Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 6 (5.2.1897)
- Date
- 1897-02-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 126 Nr. 6 Vr Vloch's Wochrnsttzrist. Handel mit Zahnbürsten, Seifen, Cravatten und dergleichen. Mit dem Waarenkästchen um den Hals ging sie des Abends bis um AUtteruacht von Gasthaus zu Gasthaus, von einer Kaffeeschänke zur anderen, und aus einem solchen Leidenswege hatte sie sich vor einigen Tagen eine Erkältung zugezogen, die sie auf's Krankenlager warf. Mit ihrem kargen Verdienste von der Hand in den Mund lebend, konnte sie sich keine Pflege angedeihen lassen. Sie hatte bis setzt sogar noch keinen Arzt holen lassen und Niemand wußte von diesem Elend. Sie wohnte in Aftermiethe bei einer Christin, die in der Gaffensront einen Kaffeeschank hielt und von früh Morgens bis spät in die Nacht in ihrem Geschäfte war und ihre Asterpartei kaum kannte. Es gibt so viele Humauitätsaustalten, besonders bei den Inden, die größte Wohlthätigkeitsanstalt wäre aber eine geheime Polizei, welche verpflichtet wäre, geheimes Elend auszuspüren. Man unterhält so vielerlei Detectives und Recherchirer; jeder einzelne Einwohner der Großstadt ist von einem Netz der Spionage umgeben; nur das versteckte Elend wird nicht gefunden, will man nicht finden, und darum ist unsere so gerühmte Humanität nicht die wahre, die echte, daß sie den Socialismus besiegen kann. Drei Tage nach deni oben Erzählten trugen einige Männer einen ärmlichen Holzsarg über den Hof jenes Hauses, um ihn in einen Todtenwagen zu schieben, der vor dem Hause stand. Hinter dem Sarge ging bis zum Wagen das siebenjährige Mädchen und blickte mit seinen großen dunklen Augen sterbensmatt in die Welt. Regina verstand nicht, was vorging, aber sie fühlte, daß sie nun vollends verlassen ist, daß sie das Letzte verloren, was sie im Leben besessen. Sie empfand, wie ein Kind empfinden mag, das sich in einem Walde verirrt hat. Die Quartiergeberin erklärte, daß sie das Kind zu sich nehme. Einige Leute von ihren Bekannten sagten, sie sei sehr fromm und rhue das gute Werk an dem jüdischen Waisenkind aus purer christlicher Nächstenliebe; andere meinten, sie finde bei dieser Großmut!) ihre Rechnung, indem Regina ihr bald Dienste in ihrem Geschästslocale leisten werde, welches nicht im Gerüche der Heiligkeit stand. Regina besuchte zwar die Schule, aber unregelmäßig und machte daher keine Fortschritte. Hie und da kam sie auch in die Religionsstnnde, denn sie war polizeilich als Jüdin declarirt; sie fühlte sich aber fremd zu dieser Religion. So war sie ohne alle Leitung und Bildung ausgewachsen, sie hatte nie ein gutes Beispiel gesehen, ja, sie war förmlich für das Laster erzogen worden. Aber es war in ihr von Natur aus etwas Gutes, Etwas, das sich gegen das Schlechte, Gemeine sträubte, es instinctiv verabscheute, und dieses Etwas hatten alle Einflüsse ihres Lebens und ihrer Umgebung nicht zu ersticken vermocht. Und als die Zeit gekommen war, wo sie die Kinderschuhe ausgezogen und ihre Ziehmutter wohlgefällig aus ihre körperliche Entfaltung sah, floh sie in einer bitterkalten Winternacht ausdem Hause der Sünde, in welchem sie acht Jahre ihrer traurigen Jugend verlebte. Sie eilte in der späten Nacht durch viele Straßen, ohne sich zu fragen, ohne sich bewußt zu sein, welchen Weg sie nahm; erst als sie weit von dem Hause war, vor dessen Schande sie floh, athmete sie aus und blieb stehen. Der Sturm uurtoste sie, machte ihre Kleider flattern, zerzauste ihr Haar und streute Schneegeriesel, das er von den Dächern fegte, über sie. Erschöpft lehnte sie sich an eine Mauer und sann nach, wohin in der ungeheueren Stadt sie sich wenden solle. Wie ein Hoffnungsstrahl eines schon Verzweifelten, tauchte in ihr die Erinnerung an ein älteres Judenmädchen auf, das früher in ihrer Nachbarschaft gewohnt uub zu dem sie in freien Augenblicken manchmal geschlüpft war, weil es sie freundlich bei sich geduldet, sie mit der Nadel und Scheere hantiren ließ, denn das Mädchen war eine Weißnäherin, und sie doch noch daran erinnerte, daß sie eine Jüdin fei, besonders, wenn sie es zufällig an den hohen jüdischen Feiertagen besuchte. Zu diesem Mädchen, das unlängst in einen anderen Stadttheil gezogen war und dessen Adresse sie kannte, beschloß die Flüchtige zu gehen und es zu bitten, als Gehilfin bei ihr bleiben zu dürfen. Regina war geschickt und flink; sie wußte, daß sie die Arbeit bald erlernen und ihr Brot nicht umsonst essen .werde. Mit neuem Math eilte sie in den Bezirk und in die Gasse esselben, wo Fräulein Julie