Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 4 (22.1.1897)
- Date
- 1897-01-22
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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>Nr. 4 Seite 86 Dr. Block s Wochenschrift habt für Wissenschaft und gewerbliche Kunst, wenn die Grundbedingung, der Urquell aller Wissenschaft und Kunst vorhanden gewesen wäre, ein Stückchen grüner Erde! Ein Stückchen Erde! Hierin liegt für mich die Lösung aller Räthsel, welches das Judenthum uns in so reicher Fülle bescheert hat; wir haben seit 2000 Jahren die Fühlung mit Mutter Erde verloren! Wir Juden haben in Folge eines merkwürdigen Geschickes das erste Beispiel gegeben von einem Volke, das sich vom Boden emancipirt. Wir haben es zu Wege gebracht, unsere Existenz vom Boden unabhängig zu machen und haben dadurch zum Staunen aller Welt so manches mächtige Volk der Ge schichte überdauert; während alle anderen Nationen gleich dem Grase, das da wächst und welkt, ihren Frühling und ihren Winter hatten, trotzen wir allein allen Gesetzen der Natur, dem Werden und Vergehen. Aber kein Staubgeborener emancipirt sich straflos von dem Boden, von dem Alles kommt und zu dem Alles zurückkehrt, und auch wir haben unseren scheinbaren Sieg über die Natur mit schweren Opfern erkauft. Wir sind stolz auf unsere ewige Jugend, auf unsere Unsterblichkeit; ach! für den, der nie lebt, ist es ein schwacher Trost, niemals zu sterben? Nein, wir haben keine Ursache, uns dieser Anomalie zu freuen, wir haben keinen Grund, damit zuftieden zu sein, von Land zu Land zu ziehen und den Culturdünger abzugeben für andere Völker! Gewiß, es war eine beschränkte Ansicht, den Boden für den einzigen wahren Werth unter den vielen Gütern eines Volkes zu erklären, ein Physiokrat auf dem Gebiete der Nationalökonomie ist in unserer Zeit des hochentwickelten Wirthschaftslebens ein Sonderling und ein Zopf; aber in Bezug auf die Cultur des Geistes und des Gemüthes eines Volkes bin ich ein fanatischer Physiokrat: Für mich ist der Boden, den ein Volk sein eigen nennt, der Urquell, die Grundbedingung, das bestimmende Moment seiner Cultur. Wir Juden aber haben 2000 Jahre lang die Erde niemals als Nährmutter, als Spenderin alles Lebens gefühlt, das einzige Stückchen grüner Erde, das man ruls gönnte, war der Ort der ewigen Ruhe! Und darin liegt der Grund, warum wir uns bei so viel Gleichheit des Charakters doch so sehr von den Puritanern unterscheiden. Warum wir keine Wissenschaft unter uns entwickelt haben? Weil jede Wissenschaft von der Natur, von der Erde ausgeht und der Erde wieder zu Gute kommen muß. Die Geschichte der Wissenschaften zeigt, wie oft sie sich auf Irrweg? begaben, wie oft es schien, als sollten sie sich in nebelhafter Ferne verlieren, aber die Natur, die Erde machte ihr Mutterrecht geltend, und immer wieder kehrten die Wissenschaften reuig zu ihr zurück. Die Puritaner leben auf ihren: Boden, in innigster Fühlung mit der Natur, das bewahrt sie davor, ihre gesammte geistige Energie auf ihre Religion zu verwenden. Sie werden mir einwenden, daß ich in übertreibender Weise die Bedeutung des Bodens für das Geistesleben überschätze, Sie werden mir entgegeuhalten, daß nicht gerade die Leute der Scholle es sind, welche die Wissenschaften ins Leben rufen, daß die Bauern nicht gerade die Vertreter sind der höchsten menschlichen Cultur. Aber es ist mit dem geistigen Leben eines Volkes wie mit dem mächtigen vielästigen Baum: Tief unten in der Erde saugen die Wurzeln den belebenden Saft, hoch in den Lüften aber, weit, weit vom Ursprung entfernt, sehen wir Blatter, Blüthen und Frucht. Ich habe Ihre Geduld schon lange genug für die Parallele zwischen Juden und Puritanern in Anspruch genommen und muß Sie doch bitten, mir für einen letzten Punkt Ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Die Puritaner sind mir auch noch in anderer Beziehung lehrreich geworden für die Idee vom Judenstaate, denn sie haben dieses Problem in ihrer Art vor 300 Jahren gelöst. Ich will Ihnen dies im engsten Anschluß nach den authentischen Berichten eines puritanischen Geschichtsschreibers erzählen. Unter der Regierung Jacobs I. wurden viele arme Leute im Norden von England vom Worte Gottes erleuchtet. Da sahen sie denn, daß die Ceremonien der anglikanischen Kirche nichts anderes waren als Ueberbleibsel der Götzendienerei und daß die Prälaten zu vergleichen waren den Baalspriestern, von denen die Bibel erzählt. Daher vereinigten sie sich zu einer Bruderschaft und schworen, dem Bekenntnisse Calvins getreu, die Formen, Verordnungen und Artikel der bischöflichen Kirche zu verwerfen und der Beschränkung