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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-02-12 · 7 (12.2.1897) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
7 (12.2.1897)
Date
1897-02-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 7 Vr. VLoch's Wochrnschrifi. Seite 135 Das gefährdete Christenthum in Krakau. Krakau, 1. Februar. Von hier schreibt man der „Jüdischen Presse" : Gestern schwebte hier die katholische Kirche und das ganze Christenthum in Gefahr. Nur Dank der heldenmnthigen Und unerschrockenen Verlheidigung der ehrsamen — Tischler- und Zimmermeister ist die Gefahr glücklich abgewendet worden. Diese wackeren Männer haben sich nämlich versammelt und einstimmig beschlossen, zum Schutz der bedrohten „Heiligthümer' mit vereinten Kräften sich zur Wehr zn setzen und einen großartigen Feldzug zu unternehmen gegen den Feind, der vor dem Thore lauert, nämlich gegen G ö tzel Klein be rger. Wer ist Götzel Kleinberger? Man könnte meinen, daß er der leibhaftige Antichrist oder mindestens der Großmeister des Freimaurerordens ist. Aber nein! Götzel Kleinberger ist ein einfacher Tischlermeister, oder vielmehr, er möchte es gerne sein, kann es aber nicht werden, weil — vielleicht weil er eine»» Mord begangen oder Wechsel gefälscht hat? Nein, blos weil er — Jude ist. Götzel Kleinberger weiß wohl, daß es in Oesterreich für einen Juden mit einigen Schwierigkeiten verbunden ist, Minister oder General oder Amtsdiener zuwerden; aber daß er darauf verzichten muß, in seinem Handwert Meister zu werden, obgleich er dasselbe von Grund aus versteht, sogar vorzüglich versteht, und obgleich er alle Lehrjahre durchgemacht und allen nöthigen Formalitäten nachgekommei, ist — das konnte Götzel Kleinberger nicht glauben. Aber dem ist thatsächlich so. Seitdem die neue Gewerbenovelle die Bewilligung zur selbstständigen Ausübung eines Handwerkes als Meister, der Gesellen halten und freisprechen darf, davon abhängig gemacht hat, ob der betreffende Handwerker in der Innung oder Zunft eingeschrieben ist, weigern sich die meiste» Krakauer Zünfte, Juden ausznnehmen, mit der Motivirung. daß ihre Zünfte „auf katholisch religiöser Basis" aufgebaut sind und durch den Eintritt eines Inden entweiht, geschändet, in den Staub gezerrt werden müßten. Daraus resultirt, daß seit der Beglückung durch die neue Gewerbenovelle in vielen Handwerken den Juden die „Carriere" abgeschnitteu ist, da dieselben nur Lehrlinge, aber keine Gesellen halten körnen. Die Religion hot sich auch diesmal als ein vorzügliches Mittel zur Niederhaltung unliebsamer Concurrenz erwiesen, und natürlich sind es die Juden, welche unredlichen Wettbewerb betreiben. Die meisten jüdischen Handwerker helfen sich, so gut sie können, mit dem bekannten Dictum: „dafür sind wir im Golus". Aber Götzel Kleinberger dachte, daß er österreichischer Staatsbürger sei und forderte sein Recht. Die ersten Instanzen wiesen ihn natürlich ab, aber die letzte erkannte, daß die Zunft verpflichtet sei, Götzel Kleinberger einzuschreiben, widrigenfalls ihr eine empsindliche Geldstrafe auferlegt werden würde. Daher versammelten sich die tapferen Handwerksmeister und beschlossen, die „bedrohten Heiligthümer" zu schützen, nicht zu gestatten, daß ein unreiner Jude die geweihten Hallen der Zunft betrete, gleich anderen Meistern Gesellen halte und sich in seinem Fach emporarbeite. Natürlich ist die Zunft im Rechte; beruft sie sich doch auf Privilegien und Documente aus dem — dreizeh nten Jahrhundert! Nur wissen die guten Meister offenbar nicht, daß sich während dieser paar Jahre Einiges in der Welt geändert hat. So z. B. brauchte ein Götzel Kleinberger im dreizehnten Jahrhundert nicht alle Lasten eines österreichischen Bürgers zu tragen und, was das Wichtigste ist, er hatte nicht nöthig, die löbliche Zunft erst anzufragen, wenn er Gesellen halten und freisprechen wollte. Das Vorkommniß verdient Beachtung, weil es nur ein Ring in der Kette von Maßregelungen und Chicanen ist, mit denen man den Juden den Zutritt zu ehrlichen Gewerben abzuschneiden sucht. Dagegen wird auf der anderen Seite wacker daran gearbeitet, den jüdischen Mittelstand zu proletarisiren. Erst vor einigen Tagen hat der Laudesausschuß beschlossen, den Darlehensfond für die Handlungen der »Kölka rolnicze« um 10.000 fl. jährlich zu erhöhen und noch einige größere Summen zu bewilligen, „um den Handel auf dem Lande den Ausbeutern zu entreißen". Die bewilligten Summen stammen aus den Steuergeldern der Bürger. Wie sehr sich aber der Wohlstand der Bevölkerung seit der 14jährigen Thatigkeit der »Kölka rolnicze« gehoben hat, das beweist die Emigration, welche seit den letzten Jahren so fürchterlich grassirt und das Land zu entvölkern droht. Bon jüdischer Seite geschieht natürlich nichts, um dem heranrückenden Elend vorzubeugen." In