Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 5 (29.1.1897)
- Date
- 1897-01-29
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 1<)6 Vr. VLoch's Wochrnschrist. Str. 5 viele gute Leute auf der Welt, die ihm dies nicht sv schwer machten. Und so schleppte er sich langsam weiter in das Haus seines Gastgebers und das Gefühl des Elends und Berlassenseins kam so recht über ihn. Vor dem Hause augelangt, klopfte er den Schnee von Mütze und Mantel und streifte die Schuhe sauber ab. Zögernd klopfte er an; die Magd öffnete ihm; dann ließ ihn die Frau des Hauses in einem Zimmer Platz nehmen, da sie im Speisezimmer noch Vorbereitungen zu treffen habe. Wohlig streckte er seine steifen Glieder aus dem Sessel und betäubend stieg chm der Dust von Braten und Fisch in die Nase. Er, der Traurige, wurde nun zuversichtlicher und hoffnungsfreudiger. War er, wenn auch bei reichen und stolzen Leuten, so doch bei Seinesgleichen, bei Glaubensgenossen, die sich selbst des Aermsten mrd Niedrigsten nicht schämen, ihn speisen und unterstützen. Da hörte er plötzlich aus einem Zimmer den schrillen Ton einer Glocke, hörte, wie eine Thüre aufgerissen wurde und einige Kinder hineinstürmten, jauchzend und lärmend. Dann öffnete sich die Thüre und mit freundlicher Miene lud die Frau des Hauses den Fremden zu Tisch. Zaghaft trat er ein. Da entrang sich ein unterdrückter Schrei seiner Brust und mit weit aufgerisseneu Augen blieb er wie versteinert stehen. Er bedeckte niit der Hand die Augen, um nichts sehen zu müffen und schüttelte den Kopf. Im Hause des Glaubensgenoffen Levy war ein C h r i st b a u m mitten im Zimmer für die Kinder ausgestellt worden! Rasch faßte er sich jedoch und setzte sich zu Tische, wo ihm die Frau aufmunterud eine Schöffel zuschob und der Herr sein Glas voll Wein füllte. Und hier, dachte er, würde er heute ein Dankgebet zu Gott senden können; zündet man doch heute acht Kerzchen an, zum Lobe Gottes und zur Erinnerung an die Tempelweihe in Jerusalem. Da blieb ihm der Biffen im Munde stecken und ein Groll stieg in ihm auf, gegen die deutschen Juden alle, die nicht mehr hielten auf die Gebote Gottes, und wie ihm zum Hohne die Gebräuche Anderer nachäffen. Bald darauf sprach er mit zitternder Stimme das Tischgebet zu Ehren seines Gottes, vom Christbaum seines G l nutz e n s b r u d e r s beleuchtet. Er dankte seinen Gastgebern für Speise und Trank und schickte sich an zum Gehen. Doch bei der Thüre blieb er stehen und sprach mit bewegter Stimme, während heiße Thränen über seine Wangen rollten : „Der Ewige, unser Gott, segne Euren Ein- und Ausgang. Er lasse leuchten seine Liebe und Milde über Euch und wende ab Krankheit und Unheil von Eurem Hause, auf daß es Euch wohlgehe und Ihr gesund und glücklich altern möget. Preiset und lobet daher Gott den Herrn in Dankbarkeit und Ergebenheit, auf daß er nicht in seinem Zorn die Hand wende von Euch, denn seine Strafe ist gerecht! Und wenn Ihr die Gebräuche Anderer nachäffen und so die Gebote und Gesetze Eures Gottes verhöhnen und mißachten werdet, wird er dann in seinem gerechten Zorn Krankheit und Unheil über Euch senden, und dann erst werdet Ihr Euer in Demuth gebeugtes Haupt gerne zu Eurem Gott erheben, den Ihr früher nicht kanntet, denn Euer Gott ist das Geld! Einen w a h r e n Gott hat nur der Arme! Gott mit Euch!" Er wendete sich um, da gewahrte er in der halbgeöffneten Thüre, Thränen in den Augen, den Blick auf den Weihnachtsbaum gerichtet, die Magd des Hauses, scheu zurückweicheu. Die Blicke trafen sich, sie hatten sich verstanden. Er ging in sein Nachtquartier zum freundlichen Hausirer Mendel und hätte gerne sein opulentes Nachtessen gegen eine Kartoffel bei diesem gegeben, hätte er mit ihm die Gebete des Tempelweihfestes zu Gott emporsenden und die Kerzchen anzünden können. So hatte er das Freudenfest der Weihnachten nicht feiern können. Und traurig saß die Magd bei Levy in der Küche vor den Geschenken, die ihr die Familie aufgehäuft hatte. Da stand ein Körbchen voll vergoldeter Nüffe und kleiner Aepfelchen und daneben lagen Kuchen und Schürzen und Tücher und seidene Bänder. Ach! Es sind doch so gute Leute! Doch glücklich war sie nicht, wo Andersgläubige den frommen, schönen Christbrauch an ihr übten und für die Kinder ein Schaustück aufstellten, ohne seine Bedeutung zu wissen; es erschien ihr wie ein Schimpf für eine gute That, wie ein Hohngelächter auf eine ftomme Predigt. Sie fühlte sich so einsam und verlassen und gedachte ihres armen Mütterchens, das sie vor einem Jahre noch küßte und das ihr ein kleines Bäumchen schmückte, mit weniger Kerzchen, und noch weniger Nüssen daran, und doch war sie so glücklich damals, so glücklich, glücklicher als heute. Und sie kniete nieder und betete für ihr armes, todtes Mütterchen und für die guten Leute, die sie heute beschenkten und weinte, weinte.