Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 4 (22.1.1897)
- Date
- 1897-01-22
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 62 äußern würde, dessen Besitz obendrein mit so großen Ehren verbunden ist? So blieb denn das Einkehrhaus von damals bis heute in Händen derselben Familie. Sein gegenwärtiger Besitzer ist der alte Ephraim. Durch einen Zufall lernten wir ihn kennen.... Unsere Pferde, welche die schwere Britschka durch weite und tiefe Sandflächen gezogen hatten, waren sehr müde geworden, man mußte ihnen nothgedrungen ein längeres Ausruhen gönnen. Wir fuhren in das weite Hofthor. Unsere Gesellschaft bestand aus mehreren jungen Leuten, die wohl geneigt waren, sich die Zeit mit Späßen und Lustigkeit zu vertreiben. „He, he!" rief Einer von ihnen, „Herr Gastwirth, zeigen Sie sich doch 'mal!" Der Gastwirth zeigte sich nicht auf diesen Ruf; anstatt seiner jedoch erschien ein junges, schwarzhaariges Mädchen und erklärte, hier sei Alles zu bekommen, ebenso wie in Warschau, ja, besser noch als in Warschau; nur.... da vor einer Woche Jahrmarkt gewesen und die Bauern Alles, was nur vorhanden, aufgegessen hätten, sei gegenwärtig die Speisekammer leer. Ehrlich gestanden, war uns dies ziemlich gleichgiltig. Wir kehrten von einem Ferienaufenthalt zurück, und die gastfreundliche Hausfrau hatte uns derart mit Proviant versehen, daß es während der weitesten Reise nicht möglich gewesen wäre, damit fertig zu werden. Die Pferde erhielten Hafer, dem Kutscher brachte das Mädchen ein Gläschen Schnaps heraus, und wir selber machten es uns — den Korb mit Borräthen in unserer Mitte — in der Gaststube so bequem als möglich. Im anstoßenden Zimmer saß ein alter Jude mit einem langen, schneeweißen Bart, einem Sammtkäppchen auf dem greisen Hcmpte und las in einem Buche, welches aufgeschlagen auf einem Tische vor ihm lag. „Herr Abraham! Herr Gastwirth I" rief einer meiner Collegen, „kommen Sie doch her und sagen Sie uns, was man bei Ihnen bekommen kann?" Der Jude erhob sich. Hochaufgerichtet und mit der Hand über seinen weißen Bart fahrend, trat er in's Zimmer. „Ich heiße nicht Abraham", sagte er mit einem höflichen Kopsneigen, „sondern Ephraim. Ich sehe, daß die Herren nicht von hier sind, wenn Sie den alten Ephraim nicht kennen." „Ephraim," sagte, sich besinnend, Einer meiner Collegen, „Ephraim! Mein Großvater, der einst in dieser Gegend wohnte, sprach oft von einem Juden dieses Namens." „Ah so; und wie hieß denn Ihr Großvater?" „So wie ich," entgegnete der Gefragte, „Brzozowsky . . Er besaß hier vor Jahren das Gut Czarnybrüd." Die Augen des Juden erstrahlten in einem eigenartigen Glanze. „Herr Brzozowsky!" rief er, „Herr Brzozowsky! Sie sind also der Eickel von Herrn Valentin! Sein Enkel! Gestatten Sie, daß ich Sie näher ins Auge fasse . . Ja, ja. Sie sehen ihm ähnlich . . . Aber Ihr Großvater war nicht so spottsüchtig . ." Mein College war ein wenig beschämt. „Nu, nu, thut nichts. Junge Herren lieben es manchmal über einen alten Juden zu lachen. Sie sind doch junge Herren . . . und ein alter Jude lebt auf der Welt, um ausgelacht zu werden ..." „Aber, erlauben Sie doch nur ..." „Ihr seliger Großvater faßte dies anders aus, ich dachte auch anders darüber . . . aber es ging damals überhaupt anders zu auf der Welt. Jetzt ist es nicht gut, sehr nicht gut. Aber vielleicht ist das gerade besser . . . Gott weiß, was Er thut ..." „Was sagen Sie, Herr Ephraim? Wie kann es besser sein, daß es nicht gut ist? „Ich werde Ihnen das erklären. Man lacht mich aus, weil ich Bücher lese und manchmal nicht nur den Tag. sondern sogar die ganze Nacht zubringe über den Büchern . . . Die durchreisenden Herren sagen, der Ephraim denkt nach sein ganzes Leben über eine Kleinigkeit, über eine Dummheit . . . Und wissen Sie über welche? Wenn man schlägt einen Nagel in die Wand, und ihn dann wieder herauszieht, entsteht ein Loch und Ephraim denkt nach: wo kann sein hingekommen das Holz Ms dem Loch? Wir lachten. „Aber das ist nicht wahr. Ephraim denkt nach über Anderes. Er denkt nach über das, was steht in der Schrift, daß Nr. 4 es wird werden immer schlimmer ans der Welt, immer schlimmer . . . und es wird sich den Menschen verdrehen in ihren Köpfen und ihre