Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 4 (22.1.1897)
- Date
- 1897-01-22
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Vlorkr's Wrntzrnschrifr Seite 81 in Odessa nur einen und in ganz Südrußland blos drei Commercienräthe. Paris. M. David Raynal, der ehemalige Minister des Innern, ist zum Senator der Gironde gewählt worden, welche er bis nun in der Deputirtenkammer vertreten hat. Frankfurt. Der Oberlehrer an der hiesigen jüdischen Realschule, Dr. A. Mannheimer, hat den Titel eines Professors erhalten.. London. Ihre königliche Hoheit die Herzogin von Albany wird am 10. Februar die neuerbaute jüdische Schule in Spitalfieds, Thrawlstreet eröffnen. Der Lord-Mayor und seine Gemalin, wie auch die Sheriffs werden der Feier beiwohnen. London. Am 23. Jänner findet ein Bankett der Makkabäer statt, das dem Bürgermeister zu Ehren gegeben wird. London. Lord Rothschild hat die Stelle eines Präsidenten des Hospitals im Westen von London angenommen. Brüssel. Das hiesige Oouswwire Israelite hat von der Baronin Clara de Hirsch eine Spende von 100.000 Francs erhalten, 50.000 Francs für das Heim für altersschwache Juden, die andere Hälfte für das jüdische Knabenheim. Manchester. Der Director des hiesigen Theaters hat 500 Gnaden aus der jüdischen Schule unentgeltlich den Eintritt zur Mittwoch-Vorstellung (eine Pantomime) gestattet. Birmingham. Im hiesigen Beth-Hamidrasch werden seit 8 Tagen jeden Zlbend zwischen 4 und 5 Uhr 100 Kinder mit heißem Thee und Butterbrod erquickt, und man hofft, es zu ermöglichen, daß den armen Kindern diese Wohlthat den ganzen Winter hindurch erwiesen werde. Die Spenden zu diesem Zwecke rühren von Mr. I. Hillner und Mrs. Kino her. Feuilleton. Ephraim. Skizze, der Wirklichkeit nacherzähli von Clemens Junosza. Ausschließlich autorisirte Uebersetzung aus dem Polnischen von Malwina Blumberg. Inmitten der Sümpfe und Sandflächen von Podlasie, in einer waldigen, weltentlegeuen Gegend, befand sich ein kleines, elendes Städtchen.' Das Städtchen bestand vielleicht aus hundert Häusern und vielleicht waren ihrer nicht einmal so viel. . . wer konnte das wissen? Es war dies umsoweniger möglich, da alle paar Jahre eine Feuersbrunst ganz unverhofft auszubrechen und das ganze Städtchen in einen Schutt- und Aschenhaufen zu verwandeln pflegte. Und nur die rauchgeschwärzten Schornsteine, die dann übrig blieben, zengten davon, daß hier einst Menschen gehaust. Nach jeder solchen Feuersbrunst brach unter den Juden, welche die Mehrheit der Einwohner des Städtchens bildeten, ein schreckliches Jammern los, sie zerrissen ihre Kleider, rauften sich die Kopf- und Barthaare aus, weinten, wie einst nach der Zerstörung des Tempels. Nach mehreren Monaten jedoch waren die Thränen der Abbrändler getrocknet, ihre Klagen verstummt. Anstatt ihrer vernahm man das Kreischen zahlreicher Sägen und laut dröhnende Axtschläge und nach kurzer Zeit war das Städtchen, wie ein Phönix aus seiner Asche, wieder auferstanden und zu neuem Leben erblüht. Nichtsdestoweniger jedoch war die neu aufgebaute Stadt ebenso elend und vielleicht noch schmutziger, als zuvor. Die Hütten, nachlässig gebaut, umgäben den Marktplatz in vier Reihen. In den offenen Thüren der kleinen Läden standen deren Besitzer und luden die wenigen Vorübergehenden ein, ihre Einkäufe daselbst zu besorgen.... Kinder spielten im Sande und melancholisch sinnende Ziegen beschäftigten sich in Gedanken mit der Frage, auf welche Weise sie wohl ihren Hunger stillen könnten? Uebrigens beschäftigte dieses Thema nicht nur die Ziegen, sondern die gesammte Einwohnerschaft des Städtchens. Alle zwei Monate fand hier ein Jahrmarkt statt und wurde derselbe immer mit großer Sehnsucht erwartet. Kurze Zeit vor diesem Ereigniß begann ein reges Treiben. Die Männer bezogen aus der nächsten größeren Stadt billige Mützen, Bauernstiefel Pelze und sonstige Kleidungsstücke, brauten Bier und starken Schnaps, die Frauen bucken Bretzeln, Pfefferkuchen und andere Näschereien und am Vorabend des großen Tages war Mes fertig. Auf allen Gesichtern war der Ausdruck großer Freude zu lesen und selbst das scheußliche Grunzen der unreinen Thiere, die man zu Markte trieb, schien den Herzen dieser ewig hungrigen, ewig feilschenden Menschen ein Vergnügen zu bereiten. Sobald jedoch die Dämmerung sich auf das Städtchen gesenkt hatte, die Bauernwagen mit ihren Insassen fortgefahren und der letzte Betrunkene aus der Schenke geschleppt worden war, verfiel Alles wieder in den gewohnten, lethargischen Schlaf. Die Kaufleute schlummerten in ihren Läden, die Frauen saßen auf den Schwellen ihrer Wohnungen und strickten . . . und die gelehrten Männer verbrachten die ganzen Tage über ihren Büchern. Nur anläßlich der Durchreise eines Fremden erfuhr dieser Zustand eine Wandlung .... Dann ging Alles, den Wagen oder die Britschka zu betrachten und den Reisenden oder dessen Kutscher auszuforschen, wer er sei, wohin 'er fahre und welches sein Geschäft? Die Hühner und Ziegen kamen, mn die Neberreste aufzulesen und selbst die Gelehrten ließen, von der Aussicht, einige Groschen zu verdienen, angelockt, ihre Bücher im Stich. Inmitten des Marktplatzes stand ein altes, rothes Gebäude, dessen Umfang den kleinen Holzhütten gar sehr imponirte. Es war ein großes Einkehrhaus mit einem kleinen Laden, einer Schankstube, einem Zimmer für die Durchreisenden und einem riesengroßen Stall, in welchem wenigstens ein Cavallerieregiment bequem hätte Unterkunft finden können. Dieses Einkehrhaus hatte bis nun der Ver fichtung durch die alle paar Jahre regelmäßig wiederkehrende Feuersbrunst siegreich widerstanden, obgleich die Häuser an allen vier Ecken des Marktes brannten, die Dächer derselben einstürzten und Millionen Funker: umherstoben. Dumme Leute redeten, das Einkehrhaus brenne nicht, weil keine anderen Gebäude daran grenzten, weil es gemauert sei und das Dach aus holländischen Ziegeln bestand. Wer jedoch nur etwas gelernt hatte, der wußte recht gut, daß die Ursache eine andere war. Das Einkehrhaus brannte nicht, weil es nicht brennen konnte.... würde man es vom Fundament bis zum Schornstein mit Schwefelhölzern bedeckt, mit Pech begossen und mit Federn beschüttet haben, das Feuer hätte ihm doch fernbleiben müssen. Es war nämlich einmal ein Wort gesprochen worden, welches die Macht besaß, dieses Haus vor Feuer zu behüten. Als Beweis dafür erzählten die alten Leute, daß vor fünfzig Jahren oder'vielleicht vor noch längerer Zeit, als ein großer Krieg und eine große Verwirrung auf der Welt war, als die Hälfte der Einwohner des Städtchens die Flncht ergriffen hatte und die andere Hälfte sich in Kellern verborgen hielt, als es dröhnte, wie bei einem Gewitter und feurige kugeln umherflogen, daß damals, als das ganze Städtchen in Flammen aufgiug, das Einkehrhaus unversehrt stehen blieb. Ja, mehr noch als das: die Männer, welche mit den feurigen Kugeln geschossen hatten, drangen in's Haus, um Schnaps zu trinken. Die Geschichte behauptet, sie hätten den Schnaps nicht bezahlt, weil sie nicht konnten, aber auch das Gebäude nicht vernichtet, weil sie dies ebenfalls nicht konnten, da es feine Bestimmung ist, auf Jahrtausende hinaus unbeschädigt dazustehen. Mancher wird - wohl darüber lachen, aber im Städtchen weiß es das kleinste Kind, daß vor hundert Jahren, und vielleicht ist es noch länger her, ein berühmter Rabbiner hier durchreiste. Er war ein großer, frommer, gerechter und weiser Mann, mit einem Wort: ein Rabbiner, aber nicht ein einfacher, sondern ein großer, sehr großer Rabbiner, ein solcher, zu dem die Leute aus vielen Städten gefahren kamen, von fünf, zehn, zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Meilen in der Runde. Ein glücklicher Zufall fügte es, daß dieser Rabbiner, da sein Wagen Schaden gelitten hatte und seine Pferde sehr müde waren, den Samstag über in diesem Städtchen sich aufhalten mußte. Hier ging er in's Bad, hier betete er, und in diesem Einkehrhaus verbrachte er den ganzen Tag. Die Einwohner bewirtheten ihn mit dem Besten, was sie in Küche und Keller vorräthig hatten, und aus Dankbarkeit sprach er das große Wort, daß dieses Einkehrhaus niemals brennen würde. Die Juden aus dem Nachbarstädtchen boten viel Geld für dieses Gebäude, aber sowohl der damalige Besitzer, wie seine späteren Erben wollten nichts von einem Vorschlag hören, und hielten Jeden, der ihnen diesen Vorschlag machte, für dumm und gottlos. Denn, ist es wirklich nicht sonderbar, zn glauben, daß man um lumpiges Geld ein so schätzenswerthes, thenres Andenken ver-