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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-22 · 4 (22.1.1897) · page 23

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
4 (22.1.1897)
Date
1897-01-22
Page
– (sequence 23)
Language
German
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Nr. 4 Vr. Vlmtz's Vmtzrnptzrkfk Sette 87 ebenso infame als gefährliche Blutbeschuldigung benützt oderauch nur citirt worden. Und doch hat die gesammte apologetische Literatur wenige Bücher a u fz u w ei s e n, d i e a nW e r t h und Bedeutung das Gutachten S e m l e r's erreichen, das sowohl wegen des außerordentlichen wissenschaftlichen Ansehens, das Semler genoß, als wegen seines inneren Werthes der höchsten Beachtung werth ist. Semler gehörte zu den hervorragendsten deutschen Theologen des vorigen Jahrhunderts, und er war einer der gründlichsten und anerkanntesten Autoritäten auf seinem Gebiete. Er rvar aber auch ein Gelehrter, der wegen seines Charakters, seiner Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit die allgemeine Verehrung genoß und von seinen Schülern geradezu vergöttert wurde. Wenn daher ein solcher Mann, ausgerüstet mit dem umfassendsten Wissen und gedrängt von seiner Liebe zur Wahrheit, in Form einer gelehrten Abhandlung einen flammenden Protest gegen die Lüge der Blutbeschuldigung schleudert, so verdient dieses Urtheil gewiß gehört und gewürdigt zu werden. Interessant ist auch zu erfahren, daß Semler zu seinem Gutachten durch eine Abhandlung veranlaßt wurde, die der Oberrabbiner von Altona, R. Jonathan E i b e n s ch ü tz, der theologischen Facultät zu Halle übermittelt hatte. Die Herausgabe der Semler'schen Abhandlung wird von allen Juden mit Freude begrüßt werden. Es wäre nur zu wünschen, daß auch die nichtjüdische Welt, namentlich die Theologen, die Ansichten und die Beweisgründe eines Mannes erfahren, der so groß als Gelehrter war, als mancher seiner lebenden Antipoden groß als Ignorant und Fälscher ist. Zur Geschichte des Blutmärchens. Im „Daily Chronicle" stand kürzlich ein sehr interessanter Artikel aus der Feder unseres berühmten Glaubensgenossen I. Z a n g w i l l. In einer Recension des Buches über St. William of Norwich bringt Zangwill einen Beitrag zur Geschichte des Blutmärchens aus seinem eigenen Leben. Er behauptet nämlich, daß eher die Christen als die Juden eine Blutfehde auftecht erhalten und erzählt folgenden Vorfall aus seinem eigenen Leben: „Als ich sieben Wochen alt war — wir lebten in Bristol „war meine Mutter genöthigt, mich für einen Tag ganz der Aufsicht eines christlichen Kindermädchens von 16 Jahren zu überlassen; doch wurde sie ängstlich und kehrte plötzlich um viel früher zurück, als man erwartete. Sie traf das Mädchen auf der Straße, das ihr die Versicherung gab, ich schliefe ruhig. Doch bestand meine Mutter darauf, sich persönlich davon zu überzeugen, und als sie in das Zimmer trat, fand sie mich erbärmlich schreiend in der Wiege, den Kopf mit einem Kissen zugedeckt, das Gesicht ganz blau, den Mund voll Blut. Das Mädchen gestand hernach, daß sie, um den Tod Christi zu rächen, mit einer Nadel das Zeichen des Kreuzes auf meine Zunge eingeritzt hatte. Das Interessanteste an der Sache ist, daß sie sich" an einem Jom-Kippur begab. Um den Tag im Tempel zubringen zu können, hat sie mich dem Kindermädchen überlassen; wäre sie nicht früher zurückgekehrt, so hätte ich wahrscheinlich heute nicht das Vergnügen, dieses Buch zu recensiren. Die Handlungsweise des ungebildeten, unwissenden Geschöpfes ist verständlich und verzeihlich. Um ihretwillen das Christenthum des systematischen Kindermordes anzuklagen, wäre ebenso ungerecht, wie die Blutanklage, wenn irgend ein Jude gar wirklich irgend ein christliches Kind getödtet hätte. Vom Schächtverbot in Sachsen. Das soeben ausgegebene „Politische Jahrbuch der Schweizerischen Eidgenossenschaft" von Professor Dr. H i l t y enthalt folgende Notiz: „Für uns interessant war die Nachricht, daß die militärischen Conservenfabriken in S a ch s e n für ihren Fleischbedarf das Schächtv erfahren einführten, weil dadurch eine vollkommene Blutung und eine größere Haltbarkeit des Fleisches erzielt werde. Es geschah dies in dem einzigen Staate der Welt, neben der Schweiz, welcher das Schächten verboten hat. Einem Metzger in Kassel wurde bei der Uebertragung von militärischen Fleischlieferungen ausdrücklich die gleiche Bedingung des Schlichtens gestellt". Wenn dies richtig ist und ftir die militärischen Conservenfabriken die Thiere durch Halsschnitt ohne vorhergegangene B e t ä n b u n g getödtet werden, so könnte das Schächtverbot nicht mehr