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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-02-05 · 6 (5.2.1897) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
6 (5.2.1897)
Date
1897-02-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seilr 120 Dr. Block s Wochrnlckrifl mi. 6 unserem Vereine durch Beitritt *), beziehungsweise durch freundliche Erhöhung des bisherigen Beitrages den Boden zu fernerer fruchtbringender Thätigkeit zu sichern. Schließen wir uns innig aneinander, um einen festen Wall zu bilden zum Schutze unserer armen Witwen und Waisen! D e r V o r st a n d. Dieser Aufruf dürfte feine Wirkung nicht verfehlen. Unter Anderem hat Herr Leopold T r e b i t s ch nach Lesung desselben dem Vereine die Spende von 1000 fl. zukommen lassen. Wien. (Drei Jahrhunderte Barmherzigkeit.) Nahezu drei Jahrhunderte sind es, seit die Barmherzigen Brüder ihre segensreiche Thätigkeit in Wien entfalten. Kriege, Belagerungen, schreckliche Pest, Epidemien und Ueberschwemmungsgefahren mit allen traurigen Folgen haben rühmenswerthe Gedenkblätter der Barmherzigen auf humanitärem Gebiete aufzuweisen. In der letzten Pest in Wien 1713 wurden alle Brüder, die im Leopoldstädter Lazareth den Kranken beistanden, ein Opfer ihrer Pflicht. Dafür blieben die Wiener auch in dankbarer, werkthätiger Unterstützung den Barmherzigen treu und zahlreiche Wohlthäter ermöglichten die stetig fortschreitende Ausgestaltung des'Instituts. Leider entspricht auch der Neubau des Hauses, der erst vor wenigen Jahren ausgeführt wurde, dem immer größer werdenden Andrange der Hilfesuchenden nicht mehr. Um diesen Ausbau womöglich bis zum Jubiläumsjahre des Kaisers zu vollenden, appelliren die Barmherzigen an alle Gönner und Wohlthäter der leidenden Menschheit und an die „ganze liebe Bevölkerung Wiens", dieses mit Recht so populär gewordene Institut „der Barmherzigen Brüder in der Leopoldstadt" durch hochherzige Beitrüge zu unterstützen. Wir find sicher, daß dieser Aufruf in allen Kreisen die lebhafteste Förderung finden wird, denn in den Räumen, welche die Barmherzigen der Pflege der Kranken gewidmet, wird kein Unterschied gemacht zwischen Nationen und C o n f e s s i o n e n. Der Dienst, den sie üben, umfaßt in gleicher Liebe und Barmherzigkeit die leidende Menschheit, die in diesem, durch wahre Nächstenliebe geheiligten Institute Hilfe und Trost sucht. Budapest. 31. Jänner. Die ungarisch-israelitische Literaturgesellschast entwickelt seit Kurzem wieder eine rührige Thätigkeit. In der abgelaufenen Woche wurden die von ihr jetzt herausgegebenen literarischen Erzeugnisse versendet, welche aus einem, verschiedene gelehrte und belletristische Artikel enthaltenden Jahrbuche — UI. Jahrgang — und der von Rabbiner Dr. Pollak, Rabbiner zu Oedenburg geschriebenen Geschichte der Oedenburger israelitischen Gemeinde bestehen. Gestern, Samstag, Abends um 6 Uhr, wurde von dieser Gesellschaft im Prunkfaale der israelitischen Religionsgesellschaft wieder der Reigen der Vortragsabende eröffnet. Der große Saal war aus diesem Anlässe von einem distiuguirten Publicum so dicht gefüllt, daß Hunderte von Herren und Damen keinen Einlaß mehr finden konnten. Zuerst sprach der Präses der Gesellschaft, Rabbiner Dr. Samuel K o h n über den Ursprung des hebräischen Alphabets und wies in klarer und gemeinverständlicher Sprache an der Hand von Illustrationen die Abstammung des griechischen, lateinischen und gothischen ABC vom semitischen Alphabete nach, was die Welt zum großen Theile nicht weiß oder nicht Nüssen will, gleichwie man von gewisser Seite zu ignoriren trachtet, daß auch unsere Ziffern und so Manches in unserem Geistesleben semitischen Ursprungs ist. Die populären Ausführungen des gelehrten Vortragenden wurden vom Publicum mit lebhaftem Beifalle aufgenommen. Hierauf hielt unser geistreicher Causeur und Feuilletonist Dr. Adolf Agai eine Vorlesung über die Allegorie des ewigen Juden, die bekanntlich die Leiden des seit zwei Jahrtausenden verfolgten und unterdrückten Judenthums versinnbildlichen soll. Nach einer Rundschau über die Stellung der Juden in den verschiedenen Staaten und einer kurzen Charakteristik der Lage unserer Glaubeusbrüder in der andern Neichshälfte kam der *) § 5 der Statuten lautet: Mitglieder des Vereines können nur immatriculirte Mitglieder der Wiener israelitischen Cultusge-, meinde werden. Sie haben einen Jahresbeitrag von mindestens 5 si. zu leisten, und haben: a) Das active und passive Wahlrecht; b) das Recht, Anträge und Vorschläge dem Vorstande zur Beschlußfassung vorzulegen. Mit dem Aufhoren des Jahresbeitrages hört jeder bevorzugte Anspruch der Hinterbliebenen dieses Mitgliedes auf. Es wird jedoch dem Ermessen des Vorstandes überlassen, in berücksichtigungswerthen Fällen Nachsicht ein treten zu lassen. Vortragende