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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-02-05 · 6 (5.2.1897) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
6 (5.2.1897)
Date
1897-02-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 114 Nr. 6 Dr. Vloch's Wochenschrift. durch seinen Diener d e n K a i s e r auf den siebenten Tag b e s ch i e d." ,B) Es überrascht uns diese Mittheilung umsoweniger, als wir ja wissen, daß zahlreiche Heiden am Sabbath die Synagogen besuchten, sich an den religiösen Controversen daselbst betheiligten, wie denn ja auch der Apostel Paulus in der jüdischen Synagoge zu Athen mit griechischen Philosophen disputirte. 1T) Nachdem nun weite Volksschichten, angezogen von den sabbathlichen Unterweisungen der Synagoge, die Gewohnheit angenommen, den Sabbath zu feiern, was Wunder, daß auch die heidnischen Gelehrten ihrerseits diesen Tag für ihre Vorträge gewählt? Aber selbst wenn wir von allen diesen Berichten, welche die große Verbreitung der Sabbathfeier in der heidnischen Welt bezeugen, abfehen, schon die feindlichen Angriffe, welche diese jüdische Institution von römischen Schriftstellern, wie Seneca, Tacitus, Juvenal, Persius und Anderen zu erleiden hatte, müßten Nils belehren, welch' unwiderstehliches Anziehungsmittel die Synagoge in der Sabbathfeier besaß: Seneca tadelt unter den religiösen Institutionen der Juden vornehmlich jene des S a b b a t h s, versichernd, daß hiedurch der siebente Theil des menschlichen Lebens dem Müssiggauge geopfert werde.l5) — Dieselbe Ansicht vom Sabbath verbreitet Tacitus und fügt noch hinzu, daß die Trägheit solchen Anklang gefunden, daß sie sogar auch aus jedes siebente Jahr ausgedehnt wurde.19) Solche verkehrte Anschauungen verbreiteten diese berühmten Männer über eine wahrhaft göttliche Einrichtung, welche den Menschen aus einem thierischen Begetiren aufrütteln und zu geistigem Leben erwecken sollte! „Unausgesetztes körperliches Arbeiten stumpft den Menschen ab für die Beschäftigung mit göttlichen Dingen, hindert die Seele, sich in Andacht zu Gott zu erheben und Herz und Geist zu erquicken und das geistige Leben zu kräftigen. Darum ist die Einstellung der Arbeit eine unerläßliche Bedingung der rechten Sabbathheiligung. Als solche erscheint sie auch im Gesetze, wo die Ruhe am Sabbath wie an den hohen Festtagen, die unter denselben Gesichtspunkt fällt mit der h e il i g e n Berfa m m l u n g, in Verbindung gesetzt wird, und am Versöhnungstage mit dem Kasteien der Seele, dem Fasten, da ja bei diesem Feste die Einstellung der Arbeit damit begründet wird: „denn ein Tag der Versöhnung ist er, Euch zu versöhnen vor dem Herrn, Euren Gott." — Aus dieser Auffassung der Ruhe als Heiliguugsmittel entwickelte sich die Sitte der Frommen aus Israel, sich an den Sabbathen zu gottesdienstlicher Erbauung um die Propheten zu versammeln, woraus später der Synagogrndienst sich herausbildete. Diese Ansicht der Sabbathfeier wurde von den Juden stets festgehalten." 2Ü) Seneca, Tacitus, sowie ihre blinden Nachbeter haben diese hohe Bedeutung des Sabbaths in ihrer Voreingenommenheit nicht zu ermessen vermocht; umsomehr wußten dieselbe die breiten heidnischen Volksschichten zum großen Verdruß jener führenden Geister zu würdigen. I. G. Müller macht bei Besprechung der gehässigen Taciteischen Angriffe auf das Judenthum folgende Bemerkung: „Wohl hat sich hier schon Manchem der Zweifel aufgedrängt: Wie? wenn gerade auf diesem Gebiete, das wir zufällig besser kennen, sich solche Ansichten über alte Völkerverhältnisse als Resultat der Nachforschung eines so ehrenhaften Forschers ergeben, was haben wir für einen Schluß zu ziehen auf andere Nachrichten des Alterthums der Art? Ist nicht denselben jede Glaubwürdigkeit, ja jede historische Bedeutung von vornherein abzusprechen?'"') Müller, der sich diese wohl aufzuwerfende Frage stellt, beruhigt sich jedoch bei der Antwort: Tacitus gebe hier 'y Lueton. Tiber. 32: Diogen68 grammaticus disputare Sabbathis solitus, veaientein eum (Tiberium) Bhodi, utse extra ordiuem audiret, non admiserat, ae per servulum suüm in septimim di ein distulerat. 1T) Apostelgeschichte XVI, 17. *-) Seneca apud Augustin. C. D. 11: Inter alias civilis theologiae superstitiones reprehendit etiam sacramenta Judaeorum, e t maxime sabbata, inutiliter eos facere affirmans quod per illos singulos septem interpositos dies septimaui feie partem aetatis suae perdant vacando et niulta in tempore urgentia non agendo laedantur. Ferner Ep ist. 95: accendere aliquem lucernam Sabbathis prohibeamus etc. ,öl Tacit. Hist. V. 4: Septimo die otium placuisse ferunt, quia is fineiu laborum tulerit: dein blaudiente inertia septimum quoque auuum iguaviae datum. Vergleiche Juvenal XIV, 106 Persius V, 180 f. -°) Keil, Handbuch der biblischen Archeologie 1. Seite 365. 