Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-02-05 · 6 (5.2.1897) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
6 (5.2.1897)
Date
1897-02-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021175--06430-3030711
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 6 Dr. Vloch's Wochrnsttzrifl Seite 117 Der Bürgermeister von Prag, Dr. P o d l i p n y, wurde vom Kaiser in Audienz empfangen. Er dankte in c z e ch i s ch e r S p r a ch e für die Bestätigung seiner Wahl, worauf der Kaise r, gleichfalls in c z e ch i s ch e r Sprache bemerkte, es freue ihn, den neugewählten Bürgermeister kennen zu lernen. Der Kaiser sprach sodann seine Zufriedenheit darüber ans, daß Dr. Podlipny in seiner Jnstallationsrede den entschiedenen Willen betonte, volle Gerechtigkeit gegenüber allen G e m e i nd e a n g e h ö r i g e n o h n e U n t e r s ch i e d der N a t i o n, d e r C o n f e s s i o n und des Standes walten zu lassen. Lueger in Ungarn. F i u m e, 1. Februar 1897. Lueger hat die heldenhafte Kunst bewiesen, nach Ungarn zu kommen — ohne angespuckt zu werden. Er gebrauchte hierbei folgenden Vortheil. Aus Abbazia, wo er als Curgast weilt, fuhr er nach Fiume, welches bereits auf ungarischen Territorium liegt, er spazierte durch diese Stadt, (von Niemanden gekannt) zur Rechten einen Officier als Begleiter und zur Linken einen Officier als Bedeckung. Unsere brave Armee dient nicht nur, um vor dem Feinde die glänzendsten Siege zu erkäiupsen, wobei das fließende christliche Blut sich mit dem tapferen jüdischen Bülte wohl mischt, aber auch in Frieden, um als Ehrenesevrte für einen Agitator zu dienen, seinem Math einen schirmenden Arm zu bieten. Wenn einer dieser Herren Osficiere von der Lueger- Bedeckung, je im Feuer gestanden, je einen jüdischen Kameraden verloren, dessen Herz zur selben Fahne treuevoll schlug, oann mag die Erinnerung an den gefallenen Kameraden einen Riß im Gewissen hinterlassen haben, sich mit einem Agitator zu mengen, der ohne Unterschied gegen die Glaubensbrüder des gefallenen Wasiengenoffen intrignirt. So lange es jüdische Soldaten gibt, existiren kameradschaftliche Pflichten. Die Flankendeckung des Lueger hat zur Hebung des Corpsgeistes nicht beigetragen. „Juden und Puritaner." Der in der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 22. Jänner l. I. veröffentliche Vortrag „Juden und Puritaner" berührt eine volkspsychische Seite des Judenthuws, die meines Erachtens bis nun noch nicht Gegenstand öffentlicher Besprechung war. Indem nämlich der geehrte Vortragende Juden und Puritaner parallelisirt, stellt er zugleich die ganz richtige Frage: Warum die Juden aus allen Gebieten rein weltlicher Thätigkeit nicht ebenso wie die Puritaner als Bahnbrecher und Schöpfer auftreten, und daß namentlich die Juden nicht solche Theoretiker und Praktiker von Bedeutung wie einen James Watt und Edison ausweisen können? Der Vortragende findet dann den Mangel eines „Stückchens grüner Erde" als Ursache dieses Rückstandes — oder mit anderen Worten: den Juden fehlt Grund und Boden sowie die mit denselben verbundene nähere Berührung mit der Natur. Hierauf ist Folgendes zu bemerken: Der werthe Prelegent hat in seiner Parallele zwischen Juden und Puritaner die in der culturellen Entwicklung der Menschheit eine Hauptrolle spielende geographische Lage, sowie das Klima des von einem Volke bewohnten Landes außer Acht gelassen; wenn er dies wichtige Moment in seinem