ihrer Gewissensfreiheit durch die weltlichen Gewalten Widerstand zu leisten; denn Jeder von ihnen nahm für sich das Recht in Anspruch, in individueller Weise die Wahrheit zu suchen und sich in seiner persönlichen Ueberzeugung nicht beirren zu lassen. Aber die armen Leute wurden nicht nur vom gemeinen Volke verhöhnt und verfolgt, sondern die geistlichen und weltlichen Behörden lauerten ihnen aus, wenn sie sich zu ihrem einfachen Gottesdienste versammelten und die Frommen wurden mit äußerster Grausamkeit behandelt. Da begannen sie einzusehen, daß sie in der alten Heimat nicht aufzukommen vermochten gegen die Bosheit der Menschen, und sie beschlossen, in der freiwilligen Verbannung die Freiheit zu finden, die ihnen die Heimat versagte; namentlich die Ruhigen und Friedliebenden unter ihnen waren es, die dazu riethen, denn sie waren es müde, einen aussichtslosen Kampf zu führen gegen den Hochmuth und den Fanatismus der an Zahl überlegenen Feinde. Aber der erste Versuch, das Land zu verlassen, wurde dem Pöbel und den untergeordneten Organen der Regierung ein neuer Anlaß zu Mißhandlungen und Verfolgungen aller Art; einen ganzen Monat lang wurden sie einfach wie Verbrecher im Kerker behalten. Erst durch die Verwendung einflußreicher Männer erhielten sie wieder die Freiheit. Das war im Jahre 1607. Im Frühling des folgenden Jahres machten sie den zweiten Versuch, diesural heimlich. Das Schiff legte an einer sonst nicht berührten Stelle in der Mündung des Humber an, und die Einschiffung begann. Schon waren die Männer mit der geringen Habe im Schiffe, als eine Schaar bewaffneter Reiter herantrabte und die wehrlosen Frauen mitsammt' den Kindern, welche darauf warteten, von den Männern zum Schiffe gebracht zu werden, überfielen und fortführten. Die weise Behörde war jedoch rathlos in der von ihr selbst geschaffenen Verlegenheit; was sollte mit den hilflosen Frauen- und Kinderschaaren geschehen? Nachdem die Armen neues Elend genug ausgestanden hatten, wurde ihnen endlich gestattet, den Männern zu folgen, und in den ersten Sommermonaten des Jahres 1608, wurde Holland erreicht. Es dauerte lange, bis sie in Amsterdam zwei Schiffe, „Speedwell" und das berühmt gewordene Schiff „Mayflower", bekamen, mit denen sie die Reise nach der neuen Welt antreten wollten. Aber nur ein Theil der Auswanderer fand Unterkunft in diesen Fahrzeugen, der Rest blieb in Holland zurück. Betend und Psalmen singend gingen sie in die Schiffe, die Zurückbleioenden weinten laut und konnten ihren Brüdern vor Schmerz kaum ein Abschiedswort zurufen. Die Schiffe gaben mehrere Kanonenschüsse als letzten Gruß und stachen in die See. Sie kamen glücklich nach Southanlpton und nach einer kurzen Pause setzten sie die Reise fort. Aber auf der Höhe von Plymouth zeigte es sich, daß das kleinere Schiff „Speedwell" dringend einiger Reparaturen bedurfte. Daher wurde in Plymouth gehalten und das Schiff reparirt. Dann ging es wieder in die See. 8 Tage waren sie gesegelt, als der Capitän des „Speedwell" den Muth verlor, der dunklen Zukunft entgegenzngehen, und unter allerlei Vorwänden nach England zurückkehrte. So blieben die Auswanderer auf dem Schiffe „Mayflower", 120 Seelen, allein im atlantischen Ocean zurück. 63 Tage lang dauerte die Reise, die heute ein Schiff in 6 Tagen zurücklegt, nach unsäglichen Mühseligkeiten und Beschwerden langten sie endlich, spät im November, in Amerika an (1620). Und es war einer der unfruchtbarsten Theile der neuen Welt, der heutige Staat Massachussets, den sie zum Wohnsitze erkoren. Schritt für Schritt mußten sie Vordringen, jeder Zoll des fremden Bodens wurde mit Kampf und harter Arbeit erkauft. Ich kann es mir erlassen, auf die Einzelheiten dieser Kämpfe einzugehen, es genügt für unseren Zweck vollkommen, den Erfolg in Betracht zu ziehen. Die Pnritanercolonie wurde der Keim, aus welchem das heutige Nordamerika, der Hort der politischen und religiösen Freiheit, das Land der Forscher und Erfinder, herausgewachsen ist, der Staat, der jetzt schon erfolgreich mit den großen Weltmonarchien concurrirt und dem in Zukunft die halbe Erde gehört. Vom Jahrmarkt des Lebens. Ein sehr wichtiges und hochinteressantes Gutachten über die Blutbeschirldigung. Der gelehrte und unermüdlich fleißige M. Friedländer hat sich durch die Herausgabe des uns vorliegenden Büchleins: „Dr. Joh. S. S e m l e r's Abhandlung über die Blutbeschuldigung" (Druck und Verlag von M. W a i z n e r, Wien) ein großes Verdienst erworben. Die Abhandlung, welche zum ersten Male 1762 erschien, ist leider bisher fast gar nicht bekannt gewesen und auch von keinem Apologeten des Judenthums im Kampfe gegen die