Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 6 (5.2.1897)
- Date
- 1897-02-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 116 »fr 6 Dr. Vloch's WochenschrM anzneignen verstanden und dadurch dem mit dem Unterfange bedrohten Judenthum immer frische Lebenssäfte eingeflößt haben. Von vielen solcher jüdischen Gelehrten im Mittelalterwollen wir hier beispielsweise nur einige anführen: Der hochangesehene Saadia ben Josef, genannt „Gaon", Oberhaupt der jüdischen Akademie in Sura, der sein Merk arabisch verfaßte und, wie ein Zeitgenosse sich ausdrückte, „eine große Vertrautheit mit der Philosophie seiner Zeit bekundete"; ferner der von hervorragenden christlichen Philosophen, Albertus Magnus und Thomas von Aquina, mit großer Anerkennung häufig citirte jüdische Schriftsteller Avicebron, recte Jbn Gabirol; ferner der ebenso geistvolle als witzige spanische Gelehrte Aben Esra, und vor Allem der berühmte, auf allen Gebieten des menschlichen Wissens leuchtend hervorragende „Maimonides", der bekanntlich nahezu alle seine Werke in arabischer Sprache verfaßte. Der Einwand, daß unsere jüdischen Separatisten durchaus nicht in intellectueller, sondern nur in nationaler Hinsicht sich von den christlichen Mitbürgern abschließen wollen, ist entschieden nicht stichhältig, weil doch jeder vernünftig Denkende zugeben muß, daß der sociale Verkehr zur Förderung der Civilisation und aller Interessen der Juden unbedingt beiträgt. Darum haben auch die Juden aller Zeiten, und sogar während des Bestandes des selbstständigen jüdischen Staates sich mit den civilisirten Völkerschaften, in deren Mitte sie lebten, zu assimiliren gestrebt. So geschah es in der Diaspora; und über die Stellung der Juden in Rom zur Zeit Caesars schreibt Mommsen (römische Geschichte, T. Hl, Seite 534): „Daß die Inden, dieses merkwürdige „nachgiebige" Volk, mit den Griechen und Römern an Ubiqnität in der alten Welt wetteiferten. Daß sie ebenso schwer den Kern ihrer nationalen Eigenthümlichkeit aufgeben, als bereitwillig denselben mit jeder beliebigen Nationalität umhüllen, und bis 51t einem gewissen Grade der Fremden Eigenthümlichkeit sich anschmiegen." Auch ist es eine unleugbare Thatsache, daß die glänzende Epoche der Juden in Spanien nicht nur durch ihre hervorragenden Leistungen in allen Disciplinen der Wissenschaft, sondern auch in Folge ihrer socialen Assimilirung mit den Spaniern bewirkt wurde. Ihre späteren martervollen Verfolgungen und endliche Austreibung war das verruchte Werk der zur Herrschaft gelangten Jesuiten. Unsere „zionistischen" Chauvinisten mögen aber auch bedenken, daß sie durch ihre separatistischen Bestrebungen den Antisemiten die gefährlichsten Waffen in die Hand geben. Bekanntlich behaupten letztere, daß die Juden in Europa Fremdlinge sind und als solche keine Gleichberechtigung mit den autochthonen Ariern verdienen. So entstand in Deutschland die Dühring-Hartmann'sche Theorie von den Wirths- und Gastvölkern, und in Galizien die antisemitische Behauptung, „daß durch den Kauf von Gütern seitens der Inden der heilige polnische Boden entnationalisirt werde!" Diese die Existenz der Inden gefährdenden Dogmen wurden seinerzeit von großen jüdischen Celebritäten in Wort und Schrift bekämpft, mit dem Hinweise auf die Thatsache, daß die Juden an allen nationalen Bewegungen in den Ländern, wo sie wohnen, stets mit großen Opfern au Gut und Blut theilnehmen und sich als Söhne dieser Länder fühlen! Bereits die französische Alliance israelite hat gleich bei ihrer Gründung die nationale Assimilation der Juden mit ihren christlichen Mitbürgern sich zur Aufgabe gemacht und in ihrem Programme ausdrücklich betont: „Nous sommes Franqais en France, Dieu merci! Ne devons-nous pas voulqir, qu’en Allemagne nos correligionaires soient Allemands, qu’ils soient Russes ä Moskou, Espagniols ä Madrid, Italiens ä Rome?" Wenn also der Separatismus in früheren, ruhigeren Zeiten von angesehenen jüdischen Patrioten als ein beit Interessen des Judenthums schädigender Jrrthum betrachtet wurde, so ist es bei der gegenwärtigen antisemitischen Bewegung und besonders in Galizien, wo man bekanntlich durch Errichtung christlicher Handelsverbände auf dem flachen Lande und durch alle möglichen Boycotts die Existenz der „jüdischen Fremdlinge,, zu untergraben sucht, ein wahres verhängnißvolles Verbrechen! Man wende nicht ein, daß unsere christlichen Mitbürger jede Assimilation mit uns perhorresciren. Abgesehen