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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-22 · 4 (22.1.1897) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
4 (22.1.1897)
Date
1897-01-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 4 Vr. Vloch's Wochrnschrist. knirschender Wuth den Götterglaubeu verfallen sahen, galt den Fortschritten, welche die Heidenbekehrung machte, und die jüdische Diaspora hatte das gleiche Schicksal wie das später in seine Fußtapfen tretende Christenthum §11 erleiden. „Selbst die gebildeten Heiden, welche nicht an die Götter der Völker glaubten und vielleicht an Lucianischer Religionsverspottnng Wohlgefallen fanden, meinten doch, daß nur die Philosophen das Reckt hätten, ungläubig zn sein, und wollten nicht, daß die Altäre von Leuten, welche größtentheils den niedrigen Ordnungen der Gesellschaft allgehörte» — nämlich den Christen — verlassen würden.""') In ähnlicher Weise, wie die jüdische Sibylle bezüglich der Juden, klagt auch später, im Antoninischen Zeitalter, der Verfasser des Brieses an den Divgenet in Bezug aus die Christen: „S i e l i e b e n All e und werden von Allen verfolgt!" Die Liebeswerbung der Juden um das Heidenthum hat ihm, wie nachmals den Christen, inmitten und wegen ihrer Fortschritte, Haß und Verfolgung eingetragen. Wenn also von irgend einem intensiven Geschäftsbetrieb der Juden in der Diaspora überhaupt die Rede sein kann, so ist es einzig die im großen Style betriebene Belehrung und Bekehrung der Heiden. Die jüdische Diaspora bildete in Wahrheit eine Gemeinde von Aposteln, die sich berufen fühlte, „das Licht der Völker" zn werden und es auch in Wirklichkeit gewordeil ist, wenn auch das reine Licht, wie das ja naturgemäß kommen mußte, bei feinem Eindringen in die breiten Massen manche Verdunkelung erfahren. IV. Die Synagoge in antiker Zeit. Welches wäre» die Medien, vermittelst deren das hellenistische Judenthum solche Wunder wirkte, vermittelst deren es die mosaische Lehre nicht blos den höheren Regionen, sondern auch, und ganz besonders den mittleren Schichten des Heidenthums einimpfen konnte? Ans welche Weise wurde überall in der Diaspora der massenhafte Zudrang der Proselyten und „Judengenossen" erzielt, die Kenntniß des mosaischen Schristthums mit so erstaunlichem Erfolge verbreitet? Die Antwort auf diese und ähnliche Fragen und die Lösung mancher räthselhafter Erscheinungen — wie die so erstaunlich rasche Ausbreitung des Christenthums — liegt für den objectiven, nach Wahrheit suchenden Forscher aus der Hand: Die Synagoge und die griechische Bibel hatten alle diese Wunder bewirk t. Beide, Synagoge und griechische Bibel, waren frühzeitig, durch die Verhältnisse gedrängt, in engste Bnndesgenossenschast getreten, wie Leib und Seele in eins zusammengewachsen. Die Synagoge war der sich nach allen Richtungen hin streckende und reckende Leib, die griechische Bibel die ihn belebende Seele. Die große Wichtigkeit, welche die Synagoge für die Erhaltung der Inden in der Diaspora einerseits und für die Erziehung des Heidenthums zum Monotheismus andererseits hatte, ist noch lange nicht nach Gebühr gewürdigt worden, wie denn überhaupt die erziehliche Ausgabe, welche die Vorsehung der jüdischen Diaspora zugedacht und welche diese letztere so meisterhaft durchgeführt, noch sehr mangelhaft erkannt winde. Besitzen wir doch noch nicht einmal eine Geschichte der jüdischen Diaspora! Erst wenn eine solche geschrieben werden wird — wozu allerdings dermalen noch die erforderliche Objectivität weder hüben noch drüben vorhanden — erst daun werden die heute noch nicht einmal geahnten überragenden Verdienste der Synagoge im hellsten Lichte aufstrahlen. Wird sie doch im Mittelpunkte dieser Geschichte stehen, und werden sich doch um sie alle übrigen die Mission der jüdischen Diaspora begleitenden Erscheinungen gruppiren! Die Frage nach der Zeit der Entstehung der Synagoge wird wohl niemals endgiltig gelöst werden, da uns hiefür jede historische Ueberlieserung fehlt. Da, wo wir zum erstenmal von ihrer Existenz Kenntniß erhalten, steht sie bereits außerordentlich verbreitet und vollständig organisirt vor uns. Soviel jedoch ist gewiß, daß sie das Product der jüdischen Diaspora und ungefähr ebenso alt wie diese ist. Daß die seit Alexander dem Großen immer mächtiger nach der griechischen Welt hinfluthende jüdische Emigration, wenn sie sich nicht im Heidenthum verlieren und in demselben aufgehen wollte, sich Heimstätten für die Pflege ihrer väterlichen Seite 71 Lehre und für gottesdienstliche Hebungen schassen mußte, leuchtet wohl von selbst ein. Und so entstanden zuerst die Proseuchen, Bethäuser, aus denen sich allmälig die Synagogen: heilige Versammlungen zum Zwecke der Belehrung und Erbauung, entwickelten. Diese nahmen nachgerade einen solchen Aufschwung, daß zur Zeit Philo's „in jeder Stadt an den S ab batl) eit u nzählige Synagogen, L e h ra n st a l t e n a l l e r Tu g e n d e n, geöffnet dastanden."") und einen mächtigen Anziehungspunkt für die nachbarlichen, mit ihrem Götterglauben zerfallenen und nach neuer Offenbarung lechzenden Heiden bildeten. Die Geburt der Synagoge verliert sich in so fernes Dunkel zurück, daß schon die ältesten Berichterstatter, wie Philo, Josephus und die Verfasser der neutestamentlichen Schriften die Einsetzung dieser zu ihrer Zeit bereits als uralt geltenden Institution aus Moses z u r n ck s ü h r e n z n m ii s s e n glaubten. Nach Philo saß Moses am Sabbat h. von den Priestern umgeben, lehrend vor dem herbeiströmenden Volk: „denn es war Sitte, zu jeder geeigneten Zeit, besonders aber am siebenten T a g, zu philvsvphiren, indem der Leiter lehrte, was zu thun und zu reden sei, das Volk aber in der Tugend gefördert wurde und fettt Wesen und seine Lebensweise besserte."'-) Dasselbe lesen wir bei Josephus.'!) „Moses," sagt er, „habe, um die Kenntniß des Gesetzes, des schönsten und edelsten Bildungsmittels, zu verbreiten und einzuprägen, angeordnet, daß es nicht blos ein- oder zwei-, oder mehreremal gehört werden sollte, sondern an jedem fiebeitten T a g e, wo alle Arbeit zu ruhen und das ganze Volk sich zum Änhören des Gesetzes zu versammeln habe, um dasselbe gründlich zn erlernen." Uebereinstimmend damit berichtet die Apostelgeschichte: „Moses hat von langen Zeiten her in allen Städten, die ihn predigen und wird alle Sabbnthtage in den Schulen gelesen."") Aus diesen Berichten geht zum mindesten soviel hervor, daß schon im Zeitalter Jesu die Synagoge als eine seit undenkliche» Zeiten bestehende Institution galt. Wir finden Synagogen zur Zeit des Antiochus Epiphanes in Antiochien, der „Metropole des Orients", wo die Juden eine der zahlreichsten Colonien bildeten und einen großen Anhang von Proselyten, „Gottesfiirchtigen" oder heidnischen Halbjuden hatten.'') Aus den Berichten Philo's und Josephus wissen wir, daß die religiösen Zusammenkünfte der Juden als uralter Brauch von römischen Machthabern, wie Cäsar und Augustus, protegirt, und während die heidnischen Collegia von ihnen aufgehoben, die jüdischen allein von dieser Maßregel ausgenommen wurden.'") — Auf Anregung des Kaisers Augustns deeretirt der Proconsul C. Norbanns Flaccus dem Magistrat von Ephesus: „Cäsar hat mir geschrieben, daß den Juden, wo sie immer seien, ihre Zusannnenkünfte nach altem Brauch zu üben gestattet bleibe". Das Gleiche verordnen die von Josephus überlieferten Edicte und Erlässe des Julius Cäsar, Augustus u. A., welche alle decretiren, daß die Juden in ihren sabbathlichen Zusammenkünften nicht behindert werden dürfen.'^) Und was die christliche Aera anbelangt, so fand dieselbe, wie wir bereits gesehen, die von der Diaspora nach Judäa und selbst nach Jerusalem verpflanzte Synagoge schon dermaßen eingebürgert vor, daß die von letzterer genährte, von dem jüdischen Hellenismus ausgegangene religiöse Bewegung, deren Endziel die Ausgestaltung des Mosaismus zur Syeltreligioit war, die untersten, von beit pharisäischen Lehrern mißachteten nnd die „Bürde des Gesetzes" nur unwillig tragenden Volksschichten — Am-haarez — nothwendig in ihren Bannkreis ziehen mußte. Die gleiche Anziehungskraft übte die Synagoge in der Diaspora auf die heidnischen Massen. „Man möchte es" — ll) De septen. II. 282. V2) Vita Mos. II. 167. 13) Contra Ap. II. 17. ") Apostelgeschichte, XV, 21. Jos. Antiqq. XII, 3, 1; XlV, 12. 6; Bell. Jud. II. 18 25; VII, 3. 2-4. 16) Vergleiche Sueton, Cäsar, 42. Jos. Antiqq. XIV, IO, 8. Als Ursache dieser außerordentlichen Begünstigung der religiösen Zusammenkünste der Juden i» den Synagogen gibt Plnlo in seiner Schrift Legatio ad Caiura H. 591 an: „weil diese keine bacch a n a l i s ch e n oder aufrührerischen, den Frieden unterwühlenden Conventikel, sondern Schulen der Gerechtigkeit und Mäßigkeit seien, Pflanzstätten, in welchen dieTugend gepflanzt und znrBlüthe geh rächt werde." ") Jos. Antiqq. XIV, 10. 20-24; XVI, 0. 10) Tzschirner, Der Fall des Heidenthums, S. 226.

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