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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-22 · 4 (22.1.1897) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
4 (22.1.1897)
Date
1897-01-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 72 Vr. Vloch's Wochenschrift Nr. 4 urtheilt Renan treffend von der Synagoge — „eine Pulverlinie nennen, oder noch besser, eine Art elektrischer Kette, längs welcher der neue Gedanke mit Augenblicksschnelle dahinlief."'") — And aus einer andern Stelle'''): „Diese Hellenisten, welche fast alle aus Syrien, Kleinasien, Egypten oder aus Cyrene kamen, bewohnten Jerusalem in verschiedenen Stadtvierteln. Sie hatten ihre besonderen Synagogen und bildeten auf solche Weise kleine getrennte Gemeinschaften. Jerusalem zählte eine große Zahl dieser besonderen Synagogen. Dort fand das Wort Jesu einen breiten Boden, um dasselbe zu empfangen und fruchttragen zu lassen." Es ist in der That ganz erstaunlich, wie rasch die Synagoge arbeitet, wie sie mit unglaublicher Schnelle den mosaischen Gedanken durch die Welt trägt: Dieser „unterwirft sich alle Menschen und ermahnt sie zur Tugend, Barbaren, Hellenen, Festland und Inselbewohner, die Nationen des Ostens wie des Westens, Europäer, Asiaten, alle Völker der ganzen Erde"?") — So Philo. In gleichen! Sinne äußert sich Josephus. Er rühmt an einer -bereits citirten Stelle die unverbrüchliche Treue der Juden zu ihrem Gesetze und fährt dann fort: „Auch unter den Völkern besteht seit Langem die Neigung, unsere Frömmigkeit nachzuahmen. Es gibt keine einzige griechische oder nichtgriechische Stadt, wohin - sich nicht die Sitte des siebenten Tages, an dem wir feiern, verbreitet hätte, wo nicht die Fasten, die Lichterfeste und viele von unfern Verboten bezüglich der Speisen beobachtet würden. Sie versuchen aber auch unsere gegenseitige Eintracht, Freigiebigkeit mit unseren! Besitz. nachzuahmen. Das Wunderbarste aber ist, daß das Gesetz, stärker als die Anregung zur Sinnenlust, sich selbst unzerstörbar festgesetzt hat — und wie Gott durch die ganze Welt sich ergießt, so ist das Gesetz durch die ganze Menschheit geschritten". . .?') Gewiß, man wäre leicht geneigt, solche Behauptungen für jüdische Uebertreibung und Prahlerei zu halten, wenn sie nicht von den evangelischen Berichten, wie von vielen der hervorragendsten heidnischen Schriftsteller, welche gegen 'dieses siegreiche Vordringen der jüdichen Lehre vergeblich ankämpfen, im vollsten Umfang bestätigt würden. — Oder ist es etwa gleichfalls Uebertreibung, wenn — um hier, nur ein Beispiel anzüführen — Seneca in tiefster Verbitterung klagt: „d i e L e h r e des v e r r u ch t e n Judenthums i st bereits dermaßen verbreitet, d a ß s i e schon in s ä m m t l i ch e n L ä n d e r n Aufnah m e gefunden; und so haben denn die Besiegten den Siegern Gesetze gegeben Zur Zeit Jesu war der Besuch der Synagogen selbst in Judäa, und unter den Äugendes Tempels, ein äußerst intensiver, und pulsirte in ihnen mächtig die aus der Diaspora unaufhaltsam hineinfluthende neue religiöse Strömung, so daß durch ihre Vermittlung die revolutionären Ideen, welche dem noch bestehenden, aber schon schwer uin seine Omnipotenz ringenden Tempel, dem Repräsentanten des nationalen Judenthums, den Krieg erklärten, in die Massen getragen wurden. — Die Synagoge war bereits die Herrscherin der untersten Volksschichten, und der Besuch derselben seit undenklichen Zeiten zur Gewohnheit geworden. — Jesus geht, „seiner Gewohnheit g^e m ä ß" allsabbathlich in die Synagoge?") Er durchzieht alle L-tädte und Dörfer Galiläas und lehrt in d e n Synagoge n?4) Paulus huldigt derselben Gewohnheit der damaligen Jude!?-) und lehrt auf seinen Reisen in allen Städten, so in Damascns, Salamis, Cypern, Antiochien, Jconien, Thessalien, Athen, Korinth und Ephesus in den jüdischen Synagogen.'") — In allen Städten Palästinas sowohl als auch der Diaspora, wo nur Juden ansässig waren, findet das eben zum Bewußtsein seiner Mission erwachende Christenthum jüdische Synagogen '-) Renan, les Apötres, S. 284 f. 10) Das. 2Ü) Philo. Vita Mos. II. i37. 211 Jos. contra Ap. II. C. 38, 39. ”) Apad Augastinum de Civ. Dei VI, 1J: Usque eo sceleratissimae gentis consuetudo convaluit, ut per omnes jam terras recepta sit; victi rictoribus Jeges dederunt. Vergleiche Seneca epist. 95. — Cicero, pro flacco C. 28. — Strabo bei Jas. Antiqq XIV, 7. 2. — Horat. Sat. I, 4, 9, 68. — Tacitus, Hist. V, 5. — Javeu. III, 14, 295, 541 : XIV, 96 a. A. 23) Lucas IV, 16. 24) Math. IX, 35. 2s) Apostelgeschichte IX, 1, 7. 2G) Daselbst IX, 2; XIII, 5. 14, 15, 29; XIV, 1; XVII, I 10, 17; XVI I, 4, 19; XIX, 8; XX, 7 und a. St. öoi*?7) Dabei waren diese Gotteshäuser, entsprechend ihrer weitgreifenden Bestimmung, oft von solchem Umfang, daß sie ganze Volksversammlungen zu fassen vermochten?^) Die Synagogen waren, wie wir aus den Schriften des Philo und Josephus und aus den Evangelien wissen, Lehrhäuser im eigentlichen Sinne des Wortes. Das Scepter in denselben führten: Moses und die Propheten.29) An diese, als die ewigen, nie wankenden Pfeiler, rankte sich der ganze Gottesdienst hinan. Anknüpfend an die aus dem Gesetz und den Propheten verlesenen Abschnitte entspannen sich erhebende Discussionen und Vorträge. In der Synagoge herrschte Lehrfreiheit. Wer sich bibelfest wußte, durfte da lehren, ohne erst befürchten zu müssen, nach seiner religiösen Richtung befragt zu werden. Paulus und Barnabas werden als fremde Ankömmlinge von den Vorstehern der Synagoge zu Antiochien mit der freundlichen Einladung begrüßt, den eben aus Moses und den Propheten verlesenen Abschnitt mit einem erbaulichen Vortrag zu begleiten""). Der alexandrinische Jude Apollos, welcher „mächtig in der Schrift" war. lehrt, in Ephesus angekommen, in der Synagoge daselbst. Einen orientirendeu Einblick in das innere Wesen und in die Lehrweise der Synagoge gewährt uns an vielen Stellen Philo. Hören wir zunächst, was er über die allsabbathlichen gottesdienstlichen Versammlungen der Essener berichtet: „Von der Philosophie überlassen sie den logischen Theil, da er die Tugend nicht zu fördern vermag, den Wortjägern, den physikalischen Theil, als zu schwierig, den Astrologen und befassen sich nur mit jenem Theil, der von dem Dasein Gottes und von der Weltschöpfung handelt. Mit besonderem Eifer aber pflegen sie den ethischen Theil unter Anleitung der von den Vätern er erbten Gesetze, die so erhaben sind, daß der menschliche Geist sie nimmer ohne göttliche Inspiration zu erfassen vermag. In diesen Lehren unterweisen sie sich zu jeder Zeit, besonders a b e r a n d e n S a b b a t h e n. Denn den siebenten Tag halten sie heilig und lassen an demselben alle Geschäfte ruhen. Sie begeben sich an heilige Orte, w e l ch e S y n a g o g e n genau nt wer d e n, wo sie sich dem Alter, nach niederlassen, die Jüngeren zu Füßen der Aelteren, um andächtig den Vorträgen zu lauschen. Einer nimmt nämlich die Bücher zur Hand und liest. Einer der Erfahrenen aber erklärt die dunklen Stellen. Denn das Meiste wird von ihnen nach alter Weise symbolisch ausgelegt. Sie unterweisen sich in Frömmigkeit, Gerechtigkeit und Häuslichkeit, leiten sich an zum Bürgersinn, zur Erkenntuiß des wahrhaft Guten sowie des Bösen und Gleichgiltigen, zur Wahl der Dinge, die nöthig und zur Vermeidung der entgegengesetzten. Sie prüfen alle Dinge nach folgender dreifacher Regel: O b s i e nr i t d e r L i e b e z u G o t t, mit der Liebe zur Tugend und ui i t d e r Liebe u in Neben in enschen ü b e r e i n st i m m e n.""') Genau so wie bei den Essener gestaltete sich der Sabbathgottesdienst bei den Juden der Diaspora im Allgemeinen, nur mit dem einzigen Unterschied, daß hier die Schriftauslegung eine weniger mystsche, dafür aber eine gemeinverständlichere war; das lehrt uns dieser selbe Philo an mehreren Orten. Er leitet, wie lvir bereits gesehen, die Institution des Sabbathgottesdienstes von Moses her und fügt dabei hinzu: „Daher kommt es, daß noch heute die Juden am siebenten Tag die von den Vorfahren ererbte Philosophie pflegen und diesen Tag der Erforschung der Natur und der Dinge widmen. Denn was sind die jüdischen Lehrhäuser in den Städten anders als Lehranstalten der Klugheit, Männlichkeit, Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Heiligkeit, kurz jeder -') Math. IV, 23; XIII„54; Marc. 1.21,39; VI, 2; Luc. IV. 15, 16. 44; VII, 15; Job. VI, 59; XVIII, 20; Apostelgeschichte XIII, 5. 14. 42; XIX, 6. 89 und a. St. äS) S. Jos. Vita C 54. r9) Dasselbe war auch in den ältesten christlichen Sabbath-Bersammlungen der Fall, wo ebenfalls nur Abschnitte aus Mnscs, nicht aber aus den Evangelien gelesen wurden. Vergleiche .Hugo Grotins, Comm. in Act XV, 21: Sabbathis autem in illis primorum Christianorum conventibus non Evangelia legebantur sed Mosis mtEHB — Paraschoth plane ut apud Judaeos Judaizantes Primo id mutavit Synodus Laodicena voluitque Sabbathis Evangelia non minus quam veteres scriptores legi. Manet et nune ex antiquo mos apud Christianas Ecclesias ut in Sabbatho ante Pascha Iegatur historia creationis plane ut apvid Hebraeos. 30) Apvstelgeschich:e XIII. 15. 31) Quod omn. prob, über II, 458.

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