Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 4 (22.1.1897)
- Date
- 1897-01-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021173--06386-3030665- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 4 Br. Vloch's WochrnsrhrM- Seite 75 der Versammluug vorzugehen, wenn er der Vereinsleitung für ihr vornehmes und geräuschloses Wirken nicht nur die Zufriedenheit sondern auch die Huldigung der Mitglieder ausspricht. Er glaubt, seinen Antrag auf eine Wiederwahl nicht erst begründen zn müssen und bittet die Versammlung durch Erheben von den Sitzen dem Ausschüsse den Dank und die Anerkennung anszusprechen und ihn mit Acclamation wieder zu wählen. (Geschieht.) Die Präsidentin bmtft nun im Namen des Ausschusses für den Beweis ehrenvollen Vertrauens, und indem sie noch den Stenographen Frl. Zerline Feigenbaum, Else Kohn und Herrn Dr. Spiro den Dank für ihre Mühe ausspricht," schließt sie die Generalversammlung. Wien. (Jüdische akademische Lesehalle.) Samstag den 16. d. M. hielt der bekannte Aesthetiker und Schriftsteller Herr Adolf Gelber einen ungemein geistvollen Vortrag unter dem Titel „Tausend und Eine Nacht". Herr Gelber schickte der Analyse der Märchen folgende von ihm erdachte Vorgeschichte voraus: Ein König läßt alle Mädchen, die er geliebt hatte, hinrichten. Scheheresade, von fanatischer Begeisterung für die Freiheit ihres geliebten Volkes, das in Sclavenketten schmachtet, erfüllt, dabei von seltener Schönheit, geht trotz der Bitten ihres Vaters zum Könige und gibt sich seiner Liebe preis. Vorher aber beauftragt sie ihre Schwester Dinarsade, sie möge — falls sie am folgenden Tage in den Palast gerufen werden sollte, um von ihrer dem Tode geweihten Schwester Scheheresade Abschied zu nehmen, — sie um Erzählung eines Märchens bitten. Am folgenden Tage verlangt auch Dinarsade im kritischen Momente das Märchen, und nun beginnt der Märchencyclus. In diesem behandelt die kühne Scheheresade in verschiedenen Variationen das Thema, daß Niemand unschuldig hingerichtet werden dürfe. Meisterhaft verstand es der Vortragende, die verschlungenen Fäden dieses echt orientalischen Phantasieproductes zu entwirren und er mies nach, wie es der Scheheresade gelingt, das steinerne Herz des Tyrannen zu rühren. Gelber stellt die Sammlung „Tausend nnd Eine Nacht" in eine Reihe mit den Werken Homer's, Shakespeare's und mit der Bibel — nur ist die Idee der Freiheit und Unabhängigkeit zu wenig darin zum Ausdruck gebracht, und daher die geringe Bedeutung für die moralische Entwicklung der Orientalen. Der Vortrag entfesselte einen nichtendenwollenden Beifall seitens der sehr zahlreich erschienenen Gäste. Samstag, den 23. d. M., 7 Uhr Abends, hält das Ehrenmitglied der „Jüdischen akademischen Lesehalle". Privatdocent der Wiener Universität Herr Dr. S. Feilbogen, einen Bortrag unter dem Titel „Karl Marx und das Judenthum", im Bereinslocale IX., Porzellangasse Nr. 45. Während die jüdische Woblthätigkeit nach wie vor als die Hauptstütze aller'unsererhumanitären Bestrebungen erscheint ,ist sie Allem gegenüber, was von Seite der jüdischen Studenten ausgkht, noch immer sehr karg. Während früher der Gelehrte und der Student unter den Juden die Höchstgeachteten waren, bringt die jüdische Bürgerschaft gegenwärtig den jüdischen Studenten nur sehr wenig Interesse entgegen. Nur so ist es zu erklären, daß die Jüdische akademische Lesehalle noch immer nicht jene Unterstützung findet, die sie verdient nnd benöthigt. Und 'doch will dieser allgemeiner Sympathien werthe Verein nicht nur seine Mitglieder körperlich und geistig ausbilden, er hat es sich zu seiner Aufgabe gemacht, alle jüdischen Hochschüler in der Liebe zum Judenthvm zu vereinen. Wer noch ein Herz hat für die jüdische Jugend, wer es wünscht, daß statt gedrückten Sclavensinnes stolzes Selbstbewußtsein den jüdischen Studenten erfülle, der wende der Jüdischen akademischen Lesehalle seine Unterstützung zu. Der Verein hat sich auch der Aufgabe unterzogen, für die mittellosen jüdischen College» eine Lectionenvermittlung zu errichten, und wird ein geehrtes Publicum ersucht, sich in solchen Fällen vertrauensvoll an den Ausschuß zu wenden. Das Local des Vereines befindet sich IX. Porzellangasse 45. der jährliche Förde', erbeitraq beträqt 5 fl. Wien. Der Einzelverein Wien des „Zion" Veranstalteteam Donnerstag, den 14 d. M„ im Festsaale des Hotel Central einen Vortragsabend, verbunden mit Akademie und Tanzkränzchen, der wohl zn den gelungensten Veranstaltungen dieses Vereines gezählt werden darf. In dem dicht gefüllten Saale waren zu bemerken die Herren: Dr. Theodor H e r z l, Präses des Verbandes der österreichischen Zionvereine Dr. M. T. S ch n i r e r, Cultusvorsteher S a l o Cohn mit seinem Sohne Dr. Paul C o h n, Joh. Kremenetzky, Max Quittner, Dr. I. S. B lo ch und viele andere Ehrengäste, darunter auch zahlreiche Freunde und Anhänger der zionistischen Idee aus den verschiedenen Kreisen der jüdischen Bevölkerung Wiens. Auch die jüdischen akademischen Verbindungen in Wien, sowie die Verbindungen in Brünn, die Jüdische akademische Lesehalle in Wien und der hiesige literarische Geselligkettsverein jüdischer Mädchen „Moria" waren theils , corporativ, theils deputativ vertreten.? Den Höhepunkt des Abends bildete, wie es allerseits mit ( der größten Spannung erwartet wurde, der durch Inhalt, Geist j und Form gleich gediegene Vortrag des Herrn Professor Dr.! Leon Kellner über das Thema: „Juden und Puritaner", der ' die an ihn geknüpften Erwartungen nicht nur erfüllte, sondern,! wie ans dem rauschenden Beifall des Pnblicnms zu ersehen war, noch H vielfach übertraf. Wir bringen den Vortrag an anderer Stelle. Dem Vortrage folgte eine Akademie, und während die Jugend »; dem Tanze huldigte, fand in einem angrenzenden Saale ein Diner j* j, zu Ehren des Herrn Professor Dr. Kellner statt, das, durch eine Reihe von Tischreden gewürzt, einen angenehmen Verlauf nahm. Charles Gordon» Unser Glaubensgenosse, der berühmte russische Tenor- und Sopransänger, Herr Charles Gordon, ein Verwandter des bekannten Hebraisten und Gelehrten I. L. Gordon, hat zu Gunsten des hiesigen Journalisten-Vereines am 1. d. im großen städtischen Sitznngssaale ein Concert gegeben, welches allgemeine Bewunderung fand. Man war völlig verblüfft, zu sehen, daß zwei so verschiedenartige St mmen, wie der höchste Tenor und der höchste Zj Discant aus einer und derselben Kehle quelle», und selbst Fachpersonen, männliche wie weibliche, die aus dem Gebiete des Gesäuges heimisch oder selbst thätig sind, staunten über die Höhe. Stärke und Unermüdlichkeit seiner Töne, und sprachen dem Künstler die vollste Anerkennung aus. Auch die antisemitischen Blätter schrieben Lobeshymnen über seine ungewöhnlichen Leistungen. Das Seltenste und Anerkennenswertheste bei Herrn Gordon aber ist, daß er überall, wo er auf seiner europäischen TournSe Halt macht, zum wohlthätigen Zwecke singt und die Hälfte des Ertrages einem nützl chen localen oder Landesinstitut widmet. — Die Liebe soll, nach Lessing. den ersten Versuch in den bildenden Künsten gemacht haben; darum sollte auch die