Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-22 · 4 (22.1.1897) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
4 (22.1.1897)
Date
1897-01-22
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021173--06394-3030673
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 4 Dr. VLoch's Wvchrnlchrifi. Seite 83 „Wieso können Sie das wissen?" fragte ich. „Ich habe es gesehen," lautete des Alten Antwort, „mit , meinen eigenen Augen gesehen. Nun aber, trinken Sie doch, j meine Herren; dieser Wein verdient es, getrunken zu werden, i Es ist nicht mehr viel vorhanden von dieser Gattung. Meine Bekanntschaft mit Ihrem Großvater war so alt wie dieser Wein. Und Gutes und Böses haben wir miteinander durchgemacht. Einmal rettete mich Ihr Großvater ans großer Gefahr, und daß ich noch lebe und Gott den Herrn preise, das habe ich nur ihm zn danken. Das ist lange her, sehr lauge, aber ich denke es. Schon, schon sollte ich sterben; warum? Das weiß ich selber kaum . . . genug, der Tod harrte m.nner. Da eilte Ihr Großvater herbei und rettete mich. Ich fiel in Ohnmacht, kein Wunder, ich war kein Krieger; mein Vater und Großvater waren es auch nicht gewesen . . . der Krieg ist kein jüdisches Geschäft; aber Ihr Großvater, junger Herr, Ihr Großvater, der war ein mnthiger Mann! Lange wartete ich aus die Gelegenheit, ihm meine Dankbarkeit zu' beweisen, endlich kam sie. Ihrem Großvater drohte ein großes Unglück. Gott, der verleiht Kraft dem Schwachen, half mir, daß ich ihn retten konnte. Zwar hatte ich große, ganz schreckliche Angst, aber doch that ich es. Ich lnd das Faß, in welches er sich versteckt hatte, aus meinen Wagen und brachte ihn an einen sicheren Ort, durch Wälder, jenseits des Sees, in ein kleines Nest, wo einer meiner Verwandten Theer siedete." „Herr Ephraim", begann Brzozowsky, „Sie also sind jener Jude, von welchem mein Großvater mir so viel Gutes erzählt hat?" „Freilich bin ich's, und ich achtete Ihren seligen Großvater ebenso wie er mich. Ich machte gar manches Geschäft mit ihm und verdiente auch dabei, aber Alles auf rechtschaffene Weise. Ich that ihm fein Unrecht und zog nichl Nntzcn von ihm, wie das geschieht so häufig. Er lebte und ich lebte, er arbeitete sich empor und auch ich arbeitete mich empor und hatte schon ein hübsches Sümmchen beiseite gelegt. Als das Unglück aber kam, verlor er Alles und ich ebenfalls.?lnn, wir weinten nicht darob, Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen, es war Sein Wille; denn manchmal sendet Gott dem Menschen eine Prüfung, um zu sehen, ob er im Unglück ebenso fromm sein wird, wie er war im Glück. Und wissen Sie, Herr Brzozvwsky, warum Sie jetzt nicht sind Besitzer von Czarnybrvd, warum Ihr Großvater' das Gut, warum * ich mein Vermögen verlor? Durch ein Unglück, denn das Unglück ist eben verschiedener Art: manchmal gleiches einem Stein, der von einem Berg hernnterfällt und dem Menschen, den er trifft, eine Wunde schlägt, ein anderesmal jedoch gleicht es einem ganzen Haufen Steine 1111b unter solch einem Haufen werden gar viele Menschen begraben. Auf uns stürzteil eben große Steine haufenweise nieder!" Wir unterbrachen des Alten Rede mit keinem Laut. Er seilfzte und fuhr zn sprechen fort: „Ach . . ., ach . . ., das ist lange, sehr lange her. Sie, meine Herren, lvaren damals noch nicht auf der Welt, aber ich lebte und Herrn Brzozowsky's Großvater lebte ebenfalls . . . Und unsere Schultern neigten sich unter den schweren Steinen, die auf uns niederfielen... Aber wir klagten mtb jammerten nicht, denn es war der Wille Gottes . . . Und weiß man doch, daß Gott deil Menschen manchmal heimsucht mit Unglück, damit ailS dem Unglück soll werden ein Glück. Nun, wir litten und priesen Gott; der selige Herr Brzozowsky auf seine Weise, ich auf die meinige, und wir beteten zu Ihm, daß Er uns soll verleihen Kraft, auszuharren im Unglück und das Unglück verwandeln in Glück. Nun, Gott erhörte uns nicht. Seirr Wille und Seine Absicht waren andere. Er wollte, daß die Väter nrid Kinder und noch von diesen Kindern die Kinder sollen haben ein bitteres Leben ...., nun, man muß arlch das hinnehmen.. . Wenn der Thau zur Erde fällt, so wächst das Getreide umso schöner; wenn den Augen der Menschen Thränen entfallen, so wird es wohl auch nicht vergeblich sein. Denn Gott der Herr hält Tausende von Engeln, damit sie verzeichnen, messen und wiegen die Thränen der Menschen, und dann, wenn Alles summirt, Ihm vorlegen die Rechnung zunr Begutachten. Ich weiß nicht, meine Herren, ob Sie mich richtig verstanden haben, aber das