Vortrage herangezogen hätte, so würde er dann finden, daß außer dem Stückchen grüner Erde die Anglosachsen vorwiegend durch die insulare Lage ihres Landes und die derselben verknüpfte stetige Berührung mit der See zur tieferen Naturanschauung herangebildet worden sind; wenn die englische Mutter ihrem Baby die erste Spazierfahrt zur Küste machen läßt, so rafft es im Momente des Ansichtigwerdens des Meeres sich auf, wirft die Hände um sich und stammelt entzückt die Worte: the water, the water, so stark fühlt der kleine Brite instinctiv heraus, daß das nasse Element für ihn den Quell seiner intelleciuellen und materiellen Macht ist! Es soll auch nicht unbemerkt bleiben, daß nicht nur die Juden, sondern auch manch modernes Volk, dem das Stückchen grüner Erde nicht fehlt, den Engländern in Bezug der Erkenntniß der Naturgesetze und deren praktischer Anwendung nachsteht; um einen Newton und einen Darwin werden die Anglosachsen immer von allen Nationen beneidet werden, denn ein zweites Gesetz der Schwere und eine zweite Selectionstheorie werden nicht zu finden sein. Es haben übrigens die Juden in neuester Zeit auf dem Gebiete der Naturwissenschaften was Bedeutendes geleistet, so beispielsweise der leider zu früh verstorbene Hertz, dessen Forschungen den Weg zur Entdeckung der Röntgen-Strahlen bahnten, ferner Professor Salomon Stricker, dessen Lehrsaal ein Virchow zum Behufe der Beobachtung neuer physiologischer Demonstrationen aussuchte. Ich bin weit entfernt, irgend welche llebeihlbung zu provoeiren, denn so was halte ich im Allgemeinen für schädlich, insbesondere aber dort, wo noch viel abzuhelfen und zu verbessern ist; aber es soll an der Hand von Beispielen gezeigt werden, daß auch ohne dem Stückchen grüner Erde der Anfang schon gemacht wurde. Hervorgehoben muß auch werden, daß die Erde beiweitem noch nicht die gesummte Natur darstelll, uns ist ein Blick in den gestirnten Himmel gegönnt, der uns erst eine Ahnung des unendlichen Weltalls gewährt, das Himmelsgewölbe begeisterte schon den Menschen des grauen Alterthums, von ihm singt schon der Psalmist und der Dichter Job's (Psalm! VII, 4; Jrb XXXV, 5); ja neuestens bietet Spree-Athen seinen Bürgern in der Urania ein Institut, in welchem sie sich allabendlich durchs Fernrohr einen tieferen Einblick ins Firmament gönnen können. Ich unterlasse es, die Frage, wie die Mittel und Wege beschaffen sein sollen, aus welche 'Art das „Stückchen grüner Erde" luschassk werden sollte, hier zu erörtern, da ich Niemanden um den Traum einer schönen Uropie bringen möchte, aber selbst der geschätzte Prelegent wird zugeben, daß die Verwirklichung dieses Traumes in absehbarer Zukunft nicht zu gewältigeu ist, und daß wir demnach uns um einen praktisch remirbaren Weg Umsehen dürfen, aus dem wir zur Heranbildung des Sinnes nur Naturwissenschaften der jüdischen Jugend g.langru können. Hier drängt sich das Mittel wie von selbst am, es heiß: : Aenderung der Erziehungs- und Unterricht-weise der Jugend. Die jüdische Erzieherin, in erster Reihe die Mutter, möge ihre Kleinen öfter in Gärten, manchmal auch ins Freie und in den Wald führen; da sollten die Kleinen au Pflanzen und Vögel voibeigksührt und ein über dieselben passendes Gespräch gepslvgcn werden. An den konfessionellen Volksschulen, namentlich an den Baron Hirsch'schen, mögen Gärten, wie solche bei den Tvrffchnlen bereits bestehen, angelegt werden. In diesen Gärten wird der Lehrer den Schülern durch anschaulichen Unterricht die Kenittmsse der Pflanzen, unter Berücksichtigung der Elemente, dir Botanik beidringen; auch hier dürfen periodische Ausflüge von Schülern unter Lettung des Lehrers plotzgreifen, wobei schon außer Flur und Wald das Gebirge, manchmal auch der gestirnte Himmel als Gtsprächsstoss in faßlicher, ja sogar anziehender Weise dienen mögen. Durch solche öftere Excursiouen in Gärleu und in die freie Natur wird die Jugend zur selbstständigen Betrachtung derselben angeregt und so ihr Sinn für das Schöne und Erhabene in der Schöpfung geweckt, worauf dann der erwachsene, mir starkem Denkvermögen ausgestattete Mann sich zur Anwendung und Ausnützung der Nalurkräste heranbilden wird, das heißt er wird auch auf diesem Gebiete bahnbrechend und schöpferisch wirken können. Dem geehrten Vortragenden gebührt aber für die treffliche Anregung einer so eminenten Frage der wärmste Dar k. H i r s ch K a r p e l u s z. Der „Lotterie-Roser" am Pranger. Die „Bolksftimme", das Organ der demokratischen Partei, schreibt: In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 13. d. M. haben die Abgeordneten Tr. K r o n a w e t t e r und Genossen folgende Interpellation an den Landesvertheidigungsminisier gerichtet: „Nach einem Berichte des in Lemberg erscheinenden Journales „Przeglad" vom 29. Cctober 189b, über schr ieben: „Vors.rlt beim Militär", rückte der Reservist „M a j e r Krrj". welcher aus einem kleinen galizischen Städtchen stammt, woselbst er auch bei einer jüdischen Schule angcstellt ist und keine Gelegeribcir hatte, sich die polnische Sprache vollkommen anzueignen, zu dem in Lemberg garnisonirenden Regimente Nr. 15 ein. Er verstand die ihm im Dienste beim Regimente in polnischer Sprache erthrillen Weisungen nicht, wurde deshalb von seinen Vorgesetzten der Simulation beschuldigt und in folgender Weise bestraf:: Man hüngte ihn andru Armen aus, bis erin Ohnmacht fiel, erst dann befreite man ihn von den Stricken und ries ihn ins Leben zurück. Nach einiger Zeit gab man ihm zehn Stockstreiche. Der also Verfolgte befürchtete noch empfindlichere Strafen und verzweifelte derart an seinem Geschicke, daß er den Entschluß faßte, durch Selbstmord zu enden und sich mit dem Bajonette zwei Stöße oberhalb des Herzens und in der Magengegend versetzte und schwer verwundet in das Garnisonsspita! transportirt werden mußte. Nachdem die Bestrafung der Soldaten mit Stockstreichen durch das Gesetz vom o. December 1868, R.-G.-Bl. Nr. 151, aufgehoben wurde und eine Bestrafung durch Aushängen mit Stricken an den Armen im Militärstrafgesetzbuche unter den gesetzlichen Strafen nichlgenannr wird, stellen die Gefertigten an den Herrn k. k. Minister für Landesoertherdigung die Anfrage: „„Äst derselbe geneigt, über diesen im „Przeglad" vom 29. October 1896 berichteten Vorfall Erhebungen zu Pflegen und was gedenkt derselbe zu veranlassen, daß, die Richtigkeit der Mittheilung vorausgesetzt, eine solche gesetzwidrige Behandlung der zu den Waffenübungen eingerückten Reservisten nicht mehr vorkomme?"" Die hier wiedergegebene Interpellation hat eine recht interessante Vorgeschichte, welche beweist, wie tief angesreffen vom reactionären Geiste auch schon solche Männer sind, die es sich ein langes Menschenleben hindurch zum Stolze anrechneten, für freisinnig zu gelten. Der Abgeordnete Dr. Kronawetter fand lange Zeit für seine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.