Liebe den wabren Künstler stets führen. Die edelste und idealste Liebe, die Menschenliebe, leitet und begeistert den von bedeutenden Fachkreise» gefördert?» und gewürdigten, sowie vom Publicum oft bewunderten Gesangskünstler Charles Gordon. So verleiht er durch seine Humanitätsacte, in deren Dienst er seine gottbegnadeten Töne stellt, der Kunst jenen warmen poetischen Haucd und jene höhere Weihe, deren keine Kunst entbehren kann, soll sie Geist und Herz gewinnen. Herr Gordon ist aber bei seiner Kunst auch ein Jude von Herz und Seele. Der junge Pianist Osii'p Gabrilowitsch» der vor Kurzem in so rühmenswerther Weise im Philharmonischen Concerte Tschaikowsky's Clavierconcert vortrug, erschien vor wenigen Tagen als Solospieler im Bösendorfer Saal. Er hatte ein mächtiges Programm zusammengestellt und bewältigte es mit unermüdlicher Ausdauer. Die Thatsache, daß er ein geborner Claviermensch ist, trat auch an diesem Abende mit Evidenz hervor.Krall, die Herrschaft über reiche Anschlagsnuancen im pinnt» und plastische Rhythmik verließen ihn keinen Augenblick. Ei» antisemitischer Bettler. Carl Prochaska ist Antisemit und — Bettler. Er glaubte liun, seinen Antisemitismus auch im Betteln bekunden zu müssen, und that dies in folgender Weise: Um die Mitternachtsstunde faßte er in der Kärnttierstraße in irgend einer dunklen Ecke Posto. Kamen nun Passanten, die er für Juden hielt, trat er plötzlich aus dem Dunkel hervor und bat um ein Almosen. In ihrem ersten Schrecken wählten die Herreit nicht lange nnd verabreichten ihm meist Nickelmünzen. In diesem Falle trat er still wieder in das Dunkel zurück; gab ihm aber Jemand nur Kupfermünzen oder gar Nichts, dann beschimpfte er ihn mit den gröblichsten antisemitischen Schimpfworten. Zwei Herren machten diesem Treiben endlich ein Ende, indem sie den antisemitischen Bettler einem Wachmanne übergaben. Gestern wurde Prochaska vom Strafrichter des Bezirksgerichtes Innere Stadt, Adjuncten Dr. L a n g e r, z u a ch t T a g e n st r e n g e n A r r e st s verurtheilt, wobei der Richter die besondere Frechheit Prochaska's als erschwerend annahm. Wegen der Confessio» abgewiesen. Am 9. December v. I. erschien der Privatier Heinrich Lettner an der städtischen Hauptcasse für den II. Bezirk, um eine Kanzleitaxe von 50 Kreuzer für ein von ihm behufs Erlangung der Zuständigkeit überreichtes Gesuch zu entrichten. Bei dieser Gelegenheit erkundigte sich Herr Leitner; um das Schicksal seines Gesuches. Der Beamte erwiderte, wie Herr L e i t n e r bemerkt haben wollte, mit einem höhnischen Lächeln auf den Lippen: „Sie sind abgewiesen worden!" Daraufhin gerieth der Petent in furchtbare Aufregung und rief aus: „Das ist eine niederträchtige Bagage; ich werde es den Kerls schon zeigen!" Wegen dieser Aeußerung hatte sich nun Heinrich Leitner vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Leopoldstadt, Adjuncten Dr. B i h a l, zu verantworten. Der Angeklagte gab ohneweiters zu, die incriminirte Aeußerung im Amte gebraucht zu haben. Richter: Auf wem waren die Schimpfworte gemünzt? A n g e k l.: Auf den Stadtrath. Richter: Weshalb gebrauchten Sie diese Beschimpfungen? Angel l.: Herr Richter, ich bin dreißig Jahre in Wier. erersreue mich hier des größten Ansehens und bin Commandeur eines bedeutenden europäischen Ordens. Mein Sohn dient in der Armee und strebt die Uebersetzung in de Landwehr an; zu diesem Zwecke mußte ich um die Zuständigkeit nach Wien ansuchen. Mein Gesuch wurde abschlägig beschieden, weil ich Jude bin, und das brachte mich in Aufregung.! t%m+