Herzen werden sein härter denn Stein. Und Gott wird verhängen über sie eine Strafe; . . . aber dann nach der Strafe werden sie sich bessern, und es wird wieder gut sein aus der Welt . . . Der Wolf wird essen Gras zusannnen mit der Ziege, und ihr nichts Böses thun. Und ich sehe, daß die Zeit der Strafe kommt immer näher, denn es ist schlimmer aus der Welt als es war, und es wird werden noch immer ärger und ärger . . . Unrecht, Falschheit und Betrügerei werden überhand nehmen; wer wird sehen bei seinem Bruder Brod, der wird darnach trachten, ihm dasselbe zu entreißen . . . der Stärkere wird rauben dem Schwächerer^ Vermögen, Glück, ja, selbst das Leber: . . . Und warum wird er es thun? Nur weil er vom Rechte des Stärkeren Gebrauch machen wird. Und es wird kommen eine Zeit, wie sie rroch nicht gewesen und ein Jammern der Unglücklichen, ein Elend, Unrecht und Ungerechtigkeit, wie sie auch noch nicht aus der Welt war. Es fängt schon an ..., es fängt an. Ich bin alt und werde das Weitere nicht mehr sehen; ihr aber, meine Herren, seid jung; vor euch liegt ein langes Leben; ihr werdet euch überzeugen, daß alles noch viel schlimmer werden wird ..." „Pfui, Herr Ephraim," rief Brzozowsky, „sind wir dazu hergekommen, um uns durch Ihre Prophezeiungen Angst machen zu lassen? Seien Sie doch lieber ein freundlicher Wirth und geben Sie uns Wein, wenn, nota beue, in Ihrem Keller welcher vorhanden ist." Ein bitteres Lächeln umspielte Ephraims Lippen. „Warum soll ich keinen Wein haben?" fragte er. „Wahrscheinlich ein Gesöff, wie es die Welt noch nicht gesehen hat." „Was schadet es Ihnen, wenn Sie das Gesöff kosten würden? Wenn es Ihnen nicht schmeckt, brauchen Sie es ja nicht zu trinken . . . Prokuren können Sie doch immerhin." Er rief das Dienstmädchen, welches nach einer Weile Wein und Gläschen brachte und aus den Tisch vor uns hinstellte. Nachdem die Flasche entkorkt war, stillte ein feines Aroma das Zimmer. Obgleich wir keine besonderen Weinkenner waren, \ merkten wir sofort, daß wir einen Tropfen von ehrwürdigem ■ Alter und ganz besonderer Güte vor uns hatten. „Das muß sehr alter Wein sein," bemerkte Brzozowsky. „Nicht gar so sehr", erwiderte Ephraim. „Mein Vater bezog ihn, als die Franzosen in unserem Städtchen lagerten. Es waren ihrer ziemlich viele ... ich erinnere mich dessen noch ganz vorzüglich ... Es sind schon mehr als einige Jahre her", fügte er mit freundlichem Lächeln hinzu. „Bitte, Herr Brzozowsky, trinken Sie doch. Ihr Großvater liebte diese Sorte ganz besonders. Ich werde Ihnen den Wein nicht theurer rechnen, als ich es Ihrem Großvater und als mein Vater es den Franzosen zu thun pflegte . . . Ein Ducaten die Flasche, mehr nicht . . ." Er erhob sich, warf einen Blick in's Nebenzinuner, um sich zu überzeugen, ob Niemand ihn belausche, lehnte die Thür an und fuhr, nachdem er sich wieder zu uns gewendet, zu; sprechen fort: „Wie freue ich mich, daß ich Sie sehe, Herr Brzozowsky! Es ist dies eine ganz außerordentliche Freude für mich! Ihr i| Großvater, Herr Brzozowsky aus Czarnybrod, war mein bester!j Freund. Es ist keine Schande für ihn, daß er mein Freund war, daß er in Freundschaft lebte mit einem Juden, denn Gott; hat alle Menschen aus Erde gebildet, und den ersten Menschen; nannte er sogar „Sohn der Erde". Und jeder Glaube, jede : Religion stammt von Gott, und von Gott ist das Gebot, daß der Mensch soll rechtschaffen leben in dem Glauben, in welchem er wurde geboren und erzogen. Und von Gott haben wir Leben und Tod, Glück und Unglück, Reichthum und Armuth. Alles dies kommt von dem einzigen Gott, denn es gibt weder zwei noch mehrere Götter. Ein Gott herrscht über alle Religionen', ein Gott über alle Menschen. Ihr Großvater dachte ebenso und niemals hat er geringgeschätzt einen Juden. Betrüger, Schwindler, Diebe und Mörder, die verachtete er. Und wenn er Ursache hatte zur Verachtung, so fragte er niemals: Ist dieser Mann ein Jude oder ist er's nicht? Er verachtete den Schurken, weil er war ein Schurke, alles Uebrige war ihm gleichgiltig. Ihr Großvater hatte einen- Hellen Kops und ein großes Herz. Und dem Tode blickte er nrit großer Ruhe in's Auge, so ruhig, wie ich jetzt diese Flasche ansehe . . ." Vr. Vloch's »ochenlürrifi