Sinai; Fortgang: die Berührung der großen Volkerwogen Assyriens, Chaldäas und Persiens mit dem Strom des Judenthums zur Zeit des babylonischen Exils; Niedergang: das war zur Zeit der Kinder Alexander Jonnai's, Hyrkan II. und Aristobnl II., al§ Rom anfing, seine Uebermacht Judäa fühlen;n lassen; Untergang: der Bar-Kochba-Aufstand, als die nationale Herrlichkeit Zions einfür allemal das Ende erreichte. Aber die göttliche Vorsehung hat uns an den Himmel unserer Geschichte Sonnengloben für jede dieser Phasen gegeben: beim Aufgang die Sonne Mosis, beim Fortgang die Sonne Esras, beim Niedergang die Sonne Simon ben Schetachs, beim Untergang die Sonne des tragischen Heros der Rabbinen, Akiba ben Josef. Lassen Sie mich heute den Sarg sprengen, in dem die Gebeine dieses großen Mannes ruhen, der vor 1700 Jahren lebte und ^3knd dem Worte aus unserer heutigen Paraschah : Moses nahm die Gebeine Josefs mit sich. Akiba ist meist denen bekannt, die zu den kundigen Schwimmern durch den großen Ocean des Talmud gehören. . ^?llr der Abkömmling einer Proselytenfamilie, nach dem Talmud em Nachkomme Siseras'. Sein Vater war ein Ger-Zedek, seine Mutter eine fromme Jüdin. Geboren um die Mitte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, erreichte er ein Alter von 120 Jahren. Sifre meint: Die ersten 40 Jahre galten als Periode der Unwissenheit, die zweiten 40 als die der Schulung, die dritten 40 sind die Meisterjahr.'. Nach Forschungen über Akiba möchte ich ein anderes Bild entwerfen. Der Morgen seiner Tage glich einer romantischen Schäferidylle, der mittag seines Lebens einem vielscenigen, didactischen Epos, der Abend ist aber eine erschütternde Tragödie, deren Heros Akiba ist. Der Morgen! In den idyllischen Tristen um Jerusalem begegnen wir einem Hirten des Kalba Sabua, einer der reicksten und wohlthätigften Männer »ur Zeit der Tempelzerstorung seiner Zeit. Er ist ein Freund seglichen Wissens, erfüllt von einem patriotischen Zionismus, wie kaum enter m unserer Zeit. Akiba aber haßt die Weisen; er sagt einmal: -wer führte mir einen Schüler zu, ich würde ihn verwunden, wie ein ungeberdiges Mauithier. Warum? Die Meister glauben aus nationalem v^hauvinismus im Gegensatz zur Schule des friedlichen Ben Saccai. hinzu: Es ist die Erkenntniß seiner Unwissenheit. Denn seit Rabvl Jochanan ben Saccai durch die Schule in Jabne bewiesen, daß die nationale Herrlichkeit Zions untergehen kann, das Judenthum sich aber durch die Schule forterhalten könne; seit damals war, ein Talmidchacham zu sein, der erhabenste Adel. Akiba aber war in seinem 40. ^ebensjahre noch unwissend, kannte noch nicht das Alphabet. Die Schüler der Weisen stammten aus den Schulen Hillel's ben Saccais; ^ese aber wollten den Frieden mit Rom, die Hauptidee ihres Schaffens war nicht der Nationalismus, sondern die Religion, die religiöse Fortentwicklung. Das romantische Gemälde beginnt erst. Ben Saccai s Schüler, die Weisen, hatten an dem Brodherrn Akiba's einen Gönner, der die jüdische Wissenschaft freigebig unterstützt. Ein solcher Mann konnte einem unwissenden Hirten nicht gewogen sein. Gegen Akiba's Verlobung mit seiner Tochter sträubt er sich nicht deshalb, weil Akiba ein armer Hirte, ein nationaler Chauvinist, sondern weil er das Schandmal eines Unwissenden trägt. Aber seine Tochter Rachel liebte den Akiba, sie ward gegen des Vaters Willen des Hirten Frau. Da that Kalba Sabua das Gelübde, sein Kind zu enterben. — Vom Vaterhaus entfernt, ist