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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-02-12 · 7 (12.2.1897) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
7 (12.2.1897)
Date
1897-02-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 7 Dr. Vlortz's Wochrnschrtp «eite 139 verehren ihn geradeso wie Sie (Rufe: Hört! Hört!), der da sagte: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!" Sie sehen, meine Herren, daß der Antisemitismus eine religiöse Basis nicht hat und daß es die religiöse Seite nicht ist, die ihn begründen kann. Ist es vielleicht die volkswirthschaftliche? Wir wissen gut, daß in Prag ein Manu existirt, welcher, ich möchte so sagen, sein geheiligtes Kleid niißbranchend, öffentlich erklärt - hat, daß die Inden — er ist Antijudaist — Einfluß haben, und zwar nach Oben und nach Unten hin, daß sie die Besitzer des Capitals sind und dergleichen mehr. Sehen wir doch zu, ob das wahr ist? Welchen Einfluß haben doch die Juden nach Unten? Er meint offenbar damit uns Bürger. Wir sitzen hier vier Mann hoch. Der erste, der anl längsten hier sitzt, ist der Collega Julius R e i t l e r. Ich will nicht etwa zu seinem Lobe reden, aber der Wahrheit die Ehre. Dieser Mann sitzt 21 Jahre hier und arbeitet still und bescheiden. Er sorgt dafür, daß der Moldaufluß unserer Stadt die bedeutende Summe von 60.000 fl. einbringe. Man hört ihn nicht, er arbeitet mit Selbstverleugnung, aber fleißig. Der zweite der Unseren, Herr Dr. Freu n d, der leider jetzt krank, ist, wie Sie ja wissen, überall geehrt, nicht blos von seinen Collegen, sondern von der gesammten Bürgerschaft, i Von mir will ich nicht sprechen. Ich wirke hier 14 Jahre, > ob ich mich stets patriotisch benahm, das müssen Sie selbst beurtheilen. Ich war 6 Jahre böhmischer Abgeordneter und nach Ablauf dieser Frist veranlaßten mich ureine Wähler im Jahre 1895, abermals zu candidiren. Ich candidirte und, meine Herren, hatte bereits eine gesicherte Majorität. Allein am Tage vor der Wahl, wir hatten eben Stadtverordnetensitznng, kanr der jetzige Bürgermeister Herr Dr. P o d l i p n y zu mir und sagte : „Thn' uns das nicht an, Du gehörst nicht unserer Partei an, und es wäre für uns nicht ehrenvoll, nachdem alle böhmischen Städte die Unserigen, das heißt Jnngczechen, gewählt haben, wenn Du allein isolirt wärest. Thne mir es zuliebe und verzichte im Interesse der Einigkeit aus das Mandat." Meine Herren! Um 7 Uhr hatte er mit mir gesprochen, um 7,8 Uhr bereits habe ich Herrn Dr. Zalud mitgetheilt, daß ich zu seinen Gunsten zurücktrete und noch in der Nacht berief ich das Wahlcomits und bat dasselbe, der Eintracht wegen sich dafür einzusetzen, daß die Stimmen der Wähler auf Herrn Dr. Zalud vereinigt werden. Ich that das damals der Eintracht halber, und ob ich patriotisch gehandelt habe, das wollen Sie beurtheilen. Schließlich sitzt noch hier Herr Dr. Zalud. Sie kennen ihn Alle; einen bescheideneren Mann gibt es wohl nicht. Das ist der Einfluß, welchen wir hier in Ihrer Mitte haben. Und welchen Einfluß haben wir Oben? Meine Herren! Unter Oben verstehe ich die Regierung. Wäre der Antisemitismus in Wien möglich, wenn die Juden überhaupt „Oben" irgend einen Einfluß hätten? Nicht nur, daß sie keinen Einfluß haben, sehen wir vielmehr, daß die ganze Welt darüber lacht (Ein Ruf: Die Juden haben ja ganze Ärbeiterbataillone!) und ich wundere mich gar nicht darüber, sondern muß noch meinem Freund Breznovsky dafür danken, daß er nichts von Jenen angenommen, mit denen er fortwährend in Wien verkehrt und daß er ein anständiger und offener Mann geblieben ist. Schauen Sie nach Wien und ich glaube, es genügt. Es ist daher ganz richtig und wahr, daß wir weder „Oben" noch „Unten" einen Einfluß haben. Sie werden sagen: „Die Juden haben das Geld!" Wir haben in Böhmen 90.000 Juden, und wenn man all ihr Vermögen zusammenzählte, würde das nicht jenem Vermögen gleichkommen, das ein kürzlich verstorbener Cavalier hinterlaffen — 400 Millionen. Von Anderen werde ich erst nicht sprechen. Es ist also eine Lüge, meine Herren, daß die Juden das Geld haben; die Juden haben es eben nicht. Ich berufe mich diesbezüglich wieder auf meinen Freund Herrn Breznovsky als einen anständigen und offenen Mann — und will nicht schmeicheln — der auch die Welt gesehen hat. Dieser Mann kam zu mir und sagte eines Tages: Herr I n w a l d >. Niemals hätte ich geglaubt, daß die Juden so arm und so elend