Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 7 (12.2.1897)
- Date
- 1897-02-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 7 Vr. Vloch's Wochenschrift Seite 133 nach aufwärts mehr als empfindlich. Ich kenne die finanziellen Schwierigkeiten der Cultusgemeinde, aber wenn die Steuer bei allen Glaubensgenossen in gleichem Maße erhöht wird, wie bei mir, dann liegt der Verdacht nahe, daß die Gemeinde nicht blos die Mittel zur Deckung der laufenden Bedürfnisse aufbringen, sondern im Wege der Besteuerung bedeutende Baarbestände anfammeln will. Das mag ja sehr vorsichtig und weitblickend sein, aher ich glaube doch, daß man dabei auch auf die Leistungsfähigkeit der Steuerträger und aus ihre im Allgemeinen heute gewiß nicht glänzende wirthschaftliche Lage Rücksicht nehmen müßte. Auch Anderen hat man in der gleichen Weise mitgespielt wie mir, und ich habe vielfach Aeußerungen der Entrüstung gehört, an denen man nicht gleichgiltig vorübergehen sollte. Das treue Festhalten am jüdischen Glauben ist beute unsere einzige Waffe im Kampfe gegen den Antisemitismus, und man sollte unsere Brüder nicht in die Lage bringen, den Werth dieser' Waffe finanziell abzuschätzen. Hochachtungsvoll Ein S t e u e r t r ä g e r.*) Zum 9. Mär;. Es war im Herbst des Jahres 1890. Die Landtagswahlen waren ausgeschrieben, und das liberale Wahlcomits für den Wahlbezirk Hernals-Währing hatte eine Wühlerversammlung in Elterleiws Casino einberufen. Der große Saal war zum Erdrücken voll, als der liberale Candidat — Helbliug war sein Name — seine Rede begann. Lange hatte er noch nicht gesprochen, als auf ein verabredetes Signal ein Heidenspektakel entstand — Helbling mußte abtreten und sein antisemitischer Gegencandidat — B a u m a n n hieß der Mann — betrat, mit den üblichen Hochs empfangen, die Tribüne, hielt eine lange, fade Rede und — gewählt wurde er. Helbliug gab deswegen seine Sache noch ücht verloren. Eines Tages erschien er bei einem antisemitischen Würdenverschleißer, meldete, daß er Antisemit geworden und — dem Manne war geholfen! Nach Monaten schon wurde er von der antisemitischen Partei in den Gemeinderath entsendet, um später zum Bezirksvorsteher von Hernals zu avanciren. Diese Art des „corriger la fortune“ erwies sich in der Folge für die liberale Partei von großer Bedeutung : Ein H e l b l i n g nach dem Andern stahl sich aus der liberalen Partei ins antisemitische Lager hinüber. Eine förmliche Börse für Gesinnungswerthe wurde gegründet, und der Gesinnnngswucher und Würdenschacher trieb wahre Orgien! Als geriebene Coutremineure der Gesinnungsbörse erwiesen sich die Männer des II. Wahlkörpers. Mit List und Tücke im Herzen, blieben sie noch lauernd im liberalen Lager. Erst als der Rebach im gegnerischen Lager in reichlicherem Maße gleißnerisch winkte, da huschte man im Dunkel der Nacht hinüber. Dieselben Menschen, welche noch vor Jahresfrist als förmliche Blutegel am Körper der liberalen Partei schmarotzten, bis sie entkräftet dahinwelkte, heften sich jetzt wie die Kletten an die Frackschöße der heute herrschenden Partei, um neuen Rebach zu ergattern! Zu Tausenden schwimmen sie herum, diese Jammergestalten, auf dem dicken Brei im großen Wurstkessel! Nicht besser erging es Schönerer. Jahraus, jahrein schwören die reckenhaften germanischen Jünglinge auf allen Hochschulen Oesterreichs bei Gerstensaft und Heilosang einen feierlichen Schwur, die Fahne Schönerer^ hoch-- zuhalten. Wo sind sie aber, die Tausende jener zu Männern herangereiften germanischen Prachtgestalten? Alles im Wurstkessel! Der Rebach hat's ihnen angethan! Und diese schändliche Felonie treibenden Teutonen haben die freche Stirne, jüdischen Studenten Ehre abzusprechen! *) Der Name des Einsenders ist der Redactivn