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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-22 · 4 (22.1.1897) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
4 (22.1.1897)
Date
1897-01-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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L-eile 68 Nr. 4 Vr. VLoch's Wochrnfchrtst. vielen Freunden und Bekannten des Verblichenen kamen Kränze. Um 10 Uhr wurde unter Executiruug eines Trauerpsalmes durch Obercantor Singer der Sarg gehoben und hiuabgetragen. Außer den trauernden Familienmitgliedern sah mau unter Anderem: den gesummten Cnltusvorstand mit den beiden Vicepräsidenten kaiserlichen Rath K l i n g e r und Gemeinderath Dr. Alfred Stern au der Spitze, ferner Mitglieder des Rabbinates und die Vorstände sämmtlicher Bethausvereine in Wien, die Obercantoren und das Chorpersonale aller israelitischen Gotteshäuser, die Obmänner der israelitischen Vereine, eine Abordnung des Ringtheatercuratoriums rc. rc. Außerdern erschienen persönlich im Trauerhause: Baron Albert Rothschild, Baronin K ö n i g s w a r t e r, David v. G u t t m a n n, Alfred P o l l a k Ritter v. R u d i n, die Commercialräthe Wilhelm P o l l a k und H. S t i a ß n y, Regierungsrath T u r n a u, die kaiserlichen Räthe Dr. Fellner und W i e s e n b u r g, Professor O s e r und Gemahlin, Laudtagsabgeordneter Alfred v. Lindhei m, Chefredactenr Moritz S z e p s, Redacteur L i ch t e n st a d t, der Obmann des fortschrittlichen Parteiverbandes des Wiener Gemeinderathes Dr. Ludwig Vogler mit den Gemeinderäthen Dr. N e ch a n 's ky, W e i ß w a s s er, S e i l e r, W i n k l e r, Baurath S t i a ß n y, Baurath Ritter v. G o l d s ch m i d t, Matze nauer, Donat Z i f f e r e r und Dr. Alfred Mittler, Generaldirector Ritter v. Borkena u, die Architekten Fleischer und F r ä n k l, die Bezirksvorstände Picker und Löblich mit den Bezirksausschüssen Haider, W a l d st e i n und Max H i l l e r, Director Heller mit den ältesten Zöglingen des Bliudeninstitutes auf der Hohen Warte, Generalsecretär L e i n k a u s, Primarius Dr. R o s a n e tz. Emil Horner und Wilhelm F r e y b e r g, Banquier Sigmund v. Bauer, der Benvalter des Rothschildspitales Dr. K o h a n y, Secretär Dr. Theodor Lieben, Dr. Lothar v. Frankl u. s. w. Der Sarg wurde auf den vierspännigen Leichenwagen gestellt, und unmittelbar daraus setzte sich der Conduct nach denk Ceutralfriedhofe in Bewegung. In der Ceremonienhalle stimmte Cantor G o l d st e i n mit dem Chore die üblichen Gesänge an. Daun trat Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n au den Sarg und hielt dem Verblichenen folgenden, Nachruf: . „An ihm ist das Wort zur Wahrheit geworden, das wir morgen von Moses und seinem Verhalten im Kampfe gegen Amalek lesen werden: „Seine Hände hielten aus, bis die Sonne unterging." Es ist buchstäblich bei ihm so gewesen. In einem Alter, nahe den Achtzigern, in welchem andere Männer der Oeffentlichkeit längst abgedankt haben oder abgedankt sind, ist ihm von unserem Vorstande das höchste Ehrenamt, das er zu vergeben hat, die Präsidentschaft, einstimmig zuerkannt worden, und er hat dieses Amt wie viele andere, die er im Dienste der Gemeinde innehatte, mir jugendlicher Frische und Rüstigkeit verwaltet, „bis seine Sonne unterging". Ihre letzten Strahlen beleuchten ein Leben, das wohl werth ist, sich darein zu versenken, und welches ich, lvie ich es länger als 30 Jahre zu beobachten Gelegenheit hatte, zu schildern versuchen werde. Er war kein bedeutender Mann, er war weniger, aber hinwiederum auch mehr. Denn als bedeutend kann man unter Umständen schon zur Welt kommen, wenn Einem nänilich vom Vater her ein großes Vermögen, ein großer Name oder Titel, oder die Anwartschaft auf eine große Stellung in die Wiege gelegt werden. Alle diese Gaben des Glückes sind seiner Wiege fern geblieben. Als was man aber nicht zur Welt kommen kann, was man durch sich selber werden, wozu man selbst sich erziehen muß, das ist er gewesen: eine Persönlichkeit. Wenn man bedenkt, daß er schon vor 50 Jahren. in seinem kleinen anhalt'schen Vaterlande und in seiner kleinlichen Vaterstadt als mittelloser junger Mann und noch dazu als Jude den Entschluß faßte, bis hieher nach Wien vorzudringen, so muß man die Energie bewundern, die ihn zu einem solchen, für die damalige Zeit und für seine Verhältnisse gewiß gewagten Unternehmen zu bestimmeil vermochte. Unsere Bewunderung wächst aber, wenn wir sehen, wie bald und in welchem Maße er hier in der fremden und großen Stadt Wurzel faßte, wie er nach und nach eine der bekanntesten Persönlichkeiten wurde, gleichmäßig geschätzt von den Bürgern der Stadt wie von den Mitgliedern unserer Gemeinde. Er bestätigt die Erfahrung, die man mit verschiedenen Pflanzen gemacht hat, daß sie nämlich, aus dem heimatlichen Boden in fremdes Erdreich versetzt, in dem Kampfe mit