daran sind, wie in Czernowitz. Allein er war nicht in Galizien; dort sind sie noch schlimmer daran (Breznovsky: So wie dort gefallen mir eben die Juden! Heiterkeit.) Meine Herren! Sehen wir weiter. Woher kam das Gerücht, daß die Juden das Geld haben! Die Juden sind human, sie haben die alte Tradition: „Hast du viel, so gib viel, hast du wenig, so theile!' Blicken Sie nur in die Bücher unserer Groß-Commuueu und Sie werden dort finden, daß der Jude, ob ihn nun ein freundliches Ereigniß oder ein Trauerfall trifft, immer wieder an die Armen denkt. Gehen Sie, meine Herren, in unser Ghetto, welches eben demolirt wird und Sie werden dort großmüthige Leute sinden, welche Stiftungen errichtet haben für Juden und Christen zugleich. Sie werden dort auf der einen Seite ll0 und auf der anderen 40 versorgte Christen sinden. Nennen Sie mir, meine Herren, auch nur einen Nichtjuden, der Juden unterstützen würde, oder unterstützt und auch nur eine Stiftung für Inden errichtet hätte! Ich könnte noch weiter gehen und könnte sagen, daß das Christenthum aus unserer Mitte hervorgegangen ist und daß wir das christliche Gebot eher beachten, als irgend Jemand anderer. Sie sehen, meine Herren, wohin das führt, es ist weder die religiöse noch die wirthschaftliche Frage, die den Antisemitismus begründet, dhin übergehe ich zu der Frage, ob er nationalen Ursprunges ist. Herr Breznovsky hat Recht, die Juden haben in Prag immer au der deutschen Gesinnung festgehalten; es galt dies nicht nur für Prag, sondern für ganz Böhmen. Es geschah dies aber nicht au« Haß gegen die böhmische Nation, sondern die Juden hatten nur das Bestreben, ihre Kinder deutsch lernen zu lassen, da sie ja bis in unsere Tage unbewegliches Gut nicht besitzen und auch nicht pachten durften; vom Juden galt das Sprichwort: „Jedes Geschöpf hat fein Hans und Hab, der Jude nur — etit Grab." Ter Jude mußte sich bereit halten, jeden Augenblick seinen Wohnort zu wechseln. Io wahr es nun ist, daß der Jude die deutsche Sprache stets vslegte, ebenso Recht hat jetzt die böhmische Nation, wenn sie sagt: „Du wohnst unter uns, wir gehen mit Euch toleranter um, als auf der ganzen Welt irgend Jemand — ich habe das wiederholt zugegeben — und doch steht Ihr aus Seite unserer Feinde." Man könnte daher glauben, meine Herren, daß, wenn die Juden sich gegen die böhmische Nation stellen, die Deutschen sagen sollten: „Das sind unsere Leute, die unterstützen unsere Nationalität." < ie sollten daher uns freundlich gesinnt sein; aber was sehen wir? Auf deutscher Ieire die größte Feindschaft und das größte Uebelwollen. Tie Belege hiefür sahen wir vor Kurzem in Wien, und wir sehen sie auch in Reicheuberg. Erst vor Kurzem las ich in der Zeitung, daß ein Enkel des Prof. Arlt. ein Student in Graz, nur deshalb in ein gewisses Ballcomitä nicht gewählt werden durfte, weil sein Urgroßvater sich eine Jüdin zur Frau genommen, er daher ein Judenstämmliug sei. Wenn die Deutschen das so generalisiren, müßten sie schließlich auch die Bekenner des Christenthums als Judenstämmlinge bezeichnen, denn das Chrisreulhiun wurzelt mit seinem Stifter im Judenthum. Es ist daher klar, daß der Antisemitismus weder in religiöser, noch in nationaler, noch in einer anderen Hinsicht zu rechtfertigen ist. Wo ist also der Grund desselben zu suchen? Der Antisemitismus hat weder einen religiösen noch einen volkswirthschaftlichen, noch einen nationalen Halt; ich glaube vielmehr, seine einzige Grundlage liegt in der A r t d e r Erzieh u n g unserer Jugend. So wie wir unsere Jugend erziehen, eine solche Generation werden wir erhalten. Ich appellire daher, meine Herren, an die Aelteren, daß sie ihre Kinder nicht nur national erziehen, sondern auch in religiösem Sinne, wie es Christus befiehlt, auf daß wir nicht Anderen thun, was wir selbst nicht wollen. Wenn die Jugend nt den Grundsätzen I der Nächstenliebe erzogen werden wird, dann wird auch dem Antisemitismus der Boden entzogen sein, der keine Zukunft hat, sondern nichts anderes als eine Scheidung der Menschen in Classen bezweckt. Ich weiß wohl, meine Herren, daß der böhmische Boden kaum der geeignete für den Antisemitismus ist. Ist er doch vom Blute, das in den religiösen Kämpfen hier selbst geflossen, bis zur Sättigung getränkt. Trachten wir daher, daß, wie hier im Rathhause, auch im ganzen Lande Ruhe und Frieden werde. (Vyborne! Vyborne!j

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