auch auf die diesbezüglichen ungarischen Verhältnisse zu sprechen. Bei uns. sagte er, sei der eigentliche Antisemitismus nie vorhanden gewesen. Zur Illustration dieser Behauptung erzählte er eine Anekdote, die er von dem berühmten Ober-Staatsanwalte Alexander Kozma hörte. Als dieser zur Zeit des Tisza- Eszlarer Protestes in Nyiregyhaza weilte, war er bei einer Geutryfamilie zum Diner geladen, wo er unter den Güsten einen säbelfüßigen Abraham Silberstein sah. Kozma fragte den Hausherrn, wie dieser Jude in die antisemitische Gesellschaft komme, worauf ihm der Hausherr erwiderte: „Freund, alle Juden sind werth, verbrannt zu werden, doch dieser Eine ist ein höchst anständiger Mann. Zum Souper war der Ober- Staatsanwalt bei einer andern christlichen Familie zu Gaste, dort traf er wieder einen M o r i z K o h n als Tifchgenossen, von dem ihm der Hausherr sagte: „Das ist der einzige ehrliche Jude, alle anderen sollte man aufhängen". Tags darauf war in einer dritten Gentryfamilie wieder ein anderer Kohn sein Dinergenosse rc. „Ich bin überzeugt — schloß der Ober- Staatsanlvalt seine Anekdote, — wenn ich noch viele solcher Einladungen angenommen hätte, ich hätte alle Nyiregyhazaer Juden als hochanständige Leute kennen gelernt". Anschließend an diese Excursion, gab Vortragender eine humorsprühende Monographie der Verbreitung des Namens „Kohn", den er mit Leidenschaft samnlle. Die Namen vieler vornehmer Familien lassen sich auf Kohn zurückführen; in Ungarn sei Gras Geza Kun, vielleicht aus leicht erklärbarer Neigung, einer der besten Kenner der hebräischen Sprache. Der Name Kohn ist auf dem ganzen Erdball verbreitet, wenigstens in irgend einer Variation oder diminutiven Form. So fand der Vorleser einmal während einer Vergnügungsreise in einem urschwäbischen Dorfe die Firma : Willibald Siegfried K ö h n l e i n. zum Schluffe erzählte Agai eine interessante Geschichte. Vor einigen Jahren war er zu gleicher Zeit mit dem seither verstorbenen Bischof Sigmund K o v a c s in Marienbad zur Cur. Von Marienbad reiste dieser aufgeklärte und gebildete Kirchenfürst nach Ostende. Die ungarische Curcolome begleitete ihn zum Bahnhof, wo er, mit seinen Begleitern am Perron auf- und abgehend, scherzweise klagte, daß er wegen eines Mißgeschickes, das ihm einst in Ostende widerfuhr, nur ungern dahin reise. Auf dringendes Bitten der Gesellschaft, erzählte der Bischof, daß er am ersten Tage nach seiner Ankunft, daselbst am Strande spazieren gehend, von einer Schaar Jungen mit Sand und Kies derart beworfen wurde, daß es sowohl ihm als auch seinem Begleiter nicht gelingen konnte, sich der kecken und unverschämten Jungen zu erwehren. Ein Polizeimann mußte ihn aus seiner bedrängten Lage befreien und ihm auf Beftagen um die Ursache dieses Angriffes erklären, daß ihn die Gassenbuben wegen seiner Stiefel und seines langen Rockes, worin in Ostende nur polnische Juden gekleidet sind, wahrscheinlich für einen solchen hielten. Agai bemerkte auf diese vom Bischof erzählte Geschichte: Ew. bischöfliche Gnaden waren nur eine halbe - tunde Jude und haben schon so viel dulden müssen; Sie werden nun das harte Los der Juden begreifen, die seit Jahrtausenden so viel Unbill ertragen müssen. „Es wird fcho: anders werden, mein Sohn", replicirte hierauf der Kirchenfürst, der ein Vorkämpfer der Nächstenliebe in der Veszprimer Diöcese war, wo der Judenhaß eine Zeit lang sehr stark verbreitet gewesen. Der geistvolle Vortrag wurde voni Publicum mit brausendem Applaus ausgenommen. Ueber die erwähnten Editionen des ungarisch-israelitischen Literaturvereines will ich nächstens referiren. Seit Beginn dieses Jahres erscheint unter der Redaction des Dr. Julius Weißburg, Prediger der israelitischen Religionsgemeinde, eine neue ungarische Wochenschrift, die den Titel: »A ]övö« (Zukunft) führt und durch ihre maßvolle Richtung und gediegenen Inhalt berufen ist, auf das jüdische Cultnrleben unseres Landes vortheilhaft einzuwirken. Die Zeitschrift wird allenthalben mit großer Sympathie ausgenommen. Prag, *9. Jänner. Gestei n am 28. d. M. hielt Herr Dr. Grün im Verein zur Verbreitung der Wissenschaft des Juden thums einen Vortrag: Geschichte der Prager Judengemeinde in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Dr. Grün reihte die wichtigsten Ereignisse dieser Periode in zweckmäßiger Weise aneinander und wußte sein zahlreiches Auditorium, unter dem sich namhafte Persönlichkeiten befanden, durch eine volle Stunde zu fesseln. Dem trefflichen Vortrage kam die humoristische Ader des Redners, welche den zuweilen düsteren Ernst des behandelten Gegenstandes durch einige heitere Wendungen milderte, zu Gute. Die volle Zufriedenheit der Zuhörerschaft gab sich am Schluffe durch lebhaften Beifall kund.

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