Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 7 (12.2.1897)
- Date
- 1897-02-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 134 .-LeLLL^M^MLSSMESEsil Vr. Vloch's Wochen, chrtst. Diese Zahlen und Thatsachen beweisen also, daß die von Lueger entworfene Charakteristik der Liberalen wahr ist. Diese Zahlen beweisen ferner, daß das ganze „liberale Gesindel" — wir wählen absichtlich die von Lueger und anderen Führern hundertmal gebrauchten Titulaturen — jetzt in der Brutstätte der clerical-autisemitischen Partei nistet. Und mit diesem von Lueger als Erzgauner gebrandmarkten Pack ist heute derselbe Lueger in dicker Freundschaft verbunden! Und dasselbe Pack, kaum daß ihm in diesem Nest der Gemeinheit und Niedertracht warm geworden, brütet vielleicht heute schon auf neuen Verrath, um bei Zeiten mit dem erbeuteten Rebach das Weite zu suchen und in irgend einem anderen Lager Unterschlupf und wieder Beute zu finden! Und diesem Volke haben wir Juden unsere idealsten Güter anvertraut, ihm Treue und Hingebung bis zum letzten Augenblick gewahrt! Wir haben oben constatirt, daß eine liberale Partei — zumal in Wien — nicht mehr existirt. Wo sind die Führer, wo die Geführten? Und dennoch wird seitens der Antisemiten und ihrer Presse noch immer losgedroschen auf die nicht mehr existirende liberale Partei, und zwar in dem Ton der extremsten Pöbelhaftigkeit, in einem Ton, der selbst von der gesinnungsverwandten „Kreuzzeitung" mißbilligt wird. In diesem Lichte besehen, erscheint der jetzige Kampf der Antisemiten gegen die Liberalen als eine Don Quixoterie; ist aber nichts weniger als das, was gleich bewiesen werden soll. In einer Polemik des „D. V." vom 16. Jänner d. I. gegen die „Kreuzzeitung" üb?r den zulässigen Grad der Pöbelhaftigkeit, wird mit tölpelhafter Offenheit der wahre Grund dieses scheinbar lächerlichen Kampfes klar auseinandergesetzt. „Das ist ein Verlangen" — heißt es dort —, „einen kraftstrotzenden, reichlich Früchte tragenden Baum seiner Wurzel zu berauben." Und weiter: „Bei den Antisemiten ist der Ton mehr als eine bloße Aeußerlichkeit. Dem Ton haben sie nicht nur ihre Popularität bei den Massen, sondern auch ihren steigenden Einfluß in officiellenKreisen zu verdanken." Hier wird also klipp und klar eingestanden, daß der Antisemitismus und der Ton seiner Wortführer nicht etwa das Ecgebniß einer politischen Ueberzeugung ist, die Tobsuchtsscenen, das Brüllen und Johlen in den Sitzungen der öffentlichen Vertretungskörper keineswegs etwa Producte innerer Erregung sind, nein, das ist eingestandenermaßen nur gemacht, eine wohlberechnete, gut einstudirte Comödie, um die Massen zu fangen. Es ist eingestandenermaßen ein zwar schimpfliches, aber sehr rentables Gewerbe — „ein Baum, der reichlich Früchte trägt" — ein Gewerbe, das Bettler zu steinreichen Menschen, zu Besitzern von einem „eigenen Heim" verwandelt, ein Gewerbe, das reichliche Diäten, Sinecuren, ' Aemter und Würden verleiht, ein Gewerbe, das Tagedieben und sonstigen verkrachten Existenzen ein behagliches Dasein bietet. Wo aber kein Gegner ist, da gibt's keinen Kampf, daher auch keinen „kraftstrotzenden, reichlich Früchte tragenden Baum". Und da heute ein Gegner — die Judenliberalen — nicht mehr existirt, so wird immer dem Volke vorgelogen, damit „der Baum noch weiter reichlich Früchte trage", damit, während die Blicke des Volkes auf ein Phantom gerichtet sind, man es umso ungenirter seiner materiellen und geistigen Güter berauben könne. Und zu diesem Gaunerkniffe lassen wir Juden uns als Helfershelfer mißbrauchen, indem wir durch unser sinnloses politisches Verhalten das Phantom von den Liberalen stützen! i Dieser Schwindel muß endlich vereitelt werden! j Die oben angeführten Thatsachen haben doch bewiesen