- Und zur selben Zeit saß im ärmlichen Zimmer des Hausirers Mendel der traurige Galizianer auf dem Bette und betete schluchzend sein Nachtgebet. Und vorn nahen Dom klang es glockenhell und rein, wie von Engelstimmen gesungen, hinaus in die stille, feierliche Weihnachtsnacht. „Ehre sei Gott in der Höhe!" Drr Zurückgrkehrte. Fast am Ende der Gasse, dort wo der Weg sich zwischen den Gärten des Marktes verliert, wo ans der Straße mit ihren aneinandergebauten Häusern und neugierigen - Menschen die Chanssäe mit hohen Pappelbäumen sichtbar wird, da standen sich gegenüber zwei Wohngebäude, jedes isolirt von der Gasse, obwohl sie deren Ersten und Besten gehörten, wie Vorposten im Kriege. Denn die Gasse stand damals noch im Kampfe mit der Außenwelt, als diese Häuser erbaut wurden. Wer in der Gasse geboren, durfte nicht außerhalb derselben wohnen, und wenn er auch noch so viele Beziehungen zur Außenwelt hatte und selbst sein wvhlthätiges Wirken sich über die Gasse hinaus erstreckte, wie beispielsweise der jüdische Arzt. Das Eine dieser Häuser lag tief hinein vom Fahrwege, von diesem durch einen kleinen Vorgarten getrennt, der außen von Fliederhecken umsäumt war, welche so süßduftende Dolden trugen, daß sie gleichsam eine Atmosphäre um das trauliche Häuschen schufen, einen eigenen Dunstkreis von Frühlingsluft. Das Gärtchen hinter der Hecke zeigte nebst einem Rasen einige Beete, und was da wuchs, das hatte nicht mehr, nicht weniger Poesie in sich, als der liebe Gott einem Jeden seiner Pflanzenfhtber innewohnen läßt, auch wenn sie den prosaischen Namen Zwiebel oder Rettige führen. Dazwischen standen auch mehrere Obstbäume in voller Blüthe und jeder Einzelne war ein Frühlingsgedicht. Das trauliche Häuschen selbst war überwachsen von Ranken und wie geschaffen fiir Mnges Glück, welches darin wohnte, aber neben ganz altem, eisgrauem Schmerze. Vor langen, langen Jahren, hatte ein junges Ehepaar sich's zu seinem Paradiese gebaut und nun saß er, der Neunzigjährige, mit seiner alten verwitterten Gattin, nicht viel jünger als er, auf einer steinernen Bank vor der Thüre desselben. Die warme Frühlingssonne schien ihnen in's Gesicht und die braunen Hände zitierten, und im Herzen nagte ihnen ein Wurm. Neben ihnen im Grase wälzte sich ein prächtiger Bube, gesund und rund, und schlug vergnügt mit Armen und Beinen uin sich. Die Alten sprachen nicht viel mit einander, sie wußten immer, was der Andere dachte. „So war er", meinte der Greis, „unser Erster —" „Ach nein", seufzte sie nach einer Weile, in welcher die ganzen siebzig Jahre ihrer Ehe an ihrem Geiste vorbeigezogen waren, „ach nein, so rund nicht, er war von Geburt an unser Schmerzenskind, kränklich, zart und darum verdarben wir ihn durch unsere Liebe — O, daß ich ihn nie unter meinen! Herzen getragen hätte! Gott weiß, ob er noch lebt oder schon todt ist". — Trotz vieler Kinder und Kindeskinder hatte der eine verlorene Sohn dem Mutterherzen tiefe Wunden geschlagen, die noch bluteten, immer und immer. Der Greis stieß kurze Wolken aus der Pfeife aus, sagte gar nichts, aber er wühlte ebenso in seinem Schmerze, wie die Gattin. So saßen sie da lange versunken in ihren gleichen Gedanken, wobei er zuweilen laut dachte — — — „Rickchen ist gestorben, Saloni ist gestorben; aber sie sind eingegangen zu den Vätern, sind Eines geblieben mit uns fiir die Ewigkeit; nur e r ist verloren-. Wenn er nur keine Kinder hätte! — — — Meinen Samen noch verewigen auf fremdem, feindlichem Boden! — — — Ich könnte nie selig werden, und wenn die anderen Sproßen bis ins tausendste Geschlecht auch noch so sehr gerathen.-—" An dieser Stelle seines Gedankenganges mußte er einen freundlichen Ruhepunkt gefunden haben. Er wendete sich zu seiner Frau: