Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 6 (5.2.1897)
- Date
- 1897-02-05
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 6 Pr. Vloch's Wochrnfchrifr. Seite 127 haben. Alles, was sie wußte und dachte,^ war, daß der Mann, der da vor ihr stand, ihr sehr gefiel, daß seine einschmeichelnde Stimme in ihr innerstes Herz drang, daß sein freundliches, warmes Auge ihr wvhlthat, wie einer Blume der erste Strahl der Sonne. Halb wie im Traum, unter der Macht seines Blickes, bejahte sie seine Frage. Sie wollte diese Stimme noch öfters hören, diese Augen noch öfters sehen, diesen weichen, warmen Ton uoch öfters vernehmen; es schien ihr, als könnte sie nicht mehr darauf verzichten. Armes Mädchen! Der erste Tropfen, den ihr das Leben credenzte, war ein Gifttropfen! Die Ceremonie in der Kirche war vorüber, eine lange Reibe glänzender Equipagen rollte davon. Zeder und Jede der Entsteigenden wurde von den Allwissern in dem Spalier bildenden Publicum mit Flamen benannt. Als in beit letzten, mir vier feurigen Rappen bespannten Wagen ein junger Herr mir einem der Brautfräuleins einstieg, ging ein Murmeln durch die Menge: „Das ist die Comtesse I . . . mit dem Bruder der B r a n t." Der Kutscher zog an, um durch ein doppelt rasches Tempo den anderen Wagen nachzukvmmen. Ta löste sich plötzlich eine bleiche Mädchengestalt von der Zufchauermenge ab und warf sich, ehe es Jemand hindern konnte, quer über den Weg. Tie Insassen des Wagens erblaßten, das Volk schrie laut auf und der Kutscher riß mit aller Gewalt die Pferde zurück. Doch die uu Regina hatte kein Geheimniß vor ihrer älteren Freundin. Gleich beim Nachhansekvmmen erzählte sie ihr von dem Begebniß und machte auch kein Hehl daraus, daß sie ihr Herz entdeckt habe. „Kind", sagte die Freundin erstaunt, aber mit aller Ruhe, ,^Dn vergißt, daß Du eine Jüdin bist, der junge Mann gewiß aber ein Christ ist, denn man hält in aristokratischen Familien keine jüdischen Hauslehrer." „Darf denn ein Christ eine Jüdin nicht heiraten?', fragte Regina naiv. „Dürfen! — aber er heiratet sie dann doch nicht anders, als daß sie auch Christin werde. Meinst Du, daß sich nicht in meinen jüngeren Jahren auch nm mich Christen beworben haben? Ich verabscheute jedoch den Religionswechsel. Ein Weib, welches nicht in der Religion den Halt ihres Lebens hat, hört ans, Mensch zu sein, ist blos eine Sache, mag sie Einem angehören oder ihren Eigenthümer täuschen." Die beiden Mädchen sprachen noch lange über diesen Gegenstand. Der Schmerz des Kindes löste sich in Thränen ans, aber sie war zu schwach, den Entschluß der Entsagung zu fassen. Au einem der nächsten Tage besuchte Regina wieder das Hans der Baronin in Angelegenheit der von ihr erhaltenen Aufträge. Der „Hauslehrer" erwartete sie beim Weggehen auf dem Corridor und geleitete sie auf sein Zimmer. In der That gab er ihr verschiedene Arbeiten, die sie partieweise ablieferu sollte. Aber nachdem das Geschäftliche abgemacht war, fiel der „Hauslehrer" aus der Rolle des Arbeitgebers in die des Galans. Trotz ihrer Verwirrung fand das Mädchen noch so viel Geistesgegenwart zu fragen: „Wissen Sie, daß ich eine Jüdin bin?" „Närrchen! Wer kümmert sich heute mehr nm die Religion. Wissen Sie denn nicht, daß es auch eine Civilehe gibt, in der jeder Theil glauben kann, was er will oder wovon er sich aus Gewohnheit nicht zu trennen vermag? Uebrigens bin auch ich Jude, wenn ich auch nichts vom Jndenthum halte. Der Baron ist ein Liberaler, der auf die Religion nichts gibt. Regina war über den wichtigsten Anwnrf ihrer Freundin gegen das. erwachte Gefühl ihres Herzens beruhigt und berauschte sich in den süßen Redensarten des „Hauslehrers". Auch das Capitel von der Civilehe eröffn: te das arglose Kind, dem älteren Mädchen. Fräulein Julie hörte ihr ungläubig zu, aber sie machte keinen Einwand mehr, um sich keine Schuld zu geben, dem Glücke des armen Kindes hinderlich gewesen zu sein. Sie ließ der Entnncklttng dieser Asfaire freien Lauf und betete nur, daß das Kind von der Stunde der Enttäuschung nicht zu hart betroffen werde. Den Arbeitsaufträgen gemäß mußte Regina mehrmals in der Woche zur Baronin kommen. Sie hatte jetzt ausschließlich nur für dieses Hans zu arbeiten, denn es galt in kurzer Zeit, eine reiche Ausstattung für eine der jungen Baronessen herzustellen, die in Bälde heiraten