Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 4 (22.1.1897)
- Date
- 1897-01-22
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Nr. 4 Vr Vloch's VvchenkchrM Seite 65 ') Juden und Puritaner. (Aus einem Bortrage, gehalten im Einzelverein „Zion" in Wien, Donnerstag, den 14. Jänner 1897.) Juden und Puritaner! Was haben die Beiden mit einander zn schaffen? Sie werden sich daran erinnern, daß Juden und Puritaner mit einander in Berührung kamen, als Oliver Cromwell, der ungekrönte König des puritanischen England, mit Manasse ben Israel aus Amsterdam wegen Niederlassung der Juden in Großbritannien Unterhandlungen begann, Unterhandlungen, welche sich an den Vvrurtheilen der Bevölkerung zerschlugen, aber endlich doch dahin führten, daß den Juden zwar nicht mit dem feierlichen Pompe parlamentarischer Gesetzgebung, wohl aber auf halbamtlichem Wege gestattet wurde, ihre ausgezeichneten Handelsbeziehungen und ihren Fleiß der City von London zugute kommen zn lassen. Das ist die einzige historische Beziehung zwischen Inden und Puritanern, und wir hätten, wie Sie sehen, keine Veranlassung, davon viel Aufhebens zu machen. Und doch gibt es eine innige, wenn auch nicht historische Beziehung zwischen den Beiden. Die Sommermonate des Jahres 1885 brachten mir nach langer Zeit meine Jugend mit ihrer Askese und ihrer religiösen Beschränkung wieder ins Gedächtniß zurück; ich war in England zum erstenmale mit Puritanern und puritanischer Weltanschauung in Berührung gekommen. Das heutige England ist durch mehr als zwei Jahrhunderte von jener mächtigen Bewegung getrennt, welche das Königthum von Gottes Gnaden erschütterte, die Machtverhältnisse wie durch ein Erdbeben verschob und durch die das ganze Leben Großbritanniens eine vollständige Umgestaltung erfuhr. Die in früheren Jahrhunderten sprichwörtliche Leichtlebigkeit Englands, welche im 14. Jahrhundert sich in den von Lebenslust übersprudelnden Geschichten Chancer's, im 17. in den tollen Lustspielen Shakespeare's wiederspiegelt, verschwand wie durch Zauber, als die Puritaner, mit Cromwell an der Spitze, _ zur Herrschaft gelangten, und asketische Strenge mit ihrem Gefolge von religiösem Üeberschwang und religiöser Ausschließlichkeit zog in die Gemüther ein. Im Verlaufe der Zeit hat sich jener puritanische Geist verflüchtigt und namentlich die großen Städte haben sich gezwungen gesehen, der Weltlichkeit des übrigen Europas gewisse continentale Zugeständnisse zu machen; aber ans dem Lande, und zwar ganz besonders im Norden von England, sowie in den keltischen Bezirken von Wales und Schottland, wie in Amerika hat sich der puritanische Geist in säst ursprünglicher Reinheit und Strenge erhalten. — Und wie ist da das Leben beschaffen? Ganz wie im Ghetto der Sabbath, ist dort der Sonntag der Mittelpunkt der Woche, die Krone des Lebens. Wie der arme Dorfgeher von einst Sonntag Früh den schweren Pack ans die Schulter lud und resignirten Gemüthes alle Strapazen der Woche mit Hinblick auf den einen herrlichen Ruhetag ertrug, so gehen in puritanischen Gebieten Bauer, Handwerker und Krämer alle die Werktage über mechanisch ihrer Arbeit nach — am Samstag Nachmittag kommt erst Leben und Seele in die scheinbar stumpfen Gemüther. Wie Prinzessin Sabbath die Juden, so verwandelt der Sonntag dort die ärmsten Leute in Prediger, Mystiker, Philosophen. Der arme Flickschuster, der die ganze Woche über der Letzte im Städtchen ist, wird in der Kirche der Erste. Alles sieht zu ihm, wenn er mit geschlossenen Augen sein aus der tiefsten Tiefe geholtes Gebet improvisirt, mit andächtiger Ehrerbietung empor, und wie das Gotteshaus des Ghetto beinahe nicht leer wird am Sabbath, so bietet die Kirche den Puritanern am Sonntag Ersatz für alle Genüsse, welche die übrigen Europäer mit so großer Kraftanstrengung und mit so vielen Geldopfern erkaufen. Was mir in meiner Kindheit so unerträglich war, die Beschränkung der persönlichen Freiheit, die Puritaner haben auch das, ganz als hätten sie es von den Bewohnern des alten Ghetto genommen: Die Sonntagsruhe in einem schottischen und amerikanischen Dorfe steht kaum an Strenge hinter dem Sabbath des Ghetto zurück. Es wird nicht geschrieben, nicht gefahren, nicht geraucht, ein profanes Wort, ein weltliches Buch ist auf's Strengste verpönt. Nüchtern und eng wie das Gotteshaus im Ghetto, ist die Kirche in der puritanischen Gemeinde: nichts ist da für die Sinne gethan, aus dem eigenen Gemüthe heraus muß Jeder die fehlende Schönheit des Gottesdienstes ersetzen. Und auch im zweiten Punkte, in dem der geistigen Beschäftigung, hat sich unter den Puritanern der gleiche Geist wie im Ghetto entwickelt: Das Gotteswort in