der auch sonst recht lesenswerthen Broschüre von Dr. Ludwig Ernst: „Die Juden, die verjudeten Christlich-Socialen und Deutschnationalen" (Leipzig 1896), befindet sich ein interessanter Brief der berühmten Schriftstellerin Marie von Ebner- Eschenbach, der auf die Anschauungen, welche auch in vorurtheilsfreien christlichen Kreisen über Juden herrschen, merkwürdige Schlaglichter wirft. Das Schreiben lautet: Schloß Zdislawic, Post Zdonnek, Mähren, 13. December 1896. Verehrter Herr Doctor! Sie fordern mich auf, Ihnen meine Meinung über die Broschüre, die Sie mir freundlich geschickt haben, zu sagen; so will ich es denn ehrlich thun. Mit vielen Ihrer Ausführungen bin ich vollkommen einverstanden; das Mittel, das Sie zur Bekämpfung der Furie des Antisemitismus Vorschlägen, scheint mir aber viel zu schwach. Dem Beispiel der Arbeiter können die Inden nicht folgen, die Arbeiter haben ein gewaltiges Mittel, sich gegen ihre Bedrücker zur Wehre zu setzen — den Streik. Welches Mittel steht den Juden zu Gebote? Sie sollen Affociationen bilden, sagen Sie, sollen erlittenes Unrecht anmelden, Klagen führen, den Schutz der Regierungen aurufeu. Ist das ein Thun? Ist das Selbsthilfe? Verehrter Herr Doctor. die Antisemiteu sind entsetzliche Leute, aber tadellos sind auch die Juden nicht. Und ich glaube, daß ein Borwurf, den man ihnen mit Recht machen kauu. der ist, daß sie sich der schweren Arbeit entziehen. Was soll ihr bester Freund antworten, wenn er gefragt wird: Warum soll es unter uns eine Race g->ben, die unsere Mühsalen nicht theilt? Warum finden wir nicht einige Brocent Inden unter den Grubenarbeiter», Taglöhnern rc.? „Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot verdienen." Dieses Gesetz gilt für alle Menschen. Wenn es einen Fortschritt gibt, werden sich auch einst Alle diesem Gesetz unterwerfen. So wenigstens glaube ich. Mit besten Empfehlungen, verehrter Herr Doctor Marie Ebner von Eschenbach. Die bedeutende und geistvolle Schriftstellerin findet also einen Grund ftir den Antisemitismus darin, daß die Juden sich zu wenig mit Muskelarbeit beschäftigen. und sie meint, daß wenn z. B. die Juden Bergwerksarbeiter wären, die Antisemiten sie für voll ansehen würden. Der Bericht aus Krakau zeigt, daß man den Juden den Zugang zur Muskelarbeit gewaltsam versperrt. In Wien fürchtet der jüdische Schneeschaufler als Jude verratheu zu werden, weil der Magistrat ihn sonst entlassen würde. Frau Baronin von Ebner-Eschenbach hat, wenn wir nicht irren, in einer ihrer feinsten Erzählungen einen armen jüdischen Dorshausirer geschildert, und in jedem Fall sind solche oft zu ihr auf's Schloß Zdislavic gekommen. Glaubt die verehrte Dame etwa, daß diese Armen ihr Brod leichter verdienen, als der Bauer, der hinter dem Pfluge einhergeht? Und weiß die gefeierte Schriftstellerin gar nichts davon, daß die Juden in Rußland und in Polen sämmtliche Handwerke, auch die schwersten und mühseligsten, betreiben, daß sie dort Ackerbauer und Eisenbahnarbeiter, Lastträger, Dachdecker, Steinklopfer und Holzflößer sind und die schwersten Muskelarbeiten mit Fleiß und Geschick aussühren? Wahrhaftig, das Gesetz „Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brod verdienen" gilt für die Masse der Juden in erster Reihe. Aber man mißgönnt diesen Aermsten jede handwerksmäßige Hantirung. Assimilation oder Separatismus? Was bringt zu Ehren? Sich wehren! Goethe. Ich bedaure zwar, mit meinem vieljnhrigen Freunde Herrn Arthur Eibenschütz in eine Polemik zu fallen, aber bei aller Friedensliebe und ruhiger Objectivität kann ich seinen Artikel: „Assimilation und Separatismus" nicht unerwidert hingehen lassen, weil dies eine Frage ist, über die ich oft nachgedacht und Beobachtungen gesammelt, welche mich zur Ueberzeugung brachten, daß die Assimilation eine Abdication, ein Ausgeben der eigenen Individualität, ein vollständig steriler Act der Unterwerfung wäre. Die Taufe ist gewiß eine Assimilirung in höchster Potenz und doch bringt sie den Renegaten nicht um eilten Schritt weiter in die christliche Gesellschaft, aber um einen Schritt tiefer in ihrer Verachtung. Ich will die Frage nicht vom Standpunkt der von Herrn Eibenschütz ins Treffen geführten Autoritäten der Vergangenheit behandeln, die zu einer Zeit lebten und wirkten, _ wo das Gift des Antisemitismus noch nicht den ganzen gesellschaftlichen Körper angefressen hatte, sondern auf Grund jener Wahrnehmungen und Erfahrungen, die uns die Neuzeit brachte. Was versteht man unter Assimilirung? Die Anähulichung der Nation, unter der man lebt; die Aueiguung von Sprache, Sitte, Tracht und Benehmen derselben, das Ausgeber! von Sonderinteressen und Sonderbestrebungen, kurz das Llufgehen der Minorität in der Majorität, das Schwinden des Theiles im

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