bekannt. Anm. d. Red. Seit dem Bestände der antisemitischen Bewegung wurden Tausende antisemitische Versammlungen abgehalten und Tausende Artikel in der antisemitischen Presse geschrieben. Und was war das Leitmotiv aller dieser gesprochenen und geschriebenen Brandreden? Die Laster der Liberalen! Die Führer und Geführten dieser Partei wurden immer und immer als wahre Scheusale hingestellt. Das ist das einzige Thema der antisemitischen Versammlungsredner und ihrer Artikelschreiber seit zehn Jahren schon. Nun entsteht die Frage: Ist diese Charakteristik der Liberalen wahr oder nicht? Ist sie nicht wahr, so gibt es kein Wort in der deutschen Sprache, welche das verbrecherische Treiben dieser Maffia zu brandmarken vermöchte, keine Strafe auf Erden, die groß genug wäre, die Unthaten der struppigen, meuchlerischen Mörder der Ehre ihrer Mitmenschen zu sühnen! Ist sie aber wahr — um so schlimmer! Denn wie oben nachgewiesen wurde, haben doch jene Elemente der Liberalen, welche angeblich den Haß und Abscheu der Antisemiten so sehr erregten, ihre Bude verlassen und eine neue Bude im Lager der Antisemiten selbst aufgeschlagen, um dort ihr schändliches, von den antisemitischen Catonen so sehr gehaßtes Handwerk weiter zu führen. Die Wissenschaft lehrt, daß durch äußere Einflüssedurch gewaltige äußere Reize der seelische und sittliche Zustand eines Individuums eine ganze Umwälzung erfahren und einen neuen seelischen Zustand begründen kann, der zu einem sittlichen Charakter führt. Solche Fälle kommen ^thalsächlich vereinzelt vor. Daß aber eine ganze, große Sippe von abgefeimten Spitzbuben urplötzlich, ohne sichtbaren äußeren Grund, sich zu einer Schaar von anbetungswürdigen Heiligen metamorphosirt, das ist in der Geschichte der Menschheit noch nicht vorgekommen. Das „liberale Gesindel" ist ganz bestimmt auch nach seiner Uebersiedlung erst recht ein Gesindel geblieben. Das heißt: Die Berge von Schimpf und Schande, welche der „Allverehrte" über das Haupt der liberalen Partei gesammelt, fallen somit auf sein eigenes Haupt! Die moralischen Backenstreiche, womit er das „liberale Gesindel" regalirte, müssen wie Feuer auf seiner eigenen Wange brennen! Um aber jeden Zweifel über die Qualität jener Elemente zu beseitigen, lassen wir Zahlen sprechen. Als im November v. I. die Landtagswahlen stattgefunden, hat die liberale Partei in sämmtlichen Bezirken Wiens nicht mehr als ca. 10000 Wähler aufzutreiben vermocht. Wenn man die Zahl der jüdischen Wähler mit 15.000 veranschlagt, beträgt doch die Zahl der jüdischen Cultuswähler bei einem viel höheren Steuercensus ca. 11.500, welche nach Aussage der Antisemiten — und die lügen doch nicht — alle zur Wahl kommen, so ergibt sich die Thatsache, daß der liberalen Partei in Wien ein Häuflein von beiläufig 1000 getreuen Ariern verblieben ist. Sonst ist Alles, Alles hinübergerutscht in den antisemitischen Kessel. Einen geradezu clafsischen Beitrag zu dieser Statistik liefert ein Bericht des deutsch-fortschrittlichen Vereines in Hietzing, der am 19. Jänner veröffentlicht wurde. Dort heißt es: „Der Vorstand constatirt, daß der Verein nur noch 56 Mitglieder zählt gegen 300 im Vorjahre und sagt: Das ist ein Beweis dafür, daß gewisse Leute nur so lange einem fortschrittlichen Vereine angehören, als sie sich der Erwartung hingeben können, daß die Liberalen am Ruder verbleiben werden", d. h. zu deutsch: so lange Aussicht auf einen fetten Rebach vorhanden ist. In dem Berichte heißt es weiter: „Sehr charakteristisch war das Verhalten dieser Herren während der verflossenen Gemeinderaths- und Landtagswahlen. Damals hatten sie durch Handschlag und Ehrenwort sich verpflichtet, fortschrittlich zu wählen, aber eine sehr minutiös geführte Controle ergab gerade das — Gegen th eil.