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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-02-12 · 7 (12.2.1897) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
7 (12.2.1897)
Date
1897-02-12
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 7 Vr. Vloch's Wochruphrtst Teite 141 der Vergessenheit untersinken ließ. Derselbe Apion, welcher noch vor Kurzem, zur Zeit des Kaisers Tiberius, allenthalben für das genommen wurde, was er in Wirklichkeit war: sür einen Marktschreier, der den Hohn dieses Kaisers über sich ergehen lassen mußte — dieser selbe Apion wurde, als bald darauf der Regierungsantritt Caligula's die Bildung von Volksströmungen begünstigte, in welchen Individuen von der Qualität eines Apion zur Geltuilg gelangen können, mit einem Schlage ein berühmter und einflußreicher Mann, denn was früher lächerlich und wahnwitzig galt, das ward jetzt trauriger Ernst. Ein Geschichtsschreiber unserer heutigen, vielfach von den gleichen Strömungen und Bestrebungen beherrschten Zeit würde, wie keiner der früheren, diesen Eintagshelden und seine verhängnißvolle Wirksamkeit zu begreifen und zu zeichnen vermögen. Denn wenn wir uns heute diesen Grammatiker aus dem Schutte nahezu zweier Jahrtausende hervorgraben, wie frappirt uns schon sein erster Anblick! Das ist ja das leibhaftige Urbild der heutigen Antisemitenführer aller Länder! Sie gleichen ihm alle wie ein Ei dem andern, so modern ist er. Er würde sich von ihnen, wandelte er heute unter den Lebenden, höchstens durch etwas mehr Originalität und bei all seiner erschrecklichen Plattheit durch geistige Ueberlegenheit unterscheiden. — Doch unterdrücken wir unser eigenes Urtheil über diesen Vater des sogenannten Antisemitismus und überlassen wir das Wort den alten autoritativen Berichterstattern. Es ist ewig schade, daß wir nicht eine Zeichnung Apions aus der Feder Philo's besitzen. Er, der jene grauenvolle Judenverfolgung in Alexandria schaudernd miterlebt, der in der Zeit der größten Gefahr der geistige Führer und Berather seiner Glaubensgenossen gewesen, der in der Gesandtschaft an Caius Caligula dem Grammatiker gegenüberstand, er meldet nirgends, und auch nicht in seinen beiden Schriften, welche diese verheerend wirkende Bewegung mit dramatischer Lebendigkeit und großer Ausführlichkeit schildern, vyn der Existenz eines Individuums Namens Apion! (Fortsetzung folgt.) Vom Goldenen Horn. C o n st a n t i n o p e l, den 28. Jänner 1897. Den Sitten des Morgenlandes gemäß, die meistens durch die Gesetze des Korans erst errichtet wurden, besteht im ganzen öffentlichen Leben der Muselmanen bekanntlich die strengste ^Abgesondertheit zwischen Mann und Frau. Allgemeine Versammlungen beider Geschlechter dürfen daher in keiner Weise stattfinden. In neuester Zeit bedürfen öffentliche Zusammenkünfte überhaupt der ausdrücklichen Erlaubniß der Obrigkeit. Volks- Vergnügungen, wie man sie in anderen Ländern kennt, gehören also durchaus nicht zu den Gebräuchen des Orients. Aber nicht nur die Mohammedaner, auch die Griechen und Armenier wußten nichts von volksthümlichen Unterhaltungen, da sie wegen des Vorherrschens des Islams im osmanischen Reiche meist die Lebensweise der Türken annahmen, uni keinen Anstoß zu erregen und nie Anlaß zu unangenehmen Reibungen und Verdrießlichkeiten zu geben. Die Juden, die überhaupt in vielen Punkten enge Fühlung nrit den stammverwandten Anhängern des Propheten von Mekka haben, ließen natürlich in dieser Hinsicht nichts zu wünschen übrig. Trotzdem waren sie es, die in diese Verhältnisse des Volkslebens in der Türkei, wenigstens sür einen großen Theil desselben, vielfach Aenderung brachten. Die Erklärung für diesen Umstand in diesem ethnologischen Bilde ist jedoch sehr leicht. Einmal der Bildung erschlossen und den Wissenschaften hingegeben, waren die Inden des Morgenlandes in ihrem tieferen Freiheitsdrange und größeren Wissensdurste auch für die Ideen und die Einrichtungen der Neuzeit, die Cultur und Civilisation gefördert und gestärkt haben, empfänglicher und zugänglicher. Mit den westeuropäischen Lebensverhältnissen nehmen sie auch oceidentale Sitten an, und so zeigten sie sich, wenn auch hier nur im Sinne von volksthümlichen Belustigungen, als Träger des Fortschritts. In der That sind es unsere Glaubensgenossen gewesen, die in der türkischen Hauptstadt zuerst Tanzveranstaltungen in das öffentliche Leben einführten. Die Israeliten am „Goldenen Horn" veranstalteten das erste Kränzchen, an welchem die verschiedensten Nationalitäten den lebhaftesten Antheil nahmen. Der Ertrag war ein großer, und die Armen ohne Unterschied der Abstammung