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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-29 · 5 (29.1.1897) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
5 (29.1.1897)
Date
1897-01-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 5 Vr. VLortz's Wortzenfchrifi. Seite 95 Vom Jahrmarkt des Lebens. Ueber unsere Frauen. Von einer Wiener Dame erhalten wir nachstehende Zuschrift : Wild wogt der Kamps. Faktisch, wenn auch nicht rechtlich, soll der Jude zurückgeschleudert werden in's Ghetto und fiir's Erste ihm, wo es in der Macht der rückschrittlichen Parteien liegt, das Brod entzogen und die Berufe vermindert werden, wo er nur durch ehrliche Arbeit seinen Lebenserwerb finden kann. Wahrhaftig nicht Millionäre sind es und nicht Börsenspieler, die armen Stenographen, die sich durch ihrer Hände Arbeit ihr nicht allzu reichliches Brod verdienen. Landeskinder sind es, die ebenso die Blntsteuer und jede andere Pflicht des Bürgers erfüllen müssen, Familienväter, die wahrhaftig nicht in Palästen hausen, sondern wo die Frau bescheiden selbst im Haushalt waltet. Und warum wird der Jude aus diesem bescheidenen Wirkungskreis gedrängt? Nur weil er Jude ist — eine Verfolgung, so abscheulich, so niedrig gemein, welche die Empörung jedes rechtlich denkenden Menschen erwecken müßte, wenn wir nicht in einer Zeit leben würden — die den Inden aushungern möchte — da sie ihn nicht verbrennen lassen kann. Und wie verhält sich die jüdische Frau in dieser Zeit. Erfaßt sie den ganzen Ernst der Situation? Weiß sie, daß eine solche Drangperivde auch an sie Anforderungen stellt, daß es nicht genügt, den Kopf in den Sand zu stecken, wie der Vogel Strauß, um nichts zu sehen? Faktisch lebt die Jüdin, die ja nichts im öffentlichen Leben zu thuu hat, schon im Ghetto. Es wird heute bei uns sehr wenig Kreise geben, wo Juden und Christen gesellig miteinander verkehren. Da sie nun im Kampf des Lebens nicht drinnen steht, in ihrem engen Kreis oft nicht direct den Antisemitismus verspürt, meint sie oft, er existire überhaupt nicht, und wirkt unbewußt eifrig mit, ihn zu verbreiten — unbewußt und unschuldig, der Vorliebe der Südländer für Farbenpracht und Edelsteine nachgebend; auch eine Art Atavismus. Ich kenne Frauen, welche die ganze Woche hinter dem Ladentisch stehen, ihre Kunden selbst bedienen, gute Gattinnen und Mütter, welche nur die eine Schwäche haben, Sonntags mit goldener Kette und Bontons zu prangen. Die christliche Bürgersfran sieht nur den Schmuck, ihr Neid ist erweckt — flugs wird sie Antisemitin. Jetzt ist aber nicht die Zeit, zu prunken. . Dann die Classe der „modernen" jüdischen Frauen. Sie überfüllen die Schauspielhäuser bei Stücken wie die „Verliebten", laufen in alle Concerte, weil es eben Mode ist, gehen auf's Eis, putzen sich wie die Pfingstochsen, spielen Poker und dergleichen Hazardspiele, kurz und gut, vertändeln nach neuester Mode das Leben. Ist es sicher unrecht, diejenige Frau für die Beste zu erklären, von der man am wenigsten spricht, denn die Frau ist sicher berufen, an den Werken der Humanität mitznwirken; wie sie ja auch Großes darin geleistet hat und leistet, so ist es doch kein Ruhm, der größte Pfau oder das Weißeste Gänschen zu sein — wenn auch die römischen Gänse das Capitol gerettet haben. Zum Glück sind sie in der Minorität. Die Jüdin ist meistens eine gute Gattin und Mutter, die es mit ihren Pflichten ernst nimmt; ja wenn sie als Mädchen noch so „fesch" war, in der Mutterschaft förmlich aufgeht. Ist es ja ihr schönster Beruf, dem Manne die Genossin, den Kindern Freundin und Rathgeberin zu sein; und ist doch der festgegründete Familienherd das Bollwerk des Judenthums, der feste Punkt, wo der Mann Ruhe und Halt finden muß, für die harten Kämpfe der Gegenwart — und auch zurückzuerobern die verlorene Sympathie der Mitbürger und die Jüdin ist auch hier berufen, mitzuwirken. L. S. Zum 31. Jänner 1897, als den hundertsten Geburtstag Franz Schuber t's. Von Obercantor Singer in Wien. In den mächtigen Hymnus, der jetzt allenthalben als dankbare Erinnerung an den unsterblichen Liederfürsten angestimmt wird, müssen auch die Vertreter des modernen Synagogen-Gesanges voll und herzli h mit einstimmen. Nicht etwa, um an dieser Stelle speciell auf die allgemein musikalische Hochschätzung Franz S ch u b e r t's hinzudeuten, sondern in dankbarer Anerkennung der rühmenswerthen Thatsache, daß er, der große Meister, es nicht verschmähte, auch den Synagogengesang mit den