den rleueu Verhältnissen nur an Lebens-und Widerstandskraft zunehmen. So wurde er hier einheinrischer, wie mancher Eillgeborene, er war eine der beliebtesten Persönlichkeiten des städtischen Gemeinderathes, und in unserer Glaubensgemeinde wandte sich Jeder au ihn um Rath, Auskunft lind Beistand, denn er war einer der besten Kenner unserer Institutionen und unserer Verwaltung. Und das Alles wurde er ohne besondere Bildung! Seine reiche, natürliche Begabung ersetzte bei ihm den Mangel der Wissenschaft, und er kam weiter mit jener, als Andere mit dieser. Was er sprach, war vielleicht nicht immer formgerecht, aber es zeugte -von seinem gesunden Menschenverstand, von seiner Anschlägigkeit und.Sachkenntniß, von einem durch lange und reiche Erfahrung gereifte Urtheil. Seine Meuschenkenntniß und Umgänglichkeit finden nicht leicht ihresgleichen. Seme Stärke bestand darin, daß er die Schwächen der Menschen kannte, und durch seine noch in hohem Alter geschmeidige Leutseligkeit gewann er Jedermanns Vertrauen. So konnte es nicht fehlen, daß er sich Manchen nützlich machte, Vielen sich gefällig erwies und Alle sich verpflichtete, und daß ihn die öffentliche Meinung von der einen Ehrenstelle zu der anderen emporhob. Was aber sein Leben vor Allem auszeichnet und unvergeßlich macht, das war seine Hingebung an die Gemeinde. In ihr lebte und webte er, alle Parteien und Richtungen suchte er zusammenzuhalten, wie ein guter Vater seine Kinder. Denn er war auch für seine Familie ein guter Vater und ein vorsichtiger Haushalten Mit seiner ernsten, verständigen, frommen und pflichttreuen Gattin führte er eine Häuslichkeit von weisester Bescheidenheit. An ihrer Seite und inmitten seiner braven, geachteten Söhne und edlen Töchter ruhte er aus, liebevoll gepflegt und betreut, von seiner unermüdlichen öffentlichen Thätigkeit, und niemals ließ er sich verleiten, den Frieden seines Hauses und seines Herzens um gewagter Unternehmungen und vergänglicher Eitelkeiten willen preiszugeben. So stellt. sein Leben eine Entwicklungsgeschichte, ein Buch vor, aus welchem jeder Mensch lernen kann. Wir Alle dachten, daß dies Buch noch lange nicht zu Ende sein werde. Da hat es der Tod mit einem Male zu unser Aller Ueberraschung und Trauer zugeschlagen. Aber es schließt mit dem alten tröstlichen Worte: „Besser ist ■ guter Name als gutes Ocl, und der Todestag ist besser als der Tag der Geburt." Ein guter Name und ein ehrendes Andenken bleiben ihni gesichert, und wenn er in seiner Sterbestunde hätte reden können, dann hätte er den Seinen zurufen dürfen: „Seid ruhig, ich habe nicht umsonst gelebt". Amen!" . Herr Rabbiner Dr. Schmiedl knüpft seiD' Rede an eine talmudische Stelle an, in der von einem trauernden Schiffe die R e d e i st, das seinen bewährte n Schis f sc a p i t ä n verloren hat. Als junger Mann aus fremdem Lande in diese große Stadt angekommen, die auf jeden Fremden einen unwiderstehlichen Zauber ausübt, wußte er hier bald durch seinen praktischen Blick und durch Geradheit und Ehrenhaftigkeit des Charakters die Sympathien sich zu erobern. Seit einem halben Jahrhundert sind unter seinem klugen Mitwirken so große Schöpfungeit entstanden, namentlich als es galt, die Heranwachsende Jugend zu ehrender gewerblicher Thätigkeit' heranzubilden und ebenso für das erwerblos gewordene Älter eine friedliche Heimstätte zu gründen, so waren dies Arbeitsfelder, die seine Schaffensfreudigkeit mächtig anregten. Und was er in seiner vollen Manneskraft war, das blieb er der Gemeinde bis ins hohe Greisenalter, so daß er, wie der biblische Josef von sich sagen konnte: „Meine Garbe hatte sich emporgerichtet und sie blieb ailch aufrecht" bis zu dem Momente, wo Plötzlich die Gottheit ihn abrief: „Und erscheint es tragisch, daß nach seiner hochehrenden Wahl zum Präsidenten der Gemeinde ihm rmr wenige Lebenslage gegönnt waren, so können wir doch von ihm sagen: „Auf Deiner Höhe bist Du gefallen!" Als Präsident der großen Gemeinde wird er nun in das Ehrengrab gebettet und in dem großen Ahnensaal der Gemeinde wird mitten unter der historischen Porträtengruppe hochverdienter Gemeindevertreter auch sein Porträt einen Ehrenplatz einnehnien. In sturmbewegter Zeit hat er zuletzt das ihn» anvertraute Schiff der Gemeinde zu leiten gehabt. Wir geben uns jedoch der tröstlichen Zuversicht hin, daß der Gott, der die Zeiten und die Menschenherzen lenkt, die stürmenden Brandungen wieder sänftigen werde, so daß der Heimgegangene aus den jenseitigen Lichtregionen auf die wieder sich freundlicher gestaltenden Zeiten und Verhältnisse herabblicken werde." Im Aufträge des israelitischen Cultusvorstandes sprach V i c e p r ä s i d e u t D r. S t e nt: Im Namen des Vorstandes unserer Cultusgemeinde spreche ich. ein letztes Dankes-, ein Abschiedsivort unserem Heimgegangenen Präsidenten.

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