und des Glaubens wurden unterstützt. Im Laufe der Zeit hat sich das Kränzchen zu einem großen Familienballe ausgewachsen, und obwohl nun die Griechen, die Italiener, die Franzosen und die Deutschen ihre eigenen Tanzvergnügungen abhalten, so erfreuten sich die israelitischen Bälle der türkischen Hauptstadt des größten Zudranges und de§ besten Ansehens. Man begegnet da eben neben der höchsten Wohlanständigkeit der wohligsten Gemüthlichkeit. Auch gibt es da weder Frostigkeit im Benehmen, noch Kälte im Tone; ebensowenig Aufgeblasenheit, Nasenhochmnth und Rangabstufnngen. Solche Eigenthümlichkeiten fehlen zum Glücke den israelitischen Bällen, die immer überfüllt find. Trotzdem werden sie von den höchsten Persönlichkeiten beehrt. In diesem Winter hat der erste israelitische Ball bereits 'tattgefunden. Derselbe wurde vom Israelitischen Bruderverein veranstaltet. Der Correspondent der „Oesterreichischen Wochenschrift" wurde wegen dieser Eigenschaft besonders eingeladen. Die Erfolge, die erzielt wurden, übersteigen alle Erwartungen, wenn sie auch vielleicht den außerordentlichen Bemühungen und Anstrengungen verschiedener Mitglieder des Ausschüsse»- entsprechen. Man suchte nach Möglichkeit dem Balle neue besondere Anziehungskraft zu verleihen. Es wurden die prachtvollen Säle des schönsten und vornehmsten Hotels der Hauptstadt, des Pera-Palastes, gemiethet. Dieselben waren an den Wänden mit den kostbarsten Teppichen und den seltensten Goldstickereien geschmückt, die das berühmte Antignitätengeschäft des Herrn Robert L e v y unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Auch Fahnen verschönten die herrlichen Räume, die in einem wahren Meere von Licht gebadet waren. In Blnmenlettern war im Halbkreise die Inschrift: „Es lebe S. K. M. der Sultan!" zu lesen. Darunter folgten in gerader Linie die Worte: Der Israelitische Bruderverein, gegründet im Jahre 187-7. Aller Augen richteten sich in Bewunderung auf dieses schöne Zweiguitb Blumengewinde. In wenigen Minuten hatten sich die großen Räume gefüllt, so groß war der Zndraug. Es wurde mit sehr großem Eifer getanzt, und dieses hinreißende Gewoge von in den schönsten Farben und in den thenersten Stoffen, schillernden Balltoiletten, von schwarzen Anzügen und von sehr schönen und merkwürdigen Masken zeigte ein entzückendes Bild. Im Laufe des herrlichen Abends gab es sür die vergnügten Tänzer und Tänzerinnen zwei Ueberraschnngen. Tie erste bestand in der Bertheilung von drei Preisen an die drei schönsten Masken. Tie Wahl war eine schwere gewesen. Schließlich wurde der erste Preis der vornehmen Kurdin in ihrer glänzenden Tracht, der zweite der weissagenden Zigeunerin, die durch ihre Kunst die Casse um eine hübsche Summe bereichert, und der dritte einer Japanerin zuerkannt. Eine reizende Römerin wurde trotz der Echtheit der Kleidung leider nur wegen der großen Einfachheit übergangen. Hoffentlich hat sich das arme Mädchen darüber getröstet. Die zweite Ueberraschung war in Gestalt eines reizenden Engels (oder war es eine Göttinder auf schöngeschmücktem Blnmenwagen plötzlich in den herrlich geschmückten Saal gezogen wurde. Bor dem beschriebenen Blumengeflecht angelangt, erscholl, mit begeisterter Stimme der Ruf: „Es lebe Se. Majestät der Sultan!" Der Ruf wurde von der frohen Menge dreimal mit Jubel wiederholt. Im selben Augenblicke begann das Orchester die Nationalhymne zu spielen. lim 2 Uhr nach Mitternacht fand eine längere Pause statt. Es wurde svupirt und der schäumende Wein floß in reichen Strömen. Es wurden Ansprachen gehalten und Toaste ausgebracht. Erwähnt sei hier die in glänzenden Worten gehaltene kurze Rede des Herrn H. Reisner, eines perdienstvollen Ansschußmitgliedes des. Israelitischen Brudervereines. Er lobte das freundschaftliche Einvernehmen zwischen den Nationalitäten, die, um Giltes zu thun, keinen Unterschied des Bekenntnisses und der Abstammung kennen, in welcher schönen Handlungsweise sie dem edlen Beispiele Sr. Majestät des Sultans folgen, des erhabenen Monarchen, der gegenüber seinen Unterthanen weder nach Religion, noch nach Nation fragt. Jeder Bürger des osmanischen Reiches genießt gleiches Recht, wird vom milden Herrscher nrit gleicher väterlicher Liebe behandelt. In den Rrri: Es lebe Se. Majestät der Sultan! wurde von allen Seiten freudig eingestimmt, und es klangen die Gläser, die heileren "erzen zu größerer Lust aneifernd. Auch Se. Majestät den aiser Franz Josef ließ man hoch leben. Hierauf begann der ^anz von 'Neuem. Bei Morgenanbruch fehlte von den Gästen noch Niemand, ein Beweis für die

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