aufrecht erhalten werden. Diese Notiz des Schweizerischen Jahrbuches verdient demnach große B e a ch t n n g. Merkwürdige Dnellgeschichten. Seitdem selbst Kaiser Wilhelm durch die bekannten Vorfälle in jüngster Zeit sich veranlaßt sah, einen Erlaß zu veröffentlichen, der wenigstens zur Einschränkung des Duellunfuges ftihren soll, steht das Duell- Thema unaufhörlich im Vordergründe der Discussion. Einen merkwürdigen Beitrag finden wir in der „Straßburger-Zeitung", die aus einem kürzlich erschienenen Buche des Hauptmann L u t h m e r unter Anderem Folgendes reprodueirt: „Am 1. April 1892 kam ich unter Beförderung zum Hauptmann und Batteriechef nach Hagenau zurück. Mein nächster Vorgesetzter war Major und Abtheilungscommandeur Brehmer. Schon nach wenigen Monaten hatte ich Anlaß, mich über denselben wiederholt zu beschweren. Bei allen diesen Beschwerden habe ich stets Recht bekommen. Im November 1892 wurde Oberstlieutenant Brandt Commandeur des Feldartillerie-Regiments Nr. 31. Mit dem Oberstlieutenant Draudt habe ich besondere Differenzen nicht gehabt. Nur ein Umstand wäre geeignet gewesen, eine Differenz herbeizuführen; da ich aber auch hier im Rechte war, so find für mich daraus keine Folgen entstanden. Ich hatte nämlich einen jüdischen B i c e w a ch t m e i st e r der Reserve bei meiner Batterie, der aus religiösen Gründen eine» sonst nothwendig gewesenenZweikampf mit einem anderen vermeiden wollte. Nach den herrschende n A n s i ch t e n ist für einen solchen Mann die Beförderung zum Reserveosiieier ausgeschlossen. Ich aber achte die strenge Durchführung der Religion auch bei jedem Andersgläubigen, und da der Betreffende im praktischen Dienst sich durch Fleiß und Gewandtheit vortrefflich bewährt hatte, so bin ich f ü r d e n s e l b e n als s e i n d a m a l i g e r Batteriechef mit g a n z e r P e rs o n e i n g e t r e t e n. Als diese Angelegenheit dienstlich im Kreise der Abtheilungscommandeure und Batteriechefs zur Sprache kam, sagte Draudt laut, daß der Betreffende in dem Reserveofficiersexamen d u r ch f a l l e n m ü s s e. Da das Bestehen der Osficiersprüfung nur den Beweis der praktischen Tüchtigkeit oder Untüchtigkeit ergeben soll, und da diese Worte anscheinend an mich gerichtet waren, so erwiderte ich, empört über dieie Zumuthung, in lautem Tone: ovo!" Draudt schwieg, aber er hat sich meine Antwort sicher gemerkt. Thatsächlich fiel der Aspirant durch, obwohl ich selbst Mitglied der Prüfungscommifsion war." Die weiteren Vorgänge, die wir kurz andeuten wollen, sind nun merkwürdig genug. Hauptmann Luthmer, der inzwischen erblindete O f f i c i e r, fordert den Reservelieutenant D i e h l, nachdem er erfolglos auf dienstlichem Wege gegen ihn eingeschritten war — zum Duell! — D i e h l lehnte die Forderung ab und wurde deshalb mit schlichtem Abschied entlassen, während Luthmer's Cartellträger eine Warnung erhielt. Man wird zugeben müssen, daß die Affaire des von idealen Intentionen geleiteten, blinden Hauptmannes Anlaß zu den mannigfachsten Erörterungen geben kann, die allerdings sich noch auf Anderes als das Duell erstrecken mußten. Ein Bekehrter. Bei Gelegenheit der Budgetdebatte im ungarischen Abgeordnetenhaus erhob sich der Domherr und katholische Ober - Studiendirertor Franz Komlossy, der bereits in den Achtziger-Jahren Abgeordneter, und zwar Mitglied der seitdem vom Schauplatz verschwundenen antisemitischen Gruppe war. Seit damals hat sich Vieles geändert, darunter auch Herr Komlossy, welcher nun als Parteiloser oder „Wilder" den Stampfener Bezirk vertritt. Komlossy erzielte heute einen ungewöhnlich großen Erfolg, indem er als katholischer Geistlicher sich gegen die elericale Volkspartei wendete, deren Umtriebe und Tactik er rückhaltslos und mit einer solchen Wucht verurtheilte. daß die also Betroffenen förmlich vor Schmerz und Grimm aufschrien, während die übrigen Parteien, ausgenommen einige wenige Mitglieder der Nationalpartei und der kleinen Ugron-Fraction, dem Redner zujubelten. Komlossy hielt den Führern der Volkspartei ein langes Sündenregister vor, er machte sie ftir den gestörten Frieden verantwortlich, er schrieb ihrer Unduldsamkeit die kirchenpolitischen Reformen selber zu, denn seiner Ansicht nach wären diese Gesetze nie zu Stande gekommen, wenn die clericalen Hetzer nicht jeden u.oäus viveoäi zur Beilegung des Wegtaufenstreites unmöglich gemacht hätten. Durch ihre Tactlosigkeit und Intoleranz babe die Volkspartei nur der Regierung einen Dienst erwiesen, und die oppositionellen 1 Niederlagen seien in erster Linie dem Treiben der Vvtksvanei

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