wohnte. Das Mädchen erschrack,!s in so später Stunde an ihre Thür gepocht wurde. Vorsichtig fragte sie, bevor sie öffnete, wer der Besuch sei. Sie erkannte Regina an der Stimme und ließ die halb Erfrorene ein, ihr vorderhand für die eine Nacht Obdach gewährend. Am anderen Morgen, nachdem sie Regina's Bericht gehört und überlegt hatte, was da zu thun sei, erklärte sie sich bereit, sie bei sich aufzunehmen und bot ihr an, sie zu ihrer Gehilfin zu machen und sie nach ihrem Verdienste auch zu entlohnen, wenn sie die Arbeit können werde. Es war ein braves, ehrenhaftes Mädchen. Sie fühlte Mitleid mit Regina, so sehr auch sie selbst die Gesr'ihllosigkeit der Menschen erprobt hatte und seit ihrer frühesten Jugend nur auf sich angewiesen war. So fand die Waise wenigstens eine Stätte, wo sie ihr Haupt niederlegen konnte und vor Hunger und vor Versuchung geschützt war. Regina war sehr fleißig und wußte die feinen Arbeiten bald ebenso gut zu behandeln, wie Frl. Julie; daher nahm die Kundschaft der beiden Mädchen, sowohl die von Privathäusern wie die von Geschäften, von Woche zu Woche zu. Das ältere Mädchen hatte es schon verlernt, wenn sie an Ausstattungen für Damen arbeitete, ihre Gedanken miteinznnähen, in Träumen von eigener Ausstattung sich dabei zu Verlierer: und Phantasien Spielraum zu gewähren, die jedes Mädchen umgaukeln, ob sie Sulamith oder Brunhilde heißt; Regina aber, wenn sie in die feinen Taschentücher die Monogramme einstickte oder die reizenden Wäschegarnituren unter den Händen hatte, konnte sich nicht enthalten, dabei mit sich selbst zu beschäftigen, sich von Ahnungen beschleichen zu lassen, vor denen sie erröthen mußte. Ihre Arbeiten warfen bald so viel Verdienst ab, daß sie sich fein kleiden konnte und wie eine den glücklicheren Ständen angehörende junge Dame erschien. Sie wurde daher von ihrer Gefährtin zu den aristokratischen Kunden geschickt, deren sie viele hatten und die dem älteren Mädchen in ihrem gedrückten und demüthigen Wesen in Bezug auf Mode und stylgerechte Muster der Stickereien kein rechtes Vertrauen schenkten, es wohl auch etwas scheel ansahen, weil sie zu sehr die Jüdin erkennen ließ, während Regina in ihrem feschen Auftreten und localen Dialecte die nn» verfälschte Arierin vermuthen ließ. Eines Tages wurde Regina in ein vornehmes Haus bestellt, und als sie dort anlangte, ließ man sie in das Wartezimmer treten und sagte ihr, sie möge dort warten, bis die Frau Baronin selbst mit ihr über eine neue Wäschegarnitur zu sprechen wünsche. Regina stellte sich demnach an ein Fenster und harrte geduldig. Als sie das Oeffnen einer Thür vernahm, wandte die Harrende sich um und machte einige Schritte vom Fenster weg; doch nicht die zu den inneren Gemächern, sondern die zur Treppe führende Thür war aufgegangen und anstatt der erwarteten alten Dame sah sich Regina einem jungen, eleganten und hübschen Manne gegenüber. Sie erschrack, und ohne daß sie wußte warum, übergoß Purpur ihre Wangen. Der Eingetretene blieb einige Augenblicke, srappirt von der Schönheit des Mädchens, das er' da so unvermuthet fand, mit der Klinke in der Hand stehen und blickte ganz erstaunt nach ihr, dann schloß er die Thür, ging leicht grüßend vorüber und verschwand im Nebenzimmer. Bald darauf kam die Baronin heraus, besprach freundlich die Arbeitsangelegenheit, lobte die Geschicklichkeit Regina's und entließ sie sodann mit zahlreichen Aufträgen. Als Regina sich wieder auf der Straße befand, ging sie eilig dahin. Hinter ihr aber erklangen gleichfalls einige Schritte. Sie blickte nicht um; trotzdem wußte sie, wer es war, der ihr folgte. Da sie, daheim angelangt, in ihr Hausthor treten wollte, stand der junge Mann neben ihr. „Sie sind Näherin in dem Hause, in welchem ich sie traf", sprach er sie an; „ich bin dort Hauslehrer und hätte gleichfalls einige Arbeit für Sie. Wollen Sie dieselbe übernehmen?" Regina blickte zu dem eleganten „Hauslehrer" auf. Aber was wußte sie von der Welt und Eleganz? Was wußte sie, wie ein Hauslehrer und wieein reicher Baron aussieht? Sie dachte auch nicht daran, daß selbst zwischen einem einfachen Hauslehrer in einem aristokratischen Hause und einer Näherin noch .eine tiefe sociale Kluft besteht, und am Wenigsten dachte sie an den Unterschied der Religion. Wenn sie auch, seitdem sie aus dem christlichen Hause ihrer „Zieh"mutter entfloh und mit dem frommen Judenmädchen zusammen lebte, schon mehr von ihrer jüdischen Religionsangehörigkeit wußte, so war ihr doch noch unbekannt, daß Ehen zwischen Juden und Christen nicht die Billigung der Religion