wird. Bei jedem Besuche in dem freiherrlichen Hause verweilte Regina auch einige Zeit bei dem „Hauslehrer". Es fiel ihr gar nicht auf, wie ein Hauslehrer immer seine Zeit zur freien Verfügung haben könne und wie er so ganz ungenirt und unbehelligt sie zu empfangen vermag. So vergingen einige Monate und der Hochzeitstag der Baronesse war herangebrochen. Eine ziemlich beträchtliche Anzahl von Menschen stand vor der Kirche versammelt, mit den rückkehrenden Hochzeitszng zu sehen. Unter ihnen stand auch Regina, die sich gleichsam zum Personal des Hauses der Braut gehörig betrachtete und nicht fehlen zu dürfen glaubte.! geduldigen Thiere waren zu sehr im Laufen gewesen und auch! von der geschicktesten und kräftigsten Hand nicht mehr rasch genug! aufzuhalten. Eine Secunde später standen sie wie eine Mauer, s und der junge Herr sprang entsetzt auf das Pflaster, aber das Unglück war bereits geschehen! „Die Wahnsinnige!" sagte die erschreckte Dame im Wagen zu ihrem Begleiter, als dieser znrückkehrte, nachdem er den her beigeeilten Polizeimann eine Summe Geldes für etwaige Ver wandte der Unglücklichen übergeben, wie sündhaft! „Man kann kaum Mitleid mit einem solchen Geschöpfe haben!" Ter junge Baron antnwrtete nichts. Cr war sehr bleich. Er hatte in der Tobten das Judenmädchen erkannt, wie sie in ihm den „Hauslehrer", und ans Verziveiflung bei der Enttäuschung in den Tod ging. _ Literatur. Die Bibelexegese Moses Maimunis von Prvsefso'' Dr. Wilhelnl Bache r. sStraßburg i. E., T r ü b n e r, XV und 176 Seiten, gleichzeitig als Programmschrift des Jahresberichtes der Laudes-Rabbinerschnle zu Budapest für das Jahr Als willkommene Crgänznng der „Bibelexegese der silbischen Religivnsphilosvphie des Mittelalters vor Maimuni", welches Werk B a ch e r im Jahre 1862 hat erscheinen lassen, bescheert uns nun der unermüdliche Autor oben angeklindigte Arbeit, welche sich würdig an die stattliche Reihe hervorragender Werke dieses Gelehrten schließt. Wer die bewundernswerthe Bienenemfigkeit kennt, mit welcher B a ch e r in seinen großen Werken über die Agada der Tanaiten und Amoräer den Honigseim ans allen Blumen und Blüthen der beiden Talmnde zufainmengetragen hat, um die Frucht seiner tiefen Gelehrsamkeit als kostbaren Genuß dem Leser zu reichen, der wird von dieser Arbeit über Maimunis Exegese nichts anderes erwarten. Die Geschichte der jüdischen Exegese hat uns Bacher ja in Winter-Wünsche's Literaturwerk geliefert. Hier aber blicken nur wieder tief in die Werkstätte des Forschers. Die Größe Maimunis als Philosoph und .Halachist, als Methodologe und Theologe erfordert in der Dhat eine gesonderte Betrachtung eines jeden Stückes dieses Denkers und die biographischen Darstellungen seines Lebens selbst in den ausführlichsteu Literaturgeschichten lassen nur zu sehr an Vertiefung zu wünschen übrig. Je mehr man die Worte dieses Heros im Geiste und im Glauben studiert, umsomehr empfindet man, daß er, trotz der reichen Fülle der ihn bearbeitenden und behandelnden Werke noch immer nicht ganz durchforscht und erkannt ist. Die Stellung Maimunis zur Bibelexegese zumal war bis nun lauge nicht genügend erwogen und erörtert worden, und wir wissen Herrn Dr. B a ch e r besonderen Tank dafür, daß er die Lücke endlich und gründlich ausgefüllt hat. Dem aufmerksamen Leser maimunidischer Werke ist ja der große Fortschritt in der Bibelexegese von Saadja bis Maimuni nicht entgangen und er hatte sicher auch die Empfindung, daß sich bei jedem der zwischen diesen einzureihenden Religivnsphilvsvphen ein gewisses exegetisches System werde Nachweisen lassen, daß dies aber am allermeisten und naturgemäß bei dem scharfen Tiefdeuker Maimuni der Fall sein müsse. Diesen chronologisch - historischen Nachweis aber hat Bache r zuerst erbracht. Im XXI. Capitel behandelt Bache r Maimunis Ansichten über: Das Studium der Bibel, die biblischen Bücher, Bezeichnung der Bibel, äußerer und innerer Sinn des Bibelwortes, die Allegorie, die Geheimnisse der Lehre, in welch' letzterem 'Abschnitte Bacher zeigt, daß unter diesen Geheimnissen sol) keineswegs die späteren kabbalistischen Deuteleien, sondern gerade die rationelle Auffassung des Textes verstanden wurde. Ferner über die „menschliche Redeweise der Bibel", ein Grundsatz, der alle Arten der Unldeutung der Gott betreffenden biblischen Aussagen umfaßt und