Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-22 · 4 (22.1.1897) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
4 (22.1.1897)
Date
1897-01-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021173--06381-3030660
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 70 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 4 Und wenn dereinst eine begeisterte Jünglingsschaar hoch in den Lüsten das jüdische Banner flattern läßt und der große Tag gekommen sein wird, wo ein Volk sich wieder gefunden Hai, dann, Gustav Simon, stimme ein in das Hallelujah der Engel, das jubelnd die unsterblichen Gefilde durchtönen und sich harmonisch vereinen wird mit dem jauchzenden Dankgebete glücklich Erlöster, dann, Gustav Simon, blicke im seeligen Frieden auf uns herab, die wir Muth gefunden haben und Kraft und Freiheit. Gustev Simon, wir ehren Dein Angedcnkin! Albert Freiherr von Rothschild hat anstatt eines Kranzes einen größeren Geldbetrag der „Chewra-Kadischa", Frommen Brüderschaft, zur Ehrung des Andenkens ihres Mitgliedes Gustav Simon gewidmet. Ebenso hat der israelitische Verein zur Förderung der Handwerke eine Summe für eine Stiftung bestimmt, welche für alle Zeiten den Namen „Simon-Stiftuug" tragen soll. Viele andere Vereine sind diesem Beispiele gefolgt und haben statt Kränzen namhafte Beträge wohlthätigen Zwecken zugefiihrt. Der Einfluß des jüdischen Geistes auf die antike Wett. Ul. Ter jüdische Hausirer als Heidenbekehrer. Es lebte eine ganz erstaunliche geistige Regsamkeit in diesen Juden der Diaspora. Es bildeten sich unter ihnen nicht blos ganze Vereine, wie jene der Essener und Therapeuten, welche ihre Mitglieder aussandten, die Lehre Mosis zu verbreiten, wir sehen nicht blos griechisch gebildete, alexandrinische Juden, welche, „mächtig in der Schrift", wie Apollos, Länder und Meere durchstreifen, um das Gotteswort zu verkünden; selbst handeltreibende Juden suchten überall mit ihrer Maare das Gesetz der Väter abzusetzen und drangen damit bis in die Königspaläste vor, wie wir dies bei der Bekehrung des Adiabene'schen Königshauses gesehen. Und es gewinnt den Anschein, als ob diese jüdischen Krämer mit der einen Hand den Maarenhandel besorgten und mit der anderen die griechische Bibel einschmuggelten, und als ob dieses letztere Geschäft ihnen das wichtigere gewesen. Diesen Eindruck ruft sogar die Fratze hervor, welche die römischen Satyriker von den Juden entwerfen, die sie als bettelnde, mit ihrem „jerusalemisch eit Gese tz" herumhausirende Individuen darstellen.') Gewiß sehr lehrreich in dieser Beziehung ist auch die Eröffnung, welche Pseudoclemens seinem „väterlichen Freunde", dem Erzjudenfeind Apion zu dessen großem Entsetzen macht: „daß er, nämlich Clemens, nach langem und vielem Nachdenken zu keinem der herrschenden philosophischen Systeme Hinneigen konnte, w o h l a b e r z u r jüdischen Religion sich bekennen mußte, nachdem ihm, Dank einem gütigen Geschick, ein jüdischer, n a ch R o m ge ko muteiter Leinwandbausirer die Erkenntniß des einen Gottes aus die a l l e r e i n f a ch st e Weise er schlossen." -') Nicht anders tritt uns das Bild des jüdischen Hausirers in der talmudischen Literatur entgegen. Hier ein Beispiel: Mit einem kleinen Kram ausgerüstet, erscheint er vor uns und läßt seinen Ruf erschallen: „Wer kauft Lebensbalsam? Wer kauft Lebensbalsam?" Ein Lebenselixir? Das zieht. Die Menge strömt in hellen Hausen herbei, umringt den Krämer, nach seiner Waare begehrend. Dieser langt nach seinem Hausirkorb und holt hervor — die Psalmen Davids, sie zum Kaufe anbietend und anpreisend: Nehmet sie hin und leset sie, ihr findet darin den gewünschten Lebensbalsam! Da heißt es nämlich: „Wo ist der Mann, der Lust am Leben hat, der Jahre des Heils sehen will; er bewahre seine Zunge vor Bösem, seine Lippen vor Worten des Trugs, er lasse ab vom Bösen und thue das Gute ..." Wahrlich eine vortreffliche Illustration zu der Satyr« Juvenal's, welche die Juden zu „H a u s i r e r n mit dem j e r u s al e m i s ch e n Gesetz" stigmatisirt! Nicht minder bezeichnend ist, daß schon die ersten griechischen Schriftsteller, welche mit den Juden in Berührung kommen und ihrer Erwähnung thun, wie Klearch und Theophrast, Schüler des Aristoteles, dieselben nicht als Handelsleute, ') Juvenal, VI., 541 : Arcaumn Judaea tremens wendieat in aurem. Interpres legum Solymarum , . . - Clem. Hom. V, 28. sondern als Philosophen kennen lernen. Und es ist ein nicht zu unterschätzendes Zeugniß, wenn Aristoteles selbst von einem jüdischen Manne, mit dem er gelegentlich seines Aufenthaltes in Kleinasieu (348—345 v. Ehr.) in einen geistigen Verkehr getreten, rühmend hervorhebt: „derselbe sei Hellene nicht blos dem Dialecte, sondern auch dem Geiste nach gewesen und habe im Umgang m i t ihm und anderen Gelehrten ihnen mehr geboten als er empfangen." 