der Bibel steht fest, die Deutung aber des vieldeutigen Wortes ist Anfang nlld Eicde alles Denkens, alles Studiums, aller Philosophie. Jeder Puritaner ist ein geborener Theolvg, wie jeder Ghettobewohner ein geborener Talmudist. Und selbst mit diesem zweiten Punkte, der Art des Studiums, ist die Parallele zwischen Inden und Puritanern nicht erschöpft. Tie Mystik, die Ekstase mit allen ihren Begleiterscheinungen, dem Hellsehen, den Wundercureu und all den Dingen, die wir an den Rabbis in Polen und Rußland belachen, alles das bat der puritanische Geist in ganz selbstständiger Weise in Wales und Schottland entwickelt. Und ich genire mich nicht, auch noch einen vierten Punkt zn berühren. Schotten und ''Amerikaner sind gleich den Inden die sparsamsten, erwerbslustigsten Menschen, die besten Geschäftsleute der Welt. Ich kann in der mir zugemefseuen Zeit nicht alle Einzelheiten anführen, nicht concret genug das Bild vom jüdischen und puritanischen Geiste gestalten. Aber Sie werden an den Umrissen die große Verwandtschaft zwischen Juden und Puritanern, Sie werden ohne Schwierigkeit den gemeinsamen Hauptzug im Charakter Beider erkennen. Das Leben der Juden und Puritaner ist vom Gottesgedanken durchdrungen, Gott ist Anfang und Ende ihres Denkens und Thuns, Gott ist sozusagen die aprivristische Form jüdischen und puritanischen Geistes, wie bei allen anderen Menschen Raum und Zeit, Juden und Puritaner sind die einzigen „gotttrunkenen" Wesen in unserer Zeit. Und mm, da wir die gemeinsamen Züge in der Weltauffassnng und Lebensführung bei Juden und Puritanern kennen gelernt haben, stelle ich an Sie die Frage, die mich seit Jahren beschäftigt: Wie kommt es, daß bei so vielen gleichen Factoren sich so verschiedene Resultate ergeben? Wie kommt es, daß die gotttruukeneu Puritaner in Schottland, in Wales, in den britischen Colonien einen so hervorragenden Antheil nehmen an der Umgestaltung der Erde und an der Herrschaft der Welt, während die gotterfüllten Juden, die Juden im alten Sinne, sich kaum jemals über die Interessen ihrer Religion und des engsten Gemeindelebens erhoben; wie kommt es, daß die Puritaner keltischen und angelsächsischen Stammes auf allen Gebieten rein weltlicher Thätigkeit Schöpfer und Bahnbrecher aufzuweisen haben, während die jüdischen Puritaner ihren bewunderungswürdigen Scharfsinn und ihre selbstlose Hingebung immer wieder dem Studium der schriftlichen und mündlichen Ueberlieferuug widmeten? Ich bin weit davon entfernt, den Antheil zu unterschätzen, welchen die Naturwissenschaften im Mittelalter den jüdischen Mathematikern, Astronomen, Aerzten und Chemikern verdanken; es ist zweifellos, daß die Menschheit ihnen weit mehr 'Dank schuldig ist. als sie einzugestehen geneigt ist. Aber diese Theiluahme der Juden an der Wissenschaft fällt in eine entfernte Periode jüdischer Geschichte, überdies in eine Periode halber Assimilation. Aber während wir bei den Puritanern Theoretiker und Praktiker von der Bedeutung eines James Watt, eines Edison antreffen — was haben wir aus der vormendelssohn'schen Zeit, was Jat das orthodoxe Jndenthnm von heute diesen Namen an die Seite zu stellen? Und noch eine dritte Frage: Wie konnnt es, daß die Berührung mit der nichtjüdischen Außenwelt, die Vertrautheit mit der Wissenschaft eine so zersetzende Wirkung ausübt aus das altjüdische Leben, auf den altjüdischen Geist, während das Pnritauerthum in Schottland und Amerika hart neben und mitten in jenen Städten, welche die Hochburgen der Naturwissenschaften und der technischen Fortschritte geworden sind, in ungeschmälerter Kraft blüht und gedeiht? Ich selbst kenne mehr als einen Mann der Wissenschaft in London, der in streng puritanischer Gesinnung den Sonntag heilig hält, in der Kirche seines speciell'en Glaubens - Bekenntnisses — denn auch darin berühren sich Puritanismus und Judenthum, daß sie sich gerne in kleine Gemeinden spalten mit überaus feiner, dem Außenstehenden kaum merklicher Nnancirung — einen theuern Sitz bezahlt und für alle Angelegenheiten seiner Glaubensgenossen sich mit innigster Theilnahme interessirt. Woher diese unleugbare Inferiorität der Juden gegenüber den Puritanern, mit denen sie sonst eine so ausgesprochene Verwandtschaft verbindet? Ich habe es versucht, mir den auffallenden Unterschied durch die landläufigen Gründe zn erklären. Gewiß, der politische Druck, die Ausschließung von den Zünften und anderen bürgerlichen Vereinigungen und so viele andere unglückselige Maßregeln einer kovllosen Staatsweisheit waren nicht gerade geeignet, im Ghetto wissenschaftlichen und gewerblichen Eifer zn wecken. Aber selbst das enge Ghetto hätte Raum und Verwendung genug ge