weiß ich, daß ich spreche die Wahrheit und so, wie es soll sein. Die Welt ist jetzt nicht mehr rechtschaffen, denn die Menschen haben vergessen Gott den Herrn, sie haben hinausgeworfen aus ihrem Herzen die Güte, und anstatt der Güte nistet in ihrem Herzen Bosheit, Wuth, Neid und Gier. Und Einer möchte reißen dem Anderen Alles aus dem Halse, wie, nicht zu vergleichen, ein Hund, und Einer möchte ruiniren den Anderen und ihn zu Grunde richten . . . Es ist schlecht aus der Welt, schlecht, sehr schlecht. .. Aber ich erwarte, daß es noch schlimmer kommt..." „Warum sind Sie solch' ein Pessimist, Herr Ephraim?" fragte ich. „Ich verstehe nicht, was dieses Wort bedeutet", antwortete er, „und ich will es auch nicht verstehen. Ich bin weder so, wie Sie sagen, noch so, wie ein Anderer könnte denken... ich bin ein alter Jude . . . Einer von den einstigen Juden .. ." „Alt?" „Ja, mein Herr, alt. Ein alter Jude, keiner von heutzutage .... das ist ein Unterschied... Auch der Wein, den Sie trinken, stammt nicht aus Ihrer Zeit, er ist anders, als der, den man jetzt baut... alles Gegenwärtige ist anders als das Gewesene . . . nur die Herrschaft Gottes ist immer dieselbe, nur Sein Wort erleidet keine Wandlung und bleibt unerschütterlich für alle Zeiten." Er schwieg und versank in trauriges Sinnen. Mittlerweile war die Nacht angebrochen, im Zimmer wurde es dunkel. Das junge Mädchen, das wir vorhin gesehen, brachte eine dünne Kerze in einem hohen messingenen Leuchter und stellte ihn auf den Tisch. Die rothe Flamme der Kerze warf gespenstische Schatten auf die Wände und den Fußboden des Zimmers. Der messingene Kronleuchter an der Decke schien mir eine riesengroße Spinne, jenes schreckliche Unglück, von dem Ephraim gesagt, daß es auf die Väter, die Kinder und die Kinder dieser Kinder einstürze — und Ephraim selber, der ehrwürdige, weißbärtige Greis, machte in dem unsicheren, flackernden Lichte den Eindruck eines mit mächtiger Stimme rufenden Propheten: „Wehe über Euch, wehe! Denn zu Stein habt Ihr erhärtet Eure Herzen!" Die Pferde waren gesättigt und von der mühsanien Fahrt bereits erholt. Maciek hatte sie ein geschirrt und fuhr nun, laut mit seiner Peitsche knallend, vor das Thor des Einkehrhauses. Wir nahmen Abschied von Ephraim, der uns bis zur Thür das Geleite gab und, auf der Schwelle stehend, sagte: „Leben Sie wohl, meine Herren; leben Sie wohl, Herr Brzozowski. Und wenn Sie in der Gegend sind, lassen Sie unser Städtchen nicht abseits liegen. Treten Sie eiir zum alten Ephraim. .. Sie werden noch vorfinden einen Rest von dem Wein aus der Franzosenzeit. . . Aber bald müssen Sie komruen, denn die Zeit flieht; ach, ach, und wie flieht sie! Wie ein leichtbeschwingter Vogel, wie der Wind, der weht über die Felder . . ., und aus seinem Wege immer etwas mitnimmt. . . Beeilen Sie sich also, meine Herren, denn bald werden Sie sagen, daß es Männer, wie der selige Herr Brzozowsky heutzutage nicht mehr gibt. .. und den Wein aus der Franzosenzeit nicht mehr gibt. . . und daß der alte Ephraim auch nicht mehr da ist. . „Leben Sie noch hundert Jahre", sagte ich, auf die Britschka steigend. „Danke ftir das gute Wort", erwrderte er, „doch was thäte ich hier?" „Wie so?" „Mit wem sollte ich reden und verkehren, wenn ich Ihnen sage, daß die alten Zeiten sind vorüber . . ., und sogar . . ., es ist traurig und eine Schande, es eingestehen zu müssen . . „ Juden, wie sie sein sollen, gibt es heute auch nicht mehr." Wir fuhren fort. Die ausgeruhten Pferde zogen, fröhlich wiehernd, unsere Britschka rasch den sandigen Weh entlang; meine Kameraden schlummerten, und der alte Wein, den sie getrunken, gaukelte ihnen süße Bilder vor. .Ich jedoch konnte nicht schlafen, und betrachtete die Gegend, wie weit die Schatten einer Sommernacht dies gestatteten . . . Ueber der düsteren, waldigen Ebene schimmerten Helle Sterne, der den Sümpfen und Wiesen entsteigende Nebel erhob sich in phantastischen Gebilden. Und mir war, als ob ich aus diesem unklaren, weißlichen Nebel die ehrwürdige Gestalt Ephraim's auftauchen sähe; ich erblickte seinen weißen, wallenden Bart, seine magere, emporgehobene Hand, und auf den Wellen des Windes dringt die Stimme des Greises an mein Ohr. Und er sagt, daß das Unglück, welches die Väter heimgesucht, auch die Kinder, und die Kinder dieser Kinder mit unendlicher Schwere drücken werde, bis kommen wird der Tag, an dem die Engel alle Thränen der Menschen sammeln, zählen und sie vor den Thron des Ewigen bringen werden . . .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.