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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-29 · 5 (29.1.1897) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
5 (29.1.1897)
Date
1897-01-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 96 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 5 Berürtheilung eines Geistlichen. Aus Budweis wird uns gemeldet: Das diesige Bezirksgericht verurtheilte den christlich-socialen Pater Senner aus Rndolphstadt wegen Uebertretung gegen die öffentliche Sittlichkeit zu vier zehnt ägig em Arrest. Die Juden als Soldaten. Das Thema ist oft besprochen und auch in unserem Blatte wiederholt und eingehend erörtert worden. Es wird neuerlich actuell durch ein vom Berliner Comite zur Abwehr antisemitischer Angriffe herausgegebenes Buch: „Die Juden als Soldaten" auf die Tapferkeit hingewiesen, welche die Juden schon in den Reihender Befreiungsarmee und seither in allen deutschen Kriegen bewiesen haben. Der Aufruf König Friedrich Wilhelm lll. „An mein Volk", wendete sich auch anseine Unterthanen jüdischen Bekenntnisses und diesem Aufruf kamen zahlreiche jüdische Freiheitskämpfer nach. Im deutschen „Militärwochenblatt" ist manches Zeugnis; für die patriotische Pflichttreue der deutschen Inden jener heroischen Zeit beigebracht, darunter auch die bekannte Aussage des Fürsten Hardenberg: „Die jungen Männer jüdischen Glaubens sind die Waffengefährten ihrer christlichen Mitbürger gewesen, und nur haben auch unter ihnen Beispiele des wahren Heldenmuthes und der rühmlichsten Verachtung der Kriegsgefahren anfzuweisen". Hat es doch sogar an einem weiblichen Soldaten jüdischen Glaubens nicht gekehlt. Von der rühmlichen Antheilnahme der Juden an den Befreiungskriegen erzählt auch ein in Frankl's „Libanon" enthaltenes Gedicht von M. M. Haarbleicher, welches die Trauerandacht am Jahrestage der Schlacht bei Belle-Alliance in einer Synagoge schildert. Der Dank für diese Heldenthaten war neuerliche Verfolgung. Der Dichter singt: «Manchen hocherkauften Sieg noch Iheilten sie in Preußens Heeren Unter hoben Kriegssürsten, deren Thaten wir verehren, Und bei Belle-Alliance, wo Schaaren fraß des Kriegers Flammenzahn Blieben ihnen sünfundfünfzig Officiere auf den Plan. Ach, sie sielen wie Uria, den das Schwert der Feinde fällte. Da den biedern Helden David schutzlos an die Vormacht stellte; Denn es ließ sich nach dem Siege gteißnerisch der Ausspruch hören: Wer von Israels Geschlechtern will zu anderen Göttern schwören, Ehr' und Lohn ihm, doch wer starrig an dem alten Glauben hängt, Von den Ehren, von dem Lohne sei von heut' an er verdrängt. Fort mit ihm von jedem Lehrstuhl, war' er auch der höchste Barde; War' er auch der kühnste Ritter, fort aus seines Königs Garde. Es ist immer das alte Leid, die alte Trübsal, derselbe Hohn der Weltgeschichte, der auch nach dem deutsch-französischen Kriege wiedergekehrt ist. Mindestens 4500 Juden haben an diesem theilgenommen, 87.8 haben das Eiserne Kreuz oder gleichwerthige militärische Auszeichnungen der anderen Bundesstaaten errungen, und doch trieb wenige Jahre nach diesen Ruhmesthaten jüdischer Helden der Antisemitismus in Deutschland seine üppigsten Blüthen! Eine Wiener Dame schreibt uns: Gestatten Sie mir einen kurzen Beitrag zu dem Artikel „Juden als Soldaten". Nur das Mittelalter, wo das Volk, von welchem der Stifter des Christenthums und die Apostel abstammen, in beispielloser Knechtschaft gehalten wurde, hat keinen großen jüdischen Feldherrn, weil keinem militärischen Talente der Juden die Möglichkeit, zur Geltung zu kommen, gegeben war. Mit dem ersten Morgenrots) der Freiheit siegt Massina (unter Napoleon den Ersten), organisirt Gambetta den Widerstand des zerrütteten Frankreich. Bon der Geschichte des israelitischen Staates im Alterthum, der bereits große Feldherren und Staatsmänner hatte, als Deutschland und Oesterreich noch von Wilden bewohnt waren, brauche ich in einem jüdischen Blatt nicht zu berichten. Aber selbst die Diaspora hat geniale Feldherren aufzuweisen, wie jenen Tiberius Julius Alexander, der Generalstabschef im römischen Heer unter Titus und Nero war, einer der tüchtigsten und angesehensten Officiere seiner Zeit, mit dem kaiserlichen Hause verschwägert. Es gab also militärisch hochbegabte Juden — nicht bloße Soldaten, sondern auch große Feldherren — und wenn den Juden der freie Wettbewerb gestattet wäre, würden sie sicher beweisen, daß ihre Fähigkeiten gegen diejenigen der Arier auch hierin nicht zurückstehen. L. S. Das „Deutsche Protestantenblatt und der Antisemitismus. Das „Deutsche Protestantenblatt" (vom 16. Jänner) enthält einen Brief „einer Alten über Antisemitismus an eine junge Freundin", worin es heißt: „Du fragst mich, was ich vom Antisemitismus halte, ob er nicht eine Berechtigung habe, und schwenkst etwas ans die Seite desselben. Ich muß Dir sagen, ich alte Frau halte denselben für die größte Schmach des Jahrkunderts. Ein Volk auf alle Weise zu schellen, zu verachten, dessen Glieder als friedliche Bürger unter uns leben, unter welchen es wahre Zierden der menschlichen Gesellschaft gibt, seien es Juristen, Journalisten, Aerzte oder Kaufleute, Frauen, in christlichen Schulen gebildet mit regstem geistigem Streben, einfach, schlicht, segensreich in ihren Familien wirkend und immer bereit, Barmherzigkeit zu üben. Glaube mir, die Putz- und Modenärrinnen, welchen die orientalische Abkunft noch an den Fersen hängt, sind diesen ebenso ekelhaft, als der ordinäre Fondsjobber dem gebildeten Juden. Und wenn wir der Todten gedenken — es war ein Jude — Salomon Heine, welcher nach dem großen Brande 1842 ohne Zagen sein Vermögen zur Errettung der großen Handelsstadt in die Waagschale warf. Das sind die, welche Christum noch nicht Herr nennen, aber den Willen seines himmlischen Vaters thun. Ich gebe Dir recht, daß die semitische Körperbildung, scharf ausgeprägt, unserem germanischen Empfinden nicht zusagt, aber berechtigt uns das. die Juden zu verachten? Ich muß Dir gestehen, daß ich dies Volk immer bewundert babe. mit welcher Zäbigkeit es sich unter allen Verfolgungen den Glauben seiner Väter bewahrte, sich in jeder Noth tröstend. Sind wir nicht schuld daran, daß so Viele dem Schacher verfallen sind, weil unsere Gesetze lange ihnen weder Landbau und Landerwerb, noch ein Handwerk gestatteten? Du baffest sie, weil ihre Varfahren Christus gekreuziat haben. Ich finde das Kreuziaen seines Geistes von Christen viel schlechter. Ich halte Gelegenheit, Juden jeden Standes kennen zu lernen; ich sah die Bewohnerin der Judengasse in Frankfurt auf der Zeil glitzernd, schillernd, mit Putz und Schmuck überladen, wie die Königin von Saba spazieren geben; ich lernte beim Badeaufenthalt eine jüdische Beamtenfamilie kennen, so schlicht und anspruchslos der Mann, so vielseitig gebildet, und so bekannt mit dem Neuen Testamente, daß man sich vor ihm schämen mußte. Der Gedankenaustausch und Geistesverkebr mit ihnen war in jeder Beziehung fesselnd. Iknd war denn Christus nicht der Sohn jüdischer Eltern, bahnte sich dieser wunderbare reiche Geist nicht im jüdischen Lande seinen Weg zum Lichte, daß er uns alle an das große Vaterberz legen konnte und mit dieser Gotteskindschaft uns alles gab. was im Glück Demutb, ,'m Unalnck Kraft, im Tode Trost und Hoffnung gibt? Wir wollen nicht die Fehler der semitischen Race mit Verachtung derselben nns-ben, sondern an das schöne Wort der Antigone denken: „Zum Lieben, nicht zum Hassen bin ich dal" AuS Anton Mnbinftein's „Gedaukenkorb". Aus dem Nachlaß des berühmten russischen Musikers, der jüdische* Herkunft war, veröffentlicht Nr. 10 der Zeitschrift „Vom Fels zum Meer" eine Anzahl Aphorismen, wovon eitlem seines grimmigen Humors wegen ein Platz an dieser Stelle gebührt. Er lautet: „Den Juden bin ich ein Christ, den Christen ein Jude: den Russen bin ich ein Deutscher, den Deutschen ein Russe; den Classikern bin ich ein Znkünftler, den Zukünstlern ein Retograder u s. w. Schlußfolgerung: „Ich bin weder Fisch noch Fleisch — ein jammervolles Individuum." Der russische Bildhauer AntokolSki feierte vor einigen Tagen fein fünfnndzwanzigjähriges Jubiläum. Der Künstler, der früher in Paris lebte, kehrte vor etwa vier Jahren in seine Heimat zurück. Da er ein Jude ist und damals die Verordnungen Alexander's Ist. gegen die Juden mit großer Strenge gehandhabt wurden, entstand die Frage, ob Antokolsky der Aufenthalt in Petersburg gestattet sein solle, und der berühmte Meister sah eine garstige Zeitungsfehde über diese Frage entbrennen. Schließlich wurde doch die Entscheidung zu feinen Gunsten getroffen. Null feierte er eben sein Jubiläum unter einmüthiger Anerkennung aller hiesigen Zeitungen, die in der Würdigung der „russisch-nationalen" Bedeutung Antokolski's und seiner Werke wetteifern. Hoch und Nieder der Gesellschaft haben dem Künstler Sympathiebeweise gegeben, und gestern publicirte das Amtsblatt die Ernennung des Jubilars „zum wirklichen Staatsrathe" mit dem Titel „Excellenz". Die Ernennung ist auf die spontane Anregung des Czaren erfolgt. Wie der Wiener Hetzpfarrer Deckert den . verwundeten" Sedlatzek tröstet! Im Sedlatzek'schen Organ (17. Jänner) befindet sich folgende Briefkastennotiz: „Dr. Deckert, Wien. Herzlichen Dank für Ihre trostreichen Worte. Daß auch dort ein „gesinnnngstüchtiges"!? Blatt über uns bergefollen ist, nimmt uns kaum noch Wunder. (Wie heißt es denn!?) Wer es aufrichtig meint, kann dies doch nicht anders beurtheilen. als Sie es, hochgeschätzter Mitkämpfer, thun. indem Sie schreibe»: „Es ist dies ein Beweis, wie wenig Antisemiten verschiedener Richtung zusammenhalten, selbst im Kampfe gegen den gemeinsamen Gegner

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