Producten seines Geistes zu beschenken und daher zu verschönern. Der aufstrebende Synagogengesang, der in den Zwanziger-Jahren unseres Jahrhunderts von Wien aus seinen Ausgangspunkt nahm, drängte dazu, später auch zur Nachahmung in anderen Gemeinden eine Sammlung stylgerechter und mustergiltiger Chorgesänge zu veröffentlichen, und Meister Sulz er unternahni es, diese Gesänge zu sammeln und dieselben unter der weltbekannten Benennung Schir Z i o n zu veröffentlichen. Die berühmtesten der damaligen Wiener Musiker, wie Ritter v. Seyfried, Josef Fischhof, W. Würfel, Josef D^exler, Fr. Bolkert, bemühten sich, treffliche Compositionen für den Schir Zion zu liefern und auch Franz Schubert lieh dem Werke seine Feder, in dem er den Schir Zion I. unter Nr. 6 sich befindlichen adong molsch in C-dnr für vierstimmigen gemischten Chor mit Baritonsolo schrieb. Ohne uns in weitere Reflexionen über den Wechsel der Gesinnung zwischen damals und heute einzulassen, anerkennen wir diese rühmenswerthe Thatsache dankbar und herzlich und legen hiemit eine bescheidene Blüthe auf das Grab des Heimgegangenen Liedermeisters Franz Schubert. Verweigerung der Satisfaction. Gr az, 22. Jänner In der Sitzung, welche das Comite des Universitäts- Studentenballes am 11. December v. I. abhielt, wurde, wie schon in früheren Jahren, der Antrag gestellt und auch angenonimen, zu diesem Ballfeste Juden und Judenstämmlinge nicht einzuladen. In der gleichen Sitzung brachte der Mediciner Hugo H i r z e g g e r vor, es sei sehr bedauerlich, daß ein Judenstämmling im Ballcomits sitze. Damit meinte er den vom Turnverein beider Hochschulen in das Comite entsendeten Hörer der Philosophie, Herrn v. A r l t (einen Enkel des berühmten Wiener Augenarztes). Da Letzterer die Sitzung damals bereits verlassen hatte, erfuhr er den Beschluß des Ausschusses und die Auslassungen Hirzegger's erst später. Da Arlt Reserveofficier ist, wendete er sich an die Officiere seines Regimentes, um durch deren Intervention Satisfaction zu bekommen. Seine beiden Vertreter waren Oberlieutenant Ritter v. F e r o und Lieutenant Dose r. Hirzegger hatte als seine Cartellträger die Brüder Karl und Heinrich Haager bezeichnet. In der Besprechung, welche zwischen den beiderseitigen Vertretern stattfand, machte Karl Haager die Mittheilung, daß von einer Austragung der Angelegenheit mit Waffen deshalb keine Rede sein könne, weil Arlt ein „Jndenstämmling" sei und solchen werde von den Angehörigen der Burschenschaft, deren Mitglied Hirzegger ist, grundsätzlich die Satisfaction abgesprocheu. Da Arlt auf diesem Wege keine Genugthuung erreichen konnte, strengte er gegen Hirzegger und dessen beide Vertreter die Ehrenbeleidigungs-Klage an. Die Verhandlung fand heute vor dem städtisch delegirten Bezirksgerichte statt. Hirzegger verantwortete sich dahin, daß seine Aeußerung mit dem vom Comite gefaßten Beschluß, Juden nnd Judenstämmlinge nicht einzuladen, im Einklang stünde. Wenn dieser Beschluß gefaßt wurde, so mußte er auch für Arlt gelten, da er in dritter L i n i e mütterlicherseits vorr dem im Jahre 1845 getauften jüdischen Arzte Königsberg abstamme. Ihm dadurch eine persönliche Beleidigung zuzufügen, sei ihm um so ferner gelegen, als Arlt ihm weiter nicht bekannt gewesen sei. Was der Beschluß seiner Vertreter bezüglich der Satisfactions- Unfähigkeit betreffe, so müsse er demselben seine Zustimmung geben, da es sich hiebei um einen Grundsatz seiner Burschenschaft handle. Eine persönliche Beleidigung sei ihm auch hier ferne gelegen. Die Gebrüder Haager verantworteten sich auf ähnliche Weise. Der Richter sprach alle drei Angeklag t e nach § 259 St. G. O. frei und hob hiebei in der Begründung hervor, daß den Angeklagten die Absicht einer persönlichen Beleidigung ferne gelegen sei. Gegen dieses Urtheil ergriff der Vertreter Arlt's die Berufung. Majestäts-Beleidigung durch eine» Antisemiten. Baden, 22. Jänner. Heute ist bei dem Führer der Christlich-Socialen in Baden, Baumeister Adolf F o l l e r, eine Hausdurchsuchung vorgenommen worden. Bei dem Kreisgerichte Wiener-Neustadt schwebt nämlich gegen den Genannten eine Untersuchung wegen Majestät s-B e l e i d ig u n g. Diese soll durch ein Schriftstück begangen worden _ sein, welches zugleich mit der Bau-Urkunde in dem Dangl'schen Hause in der Franzensstraße eingemauert worden ist. Der Mechaniker K r a u p a und Redacteur Herzog sind als Zeugen einvernommen worden.

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