Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 4 (22.1.1897)
- Date
- 1897-01-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. VLoch's Wochen fchriN Seite 73 Tugend, welche Göttliches und Menschliches erkennt und ordnet/"') Und auf einer anderen Stelle: „An allen Sabbatben sind in jeder Stadt unzählige Lehranstalten der Weisheit, Mäßigkeit, Standhaftigkeit, Gerechtigkeit und der übrigen Tugenden geöffnet, in welchen die Hörer in größter Ordnung und lautloser Stille aufhorchend und lauschend dasitzen, in durstigen Zügen die herrlichen Lehren einschlürfend: Denn Einer der Erfahrensten trägt hier die schönsten und nützlichsten Lehren vor, durch welche das menschliche Leben vorzüglichst gefördert wird. Denn es gibt sozusagen unter den zahllosen Satzungen zwei Hauptlehren : Die e i n e n, w e l ch e d i e G o t t h e i t betreffen, h i n s i ch t l i ch d e r F r ö m m i g k e i t und Heiligkeit; die anderen in Bezug auf die Menschen, deren Inhalt Menschenliebe und Gerechtigkeit. Jede von beiden zerfällt in unzählige, über Alles Lob erhabene Ideale".3") Es war sonach die mosaische Ethik, welche den Mittelpunkt der sabbathlichen Unterweisungen in der Synagoge bildete: „Liebe zu Gott, Liebe zur Tugend und Liebe zum Nebenmenschen", das war der Inhalt der von der Synagoge gelehrten „väterlichen Philosophie", das Alpha und Omega der Religion der jüdischen Diaspora. Schon in dem sogenannten Aristeasbrief wird die Liebe als der Inbegriff der ganzen Religion bezeichnet. Da antworten nämlich die zum Zwecke der Uebertragung der Bibel ins Griechische nach Alexandria geladenen jüdischen Weisen auf die Frage des Königs, was das Scbönste aus Erden sei: „Das sei die Frömmigkeit, denn diese sei die höchste Schönheit selbst. Der Kern der Frömmigkeit aber sei die L i e b e. Diese wieder sei ein Geschenk Gottes, ihr Besitz v e reinige alle T u g e n d e n."^) Ebenso schön und erhebend wird die Liebe als Inbegriff der ganzen Religion von Philo mit folgenden Worten verherrlicht : „Die Liebe ist jene himmlische Jungfrau, welche als Vermittlerin zwischen Gott und der Seele dient: zwischen Gott, welcher gibt, und der Seele, welche empfängt. Das g a n z e geschriebene Ge setz i st nichts anderes als da s S.y m bol der Lieb e"?') So lautete das Glaubenshekenntniß der Inden der v 0 rch r ist lich e n Diaspora, und dieses Glaubensbekenntniß predigte, wie wir gesehen, die S y n a g o g e, deren Hallen von Juden und griechischen Heiden besucht wurden, so daß die stereotype Ansprache des Vortragenden daselbst lauten konnte und auch in Wirklichkeit lautete : „I s r a e l i t i s ch e M ä n u e r u n d g v t t e sf ü r ch t i g e G r i e ch e n!"36) Zur Erinnerung an Annette v. Drvfle-Hülshoff. Bon Dr. Adolf B i a ch, Rabbiner in Brüx. Anr 10. Jänner sind es gerade 100 Jahre geworden, seit die heute allgemein anerkannte westphälische Dichterin Annette v. Droste-Hülshoff auf dem Rittergute Hülshoff bei Münster geboren wurde. Was uns veranlaßt, der streng katholischen v. Droste, die am 24. Mai 1848 zu Schloß Meersbnrg am Bodensee starb, einige Worte der-Erinnerung zu widmen, ist das Gefühl der Dankbarkeit gegen eine Dichterin, die, nicht minder durch Adel der Gesinnung, wie durch den Adel der Geburt ausgezeichnet, frei von confessioneller Engherzigkeit war und ihr Schürflein dazu beitrug, das Vorurtheil zu bekämpfen. „Wie wohlthnend nicht blos im Leben, sondern auch in der Dichtung wahre Frömmigkeit ist, die aus dem Herzen quillt und ans unerschütterlichem Glauben wurzelt, gegenüber der fanatischen und heuchlerischen Frömmelei, wie sie sich bei katholischen und protestantischen, bei jüdischen und mohammedanischen Zeloten offenbart, wird uns recht klar, wenn wir die Poesien der eben genannten Dichterin lesen, welche zudem zu den glänzendsten Erscheinungen der dichtenden Frauenwelt gehört." So lautet das Urtheil eines der Dt-- denkendsten Literarhistoriker über die Droste-Hülshoff.* *) Die wahre Frömmigkeit der Dichterin veranlaßte sie aber auch, die 32) Vita Mos. II, 168. 33) De septen. II, 262; Legat, ad C. II, 568 u. a. St. 34) Havercamp II, c. 124. 35) De nom. mutat. Fils. Ausg. 1052, C. D. 36) Apostelgeschichte XIII, 16 u. et. St. *) H. Kurz, Geschichte d. d. L ter., von 1830 bis auf die Gegenwart, Leipzig 1872, S. 139. schrecklichen Folgen des Borurtheils zu schildern, wie sie dies namentlich in der „Judenbuche" einem „Sittengemälde ans dem gebirgigen Westphalen" thnt. Die Worte des Motto: „Wer wagt es, eitlen Blutes Drang zu messen, Zn wägen jedes Wort, das unvergessen In junge Brust die jähen Wurzeln trieb, Dcs Borurtheils geheimen Seelendieb?" beweisen, daß es der Dichterin darum zu thun war, darznlegen, zu welch' unglückseligen Folgen das Vorurtheil führt, das gar oft unbedachtsam in die kindliche Seele eingepflanzt wird. Um den Leser mit dieser Novelle, die umso interessanter ist, als sie, wie die Dichterin versichert, auf einer thatsächlichen Begebenheit beruht, vertraut zu machen, sei ihr Inhalt in Kürze angeführt. Friedrich Mergel — so heißt die Hauptperson - hatte schon als Knabe von 0 Jahren seinen Vater, welcher der Trunksucht ergeben war, verloren. Uugebäudigter Ehrgeiz und Hang zum Grvßthun sind Friedrich eigen. Großen Werth legt er aus sein Aeußeres und empfindet es schwer, wenn Geldmangel ihn zwingt, irgend Jemand im Dorfe darin nachzusteh'n. Eines Tages, im October, befindet sich Friedrich auf einer Hochzeit und prahlt sich mit einer silbernen Taschenuhr, die zu jener Zeit allerdings ein seltener und kostbarer Schmuck war. Da erscheint plötzlich ein Jude, namens Aaron und mahnt Friedrich nach einem kurzen, unbefriedigenden Zwiegespräch laut vor allen Leuten um beit Betrag für die schon seit Ostern gelieferte Uhr. Diese Beschämung rächt Friedrich dadurch, daß er den Inden Aaron unter einer großen am Bergabhange stehenden Buche erschlägt. Gerichtlich eingeleitete Verhandlungen werden, da der Thäter die Flucht ergriffen und der Beweis nicht genau erbracht werden konnte, ohne Erfolg geschlossen. Die Inden der Umgegend gaben sich alle erdenkliche Mühe, den Thäter zu erhaschen. Da aber Alles nichts hilft, so erscheint eine Anzahl der angesehensten Israeliten im Schlosse und bietet dem Gutsherrn 200 Thaler für die Buche, unter welcher der Stab Aarons gefunden nnd wo der Mord wahrscheinlich verübt worden war, jedoch mit der Bedingung, daß die Buche nicht gefällt werden dürfe. „Daraus sah man an einem Abende wohl gegen sechzig Inden, ihren Rabbiner an der Spitze, in das Brederholz ziehen, alle schweigend und mit gesenkten Angen. Sie blieben über eine Stunde im Walde und kehrten dann ebenso ernst und feierlich zurück." Am nächsten Morgen stand an der Buche mit dem Beil eiugehauen: „im taauio'l bamakoui hase jiv»ra hoch kaaseher attah oäseh li *) Nach 28 Jahren kehrte Friedrich zurück, ohne erkannt zu werden. Man hielt ihn für Johannes, einen Jugendfreund Friedrichs. Beim ergrauten Gutsherrn fand er Ausnahme und machte Botengänge für ihn. Eines Tages blieb der vermeintliche Johannes ungewöhnlich lange ans. man suchte nnd forschte nach ihm, jedoch vergebens. Nach vierzehn Tagen wurde er gefunden; er hatte sich an der Judenbuche, welche die oben angeführte hebräische Inschrift trug, erhenkt. Der alte Gutsherr begab sich mit dem Förster selbst zu jener Buche, sah an dem Tvdten eine breite Narbe und wandte sich an seinen Begleiter mit den Worten: „Es ist nicht recht, daß der Unschuldige für den Schuldigen leide: sage es nur allen Leuten: der da — er deutete auf den Tvdten — war Friedrich Mergel." Die Leiche ward auf den Schindanger verscharrt. „Dies hat sich", so bemerkt die Dichterin zum Schluffe, „nach allen Hauptumständen wirklich so begeben im September des Jahres 1788." Die hebräische Schrift an dem Baume heißt: „Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir gethan hast." Dies ist in kurzen Zügen der Inhalt der meisterhaft und spannend geschriebenen Novelle. Fragen wir uns nun. War die öffentliche Beschämung, die Friedrich durch die Mahnung des Juden Aaron erlitten, die all'inige Ursache, daß Friedrich dieselbe durch einen Mord rächte? Nein! Die Dichterin zeigt uns, welch' feste Wurzeln das Vorurtheil in Friedrichs Seele gefaßt hatte. Als nämlich der Vater Friedrichs gestorben war, da nahm die Mutter den 0jährigen Knaben zur Hand und sprach: „Fritzchen, willst du jetzt auch fromm sein, daß ich Freude an dir habe, oder willst * Diese Worte sind in der Novelle hebräisch gedruckt, enthalten aber mehrere Fehler!