Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 7 (12.2.1897)
- Date
- 1897-02-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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nUrWWfyyi'/AT.M&.'bfafr- .&^^KSZstcliiuim imwVftiElA Seite 140 Vr. VLortz's Moltzrnsttzrtst. Sir. 7 Der Einstust des jüdischen Geistes auf die antike Weit. VI, Der antike Antisemitismus. Die Reaction gegen dieses weite Ausgreisen des jüdischen Geistes blieb nicht aus. Alexandria war es, wo das Judenthum der Diaspora zuerst zum Bewußtsein seiner göttlichen, weltumfassenden Mission erwachte, von dort aus ging das gewaltige Ringen nach Erfüllung derselben, von dort aus die erste der mosaischen Lehre den Weg zum Heidenthum und bis in's Herz desselben bahnende Prophetin: die griechische Bibel! In diesem Sinne nennt auch die jüdische Sibylle Alexandria „die gefeierte Mutter der Städte." ') Aber auch die ersten Angriffe gegen das Judenthum gingen von Alexandria aus. „Mit den Schmähungen gegen uns", sagt Josephus,'-) „begannen die Egypter ... Als sie sahen, das; wir von Bielen als Muster betrachtet werden, empfanden sie Neid." Abermals ein Beweis, daß die Anfeindungen, welche das Judenthum von Seite heidnischer Schriftsteller zu erleiden hatte, ausschließlich den Erfolgen ihrer religiösen Propaganda galten. Einen ergiebigen Boden aber fanden diese Schmähungen und Verleumdungen zunächst dort, wo es, wie in Alexandria, einen leichtfertigen, charakterlosen, spott- und hetzlustigen, aus aller Herren Landern zusammengelaufenen Pöbel gab. Daß sich für einen solchen gar bald auch der richtige „Ochlagog" finden mußte, ist selbstverständlich. Und er hatte sich auch gefunden, und zwar in der Person des Grammatikers Apiou, für welchen jedoch die richtige Zeit erst dann gekommen war, als Caius Caligula den Thron der Cäsaren bestieg, und jede jüdenfeindliche Strömung auf Förderung von oben rechnen durfte. Mit Recht ruft denn auch Philo am Schluffe seiner Schrift Legatio ad Caium verzweiflungsvoll aus: „Wenn Caius sich gegen uns erklärt, dann ist Alles verloren — dann sind unsere Bethänser vogelfrei, dann sind auch die Privilegien dahin, welche allen Jenen Schutz sichern, die nach unserem Gesetz leben." Und Caius hatte sich auch gegen die Juden erklärt! Man weiß, daß zu den vielen Verrücktheiten dieses Kaisers auch jene gehörte, sich als Gott verehren, als solchem sich Opfer darbringen und seine Statuen in allen Heiligthümern aufstellen zu lassen. Deß aber weigerten sich die Juden allerorten, sich auf ihre Religion berufend, welche jedweden Bilderdienst strengstens verbiete — und sie wollten lieber zehnfachen Tod als solche Entweihung ihrer HeiligthüMer erdulden. Und daher der große Zorn des Kaisers. Und diesen Zorn wußte sich der durch unaufhörliche Wühlereien eines Apion und seiner Helfershelfer aufgeregte und erhitzte Pöbel von Alexandria zunutze zu machen. Unter den Augen einer schwachen, anfangs sich zweideutig geberdendeu, später jedoch offen für die Aufrührer Partei ergreifenden Regierung — denn der seit der Thronbesteigung Caligula's um seine Stellung zitternde Statthalter Flaceus war mehr der Geschobene als der Schiebende — fiel die fanatisirte beutelustige Menge mordend und plündernd über die wehrlosen Juden von Alexandria her. Daß ihre Gräuelthaten geahndet werden würden, brauchten sie nicht zu befürchten. War doch das Motiv ihres ruchlofen Treibens: die große und eifervolle Liebe für den Kaiser! Rächten sie doch nur den von den Juden verübten schweren Frevel der Majestätsbeleidigung, tilgten sie doch nur die von diesen der Gottheit des Caius durch Verweigerung der Aufnahme der kaiserlichen Bilder in den Synagogen angethane Schmach, welche zu sühnen der Statthalter verpflichtet war. wenn er nicht den schweren Zorn des Kaisers auf sein ohnehin unsicher gewordenes Haupt laden wollte. Es widerstrebt uns, bei dem schauerlichen Drama, dessen Schauplatz jetzt Alexandria geworden und dessen .Folgen die Vernichtung des Wohlstandes und der geistigen Blüthe dieser zweitgrößten Weltstadt herbeiführten, zu verweilen, und wir verweisen auf die diesbezüglichen Schilderungen Philo's in seinen beiden Schriften Legatio ad Caium und in Flacemn. In ihrer schwerbedrängten, verzweiflungsvollen Lage schickten die Juden endlich eine Gesandtschaft unter Führung Philo's, des vornehmsten Geistes seiner Zeit, an den Kaiser ab. Das Gleiche that die Gegenpartei, die, wie nicht anders zu erwarten war, zu ihrem Sprecher den „Klopffechter" Apion wählte, der ja als Orae. 