Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 6 (5.2.1897)
- Date
- 1897-02-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 112 Vr. Vloch's Wochen,ltzrtfi. Nr. 6 Aber Mendelssohn hat auch dabei wundersamer Weise ganz vergessen, was die Propheten künden von jener Zeit, „wo ein Volk nicht mehr wider das andere das Schwert führen werde, ja wo sie nicht einmal das Kriegshandwerk mehr lernen werden'", wo sie auch vom bewaffneten Frieden nichts mehr werden wissen wollen. Es ist dies der wundeste Punkt in der Philosophie Mendelssohn's und er ist dadurch wohl nicht ganz unschuldig an dem späteren Abfall seiner Freunde, da er jenen frohen Ausblick auf die mesfianischen Zeiten fast ganz verhüllte, da er den Glauben an die weltgeschichtliche Sendung Israels kaum begriff. In einem Aufsatz „Verhältniß der Theorie zur Praxis im Völkerrecht", sagt Kant treffend und mit feiner Ironie, daß diese Hoffnung besserer Zeiten, ohne welche eine ernstliche Begierde, ettvas dem allgemeinen Wohl Ersprießliches zu thun, nie das menschliche Herz erwärmt hätte, auch jeder Zeit auf die Wohldenkenden Einfluß gehabt habe; und der gute Mendelssohn mußte doch auch darauf gerechnet haben, wenn er für Aufklärung und Wohlfahrt der Nation, zu welcher er gehörte, so eifrig bemüht war. Denn selbst und für sich allein sie zu bewirken, wenn nicht Andere nach ihm auf derselben Bahn weiter fort gingen, konnte er vernünftiger Weise gar nicht hoffen". Das ist ein sehr mächtiges Argument; wie konnte Mendelssohn in seiner Arbeit für seine Glaubensgeilossen einen dauernden Erfolg erwarten, ohne die Hoffnung, daß Andere sein Werk fortsetzen werden, und wie konnte er dann der naheliegenden Schlußfolgerung sich entziehen, daß auch in der Arbeit für die Menschheit gleichsam ein Geschlecht auf die Schultern des andern sich stelle und dadurch sich immer höher erhebe! Kant findet allerdings auch, daß die menschliche Natur nirgends welliger liebenswürdig erscheine, als im Verhältnisse ganzer Völker gegen einander; der Wille, einailder zu unterjochen oder an dem Seinen zu schmälern, sei jederzeit da; und die R ü st u n g z u r V e r t h e i d i g u u g, die den F r i e d e n oft n o ch d r ü ck e n d e r u n d für die i n n e r e Wohlfahrt zerstörender macht als den Krieg, dürfe nie Nachlassen. Dennoch hofft er, daß die moralisch-praktische Vernunft auch iln Völkerrecht siegen ioerde, denn was in der Theorie richtig sei, das gelte auch in kosmopolitischer Hinsicht für die Praxis. Kant hat später, obgleich er sich darüber klar war, „daß der Gedanke eines allgemeinen Völkerstaates, unter dessen Gewalt sich alle einzelnen Staaten freiwillig bequemen sollten, ilm seinen Gesetzen zu gehorchen, voll Staatsoberhäuptern als eine pedantisch-kindische Idee verlacht werde", dieser Idee ein ganzes Buch „zum ervigen Frieden" gewidmet und sich selbst verspottet, daß dieselbe Aufschrift „zum ewigen Frieden" ein holländischer Gastlvirth seinem Gasthofschilde gegeben habe, auf ivelchem ein- — Kirchhof abgemalt war. Darüber sind nun jetzt mehr als hundert Jahre hingegangen, ein Jahrhundert der blutigsten Kriege, der gewaltigsten Rüstungen, der bangen Kriegssorge, aber Kant würde auch heute trotz dieser Erfahrungen das Banner eines Friedensfreundes nicht sinken lassen. Die Völker entscheiden heute weit mehr als vor hundert Jahren selbst über ihre Geschicke, und Kant erzählt mit einem gerviffen Behagen die Anekdote: als einsteiu bulgarischer Fürst einen Streit mit dem griechischen Kaiser durch Zweikampf erledigen wollte, da sagte der Kaiser: ein Schmied, der Zangen hat, wird doch das glühende Eisen nicht mit seinen Händen aus den Kohlen heraus langen." Frau v. Suttner jedoch in ihrem neuesten, dem Evangelium des Völkerfriedens gewidmeten Romane hofft gerade auf die Initiative eines Einzelnen, auf die Führung des jungen deutschen Kaisers, der in diesen Tagen sein siebenunddreißigstes Lebensjahr vollendet uitb der der mächtigste Mann auf Erden ist; er soll den ewigen Frieden bringen. Frau v. Suttner wendet sich eineni praktischen Probleme zu; für sie ist Elsaß-Lothringen der Knoten; wer ihn entwirrt, wer diese Frage löst, der hat der Welt den Frieden gegeben. Wer mit Bewußtsein die Jahre siebzig und einundsiebzig durchlebt hat, der weiß es, daß das deutsche Volk nicht mit der Absicht ausgezogen ist, Elsaß-Lothringen zu erobern; was auch Berthold Auerbach's gespreizter Patriotismus später declamirt hat, selbst im Süden war das Gefühl der Bruderschaft mit den Elsässern und gar mit den Lothringern nicht besonders heiß. Als am Tage von Sedan Alles frohlockte, da war es lie Hoffnung der Besonnenen, es werde ohne eine größere Annexion, vielleicht ganz ohne Annexion abgehen; sie hat dennoch stattgefunden, die deutsche Staatskunst verlangte von dem republikanischen Frankreich, das heiß und nicht rühmlos mit Deutschland gerungen hatte, dieses Opfer; seitdem ist Elsaß-Lothringen für Frankreich eine offene, blutende Wunde; obgleich der Waffenstillstand schon länger als ein Vierteljahrhundert dauert, so herrscht dennoch die Meinung, daß Frankreich nur auf den günstigen Moment lauere, um in einem neuen Kampfe das Kriegsglück zu erproben. Nun ist es freilich eine weitverbreitete Ansicht, daß Frankreich den Deutschen die Siege nicht verziehen hätte, nicht verzeihen würde, auch wenn kein Fuß breit eines französischen Landes zu Deutschland gekommen wäre. Das ist nicht die Meinung der Frau v. Suttner; sie glaubt, es gebe ein Zauberwort, das den Streit bannen könne; dies Wort heißt: Autonomie des einst französischen und jetzt deutschen Landes, wenn der deutsche Kaiser als eine freie Gabe sie mit seiner mächtigen Hand den unterworfenen Provinzen spende; seien erst aber einmal diese beiden Völker, Deutsche und Franzosen versöhnt, daun sei die Bahn frei, um eine Versöhnung und Vereinigung aller Völker herbeizuführen. Der ewige Friede ist eine Domäne des jüdischen Geistes; Niemand wußte etwas von diesem Erlösungsgedanken, den auch beute noch so Viele ablehnen, bis Israels Propheterl ihn kündeten; nun tritt in dieser Zeit mit prophetischer Begeisterung eine Frau für ihn ein, die auch für dc.s Recht Israels mit laut pochendem Herzen redet. Wollen wir es ihr allzusehr verargen, wenn sie, die im Christenthum Geborene, diese Idee als eine christliche ansieht, wenn ihr die Verbrüderung der Menschheit die endliche Verwirklichung des Christeuthums bedeutet? Wir möchten die edle Frau fragen, was ihr Christerlthum bemt sei, und wir hoffen, wenn sie es formulirt, werden lvir nicht das herkömmliche Christenthnm, sondern die Religion Christi finden, eine Lehre, welche dem Jndenthum sehr nahe verwandt ist. Frau von Suttner schreibt: „Trotz dieser Verschiedenheit der Verhältnisse stand die religiöse Frage in Deutschland ziemlich auf demselben Punkte, wie in den anderen Ländern. Der römischkatholische Glaube, ob in Deutschland oder in irgend einem anderen Laude, hatte doch überall den gleichen Charakter. Die reformirte deutsch-protestantische Kirche, mochte sie auch einst anders gewesen sein, war gegenwärtig kaum von der römischkatholischen zu unterscheiden. Die eine erkannte beit Papst an, die andere nicht; dazu ein kleiner Unterschied in den Formen und Ceremonien, und im klebrigen und namentlich in Bezug auf kirchliche Dogmatik und Abweichung von dem Christenthum, wie Christus selbst es gelehrt und gewollt hat, glichen sich die beiden Religionen wie Zwittingsschwestern." Wer so schreibt, hat vom Christenthum kaum die allgemein giltige, sondern eine durchaus persönliche Vorstellung, und wir verstehen auch die Klugheit des Reformators, der einen so vielen Millionen heiligen Namen nicht opfern will, der den neuen Wein in die alten Schläuche gießt. Selbst daß das alte Jndenthum, weil es vor neunzehnhundert Jahren „das Christenthum zurückwies und Christus mordete", einen Schlag erhält, wollen wir nicht zu scharf tadeln. Frau von Suttner, die gelehrten Studien nicht fremd ist, kann sich, wenn sie sich in die Materie vertieft, leicht davon überzeugen, daß alle die scharfsinnigen Forschungen unseres Jahrhunderts über die Entstehung des Christenthums nur gerade stark genug waren, um die überkommenen Erzählungen zu untergraben. Zugegeben, daß „Ritualismus, Priesterherrschast und Dogmatismus" damals in Jerusalem ihr Unwesen getrieben haben, so gab es damals auch Persönlichkeiten, von denen wir viel sicherere Knude haben, als von Christus, welche die Ausschreitungen der Priester u. s. w. bekämpften. Jndeß, wenn die Verbrüderung der Völker triumphirt, fo soll es uns wenig kümmern, ob dies im Namen des Christenthums geschieht. Wenn nur die Medicin da ist und hilft, der Name des Arztes, der sie verschrieben hat, ist minder wichtig. Frau von Suttner erwartet das Heil von den Höhen des Thrones, aus der Seele eines Fürsten, der der Würde seines Amtes sich voll bewußt ist. Kaut schreibt: „Man hat die hohen Benennungen, die einem Herrscher oft beigelegt werden (die eines göttlichen Gesalbten, eines Verwesers des göttlichen Willens auf Erden und Stellvertreters desselben) als grobe, schwindlig machende Schmeichelei oft getadelt; aber urich dünkt, ohne Grund. Weit gefehlt, daß sic den Landesherrn sollen hochmüthig machen, so müssen sie vielmehr ihn in seiner Seele demüthigen, wenn er Verstand hat (welches man doch voraussetzen muß) und es bedenkt, daß er ein Amt übernommen habe, was für einen Menschen zu groß, nämlich das Heiligste, was Gott auf Erden