2') Studien und Kriliken 1843. S. 896. lediglich die Ansichten der Griechen und Römer über das Juden-" thum. — Uns jedoch will es scheinen, daß mit diesem Auskunftsmittel die Glaubwürdigkeit des Tacitus, zum mindesten soweit es dessen auf die Juden bezügliche Berichte betrifft, noch keineswegs dargethan ist. Es trifft nicht zu, daß diese Ansichten des Tacitus im Allgemeinen jene der Griechen und Römer gewesen. Dem widerspricht schon der mächtige Zug des Heidenthums jener Zeit nach dem Judenthum hin. Wohl aber waren es die^Ansichten griechischer und römischer Sophisten, welchen Tacitus gern, und darum kritiklos folgt. — Beherrscht von einem unüberwindlichen, in -der Geschichtsschreibung, zumal bei einem Autor von der Bedeutung eines Tacitus, geradezu verhängnißvoll wirkenden Borurtheil gegen das Judenthum, erfüllt von bitterem, aus jedem Worte der diesbezüglichen Berichte hervorbrechendem Groll über das unaufhaltsame Vordringen der jüdischen „Superstition"-2), langt Tacitus ohne viel Bedenken nach den über die Juden erdichteten und zusammengelesenen Fabeln und Verleumdungen der Judenfeinde Apollonias Molo und Posidonius, der Lehrer des ihnen im Judenhaß nacheifernden Cicero, nach Fabeln und Verleumdungen, welche überdies der ostentationssüchtige marktschreierische, grenzenlos eitle Grammatiker Apion mit neuen Zoten bereichert, als breite Bettelsuppe auf den literarischen Markt brachte und auf seinen weiten Kunstreisen zum Gaudium eines hetzlustigen Pöbels vom Stapel ließ.. Wie ganz anders Horaz. Auch er gewährt uns — allerdings in seiner Weise — einen Einblick, und wir fügen hinzu, einen ftappirenden, in die jüdische Geistesarbeit seiner Zeit; aber wie vornehm geht er dabei zu Werke. Er gesteht offen, daß er für seine Person keine Religion habe.: nuila mihi religio est; aber der „gläubige Jude Apella" ist ihm kein Gegenstand der Verachtung, und er verfolgt nicht mit seinem Hasse die zu dessen Glauben hinneigende Menge. Er urtheilt wie ein Philosoph, der, getreu seinem Grundsatz: Nil admirari, die Dinge zu begreifen sucht und für Volksströmungen, selbst wenn sie ihm von seinem hohen Standpunkt aus als thöricht erscheinen, nur ein mitleidiges Lächeln hat. Vorurtheilsfrei und scheinbar ganz absichtslos, gleichsam so nebenher laufend, zeigt er uns, wie kaum ein zweiter, welche mächtige Anziehungskraft das Judenthum nicht blos auf die große Menge, sondern sogar auf d i e i h m s e l b st n a h e st e h e n d e n heidnischen Kreise ausgeübt hat. In launig scherzhafter Weise erzählt er uns, wie er ein"" mal auf seinem Umherschlendern von einem ihm kaum dem Namen nach bekannten Individuum aus der Zunft der Versemacher überfallen wurde, der ihn mit einem Wortschwall von Fragen, Desiderien u. s. w. unermüdlich plagte. Alle seine Bemühungen den ungebetenen Quälgeist los zu werden, erwiesen sich als fruchtlos. Unruhevoll flüstert er dem Diener etwas ins Ohr, indeß ihm der Angstschweiß bis auf die Fersen rinnt. — Der Aufdringling aber plappert unbekümmert weiter, was ihm in den Mund kommt. Vergebens braucht Horaz eine Nothlüge, er habe einen Besuch bei einem Freunde vor, weit hinter dem Tiber, bei Cäsars Gärten — unser gute Mann hat Zeit, er begleitet ihn gerne. Endlich winkt Erlösung. Des Dichters intimer Freund, Fuscus Aristius, der auch den Schwätzer kennt, kommt heran. Woher? Wohin? ist beiderseits die erste Frage. Horaz beginnt den Freund zu zupfen, zieht ihn, was er kann, beinr boshaft zähen Arm, winkt und dreht sich schier die Augen aus dem Kopf, daß er ihn erlöse: umsonst, der Schalk lächelt und thut, als ob er nichts merkte. Da fängt ihm. an die Galle zu brennen und er ruft dem Freunde zu: „Du hattest mir doch etwas Geheimes mitzutheilen?" „Allerdings", antwortet der Andere, „doch es soll ein andermal geschehen, nicht heute; h e u t e i st ja N e u m o n d, Sabbath und du wirst doch nicht der beschnittenen Juden spotten wollen". — „Ich habe keine Religion", fällt der Dichter ein. „Doch ich", gibt Fuscus Aristius zurück, „ich bin hierin ein wenig schwächer, bin einer aus der Menge: nnus multorum sum. Ein andermal." — Sprach's und verschwand.") Wie man sieht, liegt in dieser scherzhaften, aber unanfechtbaren Ausflucht viel Ernst. Es gewinnt den Anschein, als ob die ganze Satyre um dieses Schluffes willen gedichtet wor- 2-) Tacit. Hist. V. 4, 5, 8 Annal. II. 85. 231 Hör. I. Sat. 9: meliore tempore dicam: hodie tricesima, sabbata vin' tu curtis Judaeis oppedere? nulla mihi, inquam religio est. At mi: sum paulo iufirmior unus multorum. Ignosces; alias loquar.

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