Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 4 (22.1.1897)
- Date
- 1897-01-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 4 Seite 69 Vr. Vloch's Wochrnkchrtst. „Hier stehen wir, die gewählten Vorsteher unserer Gemeinde, ein sprechend Zeugniß, und bekunden an dieser Todtenbahre, mit welch' inniger Liebe und Treue der Hingeschiedene an seinen Glaubensgenossen hing, wie er dieses Wohlwollen in der ihm durch lange Jahre übertragenen Führung unserer Wohlthätigkeitssection bethätigte, wie er, in den letzten Jahren zur Leitung unserer 'Gemeinde berufen, das große Werk ihrer Vereinigung und Neuconstituirullg zu fördern, manche Schwierigkeiten zu glätten, den Friedeir zu erhalten sich bemühte, wie er aber auch den zu segensreicher Führung einer großen Gemeinschaft unbedingt nöthigen starken Willen bethätigte, kein Unrecht duldete und Recht walten ließ. „Scholem, ScholemJ und „Zedek, zedek tirdof“ waren seine oft gehörten Worte; sie waren seine, sie waren und sind auch unsere Wegweiser. In der erst vor wenigen Wochen erfolgten einstimmigell Wahl zum Präsidenten unserer Gemeinde legten wir, mehr als sonst Worte es vermögen, beredtes Zeugniß ab siir die wahre, volle, herzliche Anerkennung, welche sein rastlos unermüdliches, hingebungsvolles Wirken in unserer Mitte fand. Schnell dahingerafft, rasch entschwunden! Noch steht vor mir der ehrwürdige Greis, ungebeugt, hochaufgerichtet in unserer Mitte. Es ist ein zutreffendes Bibelwort, welches unser verehrter Oberrabbiller in seiner Ansprache citirte. Wenn morgen am Sabbath in unseren Gotteshäusern dieses Bibelwort gelesen wird : Waj-hi jodov enmnoli ad bau hasekomesch“, „Sein Arm blieb stark, bis sich seine Lebenssoune neigte", so wird das Bild vor unser Auge treten, das uns ewig unvergeßliche Bild unseres Heimgegangenen Präsidenten, unseres alten Gustav Simon! „Secher zadik livrochoh!* Sodann hielt Cultus Vorsteher Dr. Marcus Spitzer folgenden Nachruf: Der Vorstand der Chewra-Kadischa hat mich mit der ehrenvollen, jedoch höchst schmerzlichen Aufgabe betraut, der aufrichtigen Trauer über den herben Verlust, den derselbe durch das Hinscheiden seines unvergeßlichen Bicepräsidenten erlitten, Ausdruck zu geben, und den herzlichsten Dank für die jedem Einzelnen von uns entgegengebrachte Freundschaft auszusprechen. ... Berufenere Männer haben Ihnen ein Lebensbild des Verewigten vorgeführt, dessen Wirken und Schaffen, das durch die höchste Auszeichnung gekrönt wurde, geschildert. Mir obliegt es, jener Thätigkeit zu gedenken, welche der Verstorbene im Dienste der Chewra-Kadischa entfaltete. 'Wenn ich an die Spitze des nunmehr abgeschlossenen Lebensbuches, voll reichen und gediegenen Inhaltes, das Motto setzen sollte, so würde ich dasselbe in den Worten Kohelet finden:, „Besser ist es zu gehen in das Haus der Trauer, als zu gehen in das Haus des Mahles", denn tiefer Ernst erfüllte sein ganzes Wesen, bildete den hervorragendsten Zug seines Charakters, und sein ganzes Denken und Trachten, Fühlen und Empfinden wendete er der Schattenseite der menschlichen Gesellschaft zu, jener Schattenseite, welche durch Krankheit und Tod bezeichnet ist. Deshalb war er ein wahrer Priester der Chewra- Kadischa, deren erhabenstes Ziel es ist, den Strahl der Hoffnung auf das Lager der Kranken, den Strahl des Trostes an die Stätte des Todes zu senden. Mit jugendlicher Begeistecung und unverwüstlicher, bis in das - späte Älter ungebrochener Kraft weihte er sich diesem Vereine; und eine Reihe von Institutionen und Einrichtungen, die der Milde und Wohlthätigkeit gegen Kranke und der Ehre und Treue gegen die Todten bestimmt sind, erscheinen mit dessen Namen für immer verknüpft. Unsere Alten bemerken, daß Gott, wenn ein Mensch stirbt, seine Engel herniedersendet, um jenen Worten zu lauschen, mit denen die Mitmenschen den Lebenslauf des Verstorbenen beurtheilen, und sobald vernommen wird, daß ein Gerechter und Frommer gestorben, entschwebt dessen Geist in die lichten Höhen. Und fürwahr e i n R u f ist es, der heute durch unsere Gemeinde ergeht, eine Stimme wird überall, in den Palästen der Reichen, wie in den Hütten der Armen gehört, mit Gustav Simon ist ein edler, wahrer Jude aus dem Kreise der Lebenden geschieden, der mit Aufopferung und Hingebung zur Ehre des Judenthums gelebt und gewirkt hat. _ Und so erhebt sich sein Geist in die Gefilde des ewigen Friedens, wir aber wollen ihm ein treues Andenken bewahren, ein Andenken, das uns aneifert, in seinem Geiste zu wirken, und uns zum Heile und zum Segen gereichen soll. Das Andenken des Gerechten, es wird stets zum Segen! Als Letzter sprach Dr. N e ch a n s k y namens des fortschrittlichen Parteiverbandes im Gemeinderathe, dem Gustav Simon durch Jahre als Mitglied angehört hatte: „Wenn ich im Namen des fortschrittlichen Parteiverbandes des Wiener Gemeinderathes an Deinen Sarg trete, Gustav S i m o n, so geschieht es, um zu bezeugen, das wir Deiner nicht vergessen haben. Durch wert mehr als ein Deceunium hast Du das Amt eines Genreinderathes ausgeübt, eifrig, ehrenvoll und würdig, wie Alles, was Du gethau hast, und als Dn, von der Last der Jahre bedrückt, von uns schiedest, da folgte Dir die Liebe Deiner Freunde, aber auch die Achtung Deiner Gegner. Deine Jugendjahre fielen in eine Zeit, als Deutschland unter den Nachwirkungen eines großen geistigen Aufschwunges in Dichtung und Philosophie stand, unter den Nachwirkungen einer bluttgen gesellschaftlichen Umwälzung und einer Kriegsuvth von nahezu 25 Jahren. Das hatte die Herzen mtd Geister innig verbunden und durch Alle zogen die großen Gedanken von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Auch heute sind diese großen Gedanken nicht ganz dahingeschwunden; sie leben in Tausenden von Seelen und harren der Auferweckung in Abertausenden; und so stehe ich hier, um Dir im Geiste der Brüderlichkeit und Menschlichkeit die letzten Grüße zuzurusen. Tn ruhst ans von allem Kampfe des Lebens und bist eingegaugeu in das All, aus dem wir werden, in das wir schwinden, räthselhaft und wundervoll. Ruhe sanft auf immerdar." Am offenen Grabe widmete noch Drd. S ch a l i t nanrens des akademischen Vereins „Kadimah" dem Verblichenen folgenden Nachruf: Ein trüber Morgen ist's. Schwere Wolken ziehen lies unterm Firmament über uns hinweg. Ein feuchter, kalter und dcch öder, leerer Nebel lagert sich auf allen Wegen. Die Sonne ist auch heute aufgeg.rngen, aber heute brennt sie nicht und strahlt sie nicht. Es durchschauert uns frostig, und im düsteren Nebelgrau heben sich nur undeutlich unsere Conturen ab. Ja, ein trüber Morgen ist für das Judenthum gekommen und schweres Unheil, die Mißgunst der Völker, zieht über unsere Köpfe auf. Unduldsamkeit und Haß tritt uns auf allen Wegen entgegen, ,u»d aus den Augen unserer Mitbürger lacht uns nicht die Sonne des Friedens und der Eintracht, strahlt uns nicht das hehre Feuer für edle Bürgertugend, für Freiheit und Gle chheit entgegen, nein, vor dieser Sonne hat sich öder, leerer Nebel gelagert, und, was früher im goldigen Lichte erstrahlte, ist jetzt in düsteres, seelenzermarttrndes Grau gehüllt. Und wir selbst finden uns in diesem neblichten Lichte schwer, so schwer! Nein, wo es noththut, daß Alles, was Jude heißt und sich als Jude fühlt, sich zusammenfinde, wo die Vornehmsten — und wir Juden haben nur einen Abel, den Adel der Gesinnung — in erster .Schlachtreihe marschiren wüsten, nun, wo diese Eonceiuratioii der Geister und der Herzen theilweise stattgesunden hat. oder richtiger gesagt: theilweise sich vorbereitet, nun wird uns einer der Vornehmsten entrissen. Gustav Simon! Sieben Schuh tief haben sie Dich unter die Erde gebettet, nein, nicht Dich, Deinen Körper Huben sie bestattet! Fern sei mir, dem jungen Manne, die Kühnheit, Deine Verdienste um unsere jüdische Gemeinde zu würdigen. Allein nicht als Mitglied einer trauernden Gemeinde, sondern als unmittelbarer Leidtragender stehe ich an Deinem Grabe, um Dir die letzte Ehre zu erweisen: Die akademische Verbindung „Kadi'mah" hat heme ihren Gönner und väterlichen Freund begraben. Ja. Du warst uns ein Gönner, Vater und Freund zugleich. Hier, im Reiche der Geister, wo die Se len der Dahingeschiedenen uns leise umfangen und die Trauerweiden ihr stummes Klagelied singen, mit ihren bangenden Ruthen, hier, wohin auch Du nun gezogen bist als stiller Gast, klinge,: die letzten Worte, die Du zu uns sprachst, wehmüthig und unendlich traurig in mir wieder: „Ich bin der Eure. Wenn ich nicht mit Euch kämpse, sühle ich mit Euch, wenn ich mit Eurer Gesinnung auch nicht ganz übereinstimme, so begreife ich doch Euch. Aber spürt Ihr in Euch die Kraft — an dem Muth will ich nickt zweifeln — die unendliche Summe von Begeisterung in die träge Volksmasse zu werfen, um sie emporzuheben in jene sittliche Höbe Eurer Ideale? Ich muß dies bezweifeln, wenn ich es auch erhoffe.' Und dabei blickte er uns so eiqeuthümlich an. War es die unendliche Liebe, mit welcher der Vater seinen Sohn in die Welt hinaus entläßt, mit der er ihm die litzten Rathschläge und Mahnworte mitgibt? Er blickte so traurig, oder war es die fast an Entsagung grenzende Trauer? Er blickte so schwermüthig. Es war Beides, es war die Liebe zu seinem Volke und es war die Schwermuth ob der traurigen Gegenwart. Gustav Simon! Du sollst nicht umsonst au den Muth der jüdischen Studenten geglaubt haben, aber auch nicht umsonst an die Kraft unserer Idee. Kraftvoll und muthvoll wollen wir jüdische Studenten uns durchhauen durch die großen Heerhaufeu feindlicher Unduldsamkeit und durch die noch größere eigener Gedankenträgheit