3 4 5) Nur eine tendenziöse, von der jeweiligen Zeitströmung beeinflußte Geschichtsschreibung kann es fertig bringen, diesen Charakter der Inden der Diaspora zu schwärzen und zu verzerren. Wenn demnach Hausrath A) von dem im Zeitalter Jesu in Rom lebenden Juden sagt: „die Zahl der großen jüdischen Geschäfte fing sich an zu mehren und bald hatte man diese große Judengemeinde unter die unerträglichsten Plagen des hauptstädtischen Lebens zu rechnen", so ist diese Behauptung vollständig aus der Luft gegriffen. Ueberdies ist in den zu seiner Deckung angezogenen Quellen ") nicht nur nichts dergleichen, sondern sogar das gerade Gegentheil zu lesen. Wie verkehrt übrigens dieses Urtheil Hausrath's ist, zeigt schon eine einfache Gegenüberstellung der diesbezüglichen, aus denselben Quellen geschöpften Darstellungen anderer maßgebender Gelehrter. So lesen wir bei Friedländer: ü) „dafür, daß die jüdische Emigration vorzugsweise oder auch nur zum großen Theil eine handeltreibende war, fehlen nicht blos ausdrückliche Zeugnisse, sondern auch Anhaltspunkte irgend welcher Art, und Manches spricht degegeu. Daß die Städte, in denen Juden sich Nachweisen lassen, größtentheils Handelsplätze waren, beweist es keineswegs, da diese zu jedem Erwerb, namentlich zu industriellem, die reichsten und mannigfachsten Gelegenheiten boten. Auch zeigt sich eine Vorliebe für den Handel, der von dem Umsatz fremder Arbeit lebt, bei den Juden im Altert hum nirgends . . In gelegentlichen Erwähnungen erscheinen die römischen Juden armselig und zigeunerhaft, als Bettler und Wahrsager." Aehnlich Döllinger:') „Ein arbeitsames Volk", sagte er, „waren die Juden immer. So lange sie einen eigenen Staat bildeten, waren Feldbau und Handwerk ihre vorherrschende Beschäftigung. Auch in den ersten Jahrhunderten n. Ch. und nach ihrer Zerstreuung blieben sie ihren alten Sitten getreu; Josephus rühmt noch im Anfang des zweiten Jahrhunderts den Fleiß seiner Volksgenossen im Handwerk und Feldbau. In der römischen Literatur unb den Gesetzen der Kaiser findet sich keine Spur, daß die Juden sich dem Schacher und dem Kleinhandel ergeben hätten oder überhaupt ein Kaufmannsvolk geworden wären. Dagegen spricht auch die Armseligkeit der Juden i n R o m und die großen Aufstände in Egypten, Kyrene und auf ben griechischen Inseln: Eine Handel oder Trödel treibende Bevölkerung pflegt nicht zu den Waffen zu greifen." — „Der Bettel," — meint Ernest Renanb) — „später ein ganz christliches Institut, war damals in den Händen der Juden; den Bettler von Profession, „durch seine Mutter dazu herangebildet", stellten sich die Dichter jener Zeit immer in Gestalt eines Juden vor." Der beste Beweis dafür, daß die Juden nicht, wie Hausrath meint, „wegen ihrer großen Geschäfte zu den unerträglichsten Plagen des hauptstädtischen Lebens geworden", liegt ja, sollte man meinen, darin, daß selbst die erbittertsten Judeuhasser unter all den fabelhaften, gegen die Juden ausgestreuten Verleumdungen auch nicht die leiseste Andeutung durchschimmern lassen, als ob die Juden durch ihre Geschäftsgebahrnng den Neid und die Mißgunst ihrer heidnischen Umgebung erregt hätten. Die Angriffe, welche sie zu erdulden hatten, galten vielmehr ausschließlich den Erfolgen ihrer religiösen Propaganda und ihren eigenartigen religiösen Sitten und Gebräuchen. Klagt doch schon die älteste jüdische Sibylle: „Jedes Land und jedes Meer ist von dir erfüllt und Jeder haßt dich wegen deiner Sitten."") Der Kampf der gebildeten Heiden, welche in 3 Joseph, Contr. Ap. I, 22. Eusebius, Praep. evang. IX 15- Clemens Alex. Strom. I., 15, 70. 4) Neulest. Zeitgesch. I. 153. 5) Hausrath stützt sich hiebei auf: Juvenal VI, 545; Joseph. Vita, 8; Horat. I. 9, 61; Mart. 11, 94. fi) Sittengeschichte Rom's III. 611 und 619. ") Die Juden in Europa, akadem. Vortr., I., 224 f. ") Renan, Les Apötres, S. 289. ") Orae. Sib. 111, 271 f.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.