j — und sehr gründlich noch dazu — daß die von gewissen ' Uebergescheidten so sehr gefürchtete Judenpartei — in Wien i Nr. 7 wenigstens — ganz von selbst, ohne unser Zuthun, bereits entstanden ist. Warum segelt man aber unter falscher Flagge und nennt diese lose, unorganisirte Masse jüdischer Wähler fälschlich „liberale Partei"? Gerade diese Fälschung liefert ein sehr willkommenes, nahrhaftes Product für jenen antisemitischen, reichlich Früchte tragenden Baum. Wir selbst aber sind zum Gespötte unserer Hasser herabgesunken. Während Splitter von Nationen im politischen Leben Oesterreichs oft eine hervorragende Rolle spielen und mehr als einmal das ganze politische Gebäude über den Haufen warfen, stehen wir Juden, ein Volk von Fünfviertelmillionen Seelen, ohne politische Vertretung da und werden als Factor im politischen Calcul gar nicht in Betracht gezogen. Während alle politischen und nationalen Parteien mit dem Rechenstifte in der Hand der Regierung als geriebene Geschäftsleute gegenüberstehen, nehmen wir die Pose eines romantischen Helden an und appelliren in pathetischem Tone an die — Gefühle unserer edlen arischen Mitbrüder, an die Gefühle für Freiheit und Gleichheit rc. und werden richtig — ausgelacht und angespuckt. Während die Kaffern und Malabele für ihre Freiheit heldenmüthig kämpfen, schreiben wir ab und zu einen Leitartikel, in welchem wir die Schandthaten unserer Antisems mit einem großen Aufwande von Scharfsinn akademisch erörtern — das ist Alles! Die Behandlung, die uns zutheil wird, von unten wie von oben, ist aber auch ganz darnach. Wo in aller Welt — Centralafrika nicht ausgenommen — ist es je vorgekommen, daß ein ganzes Volk unter passiver Assistenz der Regierung tagtäglich von gedungenen, schmierigen Bengeln, die das Kainszeichen der Verbrechernatur deutlich an ihrer Stirne tragen, so ganz ungehindert insultirt werden konnte! Und wo ist es je vorgekommen, daß solche Geschöpfe von maßgebender Stelle zum Range von Patrioten erhoben und ihr verbrecherisches, schimpfliches Handwerk als mustergiltiges, patriotisches Wirken hingestellt worden wäre! Und das ist die Gesellschaft, der wir uns hingeben mit Gut und Blut! Fluchwürdig müßten wir sein, könnten wir das je vergessen! Tief in's Gedächtniß müssen wir das einprägen auch unseren Kindern und Kindeskindern. Die Schmach wird aber fortdauern und auch unsere Kinder überdauern, wenn wir uns nicht endlich zu einem festgefügten Körper organisiren. Eine Organisation muß geschaffen werden, die sich bis in das entlegenste Dorf der Monarchie erstreckt, eine Organisation, die über den Willen des letzten Dorfjuden absolut verfügt. Das ist wohl eine schwere Arbeit die aber vollbracht werden muß, sollen uns nicht dereinst unsere Kinder fluchen! Doch, das gehört der Zukunft an. Nun zur Gegenwart! Für den 9. März d. I. werden in Wien 300.000 Wähler mobilisirt. ZweiCandidaten werden sich in jedem Bezirke gegenüb erstehen. Der Eine ist unser Feind, der Andere — der Socialdemokrat — ist unser Feind nicht. Das Wahlrecht,, sagt man uns, involvirt eine Wahlpflicht. Wohlan, thun wir unsere Pflicht! Wer von uns Juden nur einen Funken Ehrgefühl im Leibe hat wer noch einen Tropfen rothes, warmes Blut in seinen Adern fühlt, wer noch das Maß sittlicher Kraft besitzt, das dieses Blut in Wallung bringt, sein Gemüth in jäher Empörung auflodern macht, ob der tausendfachen Schmach, die ihm täglich zugemessen wird, wer noch Nerven genug besitzt, daß seine Faust sich krampfhaft ballt, ob der bestialischen Niedertracht, die ihn rings umgibt, der gehe hin am! 9. März und gebe seine Stimme dem Candi- I daten der socialdemokratischen Partei, i als flammenden Protest gegen die schandbaren Ränke, woher > sie auch immer kommen mögen! — U. — i . -