8ibM. V. 88; vergl. auch IX. 233 f. 2) Contra Ap. I. 25. Urheber und Schürer dieser verhängnißvollen Bewegung diese Auszeichnung verdiente. Die Audienz, welche nach langem Hangen und Bangen gewährt wurde, verlief, was ja bei dem unberechenbaren und sprunghaften Wesen Caligula's nicht überraschen darf, resultatlos. Die Juden, jeden Angenblick ihres Todesurtheils gewärtig, kamen glücklicher Weise mit dem bloßen Schrecken davon. Der Verlauf war folgender: In Dikäarchia war es, wo die beiden Gesandtschaften von dem Kaiser empfangen werden sollten. Nach mehrtägigem vergeblichen Harren würde ihnen endlich die Stelle angewiesen, wo sie der Kaiser bei Besichtigung seiner Villen anhören wollte. Er zeigte sich sehr aufgeräumt, sprach sich bald lobend, bald tadelnd über die Gartenanlagen und die Bauart der Häuser aus. Die Deputationen schien er gar nicht zu bemerken. Bald jedoch wandte er sich nach ihnen um, trat vor die jüdische Gesandtschaft hin und redete sie folgendermaßen an: „Ihr also seid jene unbotmäßigen Menschen, die meine Gottheit nicht anerkennen wollen, die lieber einen Namenlosen als Gott anbeten, obgleich mir alle Welt außer euch göttliche Verehrung zollt." Sprachs, und ohne eine Antwort abzuwarten, eilte er von dannen, sich bald hierhin, bald dorthin wendend, bald Zufriedenheit, bald Tadel äußernd. Die beiden Delegationen folgten ihm fortwährend auf dem Fuße, um einen günstigen Augenblick zur Ansprache zu erspähen. Jetzt nahm Jsidorus, einer der heidnischen Delegirten, das Wort, spendete einen ganzen Qualm von Weihrauch dem Gotte Caius, dessen Glanz den Olymp verdunkle und schloß mit den giftigsten Auslassungen gegen die Juden, welche zur tiefen Kränkung der patriotischen alexandrinischen Bevölkerung nicht nur dem Kaiser bei seiner Thronbesteigung die Huldigung versagt, sondern sich auch der Anbetung der Kaiserbilder widersetzt hatten und noch dabei die Anmaßung besäßen, gleiche Rechte wie die übrigen kaisertreuen Völker zu fordern ... Die Verleumdungen wurden von der jüdischen Gesandtschaft widerlegt: Die alexandrinischen Inden hätten thatsächlich ein Huldigungsschreiben an den Kaiser, und zwar im Wege der Präfectur, abgesandt. An allen Orten, wo Juden angesiedelt, seien Freudenopfer bei des Kaisers Thronbesteigung, Frendeuopser bei seiner Genesung und Freudenopfer bei der Nachricht seines „Sieges über die Germanen" dargebracht worden .... „Für mich habt Ihr Opfer dargebracht?" fiel jetzt der Kaiser zürnend ein. „Verlange ich denn, daß man für mich opfere, ich will, daß man mir, meiner Gottheit Opfer darbringe ..." Hierauf stieß er, sich in immer größere Wuth hineinredend, grause Flüche gegen den Gott der Juden ans und stürmte weiter. Bald jedoch schien sein Zorn wieder verraucht, denn er wandte sich plötzlich um und richtete an die jüdische Gesandtschaft die geistreiche Frage: „Warum esset Ihr kein Schweinefleisch?" Darauf brachen die Judenfeinde selbstverständlich in ein wildes Lachen aus. Unter solchen widrigen Scenen war man bei einem der Landhäuser angelangt. Noch einmal wandte sich der Kaiser um und mit einem mehr bemitleidenden als zürnenden Blick die jüdische Gesandtschaft musternd, warf er die Worte hin: „Diese Menschen scheinen mir nicht so sehr bösartig, als vielmehr dumm zu sein, da sie meine Göttlichkeit nicht anerkennen wollen." Unmittelbar darauf verschwand er in den weiten Gängen des Landhauses. Die Audienz war zu Ende. So geartet waren die Beschuldigungen, welche man gegen die Juden Alexandrias vorzubringen wußte und welche man als Vorwand, so viel Gräuelthaten verüben, soviel Blut vergießen zu dürfen, gebrauchte! Nicht lange darauf verschwand Caligula von der Bildfläche — und der finstere Spuk hatte sein Ende erreicht. Die zurückgelassene Verheerung nur verkündete noch seine Spur. Wer aber war dieser Grammatiker Apion, der eine zeitlang die Gemüther so zu erregen verstand und sogar zu einer gewissen, wenn auch ephemeren Berühmtheit gelangen konnte. Waren es vielleicht große wissenschaftliche Leistungen-') oder war es die Macht einer berückenden Persönlichkeit, welche diesen Mann zum Liebling und Führer eines ungebildeten und gebildeten Pöbels machten? Keines von Beiden. Es war einfach eine Schlammwelle, welche den Grammatiker in die Höhe warf und ihn wieder, nachdem er vor einem scandalsüchtigen Publikum einige Kunststückchen ausgeführt hatte, spurlos in die Nacht 8) lieber den Werth oder vielmehr Unwerth dieser auf uns nicht gekommenen literarischen Leistungen vergl. K.Lehrs. quaestiones epicae,