davon, daß man dies keineswegs von allen hierländischen Christen behaupten kann, muß man aber auch die jetzige, judenfeindliche Strömung in Erwägung ziehen, in Folge dessen die meisten Polen nicht sowohl des Principes, als vielmehr der „Mode" wegen mit Juden gesellschaftlich nicht verkehren wollen. Doch die durch die antisemitischen Aufwiegler gegenwärtig am Horizonte Cisleithaniens eingetretene geistige und sittliche Sonnenfinsterniß kann unmöglich ewig dauern! Der nun gewaltsam zurückgedrängte Geist des Fortschrittes muß früher oder später in dem Denken und in der Stimmung der irregeleiteten christlichen Bevölkerung in Oesterreich eine Wendung zum Besseren herbeiführen. Diesen günstigen Umschlag müssen wir in Geduld abwarten. Allerdings dürfen wir uns der christlichen Gesellschaft nicht aufdrängen. Das verbietet uns schon unser berechtigtes Selbstbewußtsein, das der Gedanke an unser in der Geschichte beispielloses, viele Jahrhunderte altes, leidvolles Märtyrerthum in jedem Juden nur kräftigen muß. Andererseits dürfen wir nicht in der Entrüstung über die schmachvollen antisemitischen Excesse uns von einer sozusagen nervösen Ungeduld Hinreißen lassen und durch separatistische Bestrebungen die Behauptung unserer Feinde, daß wir Fremdlinge find, bestätigen und dadurch die Zukunft der hierländischen Juden gefährden! Daß wir mit unseren oben auseinandergesetzten Ansichten nicht allein dastehen, hievon zeigt eine uns zugekommene, vom Rabbiner Dr. I. Baum in Luck in Böhmen veröffentlichte, beachtenswerthe Abhandlung, die unter dem Titel: „Der Universalismus der mosaischen Heilslehre", auf eine geistvolle Weise mit auerkennenswerther Objectivität, sowie mit großer Sachkenntniß ans der Bibel die einzelnen Phasen der culturgeschichtlichen Entwicklung der Menschheit seit ihrer frühesten Jugend — seit dem ersten Menschenpaar — darstellt und den schädlichen Jrrthum der Racentheorie und der unheilstiftenden Separatisten nachweist. Arthur Eibenschütz. Vom Jahrmarkt drs Lebens. Zum Ball der Stadt Wien. Auswärtigen Blättern wird von Wien geschrieben In Folge eines Winkes, daß der Kaiser den Ball der Stadt Wien nicht besuchen könnte und daß auch die Minister nicht erscheinen würden, wenn die jüdischen Mi t b ü r g e r nicht eingeladen würden, wurden jetzt nachträglich Einladungskarten an diejenigen jüdischen Notabilitäten Wiens, die sie in früheren Jahren erhielten, verschickt. Gleichzeitig ließ sich der Monarch die Liste der Ehrenkarten v 0 r l e g e n. In Folge dessen erhielten alle Persönlichkeiten der Finanz-, Eisenbahn- und Bankwelt, so Baron Rothschild, Ritter v. T a u s s i g, Dr. Maut h n e r u. A. Ehrenkarten zugesendet. Was die solcher Art „Beehrten" zu thun haben, brauchen nur in diesem Falle nicht weiter auszuführen. Das clericale Antisemitenblatt „Reichspost" bringt einen Artikel über das Comitö des Balles der Stadt Wien mit folgender Einleitung: „Weine, Israel! Ein Ball der Stadt Wien ohne Dich und trotzdem von „illustren Persönlichkeiten protegirt", gerade so, wie es früher bei der judenliberalen Herrschaft der Fall war. Schon im Präsidium sitzen lauter bei S e m mißliebige Fnnctionäre: Als Präsident Bürgermeister Strobach, als Vicepräsident Gemeinderath Lehofer, als Schriftführer Dr. Wähner ferner die Viceürgermeister Dr. Lueger und Dr. Nenmayer." Nach Aufzählung der Mitglieder des Damencomites heißt es dann weiter: „Das Herrencomite ist in nachstehender Weise zusammengesetzt, in einer Weise w 0 h lt h u end un d erfri sch en d 0 b des Mangels an orientalischer Beimischung." Es folgen sodann einige Mittheilungen über das Erscheinen des Hofes, der öffentlichen Würdenträger und der Aristokratie, und es wird ferner gesagt: „Im Ganzen ist als sicher anzunehmen, daß der Ball der Stadt Wien unter christlicher Leitung seine Vorgänger an Glanz und Pracht nicht nur erreichen, sondern sogar noch übertreffen wird, z u r t i e f e n B e t r ü b n i ß unserer „gleichberechtigten" Mitbürger. Das Comite des Balles, vor Allem, der unermüdlich besorgte Vicepräsident Gemeinderath Carl Lehofer, gibt sich aber auch die größte Mübe für das Gelingen der ersten festlichen Veranstaltung der R e i ch s h a u p t - und Residenzstadt nachdem so herrlichen Siege über den Judenli b e r a l i s m u s. Gilt es dabei doch, nicht nur die Ehre d er S t a d t Wie n zu wahren, sondern anch die v i elfe i t i g e L e i st u n g s f ä h i g k e i t der „rohen" Antisemiten zu zeigen."