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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-29 · 5 (29.1.1897) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
5 (29.1.1897)
Date
1897-01-29
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 5 Vr. Vloch's Wochenschrift Seite 107 „Rachel, mein Herz, wo bleibt heute unser Kleiner?" Und in diesem Augenblicke trat der „Kleine", sein jüngster Enkel, durch die Gassenthür in den Vorgarten. Dieser „Kleine" mochte sehs Schuh niesten, ein robust gebauter junger Mann mit intelligenten Gesichtszügen. Er ging in Hemdärmeln, den Rock über die Achsel geschlagen, denn er hatte lange im Freien gearbeitet, und der Tag lvar warm. Dieser jüngste Enkel des greisen Paares besaß ein kleines Landgut, das er selbst bewirthete. Und obwohl er im Orte sein eigenes Haus mit den nöthigen Wirtschaftsgebäuden hatte, wohnte er doch mit seiner jnngeil Frau und dem einzigen Kinde bei beit Großeltern, bei denen er von frühester Jugend ans erzogen worden ist. Nachdem er die Alten begrüßt, rief er laut: „Mariechen! Mariechenund die junge Frau kam herangelaufen. Sie war lieblich und frisch, fröhlich und zufrieden, mit Hellen unschuldigen Augen, die sie aus ihrer Kinderzeit her behalten, und welche auch der lachende Bube im Grase zeigte. Sie hatte an den Beeten Gemüse ausgewählt; jetzt trocknete sie die Hände au der Schürze. Der Mann umarmte und küßte sie. Die Frau erröthete wie ein Mädchen, lief auf das Kind zu, hob es hoch in die Luft und tanzte mit deni laut Aufjauchzenden ein paar Schritte davon, wo sie es wieder in das Gras setzte. Dann redete das junge Paar leise mit einander. Die Alten kümmerten sich nicht darum, was die Jungen redeten; sie hatten ihre Beschäftigung für sich, mit ihrem Stolz auf einander, auf den stattlichen „Kleinen", sein Mariechen, die er nur aus Liebe geheiratet, seinen pausbäckigen Sprößling, und mit dem langen Wege zurück voller Blnthenbäume und Todtenmahle und der Erinnerung an i h n, den Aeltesten, den Verlorenen, den höchsten Tribut, den die Alten zahlen mußten für das ihnen sonst still und gut verlaufene Leben. Nach einer kurzen Weile ging die junge Frau rasch in das Haus und ihr Mann schritt aus die Alten zu. „Großmutterl", sagte er, „ich habe den Doctor und seinen Gast auf eine Schale Kaffee geladen. Wir werden hier im Freien jausen." Die Greisin nickte zufrieden und der Großvater sagte laut: „Das ist gescheidt! Ich hör' den Doctor gern Neues erzählen, wie das Goles überall in der Welt schon ausgehört hat und der Jude Alles wird, wozu er Geschick hat. Ich habe zwar den Wandel vor Augen. In Deinem Alter, Kind, war mir Handel und Geschäft in der Seele zuwider, und doch konnte ich mich von ihnen nicht losmachen; Du lebst heute aus Deinenl Grund und Boden, wie ein Edelmann. Aber noch mehr erhebt es mein Herz, wenn ich von jüdischen Beamten hör'". Ein leiser Seuizer verrieth, daß er durch die Gedanken-Affociation wieder bei dem verlorenen Sohn angekommen sein mußte, der die Zeit nicht erwarten konnte und übergegangen ist, um frei zu sein. Dabei verfiel er wieder, wie jedesmal, wenn er im Denken an diesen Punkt gelangte, in ein tiefes, wehmnthsvolles Schweigen, als ob er schlummerte und düstere Traumgestalten ihn umschatteten. Auch die Großmutter schien zu schlafen. Der Enkel schlich sich leise, um sie nicht zu wecken, weg und ging ebenfalls in das Haus. Ans der anderen Seite der Gaste, in dem schönen, modern gebauten einstöckigen Hause stand in einem hohen, mit allem Comfort eingerichteten Zimmer ein Mann am Fenster und schaute durch ein Fernglas unverwandt auf das gegenüber gelegene idyllische Häuschen. Trotz seines schneeweißen Bartes war er elegant gekleidet und verrieth in seinem Aeußern den vollendeten Weltmann. Er war seit einigen Wochen der Gast in diesem Hause, das seinem Jugendfreunde, dem in der ganzen Umgegend wohlbekannten und gesuchten Arzte, gehörte. Jetzt trat auch dieser aus einem Nebenzinrmer herein und machte, als er den Freund sah, ein bedenkliches Gesicht, als ob er zu einem schwierigen Krankheitsfälle gekommen wäre. Zwar zeigte der Gast keine Spur körperlichen Leidens, aber der Arzt sah in eine so fieberkranke, lechzende, wundenzerrissene Seele hinein, wie nur je eine vom Schlachtfelde der Welt und des Lebens heimgekehrt ist. „Also, Du erwartest mich schon gestiefelt und gespornt, wie ich sehe." „Erwarten nicht, aber ich folge Dir, weil Du daraus dringst", sagte der Fremde mit einem leichten Lächeln um den schwermütigen Mund. „Ich begleitete Dich mehrere Male mit innigem Entzücken zu dem Greisenpaare, aber die Rolle, die ich heute dort zu spielen habe, kommt mir schwer an. Und muß es denn just heute schon sein?" „Heute, weil ich nicht gutstehen kann, daß sie nicht über Nacht einschlafen auf Nimmererwachen." „Aber würde ich nicht durch die Aufregung gerade die Katastrophe herbeiführeu?" „Da verlaß' ich mich wieder aus Deine kluge Einleitung, daß keine zu starken Affecte zum Durchbruche kommen." Eine kleine halbe Stunde später finden wir das Greisenpaar, den „Kleinen" und seine liebe Frau und den Doctor mit dem Fremden um einen runden Tisch, auf dem noch die geleerten Kaffeetassen und Kannen standen, in eifrigem Gespuiche sitzen. Der Fremde neben dem Greis, der Doctor neben dem Mütterchen, der „Kleine" neben seinem jungen Weibe mit dem Knaben auf dem Schooße. Die Kosten der Unterhaltung bestritt zuerst der Doctor. Er erzählte aus den Zeitungen von neuen Ehrungen der Juden. „Die Kleingläubigen", seufzte einmal der Greis, „hielten das Judenthum schon im Sterben und verließen es. Sie haben jetzt keinen Theil an diesem Triumphe." Daran knüpfte der Fremde an. „Nein, verzeihen Sie, nicht darum sind die vom Judenthume Abgefallenen zu bedauern, sondern weil sie ruhelos durch die Welt gehen, wenn sie auch noch so hoch steigen; weil sie die Sehnsucht nach den» Judenthum nicht los werden können, und wenn sie sich auch noch so sehr zwingen, es zu hassen. Es ist noch kein getaufter Jude ohne Seelenqual gestorben. Glücklich Diejenigen, welche noch vor ihrem Tode in den Schoß des Judenthums zurückkehren." Mit einer zerdrückten Thräne im Auge sich der Greis aus den Fremden. „Und gibt es deren, die znrückkehren?', fragte er, wie bittend um eine bejahende Antwort. „Allerdings; wer nicht durch Verhältnisse an dem a ng e n o m m e li c n Glauben gekettet ist, von welchen er sich nicht losmachen kann, ohne wieder Alles zu verlieren, wonach er gerungen, oder ohne natürliche Gefühle zu verletzen, mit welchen er doch als Mensch zusammenhängt, der kehrt gewiß zum Judenthum zurück, wenn einmal durch das Alter die Friedenssehnsucht in sein Herz einzieht. Denn nur der Kreis, in welchem wir geboren sind, der ist für das Alter der hesperische Garten, wo der Seelenfriede wohnt. Es gibt aber auch solche herrische Naturen, in denen die Sehnsucht nach diesem Seelenfrieden stärker als alle Verhältnisse ist und sie machen sich selbst aus Kosten ihres Ruhmes, ihres Glückes oder ihrer Liebe davon los." „Kennen Sie solche Fälle?" fragte der Greis mit dankbarer Rührung für diesen Trost in sein wundes Herz. „Ich selbst zähle zu ihnen .... Ich bin als Student zum Christenthum übergetreten, um Carriere zu machen, die damals noch den Juden verschlossen lvar, außer in dem ärztlichen Stand, wozu ich aber keine Neigung hatte. Ich stieg als Christ, nein, als getaufter Jude, denn nur diesem galt die Protection, von Stufe zu Stufe im Staatsdienste. Ich that alles Mögliche, um meine Vergangenheit auszulöschen, umsonst. Ich konnte weder an meine Eltern, noch an meine Jugend vergessen. Je heimischer mich die Verhältnisse in dem Christenthume machen wollten und sollten, desto fremder fühlte ich mich darin. Inmitten des politischen und gesellschaftlichen Weltgetriebes stand ich vereinsamt, verlassen, vergangeuheits- und zukunftslos. Bis der Entschluß in mir reifte, in den Schooß des Judenthums zurückzukehren, und dieser Gedanke war Jahre lang mein Stab und meine Stütze, daß ich nicht verzweifelte und zum Selbstmorde griff. Endlich führte ich meinen Entschluß aus und seitdem kehrt langsam wieder die Ruhe in mein Herz ein, wenn ich auch nicht ganz geheilt bin, weil ich die Versöhnung meiner Eltern noch nicht habe." Die letzten Worte waren in einem so weichen Tone gesprochen, daß sie die ganze Gesellschaft rührten. Selbst die behagliche Gestalt des Doctvrs schien bewegt, das junge Ehepaar weinte, das alte Mütterchen schluchzte und der Greis faltete inbrünstig die Hände: „Gott, mein Gott, gib auch i h m den Sinn, zurückzukehren!" „Verzeihen Sie, ich wußte nicht, daß auch Sie in Ihrer Familie einen Ueberläufer haben." „Mein eigener Sohn ist ein solcher, mein Erstgeborner, mein Lieblingskind, um den seit fünftlndzwanzig Jahren unser Herz blutet", jammerte der Greis. „Und vielleicht ist er gar schon znrückgekehrt?" „Dann wäre er ja gewiß auch schon in unsere Arme geeilt. Er muß es ja wissen, wie wir ihn lieben, sagte der Greis